Beschaffungskatastrophen der Bundeswehr

SR-2025-06-19

In den letzten 30 Jahren war die Beschaffung von Rüstungsgütern bei der Bundeswehr ein Wechselspiel. Dieser Artikel befasst sich mit den verschiedenen Aspekten, warum sich die Bundeswehr zu dieser Dysfunktionalität entwickeln konnte. 

§ 1.0 Beschaffungshindernisse

Die Reihenfolge ist ohne Wertung oder Schadenshöhe.

§ 1.1 Rüstungslobbyismus

Politische Projekte sind eine Möglichkeit, Steuergeld zu verausgaben. Hier muss unterschieden werden zwischen Projekten, die trotz aller Probleme aus strategischen Gründen vorangetrieben werden, um bestimmte Fähigkeiten zu erlangen, und solchen, die nur aus Gründen der Parteipolitik und des Lobbyismus alimentiert werden.

Projekte wie die A400M waren politisch gewünscht um von den USA unabhängiger zu werden, und wurden trotz aller Probleme vorangetrieben. Da diese Projekte einen strategischen Fokus haben, können sie multinational angegangen werden.

Da die USA ein unzuverlässiger Verbündeter sind – jede Demokratie hat Stimmungsschwankungen – sollten die für die Kriegsführung wichtigsten Bausteine national oder zumindest innerhalb der EU gefertigt werden. Das ist in jedem politischen Raum, der mit den USA verbündet ist, und der geostrategischen Risiken ausgesetzt ist, der Fall – ein Blick nach Südkorea, Israel oder Japan genügt. Das technische Niveau ist in Europa genauso vorhanden.

Problematischer ist Lobbyismus. Rüstungsprojekte müssen in Deutschland den Verteidigungsausschuss und den Haushaltsausschuss passieren, um aufgegleist zu werden. Der Verteidigungsausschuss ist themenbezogen und kompetent. Problematisch ist der Haushaltsausschuss, wo Politiker sitzen, die von Technik, Waffen und Militär keine Ahnung haben. Das öffnet Tür und Tor für Stichwortgeber und Lobbyisten, die ihr Bullshit-Bingo mit Feldern wie „Technologieführerschaft“, „5. Generation“, „hochqualifizierte Arbeitsplätze“, „Schlüsseltechnologie“ u.v.m. spielen. 

Besonders zum Thema FCAS kann man das Drama erkennen, wenn Blinde Farben bewerten sollen. So wurde vom Haushaltsausschuss gefordert, dass die deutsche Sparte von Airbus den Flugrechner (FCC) des von Dassault konzipierten bemannten Kampfflugzeuges programmieren solle, oder sonst irgendwie daran beteiligt werden müsse. Was für ein Problem das bedeutet, wenn Firma A die Aerodynamik, Kinematik und Gewichtsauslegung macht, Firma B aber die Flugsteuerungssoftware schreiben soll, ist den Techniklegasthenikern im Bundestag nicht klar. Vermutlich wurde von Airbus auf die sehr fortschrittlichen Flugregler des Eurofighter verwiesen und die Spezialisten die daran arbeiten. Das Flugsteuerungssoftware nicht einfach von Flieger A auf Flieger B adaptiert werden kann, geht im Bullshit-Bingo „Technologieführerschaft“, „hochqualifizierte Arbeitsplätze“, „Schlüsseltechnologie“ unter. 

Es ist kommunikativ auch nicht hilfreich, wenn Airbus FCAS-Beiträge immer mit seinem Su-57-Klon bebildert, und den Dassault-Entwurf ausblendet. Der Dassault-Entwurf hat eine wesentlich kleinere Radarsignatur als der Airbus-Entwurf, der Airbus-Entwurf ist dafür agiler. Es grenzt an Unverschämtheit, als Souffleuse der Politik zu verkünden „dass das Ziel verfehlt werde, (…) ein Kampfflugzeug der 6. Generation zu entwickeln“ wenn Dassault seinen Willen bekommt. Deutschland also Airbus ist nicht in der Lage ein Kampfflugzeug zu entwickeln, geschweige denn ein Düsentriebwerk. Die Su-57 ist Schrott, kein Tarnkappenflugzeug und auch der Airbus-Entwurf leidet darunter, dass man gerne vorne mitspielen möchte, aber impotent ist. Deutschland muss so oder so seine Kampfjets im Ausland kaufen. Die Frage ist nur ob die USA, Frankreich oder Großbritannien den Zuschlag bekommen, und wie hoch der deutsche Arbeitsanteil ist.

Ein Deal wie beim Eurofighter, wo Deutschland sehr gut wegkam, wird es nicht wieder geben. Damals hatte MBB die Flugsteuerung und den aerodynamischen Entwurf, und damit das Herzstück des gesamten Konzepts geliefert. Deshalb bilden sich Airbus und die deutsche Politik heute ein, mit denselben Bausteinen müsse eine ähnliche Rolle möglich sein. Nur hat sich die Lage weiterentwickelt. Die russische Luftwaffe ist Schrott, sodass alle NATO-Luftoperationen Flugabwehr mehr fürchten müssen als Flieger. NATO-Kampfjets werden, da russische Jäger kein Faktor sind, fast immer über Feindgebiet eingesetzt werden. Fliegt man getarnt, kann man hoch fliegen, fliegt man hoch über Feindgebiet, ist man eine hervorragende Sensorplattform, um Ziele aller Art zu entdecken. Diese Ziele können dann von diversen Systemen bekämpft werden, zum Beispiel durch weitreichendes Feuer der Raketenwerfer. Tarnkappentechnik und Sensoren sind wesentlich wichtiger geworden, Manövrierfähigkeit und Luftnahkampf unwichtiger. Für Firmen wie Diehl und Airbus, die sich auf den Luftkampf im Nahbereich spezialisiert haben (IRIS-T FCAAM, Schubvektorsteuerung, extrem instabile Auslegung usw.) ist das bedauerlich, aber muss weder das Militär noch den Steuerzahler interessieren. Würden die Techniklegastheniker im Bundestag diese Zusammenhänge verstehen, wäre Hensoldt der wichtigste Partner von Dassault beim FCAS, und nicht Airbus, die nur Teilezulieferer (Flügel, Leitwerk, usw.) wären.

Der Dassault-Entwurf hat eine kleinere Radarsignatur als die F-22 und F-35, vor allem bei seitlicher Beleuchtung, um integrierte Luftverteidigung besser penetrieren zu können. Die russische Luftwaffe ist Schott, sodass alle NATO-Luftoperationen Flugabwehr mehr fürchten müssen als Flieger. 

Das Einzige, was Deutschland besser im Luft- und Raumfahrtbereich beitragen kann, ist die Verdichter-Technologie von MTU, elektrische Aktuatoren für Steuerflächen, und ggf. Klebetechnik und Tarnkappentechnik. Schubvektorsteuerung ebenfalls, aber das dürfte für Zukunftsflieger unwichtig sein. Alles andere kann Frankreich genauso oder besser.

Allein die Tatsache, dass man die FCAS-Technologiebausteine „Tarnfähigkeit“ und „Sensoren“ nach Spanien abgegeben hat, obwohl Deutschland mit Airbus und Hensoldt bessere Figuren abgegeben hätte, zeigt die vollkommene Politisierung. Vielleicht wäre es besser gewesen Frankreich machen zu lassen, und Deutschland als Forderungs- und Technologiegeber ins Boot zu holen: Hensoldt baut bessere Radare, ESM und ECM als Frankreich, MTU bessere Verdichter, usw. usf. In den Feldern, wo Neuland betreten wird (Tarnkappentechnik, Large Area Display, Manned-Unmanned-Teaming etc.) hätte man partnerschaftlich Aufgaben teilen sollen. Wenn Länder wie Spanien, Belgien usw. nichts technologisch beitragen können, sollten diese lieber in die gemeinsame Kasse einzahlen, und als Unterauftragnehmer für Aluprofile, Fahrwerk oder Kabelbäume eingebunden werden. Und wenn der deutsche Anteil an der Wertschöpfung dann bei 30% liegt, dann ist das eben so; dann werden auch nur 30% der Entwicklungskosten von Deutschland getragen, 10% von Spanien usw. Wenn aber versucht wird, den gesamten Kuchen sozialistisch „gerecht“, also gleich aufzuteilen, auf Basis von Buzzwords wie „Sensoren“, ohne Rücksicht auf Kompetenz und technische Zusammenhänge, landet man in der Dysfunktionalität.

Ein weiteres Beispiel ist der SPD-Lobbyismus für die deutsche Werftenindustrie, die nicht wettbewerbsfähig ist. Marineschiffbau liegt der SPD deshalb besonders am Herzen. Entsprechend zahlt die Bundeswehr für Kriegsschiffe erheblich mehr als andere europäische Ländern für vergleichbare Fähigkeiten, um die Werften zu subventionieren. Die SPD konnte auch durchdrücken, dass der Überwasserschiffbau in die Liste nationaler Schlüsseltechnologien aufgenommen wurde.

Es wäre sinnvoller Kriegsschiffe in Italien bauen zu lassen, wo wesentlich günstiger eingekauft werden kann. Nur weil die südländischen Staatswerften vom Staat durchsubventioniert werden, muss man sich an diesem Wettlauf nicht beteiligen. Wenn der Partner die Rechnung bezahlt, sollte man sich höflich bedanken, und das eingesparte Geld sinnvoller ausgeben.

Ein weiteres Beispiel ist der CSU/CDU-Lobbyismus für das Taktische Luftverteidigungssystem (TLVS) das vorher als MEADS entwickelt wurde. Ursprünglich mit Frankreich, USA und Italien vorangetrieben, stiegen alle Länder nacheinander aus, sodass Deutschland ab 2016 de facto allein war. Die USA setzten auf eine verbesserte Version von PATRIOT, Frankreich und Italien auf SAMP/T. Obwohl das Projekt seitdem praktisch tot war, wurden von 2016 bis 2022 Jahr für Jahr dreistellige Millionenbeträge in TLVS/MEADS gesteckt. Zu wenig um das System zu Ende zu entwickeln – was als einziger Nutzer auch sinnlos war – aber MBDA lobbyierte über die CSU, um das tote Projekt nicht zu verlieren. Erst der Druck des russisch-ukrainischen Krieges führte 2023 zur Einstellung von Projekt und Zahlungen.

Es wäre wesentlich sinnvoller gewesen, analog zu Frankreich und Italien auf das SAMP/T-NG-System zu wechseln, auch wenn es nicht die hohen technischen Ansprüche der Bundeswehr erfüllt hätte. Deutschland bzw. MBDA Schrobenhausen in Bayern hätte sich an einer Weiterentwicklung der Aster-Lenkwaffe beteiligen können, zum Beispiel einem längeren Booster für Sylver A-70 Senkrechtstartanlagen und Landbatterien. Analog zu Frankreich und Italien, welche nationale Radare als Hauptradar der Batterie einsetzen, hätte das später im IRIS-T SLM verwendete TRML-4D das Hauptradar der deutschen Batterien werden können. Italien, Frankreich und Deutschland hätten so auf dem Exportmarkt ein Gegenpol zu den USA und ihrem PATRIOT-System bilden können. Da auch Großbritannien die Aster-Flugkörper verwendet, hätte es einen europäischen Machtblock gegeben.

§ 1.2 Fehlendes Forderungscontrolling

Beschaffungen in Deutschland folgen dem Schema, das Fähigkeitsforderungen an das zukünftige System definiert werden. Diese Anforderungen werden im Umlaufverfahren gesammelt. Der Ablauf ist dabei grob beschrieben wie folgt: Jede Abteilung (Sanität, Kraftfahrwesen, usw.) schreibt die Anforderungen, die sie an das System hat, auf. Anschließend werden die Forderungen aller Abteilungen zusammengefasst, und dem Anbieter zur Umsetzung vorgelegt. Dieser liefert dann das Produkt, das daraufhin zu den verschiedenen Abteilungen wandert, die überprüfen, ob das System die selbstgestellten Forderungen erfüllt. Je länger die Forderungslisten sind, desto länger brauchen auch die einzelnen Abteilungen zur Prüfung, was die Beschaffung verzögert. Je mehr Abteilungen involviert werden, desto länger werden die Listen. Es ist auch nicht hilfreich, wenn durch linke, grüne Gedankengänge Themen wie Umweltschutz und Arbeitsschutz die Listen verlängern.

Dazu kommt, dass die Projektleiter beim BAAINBw in der Regel nicht vom Fach sind. Es handelt sich um Physiker, Ingenieure und andere Studierte, die weder Berufserfahrung noch Ahnung von Management haben. Das mag die hohe technische Finesse deutscher Waffensysteme erklären, bei schlechtem Management und fehlendem strategischen Fokus.

Es ist leicht einsehbar, dass das Verfahren dysfunktional ist, wenn kein Forderungscontrolling betrieben wird. Ein Beispiel sind die neuen Einsatzboote für Kampfschwimmer, deren Ausschreibung 2023 abgebrochen wurde. Der Forderungskatalog der Bundeswehr war so umfangreich, dass er nach allen Regeln der technischen Kunst unmöglich in ein Bootsdesign umzusetzen war, weil sich gegenseitig ausschließende Forderungen gestellt wurden.

Bedenklich ist auch, dass die Beschaffung von Lösungen von der Stange standardmäßig nicht vorgesehen ist. Wenn jede Abteilung das Produkt ihrer Träume formuliert, ist die Wahrscheinlichkeit es bereits im realen Leben zu finden gleich null. Wird ein etabliertes Produkt gewählt was die Anforderungen zum Teil erfüllt, ist es ohne striktes Forderungscontrolling nur eine Frage der Zeit, bis die Modifikationen so umfangreich ausfallen, dass eine Neuentwicklung genauso komplex wäre.

Die Tatsache das Deutschland als einziger PATRIOT-Nutzer auf Sattelschlepper verzichtete, was eine Modifikation des Systems erforderte, ist noch ein harmloses Beispiel. Ärgerlicher ist, dass eine eigene Software verwendet wird, ohne dass ein Mehrwert gegenüber der US-Software aufgezeigt wird. Und wenn bei Sturmgewehren wie dem HK416 über zwei Jahre Prüfungen und Modifikationen verlangt werden, obwohl die Waffe bereits von Frankreich, Norwegen und weiteren Ländern ausgewählt wurde, ist das nur eine Beschäftigungstherapie für den Beamtenstaat. Keine der Änderungen am HK416 wird die Abschussverhältnisse der Infanteristen im Feuergefecht messbar verbessern. Keine der Prüfungen wird etwas feststellen, was nicht auch in Norwegen oder Frankreich festgestellt wurde, und wenn doch, ist dies irrelevant, da diese Länder damit leben können. Aber alle Maßnahmen werden die Kosten der Waffe und des Beschaffungsprozesses erhöhen.

Das Problem bei Beschaffungen von der Stange ist, dass bei Auslandskäufen die heimische Rüstungsindustrie nicht profitiert, und dem Staat dadurch kein Geld durch Steuern zurückfließt. Das begünstigt Upselling oder lokale Koproduktion durch die heimische Rüstungsindustrie, die auch ihre Prozente machen will. Und wo käme man den hin, wenn man exakt dasselbe Sturmgewehr wie Frankreich und Norwegen beschafft? Wozu schreibt man sonst seitenweise Forderungspapiere?

Beim Problem des Forderungscontrollings waschen alle Beteiligten ihre Hände in Unschuld. Das Militär will ein optimales Produkt, die Projektleiter im BAAINBw setzen nur die Anforderungen von Militär, Frauenbeauftragten, Arbeitsschutz usw. um, und Upselling gehört zur Industrie dazu. Problematisch bei dem ganzen Beschaffungsprozess ist auch, dass Kosten eine Variable sind. Der ganze Prozess begünstigt Goldrandlösungen, Upselling, technische Spielereien und gutmenschliche Forderungen statt kosteneffektive Lösungen. Eine Design-to-Cost-Lösung, wo ein fixes Budget vorgegeben wird, ist in Deutschland vermutlich noch nie vorgekommen.

Ein positives Beispiel ist die Luftlandeplattform Caracal. Dort wurde starkes Forderungscontrolling betrieben, und die Listen mit den Einzelforderungen an die neue Fahrzeugfamilie von weit über 1000 Punkte auf wenige 100 Kernforderungen gekürzt. Der ganze Beschaffungsprozess von der Ausschreibung bis zum Vertrag konnte dadurch in etwa 6 Monaten umgesetzt werden.

Allerdings dürfte es innerhalb einer Behörde für Unmut sorgen, wenn dauerhaft 90% der Forderungspapiere in die Tonne wandern. Die Arbeit war umsonst. Hier liegt eine Menge Optimierungspotential, das gehoben werden kann. Es ist zu prüfen, ob nicht alle Vorgaben und Abteilungen, deren Papiere beim Caracal in die Ablage P wanderten, gleich ab- und aufgelöst werden können. Generell wäre zu prüfen, ob das, was eine Abteilung zur Forderungslage beiträgt, für die verschiedenen Phasen eines Gefechtes relevant ist, oder ideologischer Müll ist, der das Üben und Kämpfen behindert und den Etat belastet (z.B. Arbeitsschutz, Gleichstellung, Umwelt, Klima, Nachhaltigkeit usw. Das Komplettpaket linksgrüner Parasitose).

Was Deutschland fehlt, ist eine strategische Feinsteuerung, die in anderen Ländern vom Generalstab gemacht wird. Inwiefern der Planungs- und Führungsstab das kompensieren kann, wird sich zeigen. Hier muss festgelegt werden, was Schlüsselsysteme für die eigene Art des Krieges sind, und diese mit hoher Leistungsfähigkeit und hohem nationalen Wertschöpfungsanteil gefordert werden. So ergibt sich dann abgestuft von Goldrandlösung bis Gebrauchtware eine priorisierte Liste an Systemen, von hohen Forderungen bis zu „wir nehmen was existiert und halbwegs passt“.

§ 1.3 Endlosbeschaffungen

Ein beliebtes Spiel deutscher Rüstungsbeschaffungen ist die Änderung von Anforderungen während der Entwicklungs- und Bauphase. Besonders bei der Marine ist es sehr beliebt, während ein Schiffsentwurf im Bau ist, Änderungen zu verlangen. Da es sich nicht um Software handelt, sondern Material mit allen Nachweisen bewegt werden muss, verursachen diese Forderungen hohe Zeitverzögerungen und Kostenüberschreitungen. Für alle Stakeholder ist das aber egal, denn die Rechnung bezahlt am Ende der Steuerzahler. Die Werft führt gerne Kundenwünsche aus, der Projektleiter beim BAAINBw setzt nur die Anforderungen der Militärs und Brandschutzbeauftragten um, und die Bundeswehr will ein optimales Gerät. Und wenn die schönsten Ideen erst kurz vor Bauende kommen, freuen sich Haushaltsausschuss und Steuerzahler ganz besonders.

Auch das Heer kann hier reichlich Punkte sammeln. Beim Schützenpanzer Puma wurden während der Entwicklungsphase viele Dinge ausprobiert, die allesamt Zeit und Geld kosteten:

  • Der Motor wurde, wie bereits beim Leopard 2 40 Jahre zuvor, mit zu wenig Hubraum ausgestattet. Das völlig überraschend entdeckte Turboloch wurde durch eine Erhöhung des Hubraums kompensiert, was Änderungen an Motor und Getriebe bedeutete.
  • Eine Anforderung war eine Heckklappe, welche sich durch einen komplizierten Mechanismus nur zum Teil öffnen ließ. Damit sollte ein Heckkampfstand realisiert werden. Nachdem der komplizierte Mechanismus nach Versuchen auf eine Teilöffnung reduziert wurde, fiel jemandem auf, dass über die Schräge Rampe Granaten und Brandflaschen in das Fahrzeuginnere rollen können. Wegen weiterer Probleme wurde die Idee schließlich fallen gelassen.
  • Ursprünglich sollte das Abgas des Motors unter Panzerschutz in der Kettenschulter ans Heck geführt werden, wie es beim Marder der Fall ist. Das ist gut für die Infrarotsignatur, um heiße Abgase in der Frontalsicht zu verdecken. Allerdings war es im sowieso schon sehr engen Fahrzeug problematisch, Raum für die Abgasanlage zu verschwenden. Durch die dicken Seitenschürzen sind die Gewichtskosten einer Abgasanlage unter Panzerschutz auch besonders ungünstig. Also wurde das Abgas nach ein paar Entwicklungsjahren direkt neben dem Motor seitlich ausgestoßen. Auch danach wurden vom seitlichen Auspuff verschiedene Varianten ausprobiert.
  • Aufgrund der unsinnigen Anforderung einer glasoptischen Direktsicht für den unbemannten Turm – weltweit einzigartig – wurden alle möglichen Eiertänze aufgeführt. Asymmetrischer Einbau des Turmes, dadurch besonders mit Raketenstarter eine asymmetrische Gewichtsverteilung des Fahrzeuges, Probleme im A400M usw. usf.
  • Da die Bundeswehr aus ideologischen Gründen Reaktivpanzerung ablehnt, wurden viele Varianten der Seitenschütze entwickelt, um die Gewichtsanforderungen an das Fahrzeug mit dem Seitenschutz in Einklang zu bringen. Am Ende wurde das Fahrzeug doch mit Reaktivpanzerung ausgestattet, wenn auch nur an der Oberkante der Seitenschürze.
  • Die Liste könnte endlos weitergehen

Fehlendes Forderungscontrolling, die Unfähigkeit bereits bei Projektstart Zielkonflikte zu erkennen und die Attitüde „man weiß nicht was man will, aber man baut mal und schaut was dabei rauskommt“ sind die Ursachen dieser Endlosprojekte. Beispiel Puma:

  • Ein unbemannter Turm verbessert den Schutz und erhöht die Flexibilität der Positionierung. Man nimmt sich diese Vorteile aber, wenn eine optische Direktsicht gefordert wird.
  • Die Masse der Bedrohungen der Zeit waren RPG-7 mit Monohohlladung. Der gewichtseffektivste Schutz dagegen ist ein RPG-Gitter oder Reaktivpanzerung. Lehnt man beides ab, hat aber strenge Gewichts- und Schutzziele, hat man ein Problem.
  • Wer Abgase eines Frontmotors am Heck ausblasen möchte muss diese unter Panzerschutz nach hinten führen. Das kostet Platz und Gewicht. Also die beiden Dinge, die im Puma knapp bemessen sind.
  • Der Sinn eines Heckkampfstandes, wenn Grenadiere bereits über Luke kämpfen können, braucht an dieser Stelle nicht kommentiert zu werden.
  • Die Bundeswehr hat erstaunliche Vorstellungen davon, welche Handwaffen alle an Bord eines Schützenpanzers transportiert werden sollen. Man könnte meinen, es handle sich um Jäger, die ohne die Feuerunterstützung der Fahrzeuge kämpfen.
  • U.v.m.

Die nächsten Endlosprojekte stehen mit dem MGCS und dem FCAS bereits in den Startlöchern. Wie immer bei Endlosprojekten werden diese der Politik und Gesellschaft mit einem konkreten Ziel verkauft. De facto handelt es sich aber um Forschungs- & Entwicklungsvorhaben nach dem Prinzip „man weiß nicht was man will, aber man baut mal und schaut was dabei rauskommt“.

Wenn, um ein konkretes Ziel zu erreichen, eine bestimmte Technologie erst entwickelt werden muss, ist das okay. Wenn zum Beispiel für AESA-Radare bestimmte Eckdaten gefordert werden, damit das Radar an Bord des Zukunftsfliegers eine bestimmte Ortungsreichweite erreicht, ist das verständlich. Es kann aber nicht sein, dass Studien in Auftrag gegeben werden, in denen untersucht wird, ob eine Laserwaffe an Bord machbar und nützlich wäre. Das folgt wieder dem Prinzip „man weiß nicht was man will, aber man baut mal und schaut was dabei rauskommt“.

In anderen Ländern wie den USA ist es üblich, F&E von der Beschaffung zu trennen. Alles, was in einer Beschaffung eingebaut und gefordert wird, sollte grundsätzlich ein bestimmtes Technology Readiness Level (TRL) erreichen. In den USA wird bei bestimmten Rüstungsentwicklungen gefordert, dass alles, was Anbieter vorschlagen, mindestens TRL 6 haben muss. Ist das TRL darunter, aber die Technologie für die Systemleistung zwingend notwendig, werden dem Beschaffungsvorhaben Forschungsvorhaben vorausgeschaltet. So war es beim Joint-Strike-Fighter-Programm, das in den Prototypen X-32 und X-35 mündete.

Joint Strike Fighter (JSF) Prototypen X-32 und X-35 im Jahre 1997

Erst wenn durch Prototypen das TRL auf ein akzeptables Maß erhöht wurde, beginnt der Beschaffungsprozess. Ein prominenter Fall, wo ein solches Vorgehen Probleme erspart hätte, ist das A400M-Triebwerk.

In Europa blamiert man sich regelmäßig, weil Forschungsvorhaben und Beschaffungsprojekte vermischt werden. Und natürlich haben die US-dominierte Rüstungspresse und Rüstungsexperten auch nichts Besseres zu tun, als über Zeit- und Kostenüberschreitungen bei europäischen Projekten abzulästern, weil Europa für die US-Rüstungsindustrie der wichtigste Markt darstellt.

Das man in Europa Zeit mit Untersuchungen und Träumereien auf Kosten des Steuerzahlers verbringt, statt Forschungsvorhaben und Beschaffungsvorhaben zu trennen, führt nur zur Selbstabwertung. So ist es in Europa Usus zu behaupten, die Entwicklung von neuen Waffensystemen sei so teuer, dass kein Land die Kosten allein stemmen könne.

Andere Länder haben das Memo nicht bekommen, wissen was sie wollen, entwickeln zur Serienreife, und beschaffen. 

Südkoreanisches Kampfflugzeug KF-21 in Seoul. Südkorea gibt 2,5% des BIP ins Militär. Das Bruttoinlandsprodukt und die Bevölkerungszahl entsprechen etwa der Spaniens.

Türkisches Kampfflugzeug Kaan in Ankara. Die Türkei gibt nur 1,2% des BIP ins Militär. Das Bruttoinlandsprodukt entspricht etwa dem von Polen.

Russisches Kampfflugzeug Su-57 FELON. Russland gab 2021 etwa 5% seines BIP ins Militär. Ein erheblicher Teil davon wird durch Korruption veruntreut. Das Bruttoinlandsprodukt entsprach 2021 dem von Spanien.

Diese Maschinen mögen zwar nicht dem Stand der Technik entsprechen, aber durch Import von Komponenten lässt sich schon viel erreichen. Wenn auf Importe verzichtet werden soll um ITAR-frei zu sein, ist das für Länder wie Deutschland und Frankreich nur eine Frage des Willens, und nicht eine des Könnens.

Die Entwicklung des B-21-Raider-Bombers ist ein gutes Beispiel dafür, welche Vorteile entstehen, wenn bereits bei Beginn der Entwicklung Klarheit über Technologie, Fähigkeiten und Design herrscht. Anstelle eines traditionellen Flugprototypen wurden die B-21-Testflugzeuge mit denselben Herstellungsverfahren und Werkzeugen gebaut, die bei späteren Serienflugzeugen zum Einsatz kamen. Das Programm konnte innerhalb eines Zeit- und Kostenrahmens umgesetzt werden, der sehr ambitioniert war: 2015 wurde der Auftrag erteilt, und bereits 2023 war der Erstflug.

Auch beim Future Combat Air System (FCAS) ließe sich in 3 Monaten eine Liste an technischen Eckdaten aufstellen, und weitere 6 Monate später konkrete technische Systeme definieren, welche diese Anforderungen erfüllen. Bereits 2030 könnte dann die Produktion der Vorserie des bemannten FCAS-Fliegers mit eingeschränkter Avionik starten. Der Rest kann weg: Es genügt eine Schnittstelle zu definieren, über die sich andere Systeme mit der Combat Cloud der Flieger verbinden können. Idealerweise ist diese offen, sodass Drittanbieter Marschflugkörper, Drohnen usw. fertigen können, die Plug-and-Play mit den Fliegern vernetzt werden können.

Die Avionik von Kampfflugzeugen und Vetronic von Kampffahrzeugen wird sowieso alle 10 Jahre erneuert, durch den raschen Fortschritt auf diesem Gebiet. Jährliche Softwareupdates sind üblich. Es macht keinen Sinn, bei Produktionsstart mühsam nach dem Wasserfallmodell entwickelte Spitzensysteme zu verbauen, über deren Leistungsfähigkeit man 10 Jahre später nur müde lächelt. Man verbaut das, was technisch machbar ist, und kampfwertsteigert alle 10 Jahre. Das wäre die gelebte Trennung von Forschung und Beschaffung. Das macht ein System auch für den Export attraktiver.

Wichtiger sind deshalb grundsätzliche Designentscheidungen, Technologiesprünge und Schnittstellen. Dieses Memo hat die Bundeswehr nie bekommen.

Die USA haben mit der DARPA, Großbritannien mit Qinetiq und DSTL die Trennung von Forschung und Beschaffung vollzogen. Auf europäischer Ebene gibt es mit den PESCO-Projekten bereits ein Mittel, Forschungsvorhaben zu bündeln. Zur Bündelung von Beschaffungsvorhaben steht OCCAR bereit. Diese Trennung von Forschung und Beschaffung ist in Deutschland nicht vorhanden. Sie fehlt auch in Frankreich, aber Frankreich interessiert sich nicht für technische Details, siehe §1.6.

Es sollte darüber nachgedacht werden, das deutsch-französische Forschungsinstitut Saint-Louis (ISL) zu einer deutsch-französischen DARPA auszubauen, da PESCO projektgebunden ist. Die Beschaffungsämter könnten sich auf die Beschaffung und Betreuung von Waffensystemen konzentrieren. Das Wünschelrutenlaufen und die technische Reifung wäre dann Aufgabe des ISL. Themenfelder und Finanzrahmen müssten mit der DARPA vergleichbar sein, um eine deutsch-französische Souveränität bei Rüstungstechnologie anzustreben.

De facto erfüllen die Fraunhofer-Institute und das DLR auf nationaler Ebene bereits diese Rolle. Allerdings stets unsystematisch und mit Dual-Use-Auftrag, um den linken Shitstorm zu umgehen, siehe §1.9.

§ 1.4 Ahnungslosigkeit was ein System leisten muss

Eine Möglichkeit, Rüstungsprojekte zu zerstören, ist Anforderungen zu stellen, die nichts mit dem Einsatzkonzept der Waffe zu tun haben.

Besonders auffällig ist dies im Bereich der Handwaffen. Das Ganze läuft nach folgendem Spiel: Ein kleines Kaliber bietet den Vorteil des geringen Gewichts, sodass mehr Munition mitgeführt werden kann. Ist dies etabliert, wird von Rüstungsexperten und Waffenfirmen die angeblich fehlende Letalität bemängelt und für ein größeres Kaliber geworben. Wurde dann dieses eingeführt, wird das hohe Gewicht bemängelt und auf eine „echte Mittelpatrone“ gedrängt. Dieser Zirkus, bei dem der Steuerzahler am Nasenring durch die Manege geführt wird, soll davon ablenken, dass es seit 40 Jahren keinen Fortschritt bei Handfeuerwaffen gibt, seit Polymer zur Gewichtsreduktion eingeführt wurde. Wobei inzwischen auch das wieder rückgängig gemacht wird, um neue Beschaffungen rechtfertigen zu können. Das Einzige was passiert ist, dass der Kompromiss, den jede Konstruktion erfordert, ständig zwischen den Eckpunkten verschoben wird. Solange nicht neue Werkstoffe und Konzepte Einzug halten, wird dieses Squash-Spiel, bei dem der Steuerzahler die Vorderwand darstellt, ewig weitergehen.

Nüchtern betrachtet stanzen alle diese Waffen nur Löcher. Die Trefferquote von Infanterie im Gefecht ist gut erforscht und liegt jenseits 100 m nahe Null. Die Abschussverhältnisse wurden durch zahlreiche OR-Studien erforscht, und hängen linear mit der Feuerkraft zusammen, und sind kaliberunabhängig. Würde dies berücksichtigt, statt die Gefühlslagen von Veteranen, HK-Vertrieblern und Experten der Fachpresse, wäre das Problem weniger akut.

Ferner müsste man sich der Rolle der Infanterie bewusst werden, und das ist der Einsatz dort, wo mit mechanisierten Kräften nicht gewirkt werden kann. Also in Wäldern, urbanen Räumen und stark zerschnittenem Gelände. Gebiete, wo nur selten auf über 200m gefeuert wird. Wird auf über 200m geschossen, treffen Soldaten sowieso nichts, von daher ist die Eigenpräzision der Waffe egal, und es genügt ein Reflexvisier. Die persönliche Waffe dient in diesem Fall nur zur Selbstverteidigung. Die Offensive wird durch schultergestützte Raketenwaffen, SMG, MK, GMW, Luftunterstützung, FPV-Drohnen usw. abgedeckt, welche die Feuerkraft stellen.

Werden alle diese Fakten berücksichtigt, ist das, was Soldaten benötigen, ein möglichst leichtes, kompaktes, zuverlässiges Sturmgewehr mit möglichst viel Munition. Diese Aussage ist unabhängig davon, ob LKW-Fahrer oder Frontsoldat. Der Unterschied zum LKW-Fahrer ist, dass der Frontsoldat noch Loitering Munition wie Hero 30, Handgranaten, RGW90 und weitere Offensivmittel mitführt, die seine Fitness fordern. Deshalb wird von Kommandosoldaten auch eine höhere Fitness gefordert als von mechanisierter Infanterie. Diese bekommt einen guten Teil der Offensivmittel durch die Waffen der begleitenden Panzer.

Gegenüber dem Sturmgewehr G36 ist das G95A1 zwar präziser, dies wurde allerdings durch ein höheres Gewicht erkauft, da einige Teile nun aus Aluminium und nicht mehr aus Hochleistungskunststoff gefertigt sind. Die Entwicklung und Beschaffung der Waffe ist ein Beispiel dafür, wenn an der wissenschaftlichen Erkenntnis vorbei diskutiert wird.

Das Gejammer von Quotenfrauen auf Ministerstühlen, BAAINBw und des Bundesrechnungshofes über die fehlende Präzision der Sturmgewehre G36 und G95 lässt tief blicken. Das ist etwa so geistreich, wie bei einem Maschinengewehr die fehlende Präzision zu bemängeln, die Lufttransportfähigkeit von Kampfpanzern, oder die fehlende Senkrechtstartfähigkeit von Kampfflugzeugen. Alles irgendwie nützlich, aber im Gesamtbild irrelevant.

Ein historisches Beispiel in den USA ist die zersetzende Kritik von DOT&E-Mitarbeiter James G. Burton am Bradley-Schützenpanzer, die in dem Fantasyfilm „The Pentagon Wars“ gipfelte. Burton hätte statt eines Schützenpanzers gerne einen Transportpanzer als M113-Nachfolger gesehen. Entsprechend wurde das Projekt durch unsachliche Kritik madig gemacht, indem praktisch alles, was den Bradley von einem Transportpanzer unterscheidet, als Fehler kritisiert wurde.

Ferner forderte Burton Beschusstests gegen ein voll aufmunitioniertes und betanktes Fahrzeug. Allen Beteiligten war im Voraus klar, dass das Fahrzeug dadurch zerstört würde. Die Unterlassung dieser Tests, deren Ergebnisse sich jeder denken konnte, und nur der Produktion negativer Bilder dienen sollten, wurde von Burton als Intrige ausgelegt. Die Abwandlung der Tests, indem zum Beispiel Wasser statt Diesel getankt wurde, um die Effekte von Beschuss auf Strukturen zu untersuchen, wurde als Sabotage ausgelegt.

M1 Abrams und M2 Bradley. Die im Film „The Pentagon Wars“ dargestellte Entwicklungsgeschichte des Bradley hat sich nachweislich nie zugetragen.

Das Problem ist, wenn Leute in Beschaffungsamt, Politik oder Rechnungshof geistig neben der Spur laufen, und durch ihre Interventionen Projektverzögerungen und Extrarunden anordnen. Der ganze Prozess hängt wie eine Melkmaschine am Steuerzahler, und keiner der Beteiligten hat einen persönlichen Anreiz nachzugeben.

Es wäre generell hilfreich, wenn Ämter und Politiker ohne technische oder taktische Expertise auf diesbezügliche Kommentare verzichten würden. Wenn es zu Kontroversen kommt, sollte das Militär das letzte Wort haben, da diese am Ende mit dem Gerät arbeiten müssen.

§ 1.5 Auf der Suche nach der Fähigkeitsritze

Die Bundeswehr besitzt die Gabe, Fähigkeitslücken zu finden, die andere Streitkräfte nicht sehen. Das Ergebnis ist eine Flut von Beschaffungsvorhaben, die alle Steuergelder verbrauchen, aber nur detailverliebt Sonderlösungen für den Sonderfall produzieren. Nun hat die Bundeswehr tatsächlich Fähigkeitslücken, aber nicht solche, die die Militärs und Rüstungsbeschaffer vermuten.

So kann die Bundeswehr mit dem Konzept „Luftbeweglicher Waffenträger“ durchkommen das weltweit einzigartig ist, und mit Wiesel 1 und 2 umgesetzt wurde. Wenn die Bundeswehr die weltweit einzige Streitmacht ist, die in ihrer Doktrin ein solches Fahrzeug erfordert, wäre es wohl sinnvoller die Doktrin anzupassen als den Verteidigungshaushalt.

Es wird auch gerne davon gesprochen, dass die Panzergrenadiere der Bundeswehr sich von den Grenadieren der Welt durch diese und jene Kampfweise unterscheiden würden. Solange das Folklore ist – geschenkt. Aber wenn Unsinn wie eine Turmunabhängige Sekundärwaffenanlage (TSWA) Zeit und Geld kostet, hört der Spaß auf.

Gefühlt muss die Bundeswehr alle 6 Monate eine neue Handwaffe, Kampfbekleidung oder Helm ausschreiben, obwohl der Fortschritt in diesem Bereich bei null liegt, und ein Produkt so gut wie das andere ist.

Da bei der Bundeswehr alles maximalkompliziert über das BAAINBw beschafft werden muss, und dessen Beschaffungsprozess auch im NATO-Vergleich unsinnig kompliziert ist, wird die Behörde mit einer Flut von Vorgängen zugemüllt. Dadurch entsteht das Problem: Das Amt sagt, ihm fehle Personal, und objektiv ist das auch so. Das diese sowieso schon aufgeblähte Behörde noch weiter expandiert liegt aber daran, dass für eine Armee von der Größe der Bundeswehr viel zu viel Nischenfähigkeiten durch hochspezialisierte Systeme beschafft wird. Man sollte sich einmal fragen, warum:

  • Die Bundeswehr eine Gebirgsjägertruppe unterhält, wenn kein Krieg mit Österreich oder Schweiz droht. Ein Fähigkeits- und Traditionserhalt mag nett gemeint sein, aber der strategische Fokus ist passé. Die Rote Armee wird nicht mehr über Österreich nach Bayern vorstoßen. Auch die Tragtiere können weg. Diese spezialisierte Fähigkeit ist schlicht überflüssig. Auch die Bundeswehr weiß um die Überflüssigkeit, deshalb werden die Gebirgsjäger als Extremwetterinfanterie vermarktet, und mit Überschneefahrzeugen für den Kampf in Skandinavien eingeplant. Allerdings dürften die skandinavischen Länder im Kriegsfall keinen Mangel an Infanterie haben; allein Finnland hat im Mob-Fall über 280‘000 Reservisten unter Waffen. Ob Deutschland 5000 Gebirgsjäger schickt, macht keinen Unterschied. Ob Deutschland deswegen Überschneefahrzeuge in allen Rüstsätzen beschaffen muss, macht aber durchaus einen Unterschied.
  • Die Fallschirmjäger der Bundeswehr mit dem Luftbeweglichen Waffenträger einen Mini-Panzer brauchen, den andere Streitkräfte der Welt nicht haben. Es ist vernünftig den Fallschirmjägern mehr Feuerkraft zu geben, aber es wäre finanziell vernünftiger sich an anderen Staaten und deren Fallschirmjägern zu orientieren. Feuerkraft kann wesentlich billiger und vielseitiger durch Loitering Munition (Hero 90 o.ä.) auf dem Luftlandefahrzeug Caracal abgebildet werden.
  • Das Luftverteidigungssystem Nah- und Nächstbereichsschutz (NNbS) aus 3 Komponenten besteht: IRIS-T SLM, Boxer IRIS-T SLS, und Skyranger 30 mit Maschinenkanone. Fast alle NATO-Länder beschaffen in diesem Bereich nur Mittelstreckenflugabwehr (IRIS-T SLM, Land Ceptor, NASAMS) und planen die Beschaffung von Flakpanzern mit Flugkörpern (Skyranger, Stryker M-SHORAD). Die SLS-Flugkörper könnten auch vom IRIS-T-SLM-System verschossen werden, statt selbstkonstruierte Fähigkeitslücken zu befüllen.

Das verzichtbare Element ist der Boxer mit IRIS-T SLS, mittig dargestellt.

  • Die Jägertruppe mit dem 8×8 Boxer einen dedizierten Radpanzer braucht. Jäger kämpfen zu Fuß, und benötigen Fahrzeuge eigentlich nur für den geschützten Transport. Entsprechend werden in Frankreich und Tschechien mit dem Griffon oder Titus gepanzerte Fahrzeuge auf LKW-Basis verwendet. Das mag gegen die deutsche Ingenieursehre sein und bei der WTD 41 Lachreize auslösen, ist aber kosteneffektiv und erfüllt seinen Zweck. Was bei der Bundeswehr mit 8×8 Boxer und 6×6 Patria und 6×6 Piranha drei spezialisierte Panzer erfordert, decken Tschechien und Frankreich kosteneffektiv mit Griffon oder Titus ab.

Titus der tschechischen Armee. Von Titus/Griffon existieren verschiede Varianten, um Gefechtsstände, Mörser usw. kosteneffektiv abzubilden. Die Fahrzeuge sind gegen Minen, Gewehrfeuer und Splitter geschützt und erfüllen damit ihren Zweck.

  • Die Zahl der 4×4 Plattformen beim Heer unüberschaubar ist. Anschaulichstes Beispiel bei der Bundeswehr sind die Geschützten Führungs- und Funktionsfahrzeuge (GFF). Die US Army kommt, abseits von den früheren MRAP-Panikkäufen, mit Humvee und JLTV aus, Frankreich mit PVP, VBL und VBMR-L. Wenn andere Länder maximal 3 verschiedene Modelle mit 4×4 Antrieb haben, warum braucht die Bundeswehr dann über 13?

10 Fähigkeitsritzen, die alle mit spezialisierten Fahrzeugen abgedeckt werden. Dazu kommen mit Wolf und Caracal weitere 4×4 Fahrzeuge. Von allen Fahrzeugen existieren weitere Varianten mit verschiedenen Rüstsätzen.

  • Die Bundeswehr mit der RGW60, RGW90, Panzerfaust 3 und Enforcer vier verschiedene Schulterwaffen hat, von denen die RGW-Familie noch verschiedene Gefechtskopfversionen und Feuerleitvisiere hat. Frankreich verwendet für alle Zwecke nur die AT4. Dasselbe gilt für die USA, welche neben der AT4 noch die M3 Carl Gustaf einsetzen. Diese Länder haben nicht einmal eine richtige Panzerfaust und sind trotzdem glücklich.
  • Es immer noch Leute im BAAINBw und in der Marine gibt die meinen, Deutschland bräuchte amphibische Fähigkeiten jenseits von Kampfbooten. Es gibt genug andere europäische Länder, die diese Fähigkeiten liefern können.
  • Die Liste könnte endlos weiter gehen…

Die chinesische CH-SS-22 kann einen Hyperschallgleiter bis zu 2500 km weit verschießen, um strategische Ziele wie Rüstung, Häfen, Militärbasen, Terrorcamps usw. zu treffen. Die USA verschießen dazu Marschflugkörper vom Typ BGM-109 Tomahawk mit über 1800 km Reichweite.

Eigentliche Fähigkeitslücken werden hingegen nie angesprochen: So fehlt der Bundeswehr wie allen europäischen Streitkräften die Fähigkeit, Ziele im Hinterland des Gegners anzugreifen. Weitreichende Marschflugkörper oder ballistische Raketen mit 2000-3000 km Reichweite werden nie als Fähigkeitslücke geführt. Man kann den Gegner aber nicht wehrlos machen, wenn seine Rüstungsbasis unangetastet bleibt.

Die Rüstungsbeschaffung in Deutschland ist technik- und detailverliebt aber ohne strategischen Fokus.

§ 1.6 Die Goldrandlösung

Es genügt anderen Ländern, Fähigkeitsfelder abzudecken. Besonders pragmatisch ist Frankreich, dessen Rüstungsbeschaffung das komplette Gegenteil Deutschlands ist.

Die SAMP/T Weitbereichsflugabwehr arbeitet seit 2004 mit einem Arabel X-Band-Radar moderater Größe. Nun arbeiten auch Kampfflugzeugradare im X-Band, und da AESA-Antennen auch als Störsender verwendet werden können, dürfte das mittelmäßige SAMP/T-Radar sehr leicht gestört werden. Das von Deutschland verfolgte Taktische Luftverteidigungssystem (TLVS/MEADS) hatte hingegen 2 sehr große, sehr leistungsstarke X-Band-Radare, sowie ein weiteres Radar im UHF-Band. Dazu war ein weiteres Radar im C/S-Band angedacht.

Vereinfacht gesagt war Deutschland bereit für 4 Radaranlagen so viel Geld auszugeben, wie Frankreich für eine komplette Flugabwehrbatterie mit 6 Werfern, einem Gefechtsstand, einem mittelmäßigen Radar und einem Munitionsvorrat an Flugkörpern.

Als Deutschland den Kauf von Arrow 3 verkündete war Frankreich verstimmt, weil SAMP/T ebenfalls ballistische Raketen abfangen kann. Das allerdings nur sehr eingeschränkt, mit kleinem Fußabdruck und innerhalb der Atmosphäre. Für Frankreich genügt das, um an die Fähigkeit „Abwehr von ballistischen Raketen“ ein Häkchen zu machen. Die Bundeswehr hätte gerne die Fähigkeit Ziele im Weltraum zu treffen. Und wenn die ballistische Rakete durchkommt, kann der PAC-3-Flugkörper des PATRIOT-Systems das Abfangen in der Atmosphäre übernehmen. Und weil es für die Ritze dazwischen auch noch ein System gibt, muss Arrow 4 zusätzlich beschafft werden.

In Frankreich genügt das Schlagwort. In Deutschland muss das technische Datenblatt bereits den Sieg nach Punkten verkünden, plus Backup-Lösung, und das ab Tag 1 der Beschaffung. Deshalb braucht Deutschland 3% von BIP, um die Fähigkeiten zu beschaffen, die Frankreich mit 2% erreicht.

Die ab 2021 kampfwertgesteigerte Version SAMP/T NG verwendet das wesentlich leistungsstärkere S-Band-Radar GF300. Die Variante verwendet auch bessere Flugkörper, um den Fußabdruck gegen ballistische Raketen zu erhöhen

Prinzipiell ist gegen Goldrandlösungen nichts einzuwenden, wenn die höheren Kosten die größere Leistungsfähigkeit eines Systems widerspiegeln. Es ist eine militärische Entscheidung, ob auf Qualität oder Quantität gesetzt wird.

Ein Problem wird es erst dann, wenn kein Geld da ist, aber die Bereitschaft fehlt, die Ansprüche abzusenken. Dies ist das eigentliche Problem für die Misere der Bundeswehr ab 1991: Verglichen mit anderen NATO-Ländern, besonders Frankreich, hatte Deutschland ab 1991 signifikant weniger Prozent des Verteidigungshaushaltes in Neubeschaffungen investiert. Dadurch kamen die Streitkräfte in eine Todesspirale: Weil das Gerät immer älter wurde, stiegen die Unterhaltskosten. Weil immer mehr Geld für Unterhalt aufgewendet wurde, blieb immer weniger Geld für Neubeschaffungen übrig. Wenn Dinge neu beschafft wurden, waren das in der Regel neue Fähigkeiten wie minengeschützte Patrouillenfahrzeuge für den Afghanistaneinsatz, was nicht half, den alten Schrott loszuwerden.

Spätestens 2010 war dann der Deadlock erreicht. Um Kapital für Neuinvestitionen freizumachen, hätte man ganze Truppengattungen, Waffensysteme und Verwaltungsapparate abschaffen müssen. Dies geschah aber nicht, sodass das Ende besiegelt war. Entsprechend werden über das „Sondervermögen Bundeswehr“ ganze Fahrzeugkategorien ersetzt, die inzwischen über 30 Jahre alt sind, um die Todesspirale zu verlassen.

Die Rüstungsbeschaffung in Frankreich hat einen klaren strategischen Fokus, aber interessiert sich nicht für technische Details. Alle französischen Waffensysteme sind sehr kosteneffektiv, um die hohen politischen Ansprüche an das Militär trotz des beschränkten Etats erfüllen zu können.

In Deutschland hat die Politik niedrige Ansprüche an das Militär, aber die Bundeswehr hat hohe Ansprüche an sich selbst. So gibt es eine Diskrepanz zwischen dem, was die Bundeswehr an Mitteln zugewiesen bekommt, und dem, was sie gerne hätte. Jedes Militär ist Design-to-Mission und Design-to-Cost. Bei Bundeswehr und BAAINBw sträubt man sich gegen diese Realität.

Umgekehrt hat die Politik in Deutschland keinen strategischen Fokus, und macht entsprechend keine Vorgaben an das Militär, was erwartet wird, und vor allem, was nicht. Weite Teile der deutschen Bevölkerung und damit auch Politiker glauben, Militär sei etwas Generisches, das man wie einen Schieberegler von „weniger“ auf „mehr“ ziehen kann. Entsprechend auch das linke Gerede von „Militarisierung“, wenn der Regler zu weit nach rechts gezogen sein soll. Oder die absurde Idee eines deutschen Flugzeugträgers. Dass das Militär ein Werkzeug des Staates ist, das zu bestimmten Zwecken ausgebildet und ausgestattet wird, ist dort noch nicht angekommen.

§ 1.7 Komplexitätsfalle

Vor über 100 Jahren wurde heiß über die Abschaffung der Kavallerie zu Pferd gestritten. Die Befürworter des Pferdes führten an, dass in bestimmten Situationen ein Pferd Vorteile gegenüber motorisierten Wägen habe. Spätestens 1945 wurde deutlich, dass die geringen Vorteile nicht den Unterhalt eines Extrasystems rechtfertigen. Heere tun sich generell schwer damit, Waffengattungen oder Waffentypen abzuschaffen. Im Laufe der Jahrzehnte kommen immer mehr dazu. Gelegentlich sollte aber einmal mit der Kettensäge durchgegangen werden, um sich nicht zu verzetteln.

Würde Rücksicht auf den Steuerzahler und die Logistik genommen, würde versucht werden, mit einer minimalen Menge unterschiedlicher Plattformen auszukommen. Die Idee alles doppelt und dreifach zu beschaffen, für leichte, mittlere und schwere Kräfte, und dann noch einmal weitere Systeme für internationales Krisenmanagement, Überschneefähigkeit, amphibische Fähigkeit etc. übersteigt das finanzielle Vermögen einer Mittelmacht. Versuche in der Vergangenheit wie das Manned Ground Vehicle (MGV), das Future Rapid Effect System (FRES) oder die Bulle Opérationnelle Aéroterrestre (BOA) zeigen den Weg.

Frankreich hat bereits fast alle Landfahrzeuge auf Radfahrzeuge umgestellt. Dies mag mit den Szenarien in Nordafrika zu tun haben, ist strategisch aber die bessere Entscheidung. Solange mit einem Kettenfahrzeug direkt aus der Kaserne an die Front gefahren werden kann, mag das Antriebskonzept keine Rolle spielen. Wenn mit einem Tieflader 500 km überbrückt werden, mag das grenzwertig sein. Wenn aber eine komplette Division, die fast durchgehend mit Kettenfahrzeugen ausgerüstet ist, über 1000 km verlegen soll, fließen wesentliche Teile des Wehrbudgets in Möglichmacher wie Tieflader und andere Dinge.

Die Leute verstehen nicht, dass man nicht einfach drauflosfordert, sondern erst einmal Betriebsabläufe analysieren, ordnen, segmentieren muss, und dabei gleiche oder ähnliche Abläufe erkennen und vereinheitlichen muss. Ansonsten macht eine zentrale Behörde für die Beschaffung keinen Sinn. Der Sinn von Zentralisierung sollte immer das Heben von Effizienzgewinnen sein. Ansonsten ist eine dezentrale Lösung für einen agileren Problem-Solution-Fit besser geeignet.

Vielleicht sollten sich die Landstreitkräfte einmal ihres Wertversprechens bewusst werden. Das könnte lauten: „Wir dominieren auf, unter und knapp über der Erdoberfläche, und vernichten dort alles was der roten Seite nutzt.“ Im Prinzip kann dieses Wertversprechen auch durch handelsübliche FPV-Drohnen mit umgeschnallter PG-7 oder OG-7 erfüllt werden, und Kalaschnikow-Kämpfern zu Fuß. Die Frage ist eben immer, wie ausdifferenziert die Aufgabe erfüllt werden soll. Letztlich geht es nur darum Ziele aufzuklären und mit Wirkmitteln zu belegen. Wie was ins Ziel gebracht wird hängt mit den technischen Möglichkeiten der Zeit zusammen, ob Katapult oder Kanone. Wenn Luft- und Seestreitkräfte mit maximal fünf verschiedenen Plattformen auskommen, können das die Landstreitkräfte auch.

Die Frage, ob Taktik die Technik bestimmt, oder Technik die Taktik, wurde vor etwa 100 Jahren von allen Streitkräften auf dem Globus so beantwortet: Taktik bestimmt die Technik. Die Taktik definiert, welche Fähigkeitslücke und Funktionale Forderung (FFF) besteht, die dann durch ein Beschaffungsvorhaben geschlossen wird. Vielleicht sollte man einmal den gegenteiligen Fall durchspielen: Die Technik bestimmt die Taktik?

  • Die klassischen Kampffahrzeuge können komplett wegfallen und durch einen Systemverbund auf Basis einer bemannten dieselelektrischen 8×8 Radplattform mit 2-Personen-Kompaktkampfraum ersetzt werden.
  • Spezialisierte Fähigkeiten auf Ebene der Brigade wie Brückenleger, Mittelbereichsflugabwehr, Gefechtsstände, Faltstraßen, 155-mm-Artillerie, Raketenwerfer, Artillerieaufklärungsradar, MUCONPERS, Pioniergerät usw. können mit 8×8 LKW mit und ohne Panzerung abgebildet werden. Für die Wechsellader bietet sich noch eine NATO-standardisierte Schnittstelle für Strom- und Datenübertragung an.
  • Eine Roboterplattform würde zusätzlich als Minenräumer, Minenleger, MEDEVAC, Nachschubfahrzeug, UGCV usw. zur Verfügung stehen. Das System muss auf eine Wechselladerpritsche und in Helikopter verladen werden können.
  • Die Beschaffung einer helikopterverlastbaren 4×4 oder 6×6 Luftlandeplattform mit Minenschutz für die Fallschirmjäger und andere Aufgaben (z.B. AVZ).

Das würde eine Gesamtzahl von vier Plattformen für die Landstreitkräfte ergeben. Taktik und Varianten würden daraus folgen.

Einheitsplattform Manned Ground Vehicle (MGV) des Future Combat Systems (FCS).

Im Future Combat Systems (FCS) wurde bereits versucht, eine einheitliche Landplattform zu schaffen. Für die mittleren Kräfte der Bundeswehr und die Stryker-Brigaden der US Army geht die Entwicklung bereits vorsichtig in diese Richtung.

Es wäre nicht zu verantworten, den Steuerzahler für jede Nischenbrigade und Randaufgabe eine Vollausstattung bezahlen zu lassen. Es ist ineffizient, jede Fähigkeit durch ein hochspezialisiertes System abzubilden. Streitkräfte sind ein politisches Instrument und eine Versicherung, und kein Quartettspiel.

Frankreich und Deutschland unterscheiden sich fundamental, wenn es darum geht, wie militärische Bedarfe gedeckt werden. Während die Franzosen in der Beschaffung technische Forderungen vorschreiben, zum Beispiel „Radpanzer mit 40mm CTA-Kanone mit mindestens X Schuss“ formulieren die Deutschen Fähigkeiten: „Selbstverlegefähiges Fahrzeug mit Maschinenkanone, die auf 3000m einen BMP-3 frontal durchschlagen kann“. Das lässt der Rüstungsindustrie mehr Spielraum für Lösungen, und schafft Potential für Innovationen. Deutsche Rüstungsgüter sind deshalb in der Regel fortschrittlicher und leistungsfähiger.

Der Nachteil des Ansatzes ist, dass eine Standardisierung kaum möglich ist. Wenn jede Ausschreibung der Industrie Spielraum in allen Belangen lässt, steigt die Vielfalt massiv an. Dazu kommt, dass bei der Bundeswehr noch ein besonders feiner Problem-Solution-Fit herrscht, was zu einer besonders großen Zahl an Fähigkeitsritzen führt, die gefüllt werden müssen. Beides zusammen sorgt dafür, dass man irgendwann den doppelten Wehretat benötigt um die Hälfte zu erreichen, weil Entwicklung, Erprobung, Ausbildung, Beschaffung, Instandhaltung und Munitionsbevorratung Steuergeld wie ein Schwamm aufsaugen.

Wenn zum Beispiel die Zahl der Kaliber begrenzt werden soll, muss auch die Bundeswehr zumindest eine konkrete Munition vorgeben. Wenn Fähigkeiten auf Fahrzeugplattformen konsolidiert werden sollen, wird der Spielraum weiter eingeschränkt. Die Forderung „Radschützenpanzer auf Boxer-Basis mit der MK des SPz Puma“ lässt wenig Spielraum, und kommt der französischen Praxis nahe.

Technische Forderungen sind besser zur Standardisierung, während Fähigkeitsforderungen Innovationen fördern. Technische Forderungen sollten eher auf COTS/MOTS-Lösungen abzielen, während Fähigkeitsforderungen für Neuentwicklungen besser sind. In diesem Sinne wäre es besser Metastrukturen wie Einheitsplattform, Einheitskaliber, Waffenstation, BMS, Funkgeräte u.v.m. per Fähigkeitsforderung auszuschreiben, aber konkrete Varianten durch technische Forderungen zu definieren.

Die Reduzierung der Plattformvarianz ist auch aus Software- und Support-Sicht geboten. Solange man sich einen Panzer oder ein Kampfflugzeug nicht als Handy mit Rädern oder Flügeln vorstellen kann, kann man den Wellen nur hinterherschwimmen, die von anderen gemacht werden. Eine Zentralrechnerarchitektur wurde bereits 1997 bei der Rafale M eingeführt, 2005 folgte die F-22 und später die F-35. Die Bundeswehr hat auch 2024 kein Waffensystem mit Zentralrechnerarchitektur im Dienst; erst 2027 wird die F-35 verfügbar sein. Landsysteme mit Zentralrechnerarchitektur sind weiterhin nirgends in Sicht, zum Leidwesen der Softwareentwickler und IT-Feldwebel der Fahrzeuge, die damit tagtäglich arbeiten müssen.

Die Software-Komplexität eines zukünftigen Landsystems mit Zentralrechnerarchitektur entspricht der F-35. Es ist finanziell, personell und materiell nicht vorstellbar, dass verschiedene Landsysteme mit verschiedenen Zentralrechnerarchitekturen betrieben werden, jedes nur um irgendeine Fähigkeitsritze abzudecken. Da diese Systeme im Sinne einer netzwerkzentrierten Kriegsführung als System of Systems eine kollaborative Erfassung und Bekämpfung durchführen müssen, ist es sowieso unsinnig, allzu heterogene Netzwerkknoten auf Rädern oder Ketten zu entwickeln.

Die Marine hat inzwischen dasselbe Problem mit ihren Führungs- und Waffeneinsatzsystemen (FüWES). Vermutlich hat die FüWES-Software eine Teilenummer wie der Propeller, und ist deshalb bei jeder Schiffsklasse anders. Das Tappen in die Komplexitätsfalle hat dazu geführt, dass es mittlerweile eine zweistellige Anzahl an FüWES in der Marine geben soll.

Die US Navy setzt seit fast 40 Jahren auf Aegis als FüWES, und entwickelt die Software immer weiter. Denn warum braucht jedes Schiff eine eigene Software? Machen die nicht alle das Gleiche? Warum kann nicht der gleiche Technik-Stack auf allen Einheiten laufen? Was macht ein Kampfpanzer anders als ein Schützenpanzer? Warum braucht jeder Panzertyp andere Winkelspiegel, Optronik und aktive Schutzsysteme?

Wenn der Wunsch nach Detailoptimierung besteht, können separate Lösungen durchaus minimalen Mehrwert bieten, um den Preis einer höheren Alimentierung bei Beschaffung, Logistik und Unterhalt. Es müsste erst einmal aufzeigt werden, dass eine Sonderlösung den Mehraufwand rechtfertigt. Der Nachweis fehlt bei Frontfahrzeugen komplett, bei 4×4 Gedönsfahrzeugen sowieso, ebenso bei FüWES der Marine.

Bei der Marine fehlt generell der Sinn, warum ein eigenes FüWES benötigt wird. Man möchte eine ITAR-freie Lösung, die in Eigenregie weiterentwickelt werden kann, ohne zu fragen, warum eine Mini-Marine wie die Deutsche so etwas benötigt. Man könnte auch einfach das französische (SENIT), italienische (SADOC), britische (Wildwuchs) oder amerikanische (AEGIS) übernehmen. Wenn Funktionalitäten fehlen, könnte man die Entwicklungskosten teilen. Wenn der Partner kein Interesse an einer Weiterentwicklung hat, dann ist das eben so.

Die Verzweiflungstat bei den F127 Schiffen CMS330 mit AEGIS zu verheiraten, weil AEGIS das einzige FüWES zur TBM-Abwehr ist und CMS330 ITAR-frei, und jedes Quartal mehr und mehr Radaranlagen für das Schiff zu fordern, weil alle irgendwie nützlich sind, ist die gelebte Komplexitätsfalle.

Die deutsche Marine ist kein Faktor, der große Ausgaben rechtfertigt. Wenn Deutschland durch NATO-Planungsziele eine schiffsbasierte TBM-Abwehr reingedrückt bekommt, die Marine-Nationen Frankreich, Großbritannien und Italien aber nicht, und diese Nationen auch nicht über diese Fähigkeit verfügen werden, heißt es lesen, lachen, lochen.

Am Beispiel der Schiffe: Wenn weitreichende Flugabwehr gefordert ist, sind Aster 30 und SM-2 IIIC die Flugkörper der Wahl. Andere scheiden aus, da nur diese Ziele weiter verfolgen, die unter dem Radarhorizont abtauchen. Wird der Weg der Aster 30 gewählt, ist die Kronos-Radarfamilie von Leonardo die erste Wahl, zusammen mit einem angepassten FüWES der Horizon-Klasse. Wird der Weg der SM-2 IIIC gewählt, bleiben nur AEGIS-Software und Radare. Für beide Fälle können nun Entwürfe über Kosten und Nutzen erstellt werden:

  1. SM-2 IIIC + AN/SPY-6(V)1 + AEGIS
  2. Aster-30 + Kronos + SENIT/SADOC

Dieser normale Weg ist in Deutschland nicht möglich. Im ersten Fall würde, obwohl man bereits RIM-116 RAM verwendet, sofort die Integration des ESSM-Flugkörpers gefordert, da man dort ja Arbeitsanteile habe. Und so dreht sich das Karussell immer weiter. Denn nun wird versucht, auch bei SM-2 und SM-6 Arbeitsanteile zu bekommen, Anpassungen des CMS330 an AEGIS usw. usf.

Die Abhängigkeit der deutschen Marine von US-Waffen ergab in einem heißen Kalten Krieg Sinn, als Konvois über den Atlantik eskortiert werden mussten, und die Magazine in US-Häfen wieder aufgefüllt worden wären. Heute wäre es wesentlich sinnvoller europäische Produkte zu kaufen, um Skaleneffekte im eigenen Wirtschaftsraum zu nutzen.

§ 1.8 Strategische Sinnlosigkeit

Ein wesentliches Merkmal deutscher Rüstungsbeschaffungen ist ihre meist strategische Irrelevanz, als Ausgeburt einer fehlenden Strategischen Kultur.

Andere Länder beschaffen Schiffe mit Marschflugkörpern mit über 1800 km Reichweite und machen damit Politik. Deutschland beschafft 13 verschiedene 4×4 Fahrzeuge mit verschiedenen Rüstsätzen, um 100 irrelevante Fähigkeitsritzen abzudecken.

Andere Länder kaufen strategische Transportflugzeuge, die 70 Tonnen über 3000 km transportieren können, und machen damit Politik. Die Bundeswehr freut sich darüber, die besten ABC-Truppen der NATO zu haben.

Andere Länder haben Munition für 30 Monate hochintensives Gefecht, und machen mit dieser Drohkulisse Politik. Deutschland beschafft die 22. Handfeuerwaffe mit 10 verschiedenen Visieren und Griffstücken für die Bundeswehr, weil wieder eine Fähigkeitsritze beim BAAINBw angemeldet wurde.

Andere Länder unterhalten Militärbasen im Ausland, die als Sprungbrett und Drehscheibe für Einsätze dienen. Die Bundeswehr unterhält Schiffe mit 7200t Verdrängung die praktisch wehrlos sind.

Die britischen Militärbasen in Kanada, Belize, Falklands, Gibraltar, Zypern, Oman, Singapur u.v.m decken Meerengen ab, und haben damit strategische Relevanz. 90% des internationalen Warenverkehrs geht über Seewege. Wenn sich Großbritannien nicht kampflos aus der Weltgeschichte verabschieden möchte, kann das Königreich den kompletten Welthandel durch Seeminen lahmlegen. [Wikimedia]

Andere Länder unterhalten Bomberstaffeln oder tausende von Drohnen, Marschflugkörpern und ballistischen Raketen, um Rüstungsbasis und Industrie tief im Hinterland empfindliche Schläge versetzen zu können. In Deutschland kann man froh sein, wenn Munition bis nach Minsk kommt.

Streitkräfte sollten ein politisches Instrument und eine Versicherung sein, und keine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Warum über 50 Milliarden pro Jahr für die Bundeswehr bezahlen, wenn der Politik keine Handlungsoptionen geboten werden? Die britischen und französischen Streitkräfte kosten etwa dasselbe, bieten der Politik aber Optionen:

  • Weite Teile der Welt können durch die schiffsgestützten Marschflugkörper Tomahawk und MdCN abgedeckt werden. 
  • Weite Teile der Welt können von den britischen und französischen Luftwaffen dank Auslandsbasen innerhalb von 48 Stunden bombardiert, oder zur Luftaufklärung überflogen werden. Mit mehr Vorlauf können Flugzeugträger als mobile Auslandsbasen die Abdeckung verbessern.
  • Atom-U-Boote ermöglichen das weltweite Beschatten von verdächtigen Frachtern. Oder das weltweite Versenken von Schiffen. Oder das verdeckte Absetzen von Kampfschwimmern und Minentauchern an interessanten Orten.
  • Durch Transportflugzeuge und Auslandsbasen können Menschen und Material zu fast jedem Punkt des Globus in wenigen Stunden transportiert werden.
  • Durch Auslandsbasen in der Nähe von neuralgischen Punkten können diese politischen Interessensgebiete bearbeitet werden: Spezialkräfte für Aufklärung, Geiselbefreiung, Sabotage, gezielte Tötung und Boarding. Humanitäre Missionen mit Hilfsgütern und Sanitätern. Aufklärung und Präsenz, um das Kalkül von Kontrahenten in der Region zu ändern u.v.m.
  • Eine Option ist ein Atomschlag gegen ganze Länder, und damit ein nuklearer Schutzschirm für Verbündete.
  • Umfassende Satellitenaufklärung für politische und militärische Entscheider und Verbündete.
  • Weltweites Abhören von Internet und elektromagnetischem Spektrum durch ECHELON der Five Eyes, oder Frenchelon und Emeraude. Die französische Firma Thales ist der weltgrößte Hersteller von SIM-Karten. Diese Informationen bieten Politik, Militär und Verbündeten einen Mehrwert. 
  • Usw. usf.

Allein die Fähigkeit, Flugkörper mit über 1000 km Reichweite verschießen zu können, hat die Bedeutung der Marine gegenüber früher verzigfacht, als Schiffe nur in küstennähe wirken konnten.

Das deutsche Heer unterteilt die Kräfte in schwere, mittlere und leichte. Leichte können durch die Luft ins Gefecht verlegt werden, mittlere auf eigener Achse in den Krieg ziehen, und schwere Kräfte sind auf Bahn und Tieflader zur Verlegung angewiesen.

Nun ist der Schützenpanzer Puma für die schweren Kräfte vorgesehen, um das Gefecht gemeinsam mit Kampfpanzern zu führen. Trotzdem wurde verlangt, dass der Puma in einem taktischen Transportflugzeug A400M verladen werden kann. Warum ein Fahrzeug, das qua Design den schweren Kräften zugehörig ist, in einem taktischen Flugzeug verlegt werden muss, das eigentlich nur mittlere und leichte Kräfte verlegt, ist ein strategisches Rätsel, an denen die Bundeswehr reich ist.

Schwere Kräfte erfordern immer einen strategischen Transport, also Bahn, Tieflader, Schiff oder strategische Transportflugzeuge wie C-17. Umgekehrt ist bei der Bundeswehr nicht vorgesehen, dass alle Fahrzeuge der mittleren Kräfte im A400M luftverlegt werden können. Die mittleren Kräfte der USA, die Stryker-Brigaden, können hingegen durch das taktische Transportflugzeug der USA, die C-130J, verlegt werden.

Auch die Phrase „wir sind auf den Welthandel angewiesen, deshalb deutsche Marine“ vernebelt nur die Debatte. Wenn es die Rolle der deutschen Marine wäre für sichere Handelswege zu sorgen, benötigt Deutschland Atom-U-Boote, eine Kreuzerflotte und jeweils eine Marinebasis mit Trockendock und Magazin im Mittelmeer und Südostasien. Wenn Seewege auch gegen Widerstand offen gehalten werden sollen, braucht Europa eine Invasionsfähigkeit um den Suezkanal zu erobern. Gerade bei der deutschen Marine ist die strategische Sinnlosigkeit am offensichtlichsten. Beschafft wird das, was man schon immer hatte, was gerade wichtigmacht, oder was man durch NATO-Planungsziele reingedrückt bekommt.

Das gleiche gilt auch für die Rolle, in der sich die Bundeswehr am liebsten sieht: Landmacht mit Blick nach Osten. Würde diese Rolle den strategischen Fokus bekommen, müssten Gebirgsjäger, Seebataillon, Marine, Luftlandekräfte und UN-Missionen weg. Mehr Divisionen schwere Kräfte wären notwendig, mit Stützpunkten direkt an der Ostflanke der NATO. Analog zur Multi-Domain Task Force (MDTF) der US Army müssten Bataillone für Strategisches Feuer aufgestellt werden, welche die Divisionen unterstützen. Die Luftwaffe würde eine Staffel B-21 Raider Tarnkappenbomber benötigen, massig SEAD/DEAD-Fähigkeit und eine tief gestaffelte Flugabwehr. Dazu eine große Zahl an Aufklärungssatelliten in allen Spektren mit Intersatellitenlink und KI-Auswertung, um gegnerische Bewegungen am Boden quasi in Echtzeit vom Weltraum aus verfolgen zu können.

Das Strategic Long-Range Fires Bataillon verschießt neben dem Tomahawk- Marschflugkörper auch SM-6 gegen Punktziele an Land und auf See. [US Army]

Dass die Bundeswehr sich rühmt gefragte Gebirgsjäger, Maultiere, amphibische Fähigkeiten des Seebataillons, die beste ABC-Schutztruppe der NATO, moderne Minenabwehrfahrzeuge, Spezialpioniere für Pipelines und andere Gedönsfähigkeiten zu besitzen ist ein wesentlicher Grund, warum die Bundeswehr mit vergleichbarem Geld weniger politisch relevante Fähigkeiten vorhalten kann als Frankreich oder Großbritannien. In Ländern wie USA, Frankreich oder Großbritannien sind diese Gedönsfähigkeiten entweder nicht vorhanden oder Schrott.

Die Minenabwehrfahrzeuge der US Navy sind Schrott. Großbritannien hat keine nennenswerte bodengebundene Luftverteidigung, und die Schiffe, die dazu in der Lage wären, sind zu gering an Zahl und Magazintiefe. In Frankreich, USA und anderen Ländern interessiert sich niemand für die ABC-Schutztruppe. Das sind STAN-Posten, die nicht dafür gedacht sind, jemals eingesetzt zu werden.

Diese Länder haben eine strategische Klarheit, was sie von ihren Streitkräften erwarten, und vor allem, was nicht. Was leistet man selbst, was wird von Verbündeten beigesteuert, auf welche Fähigkeit wird verzichtet? Wenn die US Navy Minenabwehrfahrzeuge benötigt, werden sich genug Verbündete finden, die ihr Geld in politisch irrelevante Gedönsfähigkeiten investiert haben, und die Hilfsjobs ausführen können. Die US Navy beschafft nur Gerät mit viel weitreichender Feuerkraft für das Powerplay.

Ein guter Gradmesser für die strategische Relevanz ist das Geschrei von Russlandverstehern und Friedensfreunden. Der Russe setzt auf menschliche Wellen, deshalb sind Schützenabwehrminen besonders empörend. Der Russe setzt auf Panzermassen, deshalb ist Uranmunition menschenverachtend. Auch möchte der Russe gerne Krieg führen ohne davon tangiert zu sein. Deshalb ist die Beschaffung von weitreichendem Präzisionsfeuer ganz besonders schrecklich und eskalativ. Und weil der Russe einmal pro Woche mit dem Atomschlag droht falls er seinen Willen nicht bekommt, sind deutsche Kernwaffen ganz besonders übel.

§ 1.9 Der linke Kampf gegen Rüstungsindustrie und Bundeswehr

Konflikte entstehen aus einer aufgeklärten, bürgerlichen, kapitalistischen Perspektive, weil Autonomiesphären verletzt wurden. Konflikte entstehen aus einer unaufgeklärten, kollektivistischen, sozialistischen Perspektive, weil Harmoniebedürfnisse missachtet werden.

Entsprechend neigen Linke stets dazu, Verständnis für die Forderungen eines Aggressors zu zeigen, um wieder Harmonie herzustellen. Das lässt sich an den Beispielen Islamterrorismus, Iran, China, Palästinenser und Sowjetunion/Russland gut beobachten. Andere Linke, die die Existenz von Feinden anerkennen, werden deshalb einen Nazivergleich oder Faschismusvorwurf einsetzen. Denn ist der andere erstmal als rechts, Nazi oder Faschist einsortiert, wird keine Harmonie mit ihm angestrebt. Er ist dann als feindliches Rudel markiert, und zum Abschuss freigegeben.

Man erinnere sich an den Auschwitz-Vergleich von Joschka Fischer (Grüne) auf dem Parteitag, als es um den Kosovo-Krieg ging, und Serbien als Feind markiert werden solle. Oder ein Jahr vor dem Irakkrieg der Bush-Hitler-Vergleich von Däubler-Gmelin (SPD), als mangelnde Zugeständnisse des Irak als Faktor ausgeblendet werden mussten. Nach der Vollinvasion Russlands in die Ukraine wurde Russland mit dem Dritten Reich gleichgesetzt, um die linke Harmoniesucht auszubremsen. Da Linke über Assoziationsketten denken statt über Kausalketten mag das ein probates Mittel sein, diese Leute auf Spur zu bringen; gesellschaftlich dysfunktional ist es trotzdem.

Claudia Roth (Grüne) beim High-Five mit dem iranischen Botschafter auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2013. USA und Israel sind das gemeinsame Feindbild.

Diese Harmoniesucht wurde durch 50 Jahre Friedenspropaganda, Russlandversteherei und Pazifismus von SPD und Grünen systematisch aufgebaut, und durch die linksgrün dominierte Medienlandschaft in die Köpfe der Menschen gepackt.

Auf dem Höhepunkt der pazifistischen Verblödung wurde vom BAAINBw die Anforderung gestellt, Wasserkanonen zur Bootsabwehr auf der F125-Fregatte zu installieren. Was wiederum auf §1.2 fehlendes Forderungscontrolling einzahlt, weil die Bundeswehr wie in §1.6 geschildert Goldrandlösungen sucht, nur leider für Fähigkeitsritzen §1.5. Wenn dann noch §1.4 dazu kommt, die Ahnungslosigkeit, was ein System leisten muss, hat man eine F125. Die dann §1.8 strategisch vollkommen nutzlos ist. Aber die deutsche Werftenindustrie wurde damit quersubventioniert §1.1, womit das Schiff zumindest für die SPD ein Erfolg war. Für den Steuerzahler eher weniger, weil dann §1.10 teure Nachrüstungen erforderlich sind.

Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) bezeichnete den 2012 „gewählten“ russischen Diktator Wladimir Putin als lupenreinen Demokraten. Beide vereint eine Biografie im hart linken Spektrum. 

Nun werden auch die Führungsspitzen dieser Parteien mit der Realität konfrontiert, wenn sie in Regierungsverantwortung kommen: Wer alle seine Schwerter zu Pflugscharen schmiedet, pflügt am Ende die Felder derjenigen, die ihre Schwerter behalten haben. Bei Kosovokrieg, Afghanistaneinsatz und Ukrainekrieg ist die konkrete Politik dann stets das Gegenteil dessen, was man dem Fußvolk als moralische Gewissheit verkauft. Auch demonstriert man rituell gegen die Rüstungsindustrie, gibt ihr aber trotzdem Aufträge. Diese Schizophrenie führt dazu, dass die wahren Gläubigen zu der Überzeugung gelangen, dass die USA, die NATO, der Lobbyismus, das Patriarchat, der Kapitalismus usw. so mächtig sei, dass man noch radikalere Forderungen vertreten müsse. Da dies auch auf anderen Politikfeldern so abläuft, siehe Agenda 2010, kippen die Aktivisten immer weiter nach links, was die Gesellschaft immer dysfunktionaler werden lässt.

Das linksbesetzte Staatsfernsehen sendete Lügen über die NATO-Kontrolle der deutschen Presse, Nazis die in der Ukraine Russen unterdrücken, die NATO-Osterweiterung welche die Harmonie der Wiedervereinigung verletzt habe, die Nutzlosigkeit des Luftverteidigungssystems MEADS, die Schlechtigkeit der Außenpolitik der USA usw. usf. Kaum drehte sich der politische Wind im ÖRR, war die Ukraine ein musterdemokratischer Opferstaat dem gegen die Russen beigestanden werden muss. Die deutsche Staatspresse war die Glaubwürdigste, und alles andere Hass und Fake News, die von Russentrollen verbreitet werden, und von Faktencheckern eingedämmt werden müssen.

Öffentlich-Rechtliches beim Lügen über NATO, USA, Russland und die deutsche Presse. Man beachte das subtile Framing mit dem „arisch“ im Hintergrund.

Wer linkstypisch die Wahrheit mit Füßen tritt, weil postmodern alles als Machtausübung interpretiert wird, braucht sich nicht wundern, wenn die Zuschauer das internalisieren. Dann gibt es irgendwann keine Wahrheit mehr, sondern nur noch Narrative mit Tätern und Opfern.

Die jahrelang durch die Massenmedien auf Links, Harmonie und Verständnis für alles Fremde gehirngewaschenen Leute gründen dann YouTube-Kanäle und Internetforen, wo die Sektenrealität eines friedenswilligen Russlands, eines Islams/Irans im Notwehrmodus, Chinas Demütigungen und Kindheitstraumata usw. usf. wortreich beklagt werden. Mit diesen Leuten darf dann keine Harmonie angestrebt werden, weil sie sind Schwurbler und rechts. Das ergibt zwar keinen Sinn, weil Russlandversteherei eine Spezialität von SPD und grüner Friedensbewegung war, Waffenlieferungen in Kriegsgebiete von Grün und Rot moralisch verteufelt wurden, Rüstungsindustrie, Waffen und Bundeswehr vom Öffentlich-Rechtlichen jahrelang als böse, rechts und überflüssig dargestellt wurden, und Impfkritik eine Domäne von grünen Esoterikern ist.

Man bekämpft die Ansichten als problematisch, die man selbst 50 Jahre lang in die Gesellschaft getragen hat. Je linker eine Gesellschaft, desto dysfunktionaler ist sie auch.

Ein weiteres Problem ist die linksgrüne Übergriffigkeit in private Entscheidungen. Nach linker Vorstellung ist der Staat kein Dienstleister am Bürger, sondern ein Umerziehungsinstrument, um eine bessere Welt zu schaffen. Entsprechend dem Zeitgeist wird versucht, alle Firmen auf das grüne ESG-Dogma einzuschwören. Mit dem Ergebnis, dass EU-Rüstungsbetriebe nur noch zu schlechten Konditionen an Kapital gelangen. Anstatt gegen das grüne Dogma aufzustehen, begründet die Rüstungsindustrie wortreich, warum man selbst „nachhaltig“ sei, oder dadurch erst „Nachhaltigkeit“ möglich sei. Oder bettelt gleich um deutsche oder europäische Staatsgelder, oder buhlt um arabische Investoren, die bei Grün nur an die Lieblingsfarbe des Propheten denken.

Typisch für die deutsche Industrie stärkt man damit den linksgrünen Frame und biedert sich dem Sozialismus und Ausland an, anstatt linke Politik als das zu bezeichnen, was sie ist: Mit der Realität und dem Wettbewerb nicht vereinbar. Je linker der Staat, desto dysfunktionaler das Staatswesen.

50% der linken Politik besteht darin, die Schäden zu mitigieren, die die anderen 50% verursacht haben. Wäre es dann nicht besser, es gleich zu lassen?

Seit der russische Imperialismus nicht mehr auf dem Kommunismus-Ticket fährt, sondern mit dem Staats- und Gesellschaftsbild des Zarenreiches, gibt es auch rechte Russlandversteher. Die Russenpropaganda für diese Kreise betont passend zum Denkschema eine Verletzung von Autonomiesphären. Themen wie NATO-Erweiterung in eine russische Einflusssphäre, westliche NGOs in Russland, russische Sprache in der Ukraine, Autonomiewünsche von Donbass-Bewohnern, USA als Besatzungsmacht in Deutschland, Zwangsimpfung usw. stehen hier im Vordergrund.

Der Nachteil von rechter Propaganda für einen Aggressor ist, dass er damit keine Schwächung des Gegners erreicht, höchstens Zugeständnisse. Rechtsparteien haben zwar eine Schwäche für Putin, aber sehen auch den Zustand der Bundeswehr als ausbaufähig an, und haben keine Probleme mit der Rüstungsindustrie und Rüstungsforschung. Das unterscheidet sie von Linksparteien, die sich typisch links gegen Bundeswehr, Rüstungsindustrie und Rüstungsforschung stellen, als Gleitcreme für sowjetische Panzerspitzen.

Da Linksgrüne in Sicherheitsbehörden unterrepräsentiert sind, außer in der politisch besetzten Führungsetage, erhöht diese auf das Bürgertum abzielende Autonomiesphären-Propaganda die Spionagegefahr. Das dürfte die einzige Konsequenz auf die Beschaffungen der Bundeswehr sein.

Unterm Strich ist Harmonie-Propaganda und progressive Politik wesentlich schädlicher für die nationale Sicherheit, da Verfassungsorgane wie die Bundeswehr angegriffen werden, die wiederum auf die Rüstungsindustrie angewiesen ist, die wiederum an der Rüstungsforschung hängt. Auch sind linke Narrative mit anti-weißer, anti-westlicher Stoßrichtung nicht hilfreich, die Wehrbereitschaft zu erhöhen. Inzwischen gibt es aber auch zunehmend rechte Narrative mit anti-westlicher Stoßrichtung, die auf spätrömische Zerfallserscheinungen abzielen.

§ 1.10 Ziehharmonikaeffekt

Typisch für Deutschland ist das Fehlen einer Gesamtstrategie und Sicherheitspolitik. Medien, NGOs und Politik alimentieren lieber kurzlebige Zeitgeistthemen. Das führt dazu, dass Probleme der nationalen Sicherheit nur dann angegangen werden, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist.

Ist die Bedrohungslage gering, werden Bundeswehr und Rüstungsbasis durch mangelnde Aufträge und Investments geschrumpft. Exporte werden ebenfalls verweigert oder erschwert, um sich moralisch aufzuplustern, was das Problem akuter werden lässt.

Tritt dann ein sicherheitspolitisches Problem auf, muss die Bundeswehr möglichst schnell ertüchtigt werden. Nun hat man ein Problem: Alles, was die eigene Industrie produzieren könnte, hat keine aktive Fertigungsstraße mehr. Ferner sind viele Bauteile obsolet und werden von Zulieferern nicht mehr produziert.

Um die akute Not zu stillen, werden Waffensysteme aus Ländern gekauft, die eine stets laufende Fertigungsstraße für moderne Waffensysteme haben, also Israel, Südkorea und USA. Damit steigt die Abhängigkeit zu diesen Spielern an, und die eigene Rüstungsbasis verkommt immer weiter. 

Deshalb werden Übergangslösungen von Militär und Politik gefordert, bis eine europäische oder deutsche Lösung verfügbar ist. Damit zahlt der Steuerzahler doppelt: Einmal für die Beschaffung einer ausländischen Übergangslösung, und die Beschaffung des eigenen Systems.

Da Waffensysteme 30 Jahre im Dienst sind kann davon ausgegangen werden, dass nachdem der Zyklus Panik-Übergangslösung-Eigenentwicklung vorbei ist, sich die Sicherheitslage wieder entspannt, und Bundeswehr und Rüstungsbasis durch mangelnde Aufträge und Investments wieder in die Schrumpfung geschickt werden. Bis der nächste Krieg ausbricht, und der Zyklus von vorne beginnt.

Das Ergebnis ist, dass durch die doppelten Investments mit dem verfügbaren Steuergeld wesentlich weniger erreicht werden kann. Ferner steigen im Kriegsfall durch Angebot und Nachfrage die Preise von Rüstungsgütern an, was die Effizienz der eingesetzten Gelder weiter mindert.

Durch diese Kurzsichtigkeit schafft es Europa auch nicht, von den USA unabhängiger zu werden. Denn in dem Moment, wo es unsicher wird, sind Rüstungsexporte und Sicherheitsgarantien der USA besonders wichtig, weil die eigene Rüstungsbasis und das eigene Militär am Boden liegen.

Israel und Südkorea sind Positivbeispiele, wo durch stete Beschaffungen und kluge Exporte eine kontinuierlich laufende Fertigungsstraße für moderne Waffensysteme etabliert wurde. Die Systeme werden dabei laufend verbessert, um neue Kunden zu gewinnen und Obsoleszenzen zu beseitigen. Steigt der Bedarf im Kriege, kann die laufende Produktionsstraße einfach skaliert werden.

Ferner sollte darüber nachgedacht werden, antizyklisch zu kaufen. Im Rahmen von Konjunkturpaketen sollten gewohnheitsmäßig heimische Rüstungsgüter gekauft werden, auch wenn die Gelder erst in den nächsten Jahren peu à peu abfließen werden. Auch muss mehr Rüstungsexport möglich sein.

Italien hat trotz engem Wehretat eine sehr leistungsfähige Rüstungsindustrie. Das Land schafft es vorbildlich, seine Marine und Marinerüstung als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme und Exportvehikel einzusetzen. Die italienische Marine kann dadurch trotz engem Wehretat ihre strategische Rolle erfüllen und ist sehr modern gerüstet.

§ 1.11 Europäischer Minderwertigkeitskomplex

Beliebt ist das Nachplappern russischer Propaganda, wonach ein Krieg gegen Russland militärisch nicht gewonnen werden könnte. Ein alternatives Märchen wird von den Atlantikbrückenpfeilern erzählt, oder von Befürwortern einer stärkeren europäischen Zentralisierung: Es lautet, dass der Schutz Europas vor Russland soundso viel Fantastilliarden Euro kosten würde und erst in 25 Jahren zur Verfügung steht, oder das Russland Europa totrüsten würde.  

Ziel dieser Lach- und Sachgeschichten ist, dass Europa, und besonders einzelne europäische Länder, und besonders Deutschland wehrlos bleiben. Beides ist im Interesse der anderen Spieler: Ein militärisch schwaches Europa bietet Gelegenheit für russische Expansionsbestrebungen, während den USA damit Einfluss in europäischen Sicherheitsfragen gegeben wird. Gleichzeitig brauchen EU-Zentralisten Gründe, warum mehr Geld und Entscheidungsmacht nach Brüssel wandern sollte.

Ein Blick auf die Statistik zeigt aber, dass die Nachkriegsordnung vorbei ist: Europa war zerbombt und ausgelaugt, die Volkwirtschaften der Randmächte USA und Russländische Sowjetrepublik kaum betroffen. 1960 hatte Russland 120 Millionen Einwohner (Sowjetunion über 200 Mio.), die USA hatten 160 Millionen. Das BIP von UdSSR und USA war etwa gleich. Beide dominierten einen Halbkontinent, der über 370 Millionen Einwohner besaß und 50 Jahre zuvor noch die Welt beherrschte. Die USA benötigten gegen die stärkere Sowjetmacht Verbündete, was zum Marshallplan und 1949 zur NATO führte. Die Sowjetunion zog 1955 mit dem Warschauer Pakt nach.

2025 hat Europa 500 Millionen Menschen, die USA 330 Millionen, und Russland 140 Millionen. Die USA verdoppelten ihre Bevölkerung in nur 60 Jahren, in Europa stieg sie um über 30%. Im Kreml-Staat blieb die Bevölkerung zur gleichen Zeit etwa konstant. Entsprechend spielt die Kremlpropaganda die Klaviatur der Überbevölkerung (links) und Zuwanderungskritik (rechts).

Inzwischen hat sich Europa wirtschaftlich und technologisch erholt. Nach dem Fall der Mauer kam diese Erholung auch in Osteuropa an und ist noch nicht abgeschlossen.

BIP-Verteilung der Welt 2012. Der ganze Sinn von Einflussoperationen diverser Spieler besteht darin, Europa, Japan und Südkorea rauszuhalten, sodass nur Nordamerika ein geopolitischer Faktor darstellt. Das ist im Sinne der USA, aber auch im Sinne der Feinde der westlichen Welt. [Researchgate]

Das heutige Russland ist ein Zwerg, ein Obervolta mit Atomraketen; ein Land mit weniger BIP als Spanien, das eine riesige Menge an Waffen und Munition von der Sowjetunion geerbt hat. Dieses Erbe wird im Ukrainekrieg verheizt.

Als Russland 2022 die Vollinvasion in die Ukraine durchzog, hatten die aktiven Truppen knapp 3000 Kampfpanzer, dazu tausende Schützenpanzer und Selbstfahrlafetten. Verglichen mit den kaputtgesparten europäischen Armeen sehr viel, aber vergleichbar mit dem Einsatzwert von Südkorea.

Nach der Invasion wurde vor allem in Polen massiv aufgerüstet. Das Gerät, das heute (2025) bestellt ist und ausgeliefert wird, übertrifft an Einsatzwert den aktiven Bestand Russlands vor der Invasion. Im Prinzip kann Polen im Alleingang die russische Armee aufhalten, wenn es zum Schlagabtausch kommt.

Trotzdem geht das Opfergerede von gut vernetzten Think-Tankern, österreichischen Obersten, deutschen Ex-Generälen und renommierten Journalisten munter weiter.

Gleichzeitig haben die USA ab 2022 gezeigt, dass sie für Verbündete nur das Nötigste tun werden, um eine Niederlage zu verhindern, aber zu wenig, um zu siegen. Die USA werden die ewigen Bremser sein, weil die USA erkennbar nicht bereit sind, Washington DC und New York für ein paar osteuropäische Städte ins nukleare Risiko zu stellen. Der US-amerikanische „nukleare Schutzschirm“ ist genauso ein Bluff wie die wöchentliche russische Drohung mit dem Atomschlag.

Entsprechend ist auch die nukleare Teilhabe mit den USA reine Symbolik. Der „nukleare Schutzschirm“ wird verkauft mit dem Argument, dass die USA im Falle eines Atomschlages einen Gegenschlag ausführen oder erlauben werden. In realiter sieht es so aus, dass die USA mit dem Feind zusammenarbeiten werden, um fast jeden seiner Wünsche zu erfüllen, damit er keine Kernwaffen einsetzt. Die Suezkrise in den 50er Jahren führte dies Großbritannien und Frankreich vor Augen, weswegen Frankreich den Weg eigener Kernwaffen beschritt, um strategische Autonomie zu erlangen. Das Eskalationsmanagement im Ukrainekrieg folgt demselben Drehbuch.

Alle Computerspiele und Filme präsentieren das US-Militär als Retter der Welt. Das dem Durchschnittsamerikaner die Welt schlicht egal ist, überfordert viele.

Die geistige Verwirrung, Russland mit der Sowjetunion oder dem Warschauer Pakt gleichzusetzen, ist bei MAGA-Aktivisten, Oreschnik-Gläubigen, transatlantischen Think-Tankern, österreichischen Obersten und deutschen Ex-Generälen sehr verbreitet. Das führt zu dem eingangs beschriebenen Problem, das nichts passiert. Die Hürde für das Handeln wird so unüberwindbar hoch gesetzt, das Garnichts passiert.

In der Praxis genügt es vollkommen, wenn die Kernstaaten Deutschland, Italien, Frankreich, Großbritannien mindestens 2,5% BIP ins Militär investieren und bereitstehen. Osteuropäische Staaten die sich am Waffengang beteiligen sollten 3-5% BIP ausgeben.

Für Unterstützungseinheiten wie Tanker, Transportflugzeuge, Satelliten, ELINT- und AWACS-Flugzeuge bieten sich Gemeinschaftsnutzungen an. Dies kann entweder…

  • Auf NATO-Ebene wie die AWACS oder die Multinational MRTT Unit
  • Zwischenstaatlich wie die binationale Lufttransportstaffel mit Frankreich 
  • Privat wie die Radarsatelliten von ICEYE

…sein. Es ist weder notwendig, dass die NATO abgelöst wird, noch dass die EU eine Armee bekommt. Es ist auch nicht nötig, dass Länder wie Spanien, Slowenien oder Portugal für Finnland in den Krieg ziehen, um das Kräfteverhältnis zugunsten einer europäischen Streitmacht zu drehen. Die baltischen Staaten haben zusammen mehr Einwohner als Finnland, und die Verteidigung sollte ähnlich effektiv organisiert sein.

Länder, die sich aus welchen Gründen auch immer aus den Kämpfen raushalten möchten, sollten aber zumindest verpflichtet werden, kompatibles Gerät und Munition abzugeben. Dies geht durch Artikel 42 Absatz 7 EU-Vertrag bereits hervor, wenn man diese Interpretation zulässt. 3 Millionen Schuss 155-mm-Munition vorzuhalten ist auch ein relevanter Beitrag zur europäischen Verteidigung.

§ 1.12 Fremdlegitimation statt Souveränität

Die Generation der heute über 50-Jährigen ist in einer psychischen Erbschaft aufgewachsen, die von Kriegstrauma, Schuldgefühlen und fehlender familiärer Triangulation geprägt ist. Der emotionale oder reale Verlust der Väter schuf ein Vakuum, das vielfach durch äußere Autoritäten gefüllt wurde.

Diese Ersatz-Triangulation der “Wiedergutmacher” (Raymond Unger) wirkt bis heute nach. Die Angst vor Liebesentzug durch den großen Bruder USA, China oder Russland führt zu einer hündischen Loyalität, moralischer Überanpassung und ständiger Sehnsucht nach Anerkennung. Glücklicherweise wird diese Generation bald abtreten. Die Schäden bei politischen und militärischen Entscheidungen werden aber noch Jahre zu tragen sein.

Diese Ersatz-Triangulation ist leider auch im Militär anzutreffen. Zum Beispiel sagte ein führender General: “Man werde zwar mehr europäische Lösungen nutzen, allerdings sei im Augenblick ohne Link 16, IFF Mode 5 oder dem standardisierten Datenfluss die NATO nicht zur verbundenen Luftkriegsführung in der Lage. Und die Standards dafür würden von den USA gesetzt.” Nur weil Dinge in den USA entwickelt werden, bevor sie NATO-standardisiert werden, heißt das nichts. Auch europäische Hersteller halten sich an diese Standards, dafür werden sie ja gesetzt.

Wenn führende Militärs ihre US-Ersatz-Triangulation ausleben, kann das auch nur so lange gut gehen, wie deutsche und amerikanische Interessen harmonieren. Sobald diese divergieren, kommt es zum Derailment. Und wenn führende Politiker ihre UdSSR-Ersatz-Triangulation ausleben, sind die Kapitulation vor dem Feind und das Datenleck nach Moskau gesichert. 

Typisch für die Generation der über 50-Jährigen ist die Abwertung des Eigenen: Es entstand ein ständiger Schuld- und Wiedergutmacherreflex. Das Eigene gilt als moralisch schuldig, fragil und kurz vor dem Zusammenbruch — Überall Nazis, Klima-Kollaps, Atomtod, Weltsystemcrash, ökologisches Hiroshima, usw.

Deshalb werden autoritäre Führungsfiguren, Diktaturen und Religionen romantisiert — früher Kuba und andere Revolutionsmythen, heute Russland und China, oder irgendwelche Halbwilden in Dreckslöchern. Dort regieren angeblich Genies, die 4D-Schach spielen. Diese Kulturen sind mysteriös, tiefgründig und geheimnisvoll. Typisch für diesen neurotischen Drittweltismus ist der anti-westliche, anti-kapitalistische Reflex, der diese Generation prägt. Deshalb ist jeder formlose Club von Dritte-Welt-Ländern wie BRICS die Zukunft, während jeder ordnungspolitische Zusammenschluss von Rechtsstaaten wie EU und ASEAN der Weg in den Untergang ist.

Auch typisch für ersatz-triangulierte Leute ist, eine Alles-oder-nichts-Mentalität zu zeigen: Dass man in Europa ITAR-frei werden muss wird durch den Strohmann ersetzt, dass alles, was aus den USA kommt, ersetzt werden muss. Entweder Deutschland stößt kein CO2 mehr aus, oder es versündigt sich an der Welt. Entweder Deutschland ist Vorreiter bei der CO2-Vermeidung, oder das System ist zum Abschuss freigegeben. Und wenn die USA als großer Bruder wegfallen, muss Russland oder China der neue Bruder Nummer Eins sein.

Imperiale Eroberungen sind für Maximilian Krah (AfD), der auch gute Kontakte nach China pflegt, eine “Ordnung des Kontinents”. Das entspricht dem chinesischen Denken, wonach Autonomie und Kleinstaaterei als Schwäche und Unordnung interpretiert wird.

Die Durchseuchung aller Seiten der Gesellschaft mit linken Denkfiguren führt dazu, dass die innere Leere durch einen radikalen Sozialkonstruktivismus gefüllt wird, der zur normativen Autorität wird.

Im marxistischen Dummenkult wird die Eigenlogik von sozialen Systemen wie Wirtschaft, Katholizismus, Krieg, Sprache u.v.m. abgelehnt. Stattdessen wird sozialkonstruktivistisch alles auf eine Ebene des Wünschens und der Moral gezogen – wobei die Moral selbst dogmatisch ist, der Wissenschaft und Geschichte nicht zugänglich und nicht hinterfragt werden darf. Dadurch verständnislos gegenüber dem Lauf der Welt und somit unfähig in ihr rational zu handeln, zählt die reine Fantasie des Guten, gepaart mit einer irrationalen Angst vor dem Falschen. Die moralische Überheblichkeit gegenüber allen, die in der realen Welt ihre Existenz bestreiten, gibt es gratis dazu.

Spätestens wenn die Gesellschaft durch innere und äußere Feinde unter Druck gerät, wird klar, auf welch rein symbolischer Ebene ein vermeintlich Gutes konstruiert wird. Wenn man nicht selbst, sondern der Gegner die eigene Existenz bestreitet – Bond: “Erwarten Sie von mir, dass ich rede?” Goldfinger: «Nein, Mister Bond, ich erwarte von Ihnen, dass Sie sterben!” – macht es eben einen Unterschied, ob Integrationsbeauftragte Zeichen mit linken Opfergruppen setzen, oder ob sich breite Bevölkerungsschichten zum Wehrdienst melden.

Zeichnet die Generation 50+ die deutsche Politik, ist der Inhalt meist der Wille der USA, die Interessen Russlands, die Zukunft Chinas, die deutsche Vergangenheit oder die eigene Moralerzählung. Die Babyboomer wirken dabei wie unfähig, eigene Interessen nüchtern zu definieren und analytisch aus einer deutschen und europäischen Perspektive zu denken.

Stattdessen folgt man fremden Vaterfiguren, ob als großer Bruder USA, als romantisiertes Russland, als beliebige Dritte-Welt-Diktatur oder als Flüchtling oder Klima: “Das Klima fordert, dass …” “Die Flüchtlinge brauchen…” “Die Interessen Russlands müssen berücksichtigt werden, wenn..” Was fehlt, ist der stabile innere Kompass, der das Eigene nicht reflexhaft entwertet, sondern selbstbewusst vertritt. 

Es fehlt der Selbstbehauptungswille, was von oberflächlichen Denkern im Netz als mangelnde Maskulinität interpretiert wird. Das eigene Sein, die eigene Gesellschaft und der eigene Staat sollten nicht durch Fremdlegitimation, sondern Souveränität begründet werden. Vom souveränen Individuum (Rand, Davidson, Rees‑Mogg), dass sich freiwillig in eine Gesellschaft begibt die einen Staat begründet (Rousseau, Locke, Montesquieu), der sich dadurch aus der Souveränität des Staatsvolkes speist. Und nicht daraus, dass der große Bruder, eine feministische Ikone, ein rechter Schriftsteller, der Weltgeist, eine Gruppe Forscher oder irgendein Penner in irgendeinem Drecksloch seine moralische Billigung gibt.

§ 2 Kernpunkte einer Beschaffungsreform

§ 2.1 Primat der Strategie

Deutsche Gedanken zum Krieg basieren immer auf Clausewitz. Dieser beschrieb, das Ziel des Krieges sei die Wehrlosmachung des Gegners, indem seine Kräfte geworfen werden. Das mag eine grobe Vereinfachung von Clausewitz sein; die falsche Vorstellung von Clausewitz vom Krieg führt aber dazu, dass das deutsche Denken um den taktischen Erfolg kreist, weswegen man mit Blitzkrieg und Tiger-Panzern reüssiert. Die strategische Ebene wird ignoriert, weswegen man bei Bündnissen, totalem Uboot-Krieg und Rüstung stets den Kürzeren zieht.

Britische Vordenker wie Julian Corbett oder französische wie Raoul Castex fassten Krieg weiter: Der Staat hat eine Gesamtstrategie, unter die sich Wirtschaftsstrategie, Militärstrategie, Moralstrategie, Politstrategie usw. fügen. Krieg ist in dieser Vorstellung immer total, in dem Sinne, dass alle Teilstrategien zur Gesamtstrategie beitragen müssen. Auch die Militärstrategie fügt sich in dieses Gesamtbild ein.

Krieg dient aus der Perspektive von Corbett und Castex dazu, dem Gegner den Willen zum Widerstand zu nehmen. Folglich sind Seeblockaden, die strategische Bombardierung von Industrie, Infrastruktur und Rüstung, Sanktionen, Medienkampagnen, die Isolation von Bündnispartnern, kulturelle Attraktivität und der Besitz von Kernwaffen wesentlich wichtiger als die Frage, wo die Front verläuft, oder ob man ein Kampfpanzerduell gewinnt.

Grundlagenwerk für die sich einfügende Militärstrategie ist das 1963 erschienene Werk Introduction à la stratégie von General André Beaufre. Beaufre war Chef des Generalstabes im Obersten Hauptquartier der Alliierten Streitkräfte in Europa (SHAPE). Das Buch wurde 1964 von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) als Totale Kriegskunst im Frieden, Einführung in die Strategie ins Deutsche übersetzt und mit einem Geleitwort von Hans Speidel versehen. Speidel war als General der Bundeswehr Oberbefehlshaber der alliierten Landstreitkräfte in Mitteleuropa (COMLANDCENT). Das Nachwort schrieb Liddell Hart, der bekannte britische Militärstratege.

Das von Beaufre darauf aufbauende Werk Dissuasion et stratégie (1964) wurde von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) 1966 als Abschreckung und Strategie ins deutsche Übertragen, und mit einem Vorwort von Wolf Graf von Baudissin versehen. Baudissin war maßgeblich am Aufbau der Bundeswehr beteiligt und unter anderem Abteilungsleiter von Operations and Intelligence im NATO-Hauptquartier. Er war auch einer der konsequentesten Verfechter des NATO-Doppelbeschlusses.

Durch die beteiligten Personen, welche kurz davor oder zeitgleich hohe Ämter in Institutionen bekleideten, haben diese Werke eine gewisse Referenz. Es wäre schön, wenn auch heute noch Politiker, Militärs und Rüstungsbeschaffer diese Werke lesen würden, anstatt sich auf moderne Sozialwissenschaften zu verlassen. Als Grundlagenwerk ist Totale Kriegskunst im Frieden, Einführung in die Strategie so konkret, aber doch so allgemein gehalten, dass alle nach 1963 eingetretenen Aktionen zwischen Staaten in das beschriebene Schema passen.

Zentrale Erkenntnis ist, dass zwischen Spielern mit einer nuklearen Schlagmacht (Force de frappe) kein Krieg mehr im großen Maßstab stattfinden wird. Beaufre schrieb, dass der große Krieg und der echte Frieden gemeinsam untergingen. Das Ergebnis der Abschreckung, die nuklear-strategisch, nuklear-taktisch und konventionell sein muss, ist ein permanenter Schattenkrieg, den Beaufre Friedenskrieg nannte. Denn die Drohung mit einem Atomkrieg verhindert nicht jede Art von militärischer Auseinandersetzung, aber sie setzt einen Schwellenwert, unter dem noch Gewalt angewendet werden kann:

  1. Dies kann entweder als vollendete Tatsache (Fait accompli) geschehen, zusammen mit der Atomschlagdrohung diese Tatsache zu akzeptieren.
  2. Oder durch Zermürbung (Rüstungswettlauf, aktive Maßnahmen, Guerillakrieg, Trollarmee, Sabotage, usw.).
  3. Indem die Auseinandersetzung auf einen Nebenkriegsschauplatz verlagert wird.

Das Ziel ist es nun, Aggressionen so zu führen, dass der Gegner entweder keine Zeit hat angemessen zu reagieren, weil er vor eine vollendete Tatsache gestellt wird, oder nicht angemessen reagieren kann. Also exakt so, wie Russland mit grünen Männchen 2014 die Krim besetzte und einen Zermürbungskrieg gegen NATO und Ukraine führt. Auch die Vollinvasion 2022 war als Fait accompli gegen Kiew geplant.

Entsprechend ist auch das Szenario einer Russland-NATO-Konfrontation, dass grüne Männchen mit einem starken russischen Geschichtsbewusstsein Baumreihen in Finnland oder Dörfer im Baltikum besetzen, Sabotage die Verteidigung schwächt und eine Trollarmee die Gesellschaft überreizt.

Problematisch ist in Deutschland, dass es weder eine Gesamtstrategie gibt noch eine sich darin einfügende Militärstrategie. Militär wird von Politik und Denkfabriken generisch gedacht, wie ein Schieberegler, der von weniger auf mehr gezogen werden kann. Entsprechend ist die Bundeswehr auch eine Bonsai-Version des US-Militärs, und kein doktrinal eigenständiges Werkzeug.

Dazu kommt, dass die Bundeswehr durch NATO-Planungsziele bestimmte Beschaffungen reingedrückt bekommt, ohne dass gefragt wird, ob das Geld für andere Fähigkeiten, die deutschen Interessen eher entsprechen, nicht besser investiert wäre. Deutschland müsste wie Frankreich oder Großbritannien oder Russland zu einer eigenständigen Operationsführung in der Lage sein.

Problematisch ist auch der Parlamentsvorbehalt in Deutschland, der mit den strategischen Realitäten kollidiert. Hier herrscht Nachbesserungsbedarf, besonders bei Nebenkriegsschauplätzen, wenn kein V-Fall vorliegt. Eine Fremdenlegion, welche wesentlich freihändiger eingesetzt werden kann, könnte eine Lösung sein.

Für Frontstaaten wie Polen, welche eine strategische Positionierung vis-à-vis Russland haben, ist eine entsprechende Militärstrategie angemessen. Für Polen ist der Krieg mit Russland ein Vernichtungskrieg. Entsprechend wäre eine polnische Atommacht auch die korrekte strategische Antwort, und eine Rüstung auf die Entscheidungsschlacht à la Clausewitz.

Deutschland befindet sich heute in derselben strategischen Lage wie Frankreich im Kalten Krieg. Eine Rüstung für die Vernichtungsschlacht à la Clausewitz, wie sie für Westdeutschland im Kalten Krieg erfolgte, ergibt keinen Sinn mehr. Selbst wenn man dem Russen unterstellt, er wolle die Sowjetunion wiederherstellen, ergibt eine Vernichtungsschlacht keinen Sinn, da existenzielle deutsche Interessen niemals bedroht sind.

Wenn die Existenz von Ukrainern, Finnen, Balten und Polen bedroht ist, benötigen diese eine souveräne Atomwaffe gegen Russland. Die Polen werden bereit sein, den Schlag zu führen, bevor Warschau fällt. Aber es macht für Großbritannien und Frankreich (und Deutschland) keinen Sinn, wegen Polen strategische Kernwaffen einzusetzen – es ist diese Sinnlosigkeit, welche die Abschreckung zweifeln läßt. Folglich müsste sich Deutschland militärstrategisch anders positionieren:

  • Um ein Fait accompli zu verhindern oder auszuführen, sind schnell verlegefähige Kräfte erforderlich. Dies wird mit mittleren Kräften auf Radpanzern umgesetzt. Schwere Kräfte auf Kette sind eigentlich unnötig, die komplette Divisionsstruktur kann auf Radpanzer umgestellt werden. Die Frage ist eben, ob man jedes Jahr bei Sapad-Übungen eine Division per Bahn ins Baltikum verlegen möchte, oder einfach selbst hinfährt. Wichtig ist, dass mindestens ein kampfbereites Bataillon als grüne Feuerwehr sofort in Bewegung gesetzt werden kann, um grüne Männchen auszulöschen. So könnte stets ein Bataillon mit voller Kampfbeladung in Island, Skandinavien oder Osteuropa unterwegs sein. Mit Radpanzern können auch Nebenkriegsschauplätze besser bearbeitet werden.
  • Um ein Fait accompli auszuführen oder zu verhindern, sind Fallschirmspringer, spezialisierte Kräfte (EGB) und Spezialkräfte (KSK, KSM) politisch wichtige Werkzeuge. Besonders auf Nebenkriegsschauplätzen kann damit gepunktet werden, was eine ausreichende Nachversorgung und strategische Mobilität bedingt. Der A400M ist als taktisches Transportflugzeug mit strategischer Reichweite dafür optimal geeignet. Da die H145M Hubschrauber im A400M transportiert werden können, und beide über Selbstschutzsysteme verfügen, ergibt sich eine optimale Kombination. Die schweren CH-47F Blk. II Transporthubschrauber mit Selbstschutzsystemen und Luftbetankung fügen sich wunderbar in das Bild. 
  • Die nachrichtendienstliche Aufklärung muss verbessert werden, ebenso die Aufklärung durch Satelliten aller Art. Hier besteht erheblicher Handlungsbedarf, auch auf europäischer Ebene.
  • Die Zermürbungstaktik unkonventionelle Kriegsführung sollte intensiver genutzt werden. Der Guerillakrieg erfordert, dass infanteristische Waffen und gepanzerte 4×4 Fahrzeuge in Deutschland ohne ausländische Abhängigkeit gefertigt werden, um diese unter der Hand ohne Blockaden liefern zu können. Dazu sollte das KSK noch Fähigkeiten für unkonventionelle Kriegsführung erlangen. Hier kann man sich von der Struktur des SAS und der Übung Robin Sage der US Special Forces inspirieren lassen. So sollte ein Volksaufstand in Weißrussland schnellstmöglich und reichlich bewaffnet werden. Die Unterstützung von gewalttätigen Tschetschenen in Russland wäre optimal für den Zermürbungskrieg. 
  • Auch der Infokrieg ist zur Zermürbung wichtig. In den Grenzregionen zwischen Russland, Mongolei und China könnte rassistische Gewalt geschürt werden, um einen Keil zwischen China und Russland zu treiben. Das Gefälle an Lebensstandard zwischen Moskau und den Provinzen ist hoch, was Raum für Neider schafft usw. Die so geschaffenen Opfergruppen lassen sich wiederum nachrichtendienstlich anwerben usw. Die Ideen gehen nie aus; man kann sich hier schamlos beim KGB und seinen aktiven Maßnahmen gegen den Westen inspirieren lassen.
  • Auch die Sabotage als Zermürbungstaktik solle intensiver genutzt werden. Im Gegensatz zum Guerillakrieg, der auf Nebenschauplätzen tobt, sollte Sabotage den Gegner direkt treffen. Russland ist arm und korrupt, sodass sich immer willige Menschen finden werden.
  • Für Frankreich, Großbritannien (und Deutschland) ist ein strategischer nuklearer Schlagabtausch wegen baltischen Dörfern inakzeptabel. Die höchste Stufe der Eskalation ist ein taktischer Atomschlag. Folglich müssten die Radpanzer-Divisionen mit taktischen Atomwaffen ausgerüstet werden, welche durch die Raketenwerfer der Division verschossen werden. Diese sollten wie GMLRS oder ATACMS als Pod vorliegen, und gemeinsam mit Frankreich als Teilhabe beschafft werden. Der deutsche Einsatz muss aber ausdrücklich taktisch sein, analog zum Russischen, und nicht wie in der französischen Nukleardoktrin prästrategisch.
  • Polen, Finnland, Ukraine sollten eine eigene Atomwaffe erhalten. Eine Zusammenarbeit mit Schweden böte sich an, unter Rückgriff auf das schwedische Kernwaffenprogramm. Als Trägersystem genügt die ukrainische Hrim-2. Unter der Hand würden Frankreich und Großbritannien mitmischen, um das Blinde-Kuh-Spiel bis zur ersten Zündung abzukürzen. Alternativ könnten diese Länder Kernsprengköpfe samt Zündschlüssel leasen wie ein Auto. Wichtig ist nur, dass die Politik vor Ort auf den Knopf drückt, und die Geberländer während der Leasingdauer keine Befehlsgewalt über die Waffen haben. Die existentiellen Interessen dieser Länder sind eher berührt, was die Abschreckung zum Nachteil Russlands verändert.
  • Der Einsatz von chemischen Waffen in der Vergangenheit hat gezeigt, dass diese nicht durch taktische Kernwaffen beantwortet werden. Es gibt eine Lücke in der Abschreckung zwischen konventionellen Waffen und taktischen Kernwaffen. Dies war bereits im Kalten Krieg bekannt, wo beide Seiten Bestände vorhielten. Folglich sollte die Rohrartillerie auf Brigadeebene flüchtige Kampfstoffe zur Feuerunterstützung verschießen können. Bewährte Lösungen wie Sarin genügen völlig. Die Beschaffung, Wartung und Entsorgung sollte mit anderen Ländern gebündelt werden.

Es bringt nichts, wenn Deutschland 1000 Panzer mit MLC60 beschafft, die erst einen Monat nach Ausbruch der Feindseligkeiten im Osten eintreffen, wenn die Politik vor der russischen Atomschlagdrohung einknickt. Das Geld wäre dann rausgeschmissen. Es ist deshalb wichtig, erst einmal die Militärstrategie abzustecken, bevor dann die Taktik abgeklärt wird, bevor man sich Gedanken um Beschaffung macht.

Die Litauen-Brigade ist der Versuch der Gastgeber, den Deutschen Skin in the Game zu geben, um die schwerfällige, auf die clausewitzsche Vernichtungsschlacht ausgelegte Bundeswehr vor Ort zu halten. Wird der bisherige Ansatz der Beschaffung von schweren Kräften und MGCS weiterverfolgt, müsste diese allerdings zu einer Division aufwachsen.

Die komplette Übernahme der französischen Militärdoktrin wäre für Deutschland unpraktisch. Sie sollte aber die Grundlage sein, mit wesentlichen Modifikationen, wenn komplett auf Radpanzer gewechselt würde. Deutschland würde damit einen wichtigen Schritt vom Sicherheitsimporteur zum Sicherheitsexporteur tun.

Zum Beispiel sollte gegenüber der französischen Doktrin die Feuerunterstützung durch die Rohr- und Raketenartillerie zum entscheidenden Bestandteil aufgewertet werden. Ebenso muss die nukleare Feuerunterstützung durch die Raketenwerfer der Division Teil von Planspielen werden, wobei man sich ausdrücklich den nuklearen taktischen Erstschlag auf eine gegnerische Truppenkonzentration im Angriff vorbehalten sollte.

Ferner ist wichtig, dass die eigenen Kräfte die Luftüberlegenheit haben, und den Gegner 24/7 bombardieren. Da die russische Luftwaffe kein Faktor ist, ist der Schwerpunkt der Beschaffung auf SEAD, DEAD, Jamming, und Gefechtsfeldabriegelung (BI) zu legen. Der Fokus des Heeres sollte auf Überlegenheit in Führung, Flugabwehr, Konterbatteriefeuer, Aufklärung und elektronischem Kampf liegen, um handlungsfähig zu bleiben, während dem Gegner diese Felder verweigert werden.

Das ist nützlich auf dem gläsernen Gefechtsfeld, und auch militärstrategisch relevant. Gleichzeitig fügen sich die eigenen Kräfte dann als perfekte Ergänzung zu den Streitkräften der Frontstaaten, da diese in der Regel nur die Basics beschaffen, aber keine starke Luftmacht mit Eindringfähigkeit, strategisches Feuer, umfassende Satellitenaufklärung oder Fahrzeuge für elektronischen Kampf, SIGINT-Flugzeuge, KI-Führungsunterstützung, ein breites artilleristisches Wirk- und Reichweitenband, große Magazintiefe usw.

Eine Annäherung an die französische Militärdoktrin würde auch mehr Rüstungskooperation mit Frankreich ermöglichen.

§ 2.2 Glaubhafte Abschreckung

Seit Anbeginn der Bundeswehr geht es nur um das Zurückschlagen des Feindes. Welchen Nachteil hat ein Feind, der deutsche Lande oder Leute angreift? Der Gewinn ist, er kann Westdeutschland erobern. Oder das Baltikum. Wenn der Aggressor aber einen möglichen Sieg als Vorteil sieht, der Nachteil aber die Rückkehr zum Status quo ist, fehlt jegliche Abschreckung.

Es ist deshalb irreführend, wenn Militärs, Politiker und Think-Tanker von Abschreckung reden und fordern, man müsse 1000 Flugzeuge oder Panzer mehr kaufen. Abschreckung ist eine strategische Komponente, keine taktische.

Damit reale Abschreckung gewährleistet werden kann, muss das strategische Kalkül des Aggressors geändert werden. Dazu wären für Deutschland nur wenige Anpassungen nötig.

Frankreich und Großbritannien haben je 4 strategische Uboote mit Interkontinentalraketen. Das ist nötig, da im Frieden von 3 Schiffen eines im Einsatz ist, eines in der Werft und eines in der Ausbildung. Das vierte Boot dient als Reserve oder zur Umrüstung, sodass immer ein Uboot auf Patrouille ist. Im Kriegsfall mit Vorbereitung sind von 3 Schiffen zwei im Einsatz, und eines in der Werft.

Die strategische Position Deutschlands ließe sich erheblich verbessern, wenn den Franzosen zwei Atom-U-Boote gesponsort würden, was einmalig 10 Mrd. Euro kosten würde. Wenn die Franzosen sechs statt vier SNLE-3G-Boote kaufen, könnten stets zwei Boote auf Patrouille sein, was die Salvengröße verdoppelt. Von der Redoutable-Klasse hatten die Franzosen bereits sechs Boote in Dienst, sodass die Infrastruktur für sechs strategische Boote vorhanden ist. Deutschland würde Uboote, Interkontinentalraketen und Atomsprengköpfe sponsoren, Frankreich den Betrieb finanzieren. Im Gegenzug müsste sich Frankreich verpflichten, im Falle eines Nuklearschlages gegen Deutschland einen Gegenschlag auszuführen. Da der französische Präsident weiterhin die Kontrolle behält, weiß man nicht genau, ob sich Frankreich im Falle des Falles an die Abmachung hält. Aber es ändert das Kalkül eines Kontrahenten erheblich.

Der nächste Punkt ist die Beschaffung von strategischem Feuer, um Rüstungsbasis, Infrastruktur und Industrie in 2000-3000 km Entfernung zu zerstören. Diese Munition muss massenhaft, zu tausenden verschossen werden, und könnte durch Marschflugkörper oder ballistische Raketen gestellt werden. Mit dem European Long Range Strike Approach (ELSA) existiert bereits ein sinnvoller Rahmen dazu. Wichtig ist eine Schussdistanz von über 2000km, eine hohe Durchsetzungsfähigkeit und eine Beschaffung von mehreren tausend Schuss. Hier wäre eine Zusammenarbeit mit Großbritannien angebracht, um ein paar Flugkörper mit Atomsprengköpfen auszustatten. Das würde die britische Abhängigkeit zu den USA reduzieren, und Deutschland (und Polen) eine nukleare Teilhabe ermöglichen.

Als Ergänzung des landbasierten strategischen Feuers sollte die Luftwaffe ebenfalls eine weitreichende Komponente erhalten. Dazu genügt es, wenn Eurofighter Marschflugkörper oder aeroballistische Raketen mit 1000km Reichweite verschießen können. Die Außenlast muss an die Belastungsgrenze der Hardpoints gehen. Auch hier sind vierstellige Losgrößen erforderlich.

Als Ergänzung müssen kritische Infrastruktur und Rüstungsindustrie des Gegners, aber auch seine Rohstoffförderung in Sibirien durch Sabotagetrupps gehemmt werden. Spezialisten der Rüstungsindustrie, führende Militärs, Politiker, Influencer und Staatspropagandisten müssen gezielt getötet werden.

Importe und Exporte über Häfen im Schwarzen Meer, in der Ostsee, im Kaspischen Meer und der Barentssee (inkl. Weißes Meer) müssen verunmöglicht werden. Es sollte ein totaler Seekrieg gegen alle Schiffe geführt werden, die russische Häfen anlaufen, oder von diesen kommen. Das Verlegen von Seeminen durch Uboote schafft plausible Abstreitbarkeit, wenn das Seerecht Probleme macht.

Russland bildet sich ein, Großmacht zu sein, obwohl es nur Mittelmacht ist. Nimmt man Russland die Instrumente, die es für seine globale Machtprojektion benötigt, schafft man für die Führung im Kreml ein Dilemma.

Die Sewmasch-Werft in Sewerodwinsk ist die einzige russische Werft, die Atom-U-Boote produziert. Wenn diese Werft und ihre Spezialisten durch Flugkörpersalven zerstört werden, und die überlebenden Fachleute durch Jagdkommandos des Bundesnachrichtendienstes liquidiert werden, verliert der Russe die Fähigkeit neue Atom-U-Boote zu bauen und bestehende Boote zu warten. Ob der Verlust dieser Fähigkeit das Baltikum wert ist?

Die russische Bomberflotte ist überaltert. Die Neuproduktion ist anämisch, besteht aus dem technisch abgehängten Sowjetmodel Tu-160 BLACKJACK, und wird langfristig den Bedarf nicht decken. Die Produktion ist im Kasaner Flugzeugwerk konzentriert, 1800 km von Warschau entfernt. Ist der langfristige Verlust einer strategischen Bomberflotte ein Stück von Finnland Wert?

Für Russland ist die Eisenbahn lebensnotwendig, aber gleichzeitig ist die Bahn im ganzen Land auf Kante genäht, weil traditionell jeder Rubel in Feuerkraft investiert wird. Wenn gezielt Jagd auf Lokomotiven gemacht wird, durch Flugkörper und Saboteure, kann Wirtschaft und Militärmaschine empfindlich gestört werden. Die Transsibirische Eisenbahn ist ein Nadelöhr für die Logistik nach Sibirien und Fernost. Was ist, wenn dort alle paar Tage ein Zug entgleist? 

Lohnt es sich Europa zum Feind zu haben, wenn die Infrastruktur der Nordflotte in Seweromorsk 24/7 durch Raketenwerfer aus Finnland behämmert wird, was den Stützpunkt unhaltbar werden lässt? Lohnt sich der Verlust aller Öl- und Gashäfen, und aller Raffinerien, und damit aller Kunden im Ausland, die sich nach neuen Lieferanten umsehen müssen? Was ist mit Russlands Verbündeten im Ausland, wenn russische Seewege blockiert sind? Wie soll eine Kriegswirtschaft funktionieren, wenn alle dazu notwendigen Dinge ständig von Marschflugkörpern oder ballistischen Raketen getroffen werden?

Es sind diese und weitere strategische Dilemmata für den Gegner, welche für Abschreckung sorgen. Und nicht die Frage, wie viele Panzer die Bundeswehr hat, oder was das technische Datenblatt einer Panzerfaust besagt.

Zum strategischen Kalkül gehört auch, dass man nicht einseitig abrüstet. Es gibt keinen Grund auf Streumunition, Antipersonenminen, Uranmunition, Kernwaffen, Giftgas usw. usf. zu verzichten, solange Russland es auch nicht tut. Über was soll man bei Abrüstungsverträgen sonst verhandeln? Das heißt nicht, dass Deutschland diese Waffenkategorien zwingend beschaffen muss. Man sollte sich die Beschaffung aber offenhalten und niemals einseitig auf etwas verzichten, solange es die Gegenseite auch nicht tut.

§ 2.3 Wider die Fähigkeitslücke

Die Jagd nach der Fähigkeitslücke ist die Ursünde deutscher Beschaffungspraxis. Jede Absurdität der letzten 100 Jahre wie 80cm Kanonen, 188t schwere Maus-Panzer, Graf-Zeppelin-Flugzeugträger, Sturmtiger oder andere Merkwürdigkeiten des Ersten und Zweiten Weltkrieges gehen auf diese Praxis zurück. 

Irgendwer beim Militär hatte irgendwo irgendein Problem, und schon war die Fähigkeitslücke da, die durch einen Beschaffungsprozess geschlossen werden musste. Natürlich durch ein technisch hochkomplexes System, schließlich will man als Beamter im Beschaffungsapparat nur das Beste für die Truppe. Auch das Militär welches mit dem Gerät experimentiert hat viele Verbesserungsvorschläge, bevor das System in homöopathischer Stückzahl schließlich eingeführt wird – um für den Lauf des Krieges keine Rolle zu spielen, da Krieg kein Quartettspiel ist. 

Im Paralleluniversum des Beschaffungsbetriebes gilt die kalte Rationalität des deutschen Beamtentums. Wenn Frankreich beim FCAS das Abfluggewicht limitiert um trägertauglich zu sein, und die deutschen Anforderungen nach Reichweite und Waffenlast das Abfluggewicht sprengen, kommen Beamtenseelen tatsächlich zu dem logischen Schluss, dass zwei verschiedene FCAS-Flieger notwendig wären. Was wieder eine Lawine an Studien, Kosten, Projektverzögerungen auslöst.

Keine der Beamtenseelen maßt sich an zu erklären, dass Militär solle gefälligst seine Anforderungen so abstimmen, dass sie mit Frankreich technisch kompatibel sind. Keiner der Militärs wird freiwillig kapitulieren und erklären, die ganzen deutschen Studien zu zukünftigen Kampfflugzeugen und ihren Anforderungen seien zwar schön und gut und teuer gewesen, aber am Ende sei das Ding nun mal ein Trägerflugzeug, das auch von Land eingesetzt werden kann, und die Beschränkungen des Trägerbetriebes hinzunehmen – ohne Extrawurst, Extraflugzeug und Extravariante.

Bei FCAS hätte man von Anfang an hoch und heilig schwören müssen, dass es nur ein Flugzeug in einer Variante gibt. Alle Flieger sind bis auf die letzte Schraube gleich, und der Maßstab der Eckdaten sind die französischen Träger, und der Rest der Kompromiss, der sich daraus ergibt.

Beim Aufklärungslehrbataillon 3 in Lüneburg beschäftigt man sich mit der Frage, ob nicht vielleicht Pferde Vorteile bei der Aufklärung böten? Wie immer hatte irgendjemand eine Idee, alle sind begeistert und testen, was die spezifischen Vor- und Nachteile sind. Kommt der Wasserkopf zu dem Schluss, dass die Vorteile überwiegen, wird ein Beschaffungsvorhaben eingeleitet – ohne auch nur im Ansatz die Implikationen und Kosten auf der Gesamtebene zu überdenken.

Vom Luftbeweglicher Waffenträger sollten allen Ernstes 56 Exemplare mit Maschinenkanone und 24 mit Panzerabwehrlenkwaffen beschafft werden. Welche Beamtenseele und welcher Soldat im Planungsstab kommt auf die Idee, einen Mini-Panzer zu entwickeln und eine Fertigungsstraße aufzubauen, nur um 80 Exemplare zu produzieren? Was ist, wenn diese 80 Fahrzeuge in einem Krieg Stück für Stück verloren gehen? Es gibt dann keine aktive Fertigungsstraße mehr? 

Es fehlt schlicht jedes Verständnis für ökonomische Zusammenhänge. Es wird nicht in Harmonisierung und Skalierung gedacht, sondern wie bei einer Klausuraufgabe, wo die erlernten Vorgaben möglichst perfekt erfüllt werden müssen – auch wenn das Budget daran zugrunde geht. 

Die Leute verstehen nicht, dass man nicht einfach drauflosfordert, sondern erst einmal Betriebsabläufe analysieren, ordnen, segmentieren muss, und dabei gleiche oder ähnliche Abläufe erkennen und vereinheitlichen muss. Das Ziel sollte immer das Heben von Effizienzgewinnen sein, national wie international.

Es wäre sinnvoller statt Fähigkeitslücken zu suchen, und immer fündig zu werden, in Bausteinen zu denken. Was gibt die Militärstrategie vor? Was für technische Bausteine sind dafür erforderlich? Wenn man eine Vorstellung im Kopf hat, wie der Landkampf gefochten werden soll, lässt sich eine solche Liste (grob) erstellen:

  • Feuer
    • Strategisches Feuer
      • 500kg Gefechtskopf mit 3000km Reichweite mit 25m CEP
    • Operationelles Feuer
      • Artillerieflugkörper mit 150km und 10m CEP
      • Selbstzielsuchende Panzerabwehrmunition, 100km Marschflug
      • Wurfminensperre mit 150km Reichweite
      • Usw.
    • Taktisches Feuer
      • 155mm Rohrartillerie mit bis zu 50km Reichweite mit Kurskorrekturzünder
      • Usw.
  • Sensoren
    • Strategische Sensoren
      • Radarsatelliten
      • EO-Satelliten
      • HALE mit Tarnkappe und ELINT-Sensoren
      • Usw.
    • Operationelle Sensoren
      • VTOL UAV mit >10h, >150km und <100kg
      • Usw.
    • Taktische Sensoren
      • VTOL UAV mit >2,5h, >30km und <10kg
      • Usw.
  • Manöver
    • Kampffahrzeug
      • Duellsystem
      • Panzergrenadiersystem
      • Flugabwehrsystem
      • Pioniersystem
      • Usw.
    • Roboterplattform
      • Minenräumer
      • Panzerjäger
      • Usw.
    • Militärlaster
      • Wechsellader
      • Multifunktionsradar
      • Usw.
    • Usw.
  • Usw.

Der Fähigkeitsbaustein zum Beispiel Kampffahrzeug wird dann ausdefiniert, etwa „MLC50 Kettenfahrzeug, aktive Schutzsysteme gegen Drohnen und Flugkörper, idealerweise auch gegen 125mm APFSDS, usw.“. 

Ziel muss immer sein, die Zahl der Munitionssorten und Plattformen so gering wie möglich zu halten, um Effizienzgewinne heben zu können. Das erfordert eine Zentralplanung der Streitkräftebeschaffung, was Aufgabe eines Planungsstabes in Zusammenarbeit mit Generalstab und Rüstungsbeschaffungsbehörde wäre. Der Planungsstab aus Militärs und Technologieexperten benennt die militärischen Bausteine. Da dies mit der Art zu Kämpfen zusammenhängt, ist eine Zusammenarbeit mit dem Generalstab erforderlich, da dieser die Militärstrategie und -doktrin kennt. Die Beschaffungsbehörde ist wiederum notwendig, um konkrete technische Lösungen in Zusammenarbeit mit Industrie und Forschungsinstituten vorzuschlagen.

Das Ergebnis wäre im obigen Beispiel, dass ein Kampffahrzeug alle Fähigkeitsbausteine von Kampfpanzer bis Spähpanzer abdecken sollte, die Teil einer Combat Cloud sind. Wenn der Kompromiss Richtung Kampfpanzer verschoben wird, dann muss der Spähpanzer ein MLC50-Kettenfahrzeug werden. Entsprechend wäre das Fahrzeug auch so einzusetzen, wie die Briten und Franzosen es mit ihren Spähpanzern tun: Als Vorhut und Flankenschutz. Das wiederum muss mit dem Generalstab abgeklärt werden, da dieser die Doktrin schreibt. Oder das Spähfahrzeug wird ausgegliedert, und auf Basis der 4×4 Plattform umgesetzt.

Wenn der Kompromiss Richtung Verlegefähigkeit verschoben wird, wird auch das Fahrzeug mit der großen Flachfeuerwaffe ein MLC30 Radpanzer sein. Entsprechend wäre das Fahrzeug hauptsächlich als Jagdpanzer und Sturmgeschütz einzusetzen. Das wiederum muss mit dem Generalstab abgeklärt werden, da dieser die Doktrin schreibt, und Feuerunterstützung und Artillerievorbereitung damit wichtiger wird. Landet man bei einem MLC30 Radpanzer, müsste die Haubitze auch auf LKW-Basis verwirklicht werden, statt klassisch als Panzerhaubitze mit Kettenfahrgestell.

Resultat des Füllens von Fähigkeitsritzen ist ein breiter Blumenstrauß an Ausrüstung und Fahrzeugtypen unterschiedlicher Hersteller, denen jeglicher logistischer Synergieeffekt abgeht. Entsprechend können auch keine Effizienzgewinne gehoben werden. Damit wird alle Frontfahrzeuge in eine Combat Cloud einzubinden wiederum unsinnig kompliziert und teuer, die Ersatzteile sind divers und diffus, man benötigt zig Lehrgänge für jeden Handgriff da dieser bei jedem Fahrzeug anders ausfällt usw. Alles aus der Struktur heraus, dass man das beschafft, was man schon immer hatte, nur besser.

Wenn die Struktur dann durch einen externen Schock zu Veränderungen gezwungen wird, werden Fähigkeitslücken definiert, welche nach einem Beschaffungsprozess eine separate Lösung ergeben. Das Stichwort Boxer für qualifizierte Fliegerabwehr der VJTF sei hier angebracht, oder die Flut an minengeschützten 4×4 Fahrzeugen.

Da heute in allen Streitkräften der Welt die Taktik die Technik bestimmt, und nicht die Technik die Taktik, ist das Aufblähen der Zahl der Systeme unvermeidlich. Es muss also eine Struktur geschaffen werden, die dem Wildwuchs entgegenarbeitet.

Durch eine Zentralplanung die versucht die Varianz der Systeme so gering wie möglich zu halten, wäre ein Anti-Drohnen-Kit für Kampffahrzeuge, oder eine Verbesserung des Minenschutzes von Fahrzeugen die Lösung gewesen. Wenn eine Anpassung nicht möglich ist, weil ein 4×4 Wolf nicht minensicher gemacht werden kann, dann muss eben die komplette Fahrzeugkategorie, und damit der komplette Fähigkeitsbaustein durch ein Nachfolgemodell ersetzt werden, z.B. Mowag Eagle. Dass dieses Fahrzeug nicht alle Forderungen der Bundeswehr erfüllt, für die 11 verschiedene 4×4 Fahrzeuge beschafft werden müssen, ist klar.

Analog dazu hätte man den Fähigkeitsbaustein Waffenstation durch ein neues Modell mit Anti-UAS-Fähigkeit ersetzen können.

Wenn die Franzosen mit diesen Kompromissbeschaffungen leben können, können die Deutschen es auch. Das würde wie oben erwähnt aber den Verzicht auf technische Details und das Denken in Fähigkeitsbausteinen wie „geschütztes 4×4 Fahrzeug“ und „ungeschütztes 4×4 Fahrzeug“ und “ferngesteuerte Waffenstation” erfordern. Die Details ergeben sich dann als Kompromiss aus der Anwendungsbreite des Systems.

Der Mowag Eagle könnte zusammen mit dem ACS Enok alle Bedarfe für 4×4 Fahrzeuge abdecken. Alle Landsysteme sollten die gleiche ferngesteuerte Waffenstation mit Anti-UAS-Fähigkeit verwenden. [WikiMedia]

Kriege werden entgegen dem deutschen Glauben nicht durch Wunderwaffen gewonnen, sondern durch das Zusammenspiel aller Fähigkeiten. Und das erfordert, dass die Fähigkeiten und ihr Zusammenspiel sauber aus einem Guss geplant sind.

Es wäre nicht zu verantworten, den Steuerzahler für jede Nischenbrigade, Randaufgabe und Speziallösung eine Vollausstattung bezahlen zu lassen. Streitkräfte sind ein politisches Instrument und eine Versicherung, und kein Quartettspiel.

Und im Zweifel ist ein Kompromissfahrzeug mit Reserven, Munitions- und Ersatzteilvorrat für 600 Tage Gefecht sinnvoller als der Wunsch, 17 Fähigkeitsritzen passgenau abzudecken, aber nur noch Masse, Munition und Ersatzteile für 30 Tage Gefecht übrig zu haben.

Selbst wenn man den monetären Aspekt beiseite läßt und in Kategorien des totalen Krieges denkt, ist die Produktionskapazität und Logistik begrenzt. Auch deshalb ergibt eine Rationalisierung Sinn: Wenige Systeme, diese in großer Stückzahl. Die große Stückzahl ermöglicht maschinelle Massenfertigung (Output) und eine breite Zuliefererbasis (Resilienz).

§ 2.4 Gebündelte europäische Beschaffung

Französische Beschaffung hat strategische Autonomie als höchstes Ziel. Das bedeutet, dass alle Komponenten eines Systems und das System selbst aus Frankreich kommen müssen, damit von außen keine Einschränkung auferlegt werden kann. Das kollidiert regelmäßig mit deutschen Vorstellungen, weswegen deutsch-französische Rüstungsbeschaffungen immer sehr nervenaufreibend sind.

Und so schließt man mit Frankreich dann Vereinbarungen, gemeinsam ein Kampfflugzeug und eine Drohne zu entwickeln, bei denen Frankreich die Führung beim Kampfflugzeug und Deutschland die Führung bei der Drohne bekommt. Nur um sich dann zu wundern und bitter enttäuscht zu werden, wenn Frankreich eine französische Drohne in Auftrag gibt, und beim Kampfflugzeug alles selbst machen will.

Deutsche Politiker und Journalisten als dumm, inkompetent und ahnungslos zu bezeichnen ist vermutlich eine Schmeichelei. So könnten französische Beamte den deutschen Partnern vier Stunden lang die französische Beschaffungspraxis der strategischen Autonomie erklären. Die Deutschen würden es nicht verstehen und versuchen, es den Franzosen auszureden.

Nur weil man selbst keine Strategie hat, heißt das nicht, dass andere genauso planlos handeln. Nur weil man selbst alles aus dem Bauch heraus entscheidet, müssen das andere Länder nicht auch so machen. Nur weil man kein Verständnis für Gesamtstrategie hat und alles als momentane Sachzwänge darstellt und entscheidet, werden andere Länder diesem Kindergarten nicht folgen.

Die Unfähigkeit das zu verstehen, führt von Anfang an zu Rüstungskooperationen, die scheitern müssen. Wichtig wäre zu verstehen, was die andere Seite rüstungsstrategisch erwartet, und entsprechend die Lage zu sondieren.

So wäre es sinnvoll, wenn sowohl im Grundgesetz als auch in der französischen Verfassung ein Passus eingefügt würde, der Rüstungsgüter in das jeweils andere Land von der Exportkontrolle freistellt. Ziel sollte sein, dass weder eine französische Rechtsregierung deutsche Waffenexporte mit französischen Komponenten nach Israel, noch eine deutsche Linksregierung französische Waffenexporte mit deutschen Komponenten nach Saudi-Arabien verhindern kann.

Damit könnte die Zuliefererbasis beider Länder auf das jeweils andere erweitert werden, ohne politische Abhängigkeit zu erzeugen. Ferner hätte das den Vorteil, dass die Waffen trotz deutscher bzw. französischer Komponenten souverän wären, was sie bei amerikanischen Komponenten nicht wären. Besonders die deutsche Abhängigkeit von ausländischen Microturbojets wäre durch diesen Passus gelöst, da Safran Microturbo wie ein inländischer Zulieferer behandelt würde. Viele deutsche Baugruppen sind hingegen leistungsfähiger und skalieren besser in der Produktion, was ein Problem der französischen Rüstungsindustrie ist. 

Das deutsche Gegenstück zur französischen Autonomie ist der Arbeitsanteil. Jedes System das Deutschland im Ausland kauft muss zumindest zum Teil im Land produziert werden. Das erhöht die Kosten und verlangsamt die Beschaffung. Das Rational dahinter ist, dass ein Teil der Rüstungsausgaben über Steuern als Kick-Back an den Staat zurückfließt, Wissen transferiert wird und eine Hand voll Arbeitsplätze geschaffen werden.

Was bei Massenverbrauchsgütern wie Munition sicher sinnvoll ist, behindert eine effektive europäische Zusammenarbeit. Statt einfach Systeme beim europäischen Nachbarn zu kaufen, wird eine Lokalisierung verlangt. Kann ein lokaler Arbeitsanteil nicht gesichert werden, wird stattdessen ein US-Produkt gekauft – auch ohne Arbeitsanteil.

Die Eselei lässt sich am Beispiel der Fliegerfaust Stinger gut beschreiben. Statt die genauso gute, und billigere Piorun aus Polen zu kaufen, wird weiterhin Stinger beschafft. Allein die Vorstellung genügt, zusammen mit den Niederlanden eine lokale Fertigungsstraße für Zulieferteile und Endmontage zu erhalten, um ein US-Produkt zu kaufen.

Die Piorun ist mit der Stinger vergleichbar, wird aber in der EU produziert und ist preiswerter. Die Fliegerfäuste können direkt aus Polen geordert werden. [gagadget]

Deutschland zahlte für die Nachbeschaffung der Stinger 830’000 EUR pro System, während zur gleichen Zeit Estland Piorun für 343’000 EUR orderte. Durch eine skalierte Massenproduktion für mehrere europäische Länder läßt sich der Preis sicher noch weiter drücken. Die Debatte, dass Munition zur Abwehr einer Drohne teurer als das Ziel ist, erübrigt sich meist, wenn man Munition aus Osteuropa ordert.

Der Vorteil der EU ist, das Billiglohnländer nicht jenseits der Handelsgrenze liegen, sondern im eigenen Wirtschaftsraum sind. Folglich wäre es sinnvoll, Massenverbrauchsgüter die low-tech oder medium-tech sind, aus Osteuropa zu beschaffen: Munition, Sprengstoffe, Fliegerfäuste, Panzerfäuste, Minen, Mikroturbos, Raketenmotoren usw. usf. Besonders die tschechische PBS Group sollte als Lieferant von Mikroturbos für Marschflugkörper, Loitering Munition und Drohnen angefüttert werden, um das europäische Monopol von Safran zu öffnen.

Die europäische Rüstungszusammenarbeit scheitert bei Frankreich an der strategischen Autonomie. Folglich müssten EU-Zulieferer von Frankreich wie inländische behandelt werden. Die europäische Rüstungszusammenarbeit scheitert bei Deutschland am lokalen Arbeitsanteil. Hier muss eben akzeptiert werden, dass ganze Systeme komplett im EU-Ausland gefertigt werden. Ein Anreiz könnte sein, dass diese peu-à-peu deutsche Zulieferer in ihre Produkte einbinden.

Das Flugabwehrsystem SAMP/T NG wird komplett in der EU gefertigt, und ist mobiler, moderner und bietet im Gegensatz zum PATRIOT-System der USA einen 360°-Schutz. Das System kann direkt von Frankreich oder Italien gekauft werden. [MBDA]

Es ist besser, wenn ein System im EU-Ausland gekauft wird, statt es aus den USA zu ordern. Geld, das im europäischen Wirtschaftsraum verbleibt, fördert den Wohlstand in Deutschland (und der EU), während Geld, das in die USA wandert, nur die dortige Industrie stärkt.

Die US-Industrie ist in vielen Fällen ein Konkurrent zu europäischen Produkten. Länder die westliche Waffen kaufen, werden nicht beim Russen oder Chinesen einkaufen. Es ist strategisch unsinnig, die Konkurrenz mit Geld zu bewerfen, während gleichzeitig versucht wird, das eigene Produkt im Ausland zu platzieren.

§ 2.5 Geistige Autonomie

Das Internet wird dominiert von der Idee, dass politischer Realismus in internationalen Beziehungen das Nonplusultra wäre. Diese Theorie ist seit den 70er Jahren veraltet, weil nachweislich falsch, und wurde durch Strategische Studien und die Analyse der strategischen Kultur ersetzt. Trotzdem ist die Vorstellung des Realismus besonders bei Hobbystrategen im Netz nicht wegzudenken.

Am Ende läuft es darauf hinaus, dass China, USA und Russland nie etwas falsch machen. Diese drei Staaten spielen immer 4D-Schach. Alle anderen Länder müssen sich fügen. Besonders ist alles was die Europäer machen das Ergebnis von Dummheit und Unfähigkeit, auf die man aus der Perspektive dieser drei Länder selbstgefällig und abschätzig herabblickt. Jeder Blödsinn und jede launenhafte Inkompetenz dieser drei Länder muss rationalisiert werden, denn es steht immer ein großer, genialer geostrategischer Plan dahinter – und natürlich die Zukunft von Wirtschaft und Gesellschaft. Dass diese Länder durch ihre Politik am eigenen Ast sägen oder im Niedergang begriffen sind, ist in dieser Theorie unvorstellbar.

Weist man darauf hin, dass Russland ein BIP wie Italien oder Spanien hat, kommt schnell der Einwand, kaufkraftbereinigt sei Russland die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt. Abgesehen davon, dass diese Zahlen auf offiziellen Statistiken beruhen und erlogen sind, wird diese Korrektur nie im Vergleich USA – EU angewendet: Beide liegen gleichauf und schenken sich nichts. Die Volkswirtschaft der USA ist dabei extrem konzentriert: 7 Firmen (Google, Apple, Facebook, Microsoft, Nvidia, Tesla und Amazon) machen über 28% der Marktkapitalisierung aus.

Das überträgt sich auch auf den Militär- und Rüstungsbereich: Die USA werden für den Maßstab der Welt gehalten. Das ist problematisch, weil dort ein militärisch-industrieller-medialer Komplex entstanden ist, der längst ein Eigenleben entwickelt hat.

Die USA geben fast 1000 Milliarden Dollar jedes Jahr ins Militär, um alles zu kaufen, und von allem das Beste, und vom Besten noch das meiste. Trotzdem ist es nur eine Frage der Zeit bis in einer Rüstungsfachzeitschrift ein Jammerartikel veröffentlicht wird, dass das Shithole XYZ durch die Einführung des Systems X die bisherige US-Strategie und Überlegenheit in Frage stellt. Dann wird gefordert, die USA müssten noch mehr, noch bessere Systeme kaufen, oder in die neue Technologie T oder die neue Waffenkategorie W mehr Geld investieren, sonst würde das Shithole die USA im übernächsten Krieg besiegen.

Vielleicht ließe sich das Problem auch einfach dadurch lösen, dass Taiwan massenhaft Seezielflugkörper verschießt? §1.7 Komplexitätsfalle läßt grüßen.

Kurz: Es ist nie genug. Weder bei der Technologie noch den Fähigkeiten. Stets wird von Fachpresse und Experten gemahnt, das Zweite-Welt-Land XYZ habe aufgeholt oder einen technischen Vorsprung vor den USA. Und wenn nicht, wird auf eine neue Waffenkategorie verwiesen, wo die USA hinterherhinken würden; diese sei aber alles entscheidend. Die Niederlage sei sonst gewiss, oder zumindest ein Pyrrhussieg möglich.

Seit Jahrzehnten existierende Selbstverständlichkeiten wie ein integriertes Luftverteidigungssystem muss als A2/AD neu gelabelt werden, um Jammerartikel zu schreiben und die drohende Niederlage zu zeichnen.

Diese Next-War-itis richtet sich auch auf subtilere Weise an ein breites Publikum. Das Internet ist voll von Militär-News-Seiten. Die Masse der Meldungen dreht sich darum, Belanglosigkeiten reißerisch anzusprechen, oder irgendwelche Fake-Waffen auf russischen Waffenmessen vorzustellen. Und natürlich verkündet der Hersteller, dass er eine Million Stück pro Jahr produziert und die russische Armee in drei Jahren voll ausgerüstet ist.

Durch Technobabble und Wunderwaffen versuchen Adepten des politischen Realismus Eindruck zu schinden, um die 4D-Schachspieler auf der Siegerstraße zu positionieren.

Schwachsinnsartikel wie “Iran accelerates deployment…” oder “Russian TM-140 All-Terrain Vehicle Demonstrates Its Capabilities in Arctic” oder “Russia Relies on Modernized Kornet-EM to Neutralize Armored Vehicles …” oder “What The World Is About To Learn About China’s Extra-Large Underwater Drones” sollen dem unbedarften Leser insinuieren, dass der Gegner stets das neuste, beste, schönste Gerät hat. Quasi jede Konzeptstudie, die irgendein Hochstapler in irgendeiner korrupten Diktatur jemals präsentiert hat, wird bereits als Vollausstattung der Streitkräfte gesehen. Das ist dann die Grundlage, nach der Experten, Think-Tanker und andere geistige Trockenschwimmer im Strom des Diskurses ihre fantastischen Artikel schreiben.

Inzwischen genügt es, Fluggeräte mit Tarnkappeneigenschaften ohne Seitenleitwerk fliegen zu lassen, um als „6. Generation“ eingestuft zu werden. Was diese Fluggeräte besser als eine F-35 können („5. Generation“), bleibt ein Rätsel. Welches Subsystem technisch fortschrittlicher als bei einem Eurofighter Tranche 5 („4. Generation“) sein soll, wird ebenfalls nie erwähnt.

Geistige Autonomie erfordert, sich klar zu sein, was das Problem ist, und wie man es militärstrategisch lösen will. Es mag für die USA strategisch wichtig sein 6000 Kernwaffen zu haben, um eine Milliarde Russen und Chinesen wegblasen zu können. Benötigt man aber tatsächlich so viel Schlagkraft, oder kann das militärstrategische Ziel auch durch weniger erreicht werden? Atlantikbrückenpfeiler und Russlandversteher sagen nein. Israel, Großbritannien, Frankreich, Indien, Pakistan und China sagen ja. Es genügt einmal folgendes Gedankenexperiment zu wagen: Würden Politiker anders handeln, wenn Russland nur 1/10 der Kernwaffen hätte?

Dasselbe gilt auch auf der taktischen Ebene: Nur weil die USA jedes Problem mit Kampfflugzeugen lösen, heißt das nicht, dass man das auch so machen muss. Kampfflugzeuge sind die mit Abstand teuerste Komponente eines Militärs. Die USA wollen weltweit in kurzer Zeit eingreifen können. Dafür sind Flugzeuge optimal. Wenn man aber im dicht besiedelten Europa den Gegner direkt vor der Haustüre hat, können Raketenwerfer mit ballistischen Raketen 90% der Aufgaben eines Kampfflugzeuges im Luft-Boden-Einsatz erledigen, und das kosteneffektiver und schneller. Gerade intelligente Submunition bietet hier viel Potential. Länder mit normalem Budget, also alle außer den USA, setzen stärker auf präzisionsgelenkte Raketen großer Reichweite.

Südkoreanische Halbbatterie beim Verschießen von ballistischen Hyunmoo-Flugkörpern. Wichtig ist, dass diese Flugkörper durch Massenproduktion kosteneffektiv sind, und zu tausenden verschossen werden.

Sinnvollerweise sollte das landbasierte strategische Feuer der Luftwaffe unterstellt werden, damit diese entscheiden kann, ob eine Mittelstreckenrakete oder ein Luftangriff das beste Mittel darstellt.

Ferner muss man sich verdeutlichen, dass das Füllen von Fähigkeitslücken in den USA genauso gescheitert ist wie in Deutschland. Seit über 40 Jahren scheitern die USA daran, zentrale Waffensysteme ihrer Streitkräfte durch moderne Neuentwicklungen zu ersetzen. Großprojekte wie Zumwalt-Zerstörer, Constellation-Fregatte, Crusader-Haubitze, RAH-66 Comanche, Armored Systems Modernization (ASM) oder Future Combat Systems (FCS) wurden nach jahrelanger Entwicklung und dreistelligen Milliardenbeträgen eingestellt, teils kurz vor der Einführung. Immer wieder wollte man den großen Sprung – heraus kam nichts. Die Liste an gescheiterten Systemen ist lang, die Ergebnisse mager.

Die US-Streitkräfte setzen bis heute auf das gleiche Arsenal wie vor rund 40 Jahren. Panzer wie der M1 Abrams (1980), Schützenpanzer wie der M2 Bradley (1981), Artillerie wie die M109 Paladin (1963) und Zerstörer der Arleigh-Burke-Klasse (1985) bilden weiterhin das Rückgrat – modernisiert, aber im Kern alt. Weil neue Projekte reihenweise scheitern, laufen die alten Produktionslinien einfach weiter. 

Hinzu kommen strukturelle Defizite: Die Navy hat zu wenige Versorgungsschiffe, die Minenabwehr gilt als veraltet, und bei den Handfeuerwaffen folgte auf Jahrzehnte der Forschung kaum ein Durchbruch – sondern eine neue Patrone (.277 Fury, eingeführt ab 2023) mit begrenztem Mehrwert.

Unterm Strich steht eine Militärmacht mit enormem Budget und einem Selbstverständnis, wonach man stets das Neuste und Beste hat – aber Waffensystemen, die sich im Kern seit der Reagan-Ära nicht verändert haben. Das Durchschnittsalter französischer und deutscher Heeresfahrzeuge wird 2030 erheblich unter dem der USA liegen. Schon heute liegt das Durchschnittsalter der französischen und italienischen Flotte erheblich unter dem der USA.

Lediglich die US Air Force hat ein halbwegs funktionierendes und innovationsstarkes Beschaffungswesen, was besonders bei NGAD und B-21 Raider in kurzer Zeit Ergebnisse brachte. Die US Air Force ist deshalb ein Vorbild bei Technik und Beschaffung.

Das Gejammer über deutsche oder europäische Projekte und ihre Probleme ist deshalb nur bedingt angebracht. Die Illusion, dass Diktaturen wie Russland effektiver beschaffen, ist sowieso falsch. Dort werden Probleme nur besser verschleiert, technische Daten erlogen, Prüfprotokolle auf magische Weise bestanden etc. Abgesehen davon, dass die Leistungsdaten von 90% aller russischen Waffen sowieso geschönt sind.

Die Su-57 FELON ist de facto ein gescheitertes Projekt. Betrachtet man den Entwicklungszeitraum, die Verzögerungen bei der Auslieferung und die Produktionsrate, müssen die Gesamtkosten pro Stück (kaufkraftbereinigt) signifikant über allen westlichen Baumustern liegen.

Der T-14 Armata ist seit seiner Vorstellung 2015 bereits seit 10 Jahren in Erprobung, eine Serienproduktion ist nicht in Sicht. Wie bei der Su-57 müssen die Gesamtkosten pro Stück (Entwicklungskosten und Fertigungskosten, kaufkraftbereinigt) signifikant über jedem westlichen Kampf- oder Schützenpanzer liegen.

2017 wurde verkündet, dass der Hubschrauberträger Projekt 23900 im Jahr 2022 fertiggestellt werden sollte. Nach dem Baubeginn 2020 wurde die Indienststellung 2028 erwartet, was mit Sicherheit gerissen werden wird. Zum Vergleich: Die Hubschrauberträger der französischen Mistral-Klasse benötigten 3-4 Jahre von der Kiellegung bis zur vollständigen Einsatzbereitschaft.

Und die Liste könnte endlos weitergehen. Die tatsächlichen Kosten aller russischen Waffensysteme werden effektiv verschleiert, und welchen Preis der staatliche Rüstungskonzern ROSTEC für ein System aufruft, ist sowieso vom Kreml vorgegeben. Entsprechend ist die russische Rüstungsindustrie auch chronisch pleite. Diese Fakten spielen in der Berichterstattung aber keine Rolle.

§ 3 Fazit

Streitkräfte sind ein politisches Werkzeug und eine Versicherung, und kein Quartettspiel oder eine Klausuraufgabe, wo die maximale Punktzahl erreicht werden soll. Nur wird das in Deutschland leider nicht verstanden.

Wie oben gezeigt ist das Problem vielschichtig. Leider sind Personal und Prozesse so gestaltet, dass sich niemals etwas ändern wird. Denn alle Beteiligten, egal ob Politiker, Militärs, Beamte oder Rüstungsbasis sind das Problem, müssten aber erst einmal erkennen, dass sie das Problem sind.

Politiker müssten Totale Kriegskunst im Frieden, Einführung in die Strategie von General André Beaufre lesen, um zu verstehen, was und wie gespielt wird. Die Experten, die sich in Deutschland in Denkfabriken und Fachzeitschriften tummeln sind nur daran interessiert, Zeitgeistthemen aufzugreifen und Schlagworte abzuarbeiten. Alles wird auf die falsche clausewitzsche Weise interpretiert, mit einem US-Vergleich reagiert, eine Abzählaufgabe ausgeführt oder als technisches Problem betrachtet. Strategisch ahnungslos, in der Forderungslage deshalb geistig von den USA abhängig, aber mit einem viel geringeren Budget und anderer Sicherheitslage, kann der Sprung von Politik zu Militär zu Beschaffung deshalb nur scheitern. Dazu kommt, dass internationale Rüstungspartner politisch ausgesucht werden, statt sich ergänzende Technologiefähigkeiten und Beschaffungsstrategien zu berücksichtigen.

Beamte im Beschaffungsamt sind die Einzigen, die technisches, juristisches und militärisches Verständnis besitzen. Die Militärs haben keine Ahnung von Technik, und die Rüstungsbasis will verkaufen. Es wäre die Aufgabe von diesen Fachleuten, das Militär darauf hinzuweisen, dass man Projekt A und Forderung B zusammenlegen kann, wenn man dies und jenes ändert. Es wäre die Aufgabe dieser Fachleute darauf hinzuweisen, dass wenn man 5% der Forderungen bei Projekt C reduziert, 50% der Kosten gespart werden können. Es wäre die Aufgabe dieser Beamten darauf hinzuweisen, dass diese und jede Vorschrift Unsinn ist, militärisch nichts bringt, nur Kosten produziert und weg kann. Und dass die Bundeswehr von einer zivilen Vorschrift freigestellt werden sollte, wenn das Ergebnis trotzdem stimmt. Stattdessen werden nur Forderungen und Vorschriften Zeile für Zeile gewissenhaft abgearbeitet, statt aktiv mitzuarbeiten und zur Not kreativ zu werden.

Auch die Rüstungsbasis trägt zum Problembild bei: Aus historischen Gründen ist die Zusammenarbeit deutscher, amerikanischer und israelischer Firmen besonders gut. Das kollidiert aber mit einer europäischen Harmonisierung der Beschaffung und einer europäischen Souveränität in Rüstungstechnologie. Es ist generell ein Problem, dass osteuropäische Firmen als Partner und Zulieferer für westeuropäische Rüstungsbetriebe ignoriert werden.

Dazu wird jedes mal eine Lobbyismuswelle losgetreten, wenn die Bundeswehr nicht jedes Stiefelpaar einzeln ausschreibt; schließlich kam man bei der vorherigen Ausschreibung nicht zum Zuge. Dieser Fokus auf kleine Lose und eine hochspezialisierte Nischenausrüstung für die eintausendste Fähigkeitsritze, damit jeder mal eine Ausschreibung gewinnt, verhindert eine Standardisierung und Skalierung.

Auch Militärs dürfen sich an die eigene Nase fassen. Ein deutscher Militär verschwendet keinen Gedanken an Strategie und Doktrin, da für ihn Krieg mit Clausewitz beginnt, und deshalb nur die Taktik zählt. Deshalb beschäftigt man sich mit Mauleseln und Pferden und der Frage, ob neben dem Spähfahrzeug Neue Generation vielleicht noch eine Fähigkeitsritze für einen weiteren Radspähpanzer existiert.

Mehr Geld sorgt deshalb nicht dafür, dass die Bundeswehr besser funktioniert: Ohne strategisches Ziel und Beschaffungsplan vor Augen steigt nur die Vielfalt der Systeme, da mit mehr Geld auf wundersame Weise mehr Fähigkeitsritzen entstehen.

Geistig durch den Pazifismus der 70er und 80er Jahre kastriert, kreisen 1000 Gedanken um den Schutz von Land und Soldaten. Deshalb haben deutsche Kriegsschiffe alles doppelt redundant, eine Masse an Radaren und Abfangflugkörpern an Bord, aber praktisch keine offensive Fähigkeit. Und so wundert es nicht, dass deutsche Panzerfahrzeuge immer die schwersten ihrer Klasse sind.

Irgendwann besteht der komplette Fuhrpark der Luftwaffe nur noch aus IRIS-T SLS, IRIS-T SLM, IRIS-T SLX, PAC-3 MSE, PAC-2 GEM-T, Arrow 3, Arrow 4, Stinger, SADM und anderen Luftverteidigungsmitteln. Aber kein Gedanke wird daran verschwendet, die gegnerische Rüstungsindustrie, Zulieferer, kritische Infrastruktur, Entscheider und Influencer zu zerstören, was eigentlich strategische Aufgabe der Luftwaffe wäre. So landet man im Nirwana; dann hilft auch nicht mehr Geld.

Denn wenn man den Gegner zum Schweigen bringt, ist die Defensive nicht mehr so wichtig. Und der Gegner muss plötzlich ebenfalls mit Konsequenzen rechnen. Und das Problem ist nachhaltig gelöst, statt die Monatsproduktion des Gegners jeden Monat aufs Neue an der Front zu zerstören.

Vor allem würde das bedeuten, dass Gewalt eine Lösung ist – und dass das Eigene Wert ist, mit Gewalt durchgesetzt zu werden. Ob das der Generation, welche Schlüsselpositionen in Medien, Politik, Militär und Rüstung besetzt, vermittelt werden kann?