Perspektiven der Panzerabwehr

TR-2025-06-19

Der Panzerabwehr stehen spannende Zeiten bevor: Hardkillsysteme werden Standard, und neue Panzerkonzepte wie der T-14 Armata betreten die Bühne. Im Folgenden sollen deshalb die Optionen erörtert werden, welche zur Zerstörung des T-14 Armata und vergleichbarer Konzepte in einem Duell möglich sind. Dabei werden ausschließlich zukünftige Entwicklungsmöglichkeiten betrachtet, und nicht Systeme, die bereits dazu in der Lage sind.

§ 1.0 Panzerabwehr

§ 1.1 Im Kalten Krieg

Während des Kalten Krieges hatte der Ostblock eine zahlenmäßige Überlegenheit von 3:1 bei den Landsystemen. Die NATO-Doktrin sah deshalb vor, dass eingegrabene Panzerverbände die rote Flut im Verteidigungs- und Verzögerungsgefecht abwehren sollten. Die Sowjets wiederum besaßen einen riesigen Artilleriepark, um einen eingegrabenen Gegner im Trommelfeuer zu zerstören.

Da die NATO-Fahrzeuge in diesem Fall aus einer (teil)gedeckten Stellung kämpfen, sind die Türme das Einzige was exponiert ist. Entsprechend ihrer Aufgabe frontal undurchdringlich zu sein, haben die NATO-Kampfpanzer eine sehr schwere Turmfrontpanzerung, was zum Gewichtsausgleich eine weite Heckauslage notwendig macht. Der Wannenbug ist dem gegenüber wesentlich schwächer gepanzert, da er verdeckt wird. Um einen zahlenmäßig überlegenen Gegner schon auf Distanz zu dezimieren, sind die Feuerleitsysteme von Abrams, Leclerc, Challenger 2 und Leopard 2 exzellent. Die Treffererwartung gegen bewegte Ziele in über 3 km Entfernung mit beliebigen Munitionssorten ist Ehrfurcht einflößend.

Kampfpanzer Leopard 2A6 beim Gefechtsschießen in Polen [Bundeswehr]

Die Sowjets waren und der Russe ist technisch abgehängt, und versuchen fehlende Finesse durch Masse zu kompensieren. Diese Masse ermöglicht es in die Offensive zu gehen. Sowjetische Panzer sind für den Angriff optimiert. Die Frontpanzerung ist für die Zeit sehr gut gewesen, teilweise Weltklasse. Bug und Turmfront sind ähnlich geschützt, da beides im Angriff exponiert ist. Der Schutz aller anderen Partien oder der Besatzung spielt keine Rolle.

Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde in Schweden ein T-80U mit Kontakt-5-Reaktivpanzerung ausführlich getestet. Auch andere sowjetische Modelle konnten detailliert begutachtet werden. Heute ist bekannt, dass sowohl die sowjetischen APFSDS-Geschosse als auch die der NATO Probleme gehabt hätten, die gegnerischen Fahrzeuge auf Distanz auszuschalten. Der Panzerkampf zwischen den beiden Blöcken wäre schnell in einer Messerstecherei unter 1000m geendet. In diesem Fall ist zahlenmäßige Überlegenheit sehr nützlich, was die NATO-Panzer durch bessere Beweglichkeit und besseres Situationsbewusstsein zu kompensieren versuchten.

Die NATO versucht wiederum möglichst viele Panzer rauszunehmen, bevor es zur Messerstecherei kommt, wo Masse nur schwer kompensiert werden kann. Erst die nachfolgend eingeführten APFSDS-Geschosse und bessere PALR mit Top-Attack verschafften der NATO die notwendige Luft, damit nicht jedes Panzergefecht im Nahkampf endet. Entsprechend geht die Taktik, eine Masse von Panzerfahrzeugen über das Feld zu schicken in der Hoffnung, dass genug auf der anderen Seite ankommen um die Messerstecherei zu gewinnen, für den Russen nicht mehr auf.

Die Folge ist ein Lemming-Massaker, wie im Ukrainekrieg 2022ff zu sehen.

NATO-Panzer sind für alle Operationsarten gut geeignet, und können flexibel für verschiedene taktische Aufgaben eingesetzt werden.

Der klassische Panzerkampf spielt in modernen Kriegen keine Rolle mehr. Trotzdem ist es interessant zu sehen, wie unterschiedliche Überlegungen und Reaktionen zu verschiedenen Lösungen führten.

§ 1.2 Technisch-taktische Aspekte

Der Verteidiger kann sich nicht aussuchen, auf welche Stelle eines angreifenden Fahrzeuges er wirken möchte: Er sieht den Gegner von vorn, und muss ihn frontal bekämpfen. Die Frage, auf welche Entfernung die Russenpanzer frontal durchschlagen werden können, ist deshalb für die Defensive entscheidend. Da der Verteidiger weder Zeit noch Ort des Abwehrkampfes bestimmt, wird Luftunterstützung nur spärlich vorhanden sein, da Kampfflugzeuge nicht 24/7 in der Luft sein können. Auch kann die Artillerie bereits durch andere Aufgaben gebunden sein. In der Defensive sein heißt, stärker auf sich gestellt zu operieren. Es ist für Gefechtsverbände also entscheidend, ohne Feuerunterstützung auf große Entfernung Massen von Gegnern auszuschalten, wenn diese auf Zufahrt sind.

Die Offensive ist flexibler. Man kann den Gegner flankieren, in die Zange nehmen oder überraschen, und muss nicht zwangsläufig frontal bekämpfen. Da der Angreifer Zeit und Ort des Stoßes bestimmt, wird Luftunterstützung reichlich vorhanden sein, da diese eine längere Planungsphase hat. Auch die Artillerie kann sich vorbereiten, und durch ihre Vorbereitung das Gefechtsfeld vorbereiten. In der Attacke kann Widerstand durch eine bereitstehende Feuerunterstützung zeitnah gebrochen werden. Es ist für Gefechtsverbände also entscheidend zeitlich und örtlich begrenzt eine Überlegenheit an Luftunterstützung, Feuerunterstützung, Situationsbewusstsein, Führungsfähigkeit, Mobilität und Feuerkraft zu erzielen.

Während die Verteidigung nur genug effektive Reichweite und Munition braucht, ist der Angriff komplexer, techniklastiger, führungslastiger. Das der Russe trotz der Defizite in gerade diesem Bereich die Offensive so überbetont ist nur möglich, weil ein Menschenleben in Russland nichts wert ist. Solange genug Menschen und Material zur Verfügung stehen, um die fehlende Finesse durch Welle für Welle zu kompensieren, kann das eine Lösung eines militärischen Problems sein. Irgendwann wird das technische Delta aber so groß, dass diese Taktik keine Aussicht auf Erfolg hat.

Welchen Einfluss werden aktive Schutzsysteme auf die technisch-taktischen Aspekte der Panzerabwehr haben?

Zuerst ist einmal festzustellen, das Softkillsysteme in einer Kavallerieattacke praktisch nutzlos sind. Um effektiv zu sein, müssen diese multispektralen Nebel verschießen, zwischen der Plattform und dem Gegner. Damit wird der eigenen Plattform auch die Sicht auf den Gegner genommen. Das mag in bestimmten Situationen weniger tragisch sein, aber wenn das Fahrzeug in der Attacke vorwärtsstrebt, wird es schnell den eigenen Nebel durchfahren und damit für den Gegner und seine Waffen wieder sichtbar werden.

In der Attacke wird das Gelände eher offen sein, sodass Hardkillsysteme anfliegende Geschosse gut orten, und ihre Flugbahn berechnen können. Das Hardkillsystem beeinflusst die Plattform beim Angriff praktisch nicht. Die aktiven Emissionen des Systems sind egal, da gerade ein Panzerbataillon mit Vollgas über die Tundra stürmt, was mit Sicherheit entdeckt wird.

In der Verteidigung sieht die Lage anders aus. Der Verteidiger ist bemüht verborgen zu sein, und wird sich in die Botanik integrieren. Die Flugbahnvermessung von Hardkillsystemen ist dann eingeschränkt. Auch wäre es nicht weise, aktive Emissionen auszusenden, wenn man einen Hinterhalt legt.

Durch den Kampf aus (teil)gedeckten Stellungen ist nur wenig des Fahrzeuges exponiert. Auch wird mit geringem Bewegungsradius gearbeitet, verglichen mit dem Angriff. Bei größeren Ausweichbewegungen ist es durchaus erwünscht, wenn die Sensorverbindung zwischen den Kontrahenten durch multispektralen Nebel abreißt. 

Hard- und Softkillsysteme sind in allen Gefechtsarten nützlich. Allerdings liegt die Stärke des Softkillsystems in der Defensive, die des Hardkillsystems in der Offensive.

§ 1.3 Zukünftige Munitionsentwicklung

Da Russland das Land außerhalb der NATO ist, dass die größte Panzerindustrie und Erfahrung im Panzerbau hat, kann der 2015 vorgestellte T-14 Armata als Referenzbedrohung für die Westliche Welt angesehen werden. 

Der T-14 hat erheblich größere Abmessungen als ein T-90M, und eine größere Waffenanlage. Während der T-90M etwa 48t wiegt, soll der T-14 etwa 50t auf die Waage bringen. Mit sehr ähnlicher Masse, aber wesentlich größeren Abmessungen muss der Russe Abstriche beim Gesamtschutz machen.

Der Turm wird rundum maximal SMG-Beschuss aus 14,5mm Maschinengewehren standhalten. Der Seiten- und Minenschutz der Wanne wird bestenfalls mit einem T-90M vergleichbar sein. Für den Dachschutz des Kompaktkampfraumes kann maximal 150mm RHA gegen Hohlladungen (HL) angenommen werden. Für das vordere Turmdach inklusive leichter Reaktivpanzerung etwa 50mm RHA gegen HL. Der hintere Teil des Turmes und die Motorraumabdeckung wird wie bei T-64/72/80/90 mit 20mm Panzerstahl angesetzt.

Der Dachschutz des Kompaktkampfraumes kann an der Dicke der Luken geschätzt werden, wenn diese geöffnet sind. Das gleiche gilt für die Bautiefe an anderen Stellen des Fahrzeuges.

Angstgegenstand der auf das Kampfpanzerduell fixierten deutschen Heeresplaner ist die Panzerung des Wannenbugs vor dem Kompaktkampfraum, welche mit 1300mm Bautiefe angesetzt werden kann. Davor befindet sich, auf der oberen Hälfte des Bugs, russentypisch Reaktivpanzerung. Der Aufbau wird etwa dasselbe RHA-Äquivalent an Schutz gegen KE-Munition bieten.

Der T-14 Armata bei Geländefahrt. Durch die Lage des Kompaktkampfraumes kann die Bautiefe der Bugpanzerung abgeschätzt werden.

Unter dem Turm nahe des Turmringes befinden sich auf jeder Seite 5 Werfer für die Blastgranaten des Afganit-Hardkillsystems. Die Wirkungsweise wird wie beim israelischen Iron Fist sein, indem Blastgranaten in die Flugbahn eines angreifenden Geschosses gefeuert werden. Die Druckwelle wird angreifende HL-Geschosse zerstören, und KE-Munition andrehen, damit diese schräg auf die Panzerung trifft. Der wichtigste Unterschied zu Iron Fist ist, dass das israelische System drehbare Werfer verwendet, was die Abwehr von Top-Attack-Munition möglich macht. Afganit kann nur in einem horizontalen Bogen vor dem Turm wirken, nicht nach oben oder in der hinteren Hemisphäre. Vermutlich wurde diese Art des Einbaus gewählt, da Russland im Bereich der Mikroelektronik und Steuerungstechnik abgehängt ist, und eine drehbare Werferlösung nicht mit den nötigen Steuerzeiten realisiert werden kann. Russische Propagandisten, westliche Denkfabrikanten, deutsche Ex-Generäle und österreichische Oberste werden das natürlich positiver interpretieren.

Die strategische Kunst besteht darin den Gegner nicht vor ein Problem zu stellen, sondern vor ein Dilemma. Während ein Problem gelöst werden kann, muss bei einem Dilemma zwischen verschiedenen negativen Konsequenzen entschieden werden.

Eine bessere Glattrohrkanone stellt den Gegner lediglich vor ein Problem, das mit dickerer Panzerung gelöst werden kann. So wird ein neuer APFSDS-Penetrator durch bessere Reaktivpanzerung oder das Aufschweißen von 30mm HHA an der Fahrzeugfront abgewehrt. Der Schritt nach oben mit einer 130/140mm Glattrohrkanone würde beim T-14 denselben Effekt auslösen, nur auf höherem Niveau. Im Prinzip würde man die Entwicklung einer 120mm Glattrohrkanone zur sowjetischen T-Serie nachspielen.

Die Frage ist generell, ob man sich eine 130/140mm Waffe antun möchte. Wenn der Russe 80% seiner Kampfpanzerflotte mit T-90M ausrüsten würde, und nur 20% mit T-14, würde man bei 80% aller Kampfpanzer und 95% aller Landziele mit Overkill schießen, um den Preis eines wesentlich geringeren Munitionsvorrats und einer schwereren Plattform.

Alle russischen Kampfpanzer sind als „Angriffspanzer“ (Rolf Hilmes) rein auf frontale Panzerungsstärke optimiert. Deshalb sind die Fahrzeuge, verglichen mit ihrer Gesamtmasse, frontal sehr gut geschützt. Der T-14 Armata ist die Essenz dieser Idee: Nun wurde auch der Schutz der Turmfront vernachlässigt, oder besser gesagt der Schutz der Anbaugeräte an der Scheitellafette, damit die Kanonenblende und der Wannenbug noch besser geschützt werden können.

Da besonders die deutschen Heeresplaner auf das Kampfpanzerduell schauen wie das Kaninchen auf die Schlange, und hier auf den höchsten frontalen Schutz des gegnerischen Kampfpanzers, werden so zuverlässig Reaktionen ausgelöst. Oberst Armin Dirks, Head of Operations im MGCS-Projektteam, hat dazu schon einige Interviews gegeben, die das Gesagte bestätigen. Vermutlich könnte der Russe die Wannenseiten des T-14 Armata aus Dosenblech fertigen, und mit dem eingesparten Gewicht die Bugpanzerung neben dem rechten Scheinwerfer verbessern. Die Bundeswehr würde zuverlässig eine stärkere Kanone und eine bessere APFSDS-Patrone zum Durchschlag dieser Stelle fordern.

Versucht man aus diesem Autismus auszubrechen, muss der Gegner über das Dach oder die Wannenseiten attackiert werden. Zum einen ist die Wirkung von Dachtreffern gegen alle Panzer sowjetischen und russischen Typs gleich, da alle dieselbe Art der Munitionslagerung verwenden – unter dem Turm ohne Ausblasemöglichkeit. Beim Einschlag mit einem Winkel von ca. 45° wird die Wirkung der geneigten Frontpanzerung relativiert. Statt 68° Neigungswinkel bei den Sowjetpanzern sind effektiv nur noch 23° vorhanden. Die beim Russen beliebte Reaktivpanzerung wirkt umso effektiver, je schräger der Auftreffwinkel zur Platte ist. Die Reduzierung an Schutz ist also stärker, als die geringere Durchgangsstrecke es vermuten lässt. Die Wannenfront und Turmpartie aller Russenpanzer inklusive T-14 kann so wesentlich leichter durchstoßen werden, um Besatzung, Kraftstofftanks und Munitionskarussell zu treffen. Das Afganit-Hardkillsystem ist bei Top-Attack wirkungslos.

Es scheint sinnvoller, dem Gegner ein Dilemma aufzuzwingen, indem die Oberseite von Panzern attackiert wird. Wenn alle Panzerabwehrwaffen von oben attackieren, ist es egal wie gut der Schutz der Wannenfront ist. In diesem Fall wäre die Investition in den T-14 für den Gegner ein strategisches Dilemma, da eine Top-Attack-Waffe einen T-14 genauso mühelos vernichten kann wie einen T-90M.

Ferner sollte sich die Munitionsbeschaffung an der zukünftigen Bedrohung orientieren. Als Referenzbedrohung kann eine verbesserte Variante des T-14 Armata angenommen werden, mit folgenden Eigenschaften:

  • Sphärischer Schutz durch Hardkillsystem mit Blastgranaten
  • Sphärischer Schutz durch Softkillsystem mit multispektralem Nebel
  • Verbesserte Bugpanzerung durch optimierte Reaktivpanzerung

Theoretisch könnte der Russe das Fahrzeug 10t schwerer machen, und damit Bug- und Dachpanzerung verbessern, und die Scheitellafette besser schützen. Damit wären allerdings höhere Systemkosten verbunden, da Brückenleger, Bergepanzer usw. neu beschafft werden müssten, da diese für Fahrzeuggewichte von unter 50t ausgelegt sind. Da der Russe den Ansatz „all fires, no support“ verfolgt, wäre es denkbar, dass auf die Beschaffung der Unterstützungseinheiten verzichtet wird. Allerdings ist eine Verbrauchsstrategie wie bei Sowjetpanzern bei einem teuren, komplexen Fahrzeug wie dem Armata kriegswirtschaftlich suboptimal. Eine Gebrauchsstrategie wie bei westlichen Fahrzeugen ist wahrscheinlicher.

Durch diese Referenzbedrohung fallen praktisch alle Waffen weg, die durch Hohlladungen beim Einschlag wirken, oder eine lange sensorgelenkte Flugphase haben. Zur mobilen Panzerabwehr bleiben folgende Optionen erhalten:

  • Glattrohrwaffe
    • Pfeilgeschoss mit Stabpenetrator
    • Hyperschallflugkörper mit Stabpenetrator (mit Top-Attack)
    • Overfly-Top-Attack-Granate mit EFP mit über 10m Überflughöhe
  • Lenkwaffe
    • Hyperschallflugkörper mit Stabpenetrator (mit Top-Attack)
    • Overfly-Top-Attack-Überschallflugkörper mit EFP mit über 10m Überflughöhe

Ferner ist wünschenswert, dass eine Komplementärbewaffnung vorliegt. Neben dem kosteneffektiven Wuchtgeschoss sollte eine zweite Munitionssorte deren Defizite kompensieren. Das erfordert folgende Fähigkeiten:

  • Effektiv bis 5 km Entfernung gegen mobile Panzerziele
  • Top-Attack um die Wannenfront zu umgehen
  • Bekämpfung von Panzern in (teil)gedeckter Stellung

Die Summe an Anforderungen rückt den Flugkörper mit Stabpenetrator in den Fokus. Je nach Art des Ziels und Entfernung würde die Panzerabwehr mit APFSDS oder KE-FK erfolgen.

§ 2.0 Technologie zukünftiger Panzerabwehr

Entgegen den Vermutungen deutscher Panzerpäpste und Rüstungsexperten liegt die Zukunft in aktiven Schutzsystemen, und bei diesen wiederum in Systemen, die eine möglichst große Sensor- und Bekämpfungsreichweite aufweisen. Langfristig wird die kinetische Panzerabwehr durch Stabpenetratoren und projektilbildende Ladungen (EFP) die einzig wirksame sein. Im Folgenden werden diese deshalb näher beleuchtet.

§ 2.1 Wuchtgeschoss

Die Panzerabwehr durch Rohrwaffen wird von dem Problem getrieben, das moderne Kanonen derart hohe Mündungsgeschwindigkeiten erreichen, dass die Durchdringung von Panzerungen ein hydrodynamischer Vorgang ist, und sich Materialien wie Flüssigkeiten verhalten. Das Panzerungsmaterial wird zur Seite verdrängt, und die Spitze des eindringenden Geschosses fließt zu den Seiten des Einschusskanals ab. Je tiefer das Geschoss eindringt, desto kürzer wird es, bis es vollständig verflossen ist. Daraus ergibt sich, dass die Durchschlagsleistung eines Pfeilgeschosses aus Wolfram-Schwermetall (WA) in Panzerstahl etwa der Länge des Penetrators entspricht. Weiters ist die Eindringtiefe zwischen 1000 m/s und 1800 m/s etwa proportional zur Geschwindigkeit des Penetrators. Allerdings kann die Mündungsgeschwindigkeit moderner Kanonen nicht wesentlich gesteigert werden. Der Schwermetallpenetrator kann nicht beliebig dünn gemacht werden, weil er sonst beim Eindringen bricht. Das Länge/Dicke-Verhältnis (L/D) hängt vom technischen Fortschritt ab. Stand der Technik in der NATO ist zurzeit 30-35. Der Ruf nach einer größeren Kanone findet nicht wegen der höheren Mündungsgeschwindigkeit oder -energie statt, sondern um längere Penetratoren mit gleichem Länge/Dicke-Verhältnis verschießen zu können, ohne dass die Mündungsgeschwindigkeit durch die größere Masse sinkt.

Mit der DM53 können aus der 120mm L/44 etwa 750mm Durchschlagsleistung in Panzerstahl (RHA) auf 4000m erzielt werden, bei einer Mündungsenergie von 11,6 MJ. Das längere L/55 Rohr beschleunigt die Munition geringfügig stärker, sodass etwa 800mm RHA erreicht werden. Die Mündungsenergie liegt hier bei 13 MJ. Da die Energie quadratisch von der Geschwindigkeit abhängt, die Penetrationsleistung aber linear an der Geschwindigkeit hängt, kann der Wert errechnet werden:

  1. 13/11,6 = 1,12-mal mehr Energie an der Mündung
  2. sqrt (1,12) = 6% mehr Geschwindigkeit und damit Durchschlagsleistung
  3. 750mm x 1,06 = 795mm RHA Eindringtiefe

Da die Stablänge der DM53 öffentlich bekannt ist, und die Werte über die Mündungsenergie aus „Kampfpanzer heute und morgen“ (2007) von Panzer-Pabst Rolf Hilmes stammen, dürften die Zahlen relativ genau sein. Die oben genannten Werte 750mm und 800mm stammen aus der Panzersimulation „Steel Beasts Pro“.

Wie aus dem Vergleichsbild mit der amerikanischen Patrone M829A3 ersichtlich, ist Deutschland technisch abgehängt. Die rohrverlängerte L/55 war nötig, damit trotz der kürzeren Pfeile eine vergleichbare Durchschlagsleistung erreicht wird. Dabei spielt auch eine Rolle, dass das M829A3 einen Uranpenetrator (DU) verwendet. Wenn DU als Penetratormaterial verwendet wird, ist die Grenzgeschwindigkeit etwa 7% niedriger. Trotz einer um 7% geringeren Geschwindigkeit beim Einschlag wird noch dieselbe Durchschlagsleistung gegen NATO Triple Heavy erreicht, wie bei einem Wuchtgeschoss aus WA. Die Ergebnisse von Beschusstests können in Richard P. Davitt, „A Comparison of the Advantages and Disadvantages of Depleted uranium and Tungsten Alloy as Penetrator Materials“, ARDEC, Juni 1980 nachgesehen werden, was im März 2000 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde.

Entsprechend wird für das M829A3 mit 790mm DU-Stablänge die Penetrationsleistung aus der L/44 mit 840mm auf 4000m bei „Steel Beasts Pro“ angegeben:

  1. 790 +7% = 840mm RHA

Die Länge des Penetrators der M829A4 liegt nach veröffentlichten Bildern bei 840mm mit DU-gefüllter Spitze zum Anstechen der Reaktivpanzerung. Damit können folgende Werte für die Durchschlagsleistung auf 4000m errechnet werden:

  1. 840mm +7% = 899mm RHA

Jeder kann heute Ballistiksimulationen am Rechner durchführen, zum Beispiel mit einer Studentenlizenz für ANSYS Explicit Dynamics. Damit lassen sich die Werte ebenfalls nachvollziehen. 

Deutschland hinkt bei der Penetratorentwicklung hinterher. Zwar immer noch besser als der Rest der Welt, nur abgeschlagen gegenüber den USA. In den letzten Jahren wurde mit der DM63 nur die Präzision des Schusses verbessert. Die neue L/55A1 Kanone ermöglicht höhere Kammerdrücke, sodass die Pfeilpatrone DM73 mit höheren Drücken noch mehr Mündungsgeschwindigkeit erzielen kann. Die gelobten Leistungen dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass in der DM73 noch derselbe Stabpenetrator wie in der DM53 steckt. Nach Angabe von Rheinmetall hat die Kombination L/55A1 + DM73 etwa 8% mehr Mündungsenergie als L/55 + DM63. Daraus ergibt sich:

  1. 800mm * sqrt (8%) = 831mm RHA

Der Weg über eine längere Kanone, dann über eine Kanone mit nicht STANAG-konformen höheren Kammerdrücken war der komplizierte, teure Weg. Die Durchschlagsleistung von L/44 + M829A4 wird immer noch nicht erreicht. Da zukünftige APFSDS-Patronen die höheren Kammerdrücke der L/55A1 nutzen werden, sind diese inkompatibel zu den alten L/44 und L/55 Rohren. Der amerikanische Ansatz, das Geld in DU-Penetratorentwicklung zu investieren, war der günstigere und effektivere Weg.

Nichtsdestotrotz ist die neue Patrone Ke2020Neo aka DM83 mit dem neuen Penetrator zwingend notwendig, da wie ersichtlich das Potential einer Geschwindigkeitserhöhung bei Pulverkanonen ausgereizt ist. 

Ein anderer Weg die Mündungsgeschwindigkeit von Geschützen zu erhöhen ist die Abkehr von der klassischen Pulverkanone. Die Mündungsgeschwindigkeit von Gasdruckwaffen ist von der Molekularmasse der Pulvergase abhängig, weswegen eine Leichtgaskanone eine wesentlich höhere Mündungsgeschwindigkeit erreichen kann. Die Formulierung der Treibladung ist deshalb immer ein Kompromiss zwischen der Molekularmasse der Pulvergase und anderen Dingen wie Energieinhalt usw. Es ist deshalb naheliegend die Energie extern zuzuführen, um mehr Flexibilität in der Formulierung zu haben.

Eine Variante ist die elektrothermische Kanone, umgangssprachlich Plasmakanone genannt. Dabei wird ein leichtes Gas in der Kammer durch eine Plasmaflamme erhitzt, und dadurch das Geschoss aus dem Lauf getrieben. Wie bei einer Railgun hängt die Mündungsenergie der Kanone vollständig von der extern zugeführten Energie ab. In den USA wurden bereits Railguns unter Laborbedingungen mit 3000 m/s demonstriert. Für elektrothermische Kanonen demonstrierte Rheinmetall 1995 mit einer 105mm Waffe 2400 m/s. Der elektrische Energiebedarf der Waffen ist mit über 30 MJ allerdings zu hoch, um taktisch sinnvoll auf Fahrzeugen installiert zu werden.

Ein guter Kompromiss ist das elektrothermisch-chemische Geschütz (ETC), dass seine Energie hauptsächlich aus dem Treibladungspulver bezieht, welches eine höhere Energiedichte als elektrische Energiespeicher hat. Die Formulierung der Pulver wird allerdings zugunsten einer geringeren Molekularmasse abgeändert, und dafür elektrische Energie über eine Plasmaflamme eingekoppelt. Diese Treibladungen werden als Electric Smart Propellant (ESP) bezeichnet, welche durch eine elektrochemische Reaktion die Verbrennung steuern können. Dadurch würde auch die Insensitivität zunehmen, da diese bei Raumtemperatur flammhemmend sind.

Rheinmetall baute ab 1995 eine 120mm L/55 mit 10-Liter-Kammer, um durch ETC-Technik die Mündungsenergie von 12,8 MJ auf über 14 MJ zu boosten. Dafür waren weniger als 1 MJ elektrische Energie nötig. Letztlich wurde aber entschieden, durch höhere Kammerdrücke bei der L/55A1 dieselbe Erhöhung der Mündungsenergie zu erzielen. Und das wesentlich günstiger, als wenn Waffenanlagen und Trägerfahrzeuge auf ETC-Technik umgerüstet werden müssten.

Südkoreanischer Versuchsaufbau 120mm L/55 mit Kabeln am Patronenlager für ETC

Ähnlich mager waren die Ergebnisse eines südkoreanischen Versuches vor 2009 mit einer 120mm L/55 mit 10-Liter-Kammer. Zwar kann der Druckverlauf während des Abbrandes mit ETC sehr gut kontrolliert werden, um den Druck im Rohr immer hart an der Grenze der Belastung zu halten, während das Gas expandiert. Der Vorteil an Mündungsenergie ist gegenüber einer simplen Erhöhung des Gasdrucks oder Kammervolumens aber minimal. Die experimentelle 120 mm L/55 XM291 Waffenanlage der US-Amerikaner erreichte im Jahr 2000 17 MJ mit ETC-Technik. Da das Geschoss 10,2 kg wog, kann die Mündungsgeschwindigkeit zu 1830 m/s errechnet werden. (P. Diamond, „Electro Thermal Chemical Gun Technology Study“, JASON, März 1999) Die Erhöhung der Mündungsgeschwindigkeit um 10% würde die Durchschlagsleistung mit gegenwärtigen Penetratoren allerdings nur um etwa 80mm erhöhen.

Zumindest bei Bestandsfahrzeugen dürfte sich der Aufwand nicht lohnen. Bei Neuentwicklungen, die durch aktive Schutzsysteme, EloKa und elektrische Antriebe bereits für hohe elektrische Bedarfe konzipiert werden, kann ETC-Technik mitgenommen werden.

Wenn mehr als 1800 m/s Einschlagsgeschwindigkeit im Ziel erreicht werden soll, führt auf absehbare Zeit kein Weg an Hyperschallflugkörpern vorbei. Hier wurden bereits 2002 über 2200 m/s in der Größe einer BGM-71 TOW demonstriert. Der Flugkörper beschleunigte mit 600g, sodass in 0,37s und etwa 400m Mach 6,5 erreicht wurden.

Berücksichtigt werden muss auch, dass ab 1800 m/s der Sättigungsbereich der Kurve kommt, sodass die Durchschlagsleistung nicht mehr linear an der Geschwindigkeit hängt. Gelänge es mit Waffen Mach 7 (2380 m/s) zu erreichen, wäre man sowieso im Sättigungsbereich der Penetrationskurve. Mehr Durchschlagsleistung kann dann nur durch eine drastische Geschwindigkeitserhöhung erreicht werden – oder wesentlich simpler durch einen längeren Penetrator.

§ 2.1.1 Glattrohrkanone

Wer mehr Durchschlagsleistung will, braucht einen längeren Penetrator. Da die Gesamtlänge der 120mm STANAG-Patrone auf 984mm begrenzt ist, ist mit der M829A4 eine Grenze erreicht – sofern nicht längere Patronen akzeptiert werden, analog zu den höheren Kammerdrücken der L/55A1.

Da man vom Ende her denken sollte – also dem Ende des T-14 Armata – wird eine WA-Stablänge von etwa 1300mm benötigt. Bei gleichem Länge/Dicke-Verhältnis (L/D) wächst das Gewicht des Penetrators deutlich an. Wird dem M829A4 durch Augenmaß ein L/D von 33 unterstellt, wäre ein 1215mm langer DU-Stabpenetrator mehr als 4-mal so schwer. Nun kann durch den dickeren Penetrator ein besseres L/D erreicht werden, aber an einem mindestens verdoppelten Gewicht wird kein Weg vorbeiführen.

Die von Rheinmetall entwickelte 130mm L/51 Kanone erreicht mit ihrer 15 Liter Kammer etwa 18 MJ Mündungsenergie. Dies ist etwas höher als bei der 120mm Waffenanlage mit 10 Liter Kammer, welche mit L/55A1 + DM73 bei 14 MJ liegt, und mit der DM83 (Ke2020Neo) bei etwa 15 MJ.

Ein wesentlicher Unterschied ist die Länge der Patrone, welche eine erheblich größere Stablänge ermöglicht. Wie es die nicht ganz so zufällige Fügung will, haben die vorgestellten APFSDS-Patronen eine Länge von etwa 1,3 Metern.

Trotzdem ist das Konzept aus Waffenanlage und Munition auf Kante genäht. Analog zur 120mm L/44 Kanone macht man nur das Nötigste um sicherzustellen, dass es weiterhin einen Wettlauf zwischen Schwert und Schild gibt. Wer nicht wie der Esel mit der Möhre geführt werden möchte, muss zu einem größeren Kaliber greifen.

Nexter hat mit der 140mm L/48 ASCALON eine Waffenanlage mit über 20 Liter Kammervolumen vorgestellt. Damit die Patronen nicht wie bei der alten 140mm FTMA-Kanone übermäßig lang und zweigeteilt sind, wurde wie bei der 40mm CTA auf Teleskoppatronen gesetzt. Das heißt, die Geschosse sind (fast) vollständig im Treibladungspulver versenkt. Die Patronen sind damit nur unwesentlich länger als bei der 120mm Kanone, und wie die 130mm-Patrone von Rheinmetall 1,3 Meter lang. Gegenüber den KE-Patronen der 120mm Waffe, welche ca. 20 kg wiegen, bringen die 130/140mm-Patronen 30-35kg auf die Waage.

Durch das größere Kammervolumen und den größeren Durchmesser – mehr Fläche auf den der Gasdruck wirken kann – kann die Mündungsenergie erheblich höher liegen als bei der 130mm Waffenanlage. Zurzeit liegt diese bei 17-20 MJ, da die Kammerdrücke noch niedriger gehalten werden als bei einer 120mm-Waffenanlage.

Die Stablänge beider Waffenanlagen ist auf etwa 1300mm limitiert was sportlich ist, da der Russe im Laufe der Zeit Zusatzpanzerung – in der Regel Reaktivpanzerung – auf die Wannenfront auflegen wird. Auch wenn man davon ausgeht, dass das Afganit-Hardkillsystem den Penetrator beeinflusst, dürfte die Stablänge knapp bemessen sein.

Dazu kommen die Probleme, die mit einer größeren Waffenanlage einhergehen. Durch eine größere Glattrohrkanone würde der Kampfpanzer noch weiter in die Nische eines Duellsystems gedrängt. Häufigere Aufgaben wie Feuerunterstützung oder das Abräumen von Schrott (z.B. T-72, BMP) können dadurch schlechter erfüllt werden, weil weniger Patronen im Fahrzeug mitgeführt werden.

Ferner werden die Waffenanlagen größer und schwerer, was das Gewichtsbudget des Fahrzeuges belastet. Nicht so sehr die Waffe selbst, aber die Peripherie wie Munitionslagerung und die Struktur um die Schildzapfen, welche die Bremskraft aufnehmen muss. Auch muss das Fahrzeug die Rückstoßkraft ableiten können. Lag die Bremskraft der L/44 noch bei 600 kN bei 340mm Rücklaufweg, stieg sie auf 900 kN bei 340mm Rücklaufweg bei der L/55. Da die Masse des Fahrzeuges mindestens der Hälfte der Bremskraft entsprechen sollte, ist die L/55 nur für Fahrzeuge ab 45 Tonnen geeignet.

Leichtgeschütze wie die 120 mm L/52 FER kompensieren das, indem ein längerer Rücklaufweg von 550mm erlaubt wird und eine Mündungsbremse hilft eine sanftere Bremskraft zu erzeugen. Damit kann eine 120mm-Waffe auf 25-Tonnen-Panzern installiert werden. Generell werden die oben vorgestellten 130/140mm-Waffen Rücklaufwege von über 500mm besitzen, um die Bremskraft akzeptabel zu halten, und trotzdem mindestens ein 45t-Fahrzeug erfordern. Um auf 30t-Fahrzeugen installiert zu werden, müssten die neuen Waffenanlagen Rücklaufwege von über 750mm haben, und eine effiziente Mündungsbremse. Der Rücklaufweg wird irgendwann zum limitierenden Faktor der Rohrerhöhung.

§ 2.1.2 Penetratordesign

Stand der Technik sind geschmiedete Monoblockpenetratoren. Da die Länge des Penetratorstabes die Eindringtiefe bestimmt ist es naheliegend, sich über das Penetratordesign Gedanken zu machen. Die folgenden Überlegungen stammen aus dem Paper ARL-TR-2395 des Army Research Laboratory von 2001.

Die erste Idee besteht darin, den Penetrator teleskopierbar zu machen. Das Army-Paper lässt dazu den Vollstab voran gehen und den Hohlstab hinterher, was sich durch öffentliche Simulationen mit ANSYS als nicht sinnvoll erweist. Es ist besser, den Hohlstab vorangehen zu lassen.

Untersuchungen zu diesem Aufbau werden seit den 1990er Jahren von diversen Forschungsinstitutionen bis heute durchgeführt; die Ergebnisse sind für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Durch Publikationen dieser Institutionen und durch öffentliche Simulationen ist bekannt, dass ein solcher Teleskoppenetrator tatsächlich die genannten 25-30% mehr Durchschlagsleistung bringt. Das Spannende daran ist, wie der Penetrator beim Abschuss teleskopiert. Darüber sind keine Informationen zu finden.

Eine andere Überlegung zielt darauf ab, den Querschnitt des Penetrators zu verändern. Statt eines Rundstabes wurde versucht, den Querschnitt Y- oder X-förmig zu fertigen. Auch die O-Form, also der Hohlstab, wurde untersucht. Alle diese Stäbe haben bezogen auf ihre Länge etwa dieselbe Penetrationsleistung in RHA wie ein Vollstab. Der Vorteil ist allerdings, dass diese wesentlich resistenter gegen Scherkräfte von Reaktivpanzerungen sind. Ferner wird, da die Steifigkeit größer ist, der Querschnitt aber geringer, für die gleiche Masse ein längerer Penetrator möglich, der wiederum mehr Durchschlagsleistung besitzt.

Der Vorteil von Hohlstäben ist durch die Masseersparnis und höhere Steifigkeit eine etwas größere Länge bei gleichem Gewicht, und dadurch eine etwas größere Eindringtiefe. Wird das L/D gegenüber dem Vollstab beibehalten, ist eine größere Mündungsgeschwindigkeit durch das kleinere Gewicht möglich. Insgesamt ist der Vorteil gegenüber einem Vollstab aber gering. Das lässt sich durch öffentliche Simulationen bestätigen.

Eine weitere Überlegung zielt darauf ab, den Penetrator zu segmentieren. Der Schwermetallstab wird in verschiedene Segmente unterteilt, welche im Flug separieren und im Ziel nacheinander auf dieselbe Stelle treffen. Die Arbeiten dazu fanden seit den 1980er Jahren statt.

Das Problem ist, dass es in der Simulation gut funktioniert, aber aus aerodynamischen Gründen müsste sich der Penetrator kurz vor dem Ziel aufteilen. Ferner kann im realen Leben nicht sichergestellt werden, dass alle Segmente denselben Penetrationskanal treffen. Zwar lassen sich die einzelnen Segmente so formen, dass sie aerodynamisch stabil sind. Bei der Trennung der Segmente kommt es aber zu Giermomenten, welche zu einer Streuung im Ziel führen. Insgesamt ist das Ergebnis hier enttäuschend.

Ebenfalls eine Überlegung wert sind Tandemstäbe. Dabei wird dem Vollstab ein weiteres Element vorgesetzt, um die Reaktivpanzerung auszulösen. Analog zu Tandemhohlladungen wäre es denkbar, an die Spitze des Wuchtgeschosses eine Mini-Hohlladung zu setzen, um Reaktivpanzerung auszulösen. Sinnvoller erscheint es aber, einen Tandempenetrator zu verschießen, der sich nach dem Verlassen der Mündung separiert. Die Luftwiderstände von Vorpenetrator und Hauptpenetrator müssen so fein aufeinander abgestimmt sein, dass beide mit derselben ballistischen Bahn zum Ziel fliegen. Da Reaktivpanzerung in Form von Kacheln aufgebracht wird, muss der Vorpenetrator nicht millimetergenau treffen. Es genügt die Kachel zu treffen, die dem Hauptpenetrator im Wege stehen wird.

Dabei kommt es aber wie bei Segmentpenetratoren zum Problem, dass in der Praxis die Streuung zu groß ist. Es ist deshalb naheliegender das Ganze als ein Penetrator mit zwei Segmenten zu betrachten. Das vordere Element löst die Reaktivpanzerung aus, um dem hinteren Element das Eindringen zu erleichtern.

Im Endeffekt wird wieder ein Teleskopmechanismus benötigt, welcher die Schwermetallspitze zum Anstechen der Reaktivpanzerung ausfährt. Ohne den Teleskopmechanismus müssten die Pfeilpatronen erheblich länger werden, da das Abstandsstück durch einen Stahl-, Aluminium- oder Titanstab gebildet würde. Da die M829A4 bereits die maximale Länge für 120mm Patronen erreicht hat, ist das schwierig.

Schwere Reaktivpanzerung wie Relikt setzt auf dicke Platten und Abstand zur Grundpanzerung. Die nach außen fliegende Platte schabt nur die Unterseite des Penetrators DM53 an. Problematischer ist die nach innen fliegende Platte, die dem Penetrator stets weiteres Material vor die Nase setzt, und die Spitze nach unten abschält. Dadurch gehen über 100mm Stablänge verloren, die zum Durchschwimmen der Hauptpanzerung nicht mehr zur Verfügung stehen. Bei Tandempenetratoren würde nur das wertlose Abstandsstück abgerissen. Bei Teleskoppenetratoren würde der vordere Hohlstab abgeschält, und dem nachfolgenden Vollstab der Weg frei gemacht. [YouTube]

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass für die vielversprechendsten Konzepte ein cleverer Mechanismus gesucht wird, welcher das Ausfahren des Stabes während des Fluges oder beim Abschuss bewerkstelligen kann. Die veröffentlichte Rüstungsforschung in diesem Bereich ist sehr schmallippig. 

Denkt man fortschrittlich könnte der Ladeautomat den Stab ausziehen, bevor das Geschoss in die Kammer gerammt wird. Beim Entladen würde der Ladeautomat das Geschoss wieder zusammenschieben.

Blast-Granate von Iron Fist fängt einen anfliegenden APFSDS-Penetrator ab.

Weiters wird ein besserer Schutz vor Hardkillsystemen benötigt. Diese wirken auf Stabpenetratoren, indem daneben eine Blastgranate gezündet wird. Die Druckwelle der Granate trifft dann auf den Penetrator. Durch das Leitwerk am Heck entsteht ein Drehmoment, welches den Stabpenetrator andreht, sodass dieser schräg auf die Panzerung des Fahrzeuges trifft. 

Eine Mitigation wäre die Flügel des Heckleitwerks so zu konzipieren, dass sie den hohen longitudinalen Lasten beim Start und im Flug standhalten, aber bei zu starken lateralen Belastungen abbrechen. Damit könnte verhindert werden, dass Druckwellen den Penetrator stark andrehen.

Mittelfristig wäre eine Abwehr von Pfeilgeschossen durch Blastgranaten mit Laserannäherungszünder und Continuous-Rod-Gefechtskopf denkbar. Das expandierende Stahlband würde den Penetrator zerhacken und die Penetratorteile andrehen. Statt eines Expanding-Rod ist auch ein gerichteter Blast (Schneidladung o.ä.) denkbar. Russland wird auf absehbare Zeit aber nicht in der Lage sein, solche präzisen Systeme zu fertigen.

Was allerdings möglich wäre ist, die Blastgranaten beim T-14 Armata durch Fragmentgranaten zu ersetzen. Schwere Splitter der Explosion würden dann den Penetrator treffen, abschälen und verbiegen. Durch öffentliche Simulationen kann abgeschätzt werden, dass die Eindringtiefe des Penetrators um 1/3 reduziert wird, wenn die Granate direkt neben dem Penetratorstab umsetzt. Durch die starre Anordnung der Abschussrohre beim T-14 würde die Effektivität allerdings stark davon abhängen, ob das APFSDS-Geschoss eine Werferachse passiert. Die Kollateralschadensfläche von Fragmentgranaten ist wesentlich größer als bei einem Continuous-Rod-Gefechtskopf. Da in Russland Menschenleben nichts wert sind, und die Technik für den Russen erreichbar ist, ist das die wahrscheinlichste Entwicklung zur KE-Abwehr mit Afganit.

§ 2.1.3 Hyperschalllenkwaffe

Eine andere Entwicklung sind kinetische Flugkörper. Dabei wird ein Stabpenetrator in einen Flugkörper eingebettet, und auf Hyperschallgeschwindigkeit beschleunigt. Der Vorteil gegenüber einer Kanone ist die praktisch unbegrenzte Durchschlagsleistung: Der Schwermetallpenetrator in einem Flugkörper kann mühelos 1-2m lang sein. Da er von Raketentreibstoff umgeben ist, bedeuten mehr Stablänge mehr Raketentreibstoff. 

Die Entwicklung von kleinen, kompakten Hyperschallwaffen begann in den 80er Jahren mit der Spike, welche von Helikoptern verschossen werden sollte. Die Spike war ungelenkt, und sollte vor dem Ziel einen Kegel an Wolframstäben ausstoßen, wie dies heute die KETF-Munition von Rheinmetall tut. Die Rakete selbst war ungelenkt, und sollte durch diesen Effekt in Salven verschossen weiche und halbharte Ziele zerstören.

Von der Vought Corporation wurde ab den 80er Jahren erstmals eine gelenkte Hyperschallwaffe für das Gefechtsfeld ins Auge gefasst. Die HVM sollte von den A-10 Erdkampfflugzeugen und F-16 Jets verschossen werden, und durch einen Laserzielbeleuchtungsbehälter geführt werden. Der Behälter bestand aus zwei Bestandteilen: Einem Wärmebildgerät und einem schwenkbaren CO2-Laserstrahl. Durch den Laser konnte die Entfernung zum Ziel gemessen werden, und gleichzeitig der Lenkwaffe während des Fluges Zielupdates übergeben werden. Dazu war die Waffe mit einem Lasersucher am Heckkonus ausgerüstet. 

Die Kunst bestand darin, dass der CO2-Laser durch den Abgasstrahl des Flugkörpers Signale und damit Daten zum Heckkonus der Lenkwaffe übermitteln konnte. Zur Steuerung hatte die HVM einen Kranz von Feststoffraketendüsen um den Hals, welche durch kurze Schubimpulse schnelle laterale Korrekturen vornehmen konnten. Ein vergleichbares System wurde später von Lockheed Martin in der PAC-3 verbaut.

Nach diversen Umstrukturierungen und Änderungen landete das Projekt unter anderem Namen bei der US Army, welche die Flugkörper auf HMMWV integrieren ließ. Die 2002 in Kleinserie produzierte MGM-166 LOSAT erreichte bei einer Startmasse von 80 kg eine Geschwindigkeit von Mach 5. Die Energie beim Einschlag lag bei 18-22 MJ, was der 140-mm FTMA-Glattrohrkanone entspricht.

Hyperschallflugkörper können, wenn sie hinreichend groß sind, nicht sinnvoll abgewehrt werden. In LOSAT-Testschüssen gegen M60-Kampfpanzer wurde diesen teilweise der Turm abgerissen. Selbst wenn ein Hardkillsystem die Lenkwaffe zerstören würde, träfen die Trümmerteile mit einer Gesamtenergie von 20 MJ und Mach 5 auf das Ziel. 

Durch den Lenkmechanismus war erstmals eine punktgenaue Bekämpfung von mobilen Panzern möglich. Die Lenkwaffe steigt dabei in einem Winkel von etwa 20° auf, um das Ziel mit einem Top-Attack-Angriff mit etwa 30° zu treffen. Je nach Flugprofil wurde das Ziel in einem sanften Bogen angesteuert, oder durch einen Knick im Scheitelpunkt.

Der Flugkörper konnte durch die Steuerdüsen extrem schnelle Kursänderungen vollführen. Beim Test DT-6 am 7. November 2003 wurde ein M60 auf 720m frontal beschossen. Der komplette Bekämpfungsvorgang dauerte unter einer Sekunde: Unter 0,5 Sekunden für die Aufstiegsphase, ein Kurswechsel in Sekundenbruchteilen um zum Sturzflug überzugehen, und in dem Moment, wo man als Beobachter realisiert, dass der Flugkörper den Kurs geändert hat, schlägt er bereits im Ziel ein.

Mit der HATM wurde zwischen 1997 und 2002 von Nammo und RTX noch ein gelenkter Hyperschallpanzerabwehrflugkörper von der Größe einer TOW entwickelt. Der Penetratorstab hatte eine Masse von 7,7 kg was etwa dem DM43 entspricht. Der Booster beschleunigte den Stabpenetrator auf Mach 6,5 (2200 m/s) in 400m. Danach wurde der Booster abgetrennt, und der Penetratorstab mit der Düsenanordnung im Schwerpunkt manövrierte entlang der Bahn.

Das Programm wurde später im Future Combat Systems (FCS) als Compact Kinetic Energy Missile (CKEM) von Lockheed Martin weitergeführt. Die CKEM war mit über Mach 6,5 noch etwas schneller, hatte 45 kg Startmasse und 1,5m Länge und eine Mindestreichweite von ebenfalls 400m. 

Während die Lenkung der HATM wie bei der NLAW durch Predicted line of sight (PLOS) erfolgte, wurden für die CKEM verschiedene Steuerungsmöglichkeiten untersucht. Zum einen eine Funkfernsteuerung analog zur TOW-2B Aero RF. Von der NASA wurde noch versucht, ein Laserfenster an die Seite des Nasenkonus zu bauen, um die Möglichkeit der Laserlenkung aufzuzeigen. Die US Army listet auch eine reine Trägheitsnavigation auf, also PLOS wie bei der NLAW. Es wurden nur Prototypen produziert, da die CKEM zusammen mit dem FCS eingestellt wurde.

Ebenfalls Teil des Future Combat Systems (FCS) war die XM1111 MRM-KE. Dabei handelte es sich um einen rohrverschossenen Hyperschallflugkörper mit eingebettetem Stabpenetrator. Die Entwicklung baute auf dem Vorgängerprojekt XM1007 Tank Extended Range Munition (TERM-KE) auf. Die Munition wurde von der 120mm Waffenanlage mit der maximalen Rohrerhöhung verschossen, also etwa 20°. Nach dem Verlassen der Rohrwaffe flog die Munition auf einer ballistischen Bahn weiter. Nach dem Erfassen des Ziels wurde das Geschoss durch den Raketenmotor weiter beschleunigt, auf weit über Mach 5. Durch den Bogen konnte die Munition ein Top-Attack-Manöver fliegen. Nach Angaben der US Army wurde das Ziel mit der mehr als 2,5-fachen kinetischen Energie eines APFSDS-Geschosses getroffen, was auf mehr als 20 MJ hinweist.

Durch eine Kombination aus Lasersucher und Millimeterwellenradar (MMW) an der Spitze des FK konnte das Ziel dann angesteuert werden. Entweder wurde das Ziel mit einem Laser markiert, den der FK bis zum Einschlag ansteuerte (Zielmarkierung). Oder der Laser zeigte neben ein erkanntes Ziel, sodass der Flugkörper mit seinem MMW-Sucher das korrekte Ziel selbst erfassen konnte (Zielzuweisung). Durch den MMW-Sucher konnte die Waffe auch selbstzielsuchend verschossen werden, analog zur MBDA Brimstone. 

Die Munition wurde explizit zur Bekämpfung von Gegnern in 2-12km entwickelt, und war damit für das Duell in Nahbereich ungeeignet. Eine wesentlich manövrierfähigere Variante könnte das aber beheben. Es wurde ein ähnlicher Lenkmechanismus wie bei LOSAT und CKEM verwendet, mit Schubdüsen um die Halskrause. Das in Sekundenbruchteilen starke Kursänderungen möglich sind, wurde mit der LOSAT bewiesen. Vermutlich wären wie bei der LOSAT 720m Mindestreichweite für Top-Attack möglich, und wie bei der CKEM 400m für den flachen Schuss.

§ 2.2 Projektilbildende Ladung

Projektilbildende Ladungen (EFPs) bauen auf Hohlladungen auf. Im Gegensatz zu diesen, die im Abstand von etwa 3 Kaliberlängen vom Ziel gezündet werden, beträgt die Entfernung zum Ziel bei projektilbildenden Ladungen über 10 Kaliberlängen, um die Bildung des Projektils zu ermöglichen. Durch die größere Entfernung zum Ziel ist es notwendig, das Projektil so zu formen, dass es eine stabile Fluglage einnimmt. Waren früher nur lustlose Korken als Projektil möglich, können in NATO-Staaten mit modernen Entwicklungsmethoden Geschosse geformt werden, die einem Stabpenetrator ähneln.

Diese Geschosse können auch auf große Entfernung präzise verschossen werden, was den Mehrwert eines EFP darstellt. Der CEP von NATO-EFPs liegt bei unter 20 cm auf 45 Metern. Die Geschwindigkeit eines EFP liegt bei über 1800 m/s. Die Durchschlagsleistung eines solchen Projektils in Panzerstahl (RHA) entspricht etwa der Länge des Projektils, wobei die Länge etwa dem Durchmesser der Scheibe entspricht. Wenn das Ziel nahe ist, kann die Scheibe auch konkaver gebaut werden, damit mehr Durchschlagsleistung erzielt wird. Auch eine moderne westliche Hohlladung (HL), die etwa das 10-fache des Durchmessers an Durchschlagsleistung erreicht, kann in ein paar Metern Abstand wirken. Der Übergang zwischen EFP und HL ist im Nahbereich fließend.

Für die Panzerabwehr der Zukunft wird der EFP im Nahbereich für Panzerabwehrminen interessant sein. Bekanntes Beispiel ist die amerikanische M2 Selectable Lightweight Attack Munition (SLAM), welche bequem von einem Soldaten transportiert werden kann. Durch die magnetische und infrarote Auslösung kann die Mine so gelegt oder gestellt werden, dass Unterboden oder Seiten des Feindpanzers getroffen werden. Die Durchschlagsleistung ist hoch genug, dass jeder Panzer ohne speziellen EFP-Schutz am Unterboden durchschlagen wird. Minen dieser Art können, wenn sie hinreichend groß sind, nicht sinnvoll abgewehrt werden.

Für den Schuss auf Distanz werden EFPs heute durch Panzerabwehrartilleriemunition wie SMArt und BONUS eingesetzt. Dabei werden aus einem Cargo-Geschoss zwei Submunitionen freigesetzt. Bei SMArt von Diehl fallen diese per Pilz-Bremsschirm und anschließendem Rotationsfallschirm zur Erde. Der Fallschirm ist dabei asymmetrisch, und schief an der Submunition befestigt, sodass diese schräg nach außen schauend um die Hochachse drehend nach unten kreist. Durch diese Kreisbewegung ist der Fußabdruck der Sensoren eine von außen schneckenförmig gewundene Bahn, bis zum Inneren, wo die Submunition den Boden berühren würde, wenn sie kein Ziel fände. An Bord befindet sich ein kleines Millimeterwellenradar und ein kleines Wärmebildgerät, letzteres schwenkt in der Suchphase seitlich aus dem Gehäuse aus.

Bei BONUS von Nexter und Saab werden nach dem Ausstoßen aus dem Cargo-Geschoss Winglets ausgeklappt. Diese bremsen die Submunition um die Bahn stärker Richtung Erde zu krümmen, und versetzen sie in eine Taumelbewegung. Durch diese Taumelbewegung ist der Fußabdruck der Sensoren eine ellipsenförmige Schneckenbahn, mit einem Ende im Innern wo die Submunition den Boden berühren würde, wenn sie kein Ziel fände. Wie bei SMArt arbeitet auch BONUS mit Sensorfusion, wobei Infrarot mit einem Laserentfernungsmesser kombiniert wird, der das Höhenprofil des überstrichenen Geländes misst.

Wie bei SMArt ist ein redundanter Selbstzerstörungsmechanismus vorhanden, um Blindgänger zu vermeiden. Der Nachteil dieser hochentwickelten Munition ist, dass der Durchmesser des EFP vom standardisierten Kaliber der NATO-Geschütze begrenzt wird. Mit unter 150mm Durchmesser haben diese EFP-Scheiben eine ebensolche Durchschlagskraft. Die Dachpanzerung des Kompaktkampfraumes des T-14 Armata kann damit nicht mehr penetriert werden.

Dieselbe Technik kommt auch bei EFP-Panzerabwehrminen zum Einsatz, welche Ziele von oben attackieren, wie die nur in Kleinserie produzierte M93 Hornet oder die zukünftige Rheinmetall Area Defence Weapon (ADM). Dort soll der gleiche Gefechtskopf der SMArt verwendet werden.

Die Lösung könnte nicht nur in besserer EFP-Technik liegen, um mehr Durchschlagsleistung aus einem gegebenen Durchmesser rauszuholen, sondern auch in einem besseren Infrarotsucher. Turmdach und Motorraumabdeckung des T-14 können weiterhin durchschlagen werden. So würde es Sinn ergeben, wenn eine intelligente Bildverarbeitung nur dann den Schuss auslöst, wenn am Trefferpunkt die Dachpanzerung durchstoßen werden kann und kritische Teile getroffen werden.

Generell ist ein zu beengter Durchmesser für EFP-Waffen ein Problem. Kein Problem hat hingegen die 1993 eingeführter BGM-71F TOW-2B: Zwei nach unten gerichtete EFPs mit etwa 150mm Durchmesser, welche das Ziel beim Überfliegen zerstören.

Auch die NLAW verwendet einen EFP mit 150mm Durchmesser. Auf den ersten Blick müssten beide Waffen dasselbe Problem wie SMArt und BONUS haben, was aber nicht der Fall ist.

Bei beiden Waffen ist der EFP hohlladungsähnlicher, weil für den Nahbereich optimiert. Diese Gefechtsköpfe können etwa das Vierfache ihres Durchmessers durchschlagen, und können nicht sinnvoll mit passiver Dachpanzerung abgewehrt werden.

Ein solches Konzept ist weiterhin valide: Hardkillsysteme können überflogen werden, und das in wesentlich größerer Höhe. Bisherige Hardkillsysteme die Overfly-Top-Attack-Waffen (OTA) abwehren können, werden nicht hoch genug wirken können, um einen Overfly-Top-Attack-Flugkörper in 10m Höhe zu erwischen. Sollte hier nachgebessert werden, wird das Ziel eben in 20m Höhe überflogen. Allerdings kommt man dann in den Bereich, wo die Durchschlagsleistung nur noch dem Durchmesser der Scheibe entspricht. Zukünftige OTA-Waffen werden entweder Scheiben mit mindestens 170mm Durchmesser verwenden, oder präziser Zielen müssen, um gezielt Schwachstellen des Gegners anzugreifen.

Mit der XM943 STAFF wurde von den USA eine OTA-Munition bis zur Produktionsreife entwickelt, aber aufgrund des Endes des Kalten Krieges nicht in die Truppe eingeführt. Die Granate wird aus 120mm Glattrohrkanonen verschossen. Der Ballistikcomputer des Panzers führt die Waffenanlage so, dass die XM943 das Ziel nicht direkt trifft, sondern in ein paar Metern Abstand überfliegt. Überfliegt die Granate das Ziel, löst der nach unten gerichtete EFP per Radarzünder aus; das Dach des Fahrzeuges wird durchschlagen.

Durch den noch engeren Durchmesser der Waffenanlage von 120mm im NATO-Standard ist ein solches Geschoss nur gegen Sowjetschrott effektiv. Es dürfte schwer werden, einen EFP mit mehr als 100mm Durchmesser zu integrieren. Die Durchschlagsleistung der XM943 STAFF lag bei 120 mm RHA. Die Dachpanzerung des Kompaktkampfraumes des T-14 Armata kann damit nicht mehr penetriert werden. 

Auch hier ließe sich das Problem durch eine intelligente Zündung mitigieren: Würde die Granate bei Sensorkontakt nach 1-2m zünden, würde die starke Bugpanzerung oder Dachpanzerung des Kompaktkampfraumes getroffen. Eine Zündung nach 3-4m wäre sinnvoller, um den Turm zu erwischen. Jedoch: Wird der Gegner in Querfahrt beschossen, muss die Munition auslösen, bevor der Panzer passiert ist. Die Effektivität der Munition hängt also maßgeblich davon ab, in welcher Entfernung nach Sensorkontakt ausgelöst wird. Zumindest wäre es sinnvoll, die Granate vor dem Abschuss zu programmieren, ob sie nach 1,5m (Querfahrt) oder 3m (Zufahrt) auslöst. Die L/55A1-Waffenanlage kann bereits Munition vor dem Abschuss programmieren.

Ferner muss bei der Munition auf „unten“ geachtet werden, was Murmelspiele im Ladeautomaten begrenzt.

§ 3.0 Operative Aspekte 

§ 3.1 Angriffsvektor

Bei der Konzeption von Waffensystemen muss auch die spezifische Einsatztaktik berücksichtigt werden. So werden Landstreitkräfte der NATO immer defensiv eingesetzt. Erst wenn die Luftwaffen den Gegner so zerbombt haben, dass die Bodentruppen im Vorteil sind, werden diese vorrücken. 

Das bedeutet, dass die NATO-Landstreitkräfte erst einmal in der Defensive die rote Flut verzögern und aufhalten müssen. Wie in §1.2 beschrieben, sind die Heeresverbände in dieser Situation stärker auf sich selbst gestellt. Es wird also massives Feuer über die komplette Anwendungsbreite gefordert. 

  • Panzerabwehrminen: Diese können handverlegt mit einem EFP die Fahrzeugunterseite durchschlagen oder auf Distanz in die Seite treffen. Hier sind auch Top-Attack-Minen wie ADM möglich.
  • Panzerabwehrartillerie: Geschosse wie SMArt oder BONUS sind bereits eingeführt und treffen von oben.
  • Panzerabwehrwurfminen: Hier böten sich ebenfalls Modelle an, welche den Gegner von unten mittels EFP oder HL attackieren wie RAAMS. Oder Top-Attack-Panzerwehrminen wie ADM.
  • Panzerabwehrlungermunition: Diese Munition muss einen nach unten gerichteten EFP integrieren. Bei Bedarf kann das Hartziel zum Angriff überflogen werden. Für weiche Ziele kann der EFP-Gefechtskopf mit einem Splittermantel versehen werden, und direkt einschlagen.
  • Panzerabwehrlenkwaffen: Hyperschalllenkwaffen mit Stabpenetrator, für Fahrzeuge, Infanterie und Glattrohre.
  • Panzerabwehrkanonen: Pfeilmunition mit Monoblock- oder Tandempenetrator

Um die gegnerische Panzerentwicklung vor ein Dilemma zu stellen, werden sinnvollerweise verschiedene Partien angegriffen:

  • Bei Panzerabwehrminen bieten sich preiswerte RAAMS an oder ein ähnliches System, mit dem die Unterseite von Fahrzeugen attackiert wird.
  • Die Infanterie arbeitet in urbanen Räumen, Wäldern und felsigem Gelände, wo das Vergraben meist unmöglich oder schwer ist. Hier bieten sich Panzerabwehrrichtminen wie SLAM an. Allerdings wäre ein größerer EFP wünschenswert, um die Fahrzeugseiten besser penetrieren zu können.
  • SMArt und BONUS attackiert wie OTA-Flugkörper und OTA-Lungermunition das Dach des Fahrzeugs.
  • Hyperschallflugkörper schlagen mit 30-45° in Front, Dach und Seiten des Gegners ein.
  • Pfeilgeschosse treffen im flachen Flug Front oder Seiten.

Ist der Vektor der Attacke abgeklärt, kann die technische Umsetzung angegangen werden.

§ 3.2 Technische Umsetzung

Wer dem Glauben anhängt, dass der Landkampf der Zukunft im Kampfpanzerduell entschieden wird, wie die Bundeswehr es tut, muss zwingend ein größeres Geschütz einführen. Da sich die Penetratormasse für 1300mm lange Patronen gegenüber der 120mm Kanone mindestens verdoppeln wird, empfiehlt sich auch das Kammervolumen zu verdoppeln. Mit 20 Litern wäre die 140mm ASCALON von Nexter die Waffe der Wahl. Allerdings kann mit diesen 130/140mm-Geschützen ein kleinerer Munitionsvorrat mitgeführt werden, was das Dilemma ist, dass der Russe aufzuzwingen versucht.

140mm Panzerkanone ASCALON von KDNS im Schuss

Soll die Fahrzeugmasse auf unter 35t begrenzt werden um Radpanzer zu ermöglichen, ist es sinnvoller den NATO-Standard für 120mm Kanonen zu erweitern. Dazu müssten folgende Änderungen durchgeführt werden:

  • Der höhere Kammerdruck der L/55A1 wird Norm, da er bereits Realität ist.
  • Die maximale Patronenlänge wird von 984mm auf 1150mm erweitert. Das entspricht der Länge der MGM-51B/C-Munition des KPz 70 und M551.
  • Es wird eine Schnittstelle für ETC-Patronen definiert, um bis zu 1 MJ elektrische Energie einzukoppeln. Der Wert von 1 MJ stammt aus der NATO-Studie RTO-TR-AVT-047 für eine ETC-Panzerkanone mit >14 MJ.

Auf der Basis kann dann eine leichtgewichtige Kanone mit 52 Kaliberlängen, Mündungsbremse und über 500mm Rücklaufweg konstruiert werden, zusammen mit einem Ladeautomaten für schmale unbemannte Türme, der die längeren Patronen aufnehmen kann. Dann könnte der 840mm lange Penetrator der M829A4 zu einem Tandempenetrator mit 40-160-800mm umkonstruiert werden, um die neue Patronenlänge auszunutzen.

Durch Tandempenetratoren, ETC-Technik und längere Stäbe stünden genug Reserven zur Verfügung, um die Masse aller zukünftigen Panzerfahrzeuge durch ein 30t Geschützsystem auf über 3 km durchstoßen zu können. Die Kernfrage ist eben, wie häufig eine Duellsituation mit einem T-14 oder vergleichbaren Fahrzeugen in Zukunft auftritt. Wenn über 20% aller Schüsse auf den Bug des Armata gehen ist eine 140mm CTA-Patrone sicher gerechtfertigt. Aber nicht, wenn 90% der Schüsse auf alles andere gehen: Ubiquitärer Sowjetschrott (MT-LB, BMP, BMD, BTR, BRDM), andere T-Panzer, Flankenschüsse, Häuser, Gräben, PALR-Stellungen u.v.m.

Alle Landsysteme werden sowieso durch die anonyme Masse der Gegner überwunden, und nicht durch ihren Peer.

Der Autoschütze, der den Richtschützen in Zukunftspanzern ersetzt, wird auf die empfindlichsten Stellen des gegnerischen Fahrzeuges zielen. Bei Lenkwaffen wie IRIS-T oder NSM ist das schon heute Realität. Der Autoschütze wird wie bei den Panzer-Prototypen VT1 und VT2 das Zieldurchgangsverfahren nutzen: Wenn sich der Turm auf das Ziel dreht, wird der Schuss gelöst werden, sobald die Kanone mit dem Ziel deckungsgleich ist. Ein Drehstop zum Anvisieren ist überflüssig, da Ziele automatisch 360° um das Fahrzeug erkannt und verfolgt werden.

Um Kosten zu sparen und die Stückzahlen zu erhöhen empfiehlt es sich, die komplexeren Panzerabwehrsysteme in einer modularen Bauweise zu fertigen, damit zwei Basissysteme alle Anforderungen abdecken können. 

Rohrverschossene Lenkwaffe XM1007 TERM-KE im Hyperschallflug

Das erste System ist ein Hyperschallflugkörper. Gegenüber der XM1111 MRM-KE muss die Steuersektion vergrößert werden um die Mindestreichweite im Top-Attack auf 700m zu drücken. Für kürzere Entfernungen muss flach gefeuert werden. Das Geschoss sollte einen mindestens 400mm langen DU-Penetratorstab auf mindestens Mach 5 beschleunigen. Wird wie oben beschrieben eine längere 120mm Patrone akzeptiert, ergibt sich auch für Steuersektion, Stablänge und Raketenmotor mehr Spielraum. Durch die Eckdaten der XM1007, XM1111 und HATM werden sicher Mach 6 erreicht werden. Das genügt, um alle bekannten Panzer im 30-45° Winkel an der Front zu durchschlagen. Der FK muss nicht den Laserpunkt ansteuern, der die gut geschützte Front beleuchtet, sondern kann dank des MMW-Radars auf den Flächenschwerpunkt zielen, wo praktischerweise das Munitionskarussell aller Russenpanzer ist.

Die rohrverschossene Variante wird über einen kürzeren Raketenmotor verfügen, da die Patrone bereits für Startgeschwindigkeit sorgt. Der Raketenmotor der Variante für Infanterie, Fahrzeuge und weitere Plattformen wird länger sein, da er von 0 bis Mach 6 brennen muss. Das Geschoss der XM1111 war knapp 900mm lang, sodass 1500mm mit dem längeren Raketenmotor realistisch sind. 

Version für Fahrzeuge und Infanterie (links) und 120mm Glattrohrwaffen (rechts)

Da sich beide Varianten Sucher, Steuersektion, Penetratorstab und die Bauweise des Raketenmotors teilen, ist eine hohe Kommunalität möglich. Durch eine modulare Bauweise können iterativ Verbesserungen eingebaut werden:

  • Sucher: Der Sucher kann erst einmal nur lasersuchend sein. Später kann ein Dual-Mode-Sucher mit Laser/MMW eingebaut werden, wenn die eigene Rüstungsindustrie noch nicht das Technologieniveau beherrscht, beides so kompakt und robust zu verbauen. Der Mehrwert des MMW-Radars sind selbstzielsuchende Schüsse auf (teil)gedeckte Ziele und solche außerhalb der Sichtweite. Ferner kann der Flugkörper damit auf den Flächenschwerpunkt zielen.
  • Steuersektion: Neben dem Sucher die kritische Komponente, da Hyperschallflugkörper extrem schnelle Kurswechsel vollziehen müssen. Außerhalb der USA liegt die Expertise bei null. Es empfiehlt sich, erst einmal eine größere Mindestreichweite für Top-Attack in Kauf zu nehmen, wobei die ganze Struktur bereits die höheren g-Lasten späterer Ausbaustufen verkraften muss. Später können durch stärkere, präzisere, reaktionsschnellere Düsen radikalere Kursänderungen geflogen werden, um die Mindestreichweite zu drücken.
  • Raketenmotor: Mach 6,5 in 400m waren mit 152mm Durchmesser bei der HATM kein Problem. Mit 120mm Durchmesser des Raketenmotors werden es wahrscheinlich nur Mach 5 auf 400m sein. Wenn Mach 6 erst in 500m erreicht werden, ist das für das Gefecht nicht wirklich von Nachteil. Bei der HATM wurden auch die technischen Grenzen aufgezeigt: Diese lagen nicht in den Leistungsdaten, die erreicht wurden, sondern in weichen Faktoren: So war das verwendete Treibmittel nicht raucharm und insensitiv. Moderne NATO-Munition sollte aber nach diesen Standards gefertigt werden. In einer ersten Iteration muss davon Abstand genommen werden. Spätere Verbesserungen im Raketenmotor können dann die Parameter Geschwindigkeit, Raucharmut und Insensitivität bei Beschuss verbessern.

Neben diesen zwei Varianten einer Hyperschallwaffe sollte eine EFP-Submunition entwickelt werden. Durch den Rohrdurchmesser von 155mm bei NATO-Artillerie muss hier mit heißer Nadel gestrickt werden, da die EFP-Scheibe unter 150mm Durchmesser haben muss. Wie oben in § 2.2 beschrieben könnte durch eine intelligente Bilderverarbeitung die Wirksamkeit der EFP-Submunition verbessert werden. Dies ist aber nur in Randfällen sinnvoll. Die Durchschlagsleistung zum Durchmesser ist ein kritischer Parameter, der dringend verbessert werden sollte, um Kosten zu vermeiden.

Sinnvollerweise wird die EFP-Wirkladung noch mit Splittern kombiniert, da Infanterie beim Sowjetschrott gerne auf dem Dach mitfährt. Generell wäre es vorteilhaft, wenn ein gerichteter Schrottschuss nach vorne, zusammen mit dem Projektil erfolgen würde. Die Standardlösung besteht darin, den Rand der Scheibe so zu formen, dass ein Splitterkegel das Projektil begleitet.

Allerdings sinkt dadurch der effektive Durchmesser der Scheibe, welche das Projektil formt. Da die Durchschlagsleistung von 150mm-Scheiben gegen das Dach des T-14-Kompaktkampfraumes sowieso grenzwertig ist, ist für diese Optimierung bei rohrverschossenen EFPs kein Spielraum vorhanden. Werden diese Submunitionen durch Raketenwerfer verschossen, kann der Durchmesser der Scheibe statt 150mm auch 200mm betragen, mit einem Rand für den Splitterkegel. Durch die sanftere Beschleunigung in Raketenwerfern kann auch leistungsfähigere, empfindlichere Sensorik verbaut werden. Gegenüber Rohrwaffen ermöglichen Raketenwerfer auch eine wesentlich gesteigerte Reichweite. Nichtsdestotrotz sollte eine intelligente Bildverarbeitung den EFP beim Top-Attack gezielt auf den Turm schießen lassen, um das Munitionskarussell zu treffen. Das Gleiche gilt auch beim Schuss in die Seite.

Submunition (Skeet) der CBU-97/105/108 mit EFP-Wirkladung und IR/Laser-Sensoren. Das Gesamtpaket ließe sich mühelos auf 200mm Durchmesser skalieren mit abbildendem Infrarot (IIR) und Millimeterwellenradar (MMW).

Durch eine modulare Bauweise kann die EFP-Submunition oder Bestandteile davon in folgenden Waffen verwendet werden:

  • Die EFP-Submunition mit MMW-Radar und IIR-Sucher kann in Panzerabwehrsubmunitionen à la SMArt und Panzerabwehrminen mit Top-Attack à la ADM verwendet werden. Beide würden durch Raketenwerfer verschossen und mit Gleitdispensern für Kampfflugzeuge verteilt werden; die Mine auch von Hand oder mit Fahrzeugen verlegt. 
  • Die EFP-Submunition mit zusätzlicher Peripherie kann, eingepackt in ein Gehäuse, wie SLAM als Panzerabwehrrichtmine der Infanterie verwendet werden. Ein Zusatzakku kann den IIR-Sucher mit Energie versorgen, und dieser das MMW-Radar aktivieren, wenn potenzielle Ziele ins Bild kommen, um den EFP in Fahrzeugseiten zu schießen. Der IIR-Sucher wiederum kann durch einen akustischen Sensor aktiviert werden, der verschiedene Fahrzeuge am Geräusch erkennt.
  • Die EFP-Wirkladung mit seismischem Sensor und Magnetzünder kann janusköpfig für Panzerabwehrminen à la RAAMS verwendet werden. Diese würden ebenfalls durch Raketenwerfer, Fahrzeuge und Gleitdispenser verlegt. Durch den geringen Abstand zwischen Mine und Unterboden wird die Effektivität nicht ganz so hoch sein, da die projektilbildende Ladung für Distanzschüsse optimiert wird, genügt aber, den Wannenboden der Russenpanzer zu durchschlagen. Minenschutz war für den Russen sowieso nie ein Thema. Sinnvollerweise wird die Mine so programmiert, dass sie unter dem Munitionskarussell auslöst.
  • Die EFP-Submunition würde auch in eine Loitering Munition und selbstzielsuchende Panzerabwehrlenkwaffe eingebaut werden, um Fahrzeuge durch Top-Attack gezielt rauszunehmen. Erst beim Angriff würden MMW und IIR aktiviert und das Ziel überflogen. Loitering Munition und selbstzielsuchende Panzerabwehrwaffe wären wiederum selbst modular aufgebaut, und würden eine hohe Kommunalität aufweisen.
  • Die Panzerabwehrhandwaffe wäre wie eine NLAW aufgebaut, würde aber das Ziel in 10m Höhe überfliegen. Die EFP-Wirkladung würde analog dazu beim Überflug ausgelöst.

Interessant wäre auch, eigene Frontfahrzeuge mit einer Freund-Feind-Erkennung (IFF) im Millimeterwellenspektrum auszustatten. Das MMW-Radar der Submunition würde dann eine codierte Antwort vom MMW-Transponder des Fahrzeuges erhalten, und es nicht angreifen. Zusammen mit dem abbildenden Infrarot (IIR) in den Submunitionen, dessen Bild durch eine KI ausgewertet würde, könnte in einer Duell- oder Verzahnungssituation das gesamte Gefechtsfeld mit SMArt-Munition saturiert werden, und nur die Feindfahrzeuge getroffen werden. EFP-Richtminen würden bei eigenen Fahrzeugen nicht auslösen. Da auch der Hyperschallflugkörper mit MMW-Radar arbeitet, kann auch dieser Friendly Fire vermeiden.

Der Vorteil von Waffen mit aktivem MMW-Sucher ist auch, das andere MMW-Waffen diese Wellen orten können. Hat eine Hyperschallwaffe ein Ziel aufgeschaltet, tastet der Sucher das Ziel in einer speziellen Weise ab, die von anderen Suchern erkannt wird, sodass Doppeltreffer vermieden werden. Der MMW-Sucher der MBDA Brimstone arbeitet bereits nach diesem Prinzip, sodass diese Waffen in Salven in ein Zielgebiet verschossen werden können.

§ 3.3 Szenarien zukünftiger Panzerabwehr

Der Kampfpanzer ist als taktisches System obsolet. Als Idee eines duellfähigen Systems, das sich einer Panzerschlacht gegnerischer Kampfpanzer stellt. Als Konzept einer eisernen Faust, die die gegnerischen Linien durchbricht und in die Tiefe vorstößt. Es ist genau dieses Denken, das zu Entwicklungen wie dem T-14 Armata führt. Es wird interessant sein zu sehen, wie andere Staaten darauf reagieren werden.

Besonders bei selbstverlegefähigen mittleren Kräften ist die zukünftige Panzerabwehr in Offensive und Defensive ein Thema, das nicht mit einem weiter so gelöst werden kann. Eine 130mm oder 140mm Kanone kann nicht auf einem 30t Radpanzer installiert werden. Bisherige Panzerabwehrlenkwaffen werden durch aktive Schutzsysteme neutralisiert werden. Die Eigenschaft aller Heere den Fortschritt zu verweigern bis es nicht mehr weiter geht, ist jetzt an dem Punkt angekommen, etwas Neues zu wagen.

Das verlangt von mittleren Kräften, doppelt asymmetrisch zu kämpfen: Asymmetrisch gegenüber Staaten, aber auch asymmetrisch gegenüber irregulären Kräften.

Das gläserne Gefechtsfeld ist in drei Abschnitte eingeteilt: Der vordere Teil ist die Forward Line Of Sensors (FLOS), welche hauptsächlich durch Drohnen und Loitering Munition bevölkert wird. Dahinter folgt die Forward Line Of Robots (FLOR), welche unbemannte Bodensysteme als Hauptträger des Kampfes hat. Erst dahinter liegt die Forward Line Of Troops (FLOT), welche durch bemannte Systeme dominiert wird. Diese Staffelung entlang der Führungslinien ist immer gleich, egal ob die Truppen vorrücken oder ausweichen. Entsprechend werden auch die Panzerabwehrmittel zur Anwendung gebracht.

In der Defensive werden die 200mm Raketenwerfer RAAMS-200 und ADM-200 verteilen, um gegnerische Nachschubwege, Aufmarschwege, Engstellen und Logistikknotenpunkte zu behindern. Spezialkräfte werden SLAM-200 an ausgewählten Stellen aufstellen, um Fahrzeuge in die Seite zu treffen.

Trifft der Gegner auf die FLOS, werden einzelne Fahrzeuge wie zum Beispiel Minenräumer durch Loitering Munition rausgenommen. Tritt der Gegner massiert an, werden Raketenwerfer das Gebiet mit SMArt-200 und selbstzielsuchenden Panzerabwehrlenkwaffen saturieren.

Frühes Konzept des Armed Robotic Vehicle (ARV) des Future Combat Systems (FCS), welches die Compact Kinetic Energy Missile (CKEM) verschießen sollte. Man beachte die kompakte, geschützte Bauweise.

Kommt er näher, in die FLOR, werden Aufklärungsroboter und Panzerabwehrroboter mit 120mm Hyperschallflugkörpern eine Panzerabwehr auf Sicht ausführen. Diese Fahrzeuge werden vom weiter hinten stehenden bemannten Drohnenkontrollpanzer kontrolliert. Weiters wird ein bemannter Spähpanzer ebenfalls in der FLOR unterwegs sein, zusammen mit vereinzelten Trupps der Infanterie. Beide verschießen ebenfalls den Hyperschallflugkörper, die Infanterie in Engstellen auch die NLAW-200. Dabei folgt eine kontinuierliche Beregnung von Panzermassierungen mit SMArt-200 und selbstzielsuchenden Panzerabwehrlenkwaffen durch die Raketenwerfer. Ist die Stoßrichtung des Gegners ausgemacht, können Minenfelder mit RAAMS-200 und ADM-200 den Weg verlegen.

Kampfpanzer M1 Abrams verschießt den XM1111-MRM-Flugkörper 

Hat sich der Gegner an die FLOT herangearbeitet, werden Schützenpanzer und PALR-Trupps und mobile Geschützsysteme mit 120mm Glattrohrkanonen den Hyperschallflugkörper verschießen. Je nach Ziel und Ziellage werden die Geschützsysteme unter 1-3km auf Tandempenetratoren wechseln. Auch hier sind von Hand oder mechanisch verlegte Minenfelder mit ADM-200, RAAMS-200 und SLAM-200 nützlich.

In der Attacke läuft die Panzerabwehr genauso, nur umgekehrt. FLOT, FLOR und FLOS schieben sich unaufhaltsam vorwärts. Zuerst wird der Gegner die Luftherrschaft in einem bestimmten Gebiet verlieren, und dort 24/7 bombardiert werden. Weitreichende Rohr- und Raketenartillerie wird jedes Ziel, das in diesem Raum entdeckt wird, sofort beschießen. Dass die Bodentruppen vorrücken wird der Gegner daran merken, dass die Drohnen der FLOS zunehmen. Die höhere Aufklärungsdichte entdeckt mehr Ziele, die unverzüglich durch indirektes Feuer bekämpft werden.

Wenn keine Ziele mehr aus der Luft gefunden werden, schiebt sich die Front bis zur FLOR vor. Die Roboter werden PALR-Trupps und Feindfahrzeuge aufklären und abnutzen. Minenfelder werden von den Robotern erfühlt und durch Sprengschnüre und mechanische Räumung Gassen geschlagen. Feuert der Gegner auf die Roboter, wird er durch Konterbatteriefeuer, Luftunterstützung und Loitering Munition vernichtet. Da die Roboter so konzipiert sind, dass ein Verlust verschmerzbar ist, kann der Gegner mit diesen kosteneffektiven Fahrzeugen abgenutzt werden. Die Fahrzeuge sind so einfach, dass sie schneller gebaut und billiger als ein BMP sind.

XM1219 Armed Robotic Vehicle des FCS. Gegenüber dem frühen Konzept war der Schutz sehr mager, da um 2010 der Fokus auf asymmetrischen Bedrohungen lag. Die Artilleriebedrohung muss in Zukunft stärker berücksichtigt werden.

Ist der Gegner so weit abgenutzt, dass im Idealfall nur noch versprengte einzelne Widerstandsnester vorhanden sind, aber keine beweglichen Panzerverbände mehr, rücken die bemannten Systeme vor, und damit die FLOT. Die Vorgehensweise entspricht dann einer Stryker-Brigade mit Mobile Gun System, IM-SHORAD, Dragoon, TOW und anderen Fahrzeugen.

Liegt keine durchgehende Frontlinie vor, wie das in den meisten modernen Konflikten der Fall war und sein wird, wird die Staffelung FLOS-FLOR-FLOT wohl kompakter oder gedehnter ausfallen, und kann je nach Bedrohungsachse des Manöververbandes auch wegfallen. Die Stryker-Einsätze im Irak oder Afghanistan mögen dafür als Beispiele dienen, oder die französische Opération Serval in Mali.

Im Häuserkampf ist die Interaktion zwischen bemannten und unbemannten Einheiten wichtiger, da FLOS, FLOR und FLOT gestaucht sind.