Der Kampfpanzer ist obsolet. Diesen Satz gibt es, so werden Kritiker einwenden, seit der erste Panzer das Licht des Schweißbrenners erblickte, der ihn erschuf. Das ist richtig, aber falsch. Der Satz „Der Mensch wird niemals fliegen“ kann auch als wahr oder falsch bewertet werden, je nachdem wie man ihn liest. Da die Befürworter des Kampfpanzers gerne mit rabulistischen Tricks arbeiten, soll hier eine detaillierte Auseinandersetzung mit dem Thema erfolgen.
Der Panzer als Konzept erblickte im Großen Krieg das Licht der Welt, um die Bedrohung von Artilleriesplittern und Gewehrkugeln zu neutralisieren. Durch Mobilität, Panzerschutz und Bewaffnung konnte er sich auf Sicht an die gegnerischen Linien heranarbeiten, und mit der Infanterie diese nehmen. Das war das Einsatzkonzept des Fahrzeuges. Diese rollenden Kisten auf Ketten werden zwar als Panzer bezeichnet, haben aber mit den Kampfpanzern die später kamen nichts gemein.
Im Zweiten Weltkrieg entstand die Form des Landkampfes, die heute noch in weiten Teilen als das Maß des Krieges verstanden wird. Ein Bewegungskrieg mit vollmechanisierten, gepanzerten Verbänden mit Luftunterstützung. Die Aufklärung hinter der Front war lückenhaft, praktisch jede Entscheidung wurde im direkten Gefecht nach Artillerievorbereitung gesucht. Es ist dieses Denken, das auch heute noch die Militärs und Kriegsexperten dominiert. Aus dieser Entscheidung an der Front, im direkten Aufeinandertreffen der Kräfte, wuchs der Bedarf nach einem duellfähigen System.
Diese Prämisse war so lange richtig, wie der Kampfpanzer das einzige System war, das vorstoßende gegnerische gepanzerte Kräfte abwehren konnte, und im Angriff überwinden konnte. Es gab schlicht nichts besseres, um ein gegnerisches Panzerbataillon im Angriff aufzuhalten, und gleichermaßen auch im Angriff unaufhaltsam zu sein. Die anderen Bedrohungen die existierten waren Panzerabwehrkanonen, Flieger und Panzerfäuste. Panzerabwehrkanonen waren groß, schwer und unflexibel, und mussten von einem LKW zum Einsatzort gezogen und dort aufgebaut werden. Flieger waren mit ungelenkten Raketen und Maschinenkanonen ausgestattet, was auch heute noch relativ nutzlos zur Panzerabwehr ist. Und die Panzerabwehrmittel der Infanterie erforderten mehr Mut als Können, und hatten effektive Reichweiten unter 100 Metern.
Die Situation änderte sich in den 70er Jahren, als Panzerabwehrlenkwaffen für die Infanterie, Helikopter und leichtere Fahrzeuge aufkamen. Auf einmal war die Möglichkeit allgegenwärtig, jedes Landfahrzeug egal wie gut gepanzert es war auf Distanzen von vielen Kilometern zu vernichten. Diese Entwicklung änderte die Kriegsführung radikal. Am Anfang war davon nur wenig zu spüren, und die üblichen Apologeten spielten die Rolle des Flugkörpers herunter. Legendär das TRADOC Bulletin No 2 von 1975, welches als Reaktion auf die FK-Bedrohung herausgegeben wurde. Der Fehler läge bei den Besatzungen, man müsse sich als Panzer eben geschickter im Gelände bewegen. Infanterie- und Artillerieunterstützung sei ganz wichtig. Und irgendwie gebe es doch immer einen Wettlauf zwischen Schwert und Schild.

Die legendäre Grafik aus dem TRADOC Bulletin von 1975
Statt einer quasistationären Panzerabwehrkanone mit Schutzschild durften die Panzerbesatzungen nun zwei am Boden liegende Menschen mit einer Startvorrichtung entdecken und treffen – und dass, obwohl die Flugkörper eine größere Schussentfernung hatten als die PaK davor, und die Schützen samt Starter wieselflink die Stellung verlassen konnten. Von der neuen Bedrohung durch schnelle Helikopter und billige Pick-Ups mit Panzerabwehrflugkörpern ganz zu schweigen.
Was nun geschah, lässt sich am besten mit einem Vergleich beschreiben. Frühe Luft-Luft-Flugkörper waren infrarotgelenkt, aber die Sucher waren so schlecht, dass sie Maschinen nur dann erfassen konnten, wenn sie direkt auf die Düse geschossen wurden. Es war also auch im Jet-Zeitalter notwendig, wie im Zweiten Weltkrieg hinter den Gegner zu manövrieren. Umgekehrt genügte es die eigene Triebwerksdüse vor der anfliegenden Lenkwaffe wegzudrehen, um den FK im wahrsten Sinne des Wortes abzuschütteln.
Mit der AIM-9L Sidewinder wurde im Falklandkrieg erstmals eine Luft-Luft-Waffe eingesetzt, die ein Ziel aus jedem Winkel anfliegen konnte. Das änderte den Luftkampf radikal. In weniger als 10 Jahren waren alle relevanten Kampfjets mit Raketenwarnern ausgerüstet, die akustisch Alarm geben konnten, oder gleich den Täuschkörperausstoß auslösten.
An der Weggabelung zwischen Innovation oder Apologetik, zwischen Maschine oder Taktik entschieden sich die Luftwaffen der Welt für die Innovation. Zehn Jahre später war das erste Tarnkappenflugzeug da, weitere 10 Jahre später waren alle relevanten Kampfflugzeuge mit ECM ausgerüstet, weitere 10 Jahre später konnte jedes NATO-Flugzeug aktiv radarzielsuchende AMRAAM-Flugkörper außerhalb der Sichtweite einsetzen. 30 Jahre Unterschied im Kampfflugzeugbau heißt im Krieg chancenlos zu sein.
Die Heere der Welt wählten eine Anpassung der Taktik. Es wurden mehr Waffensysteme benötigt, mehr Munitionssorten, eine bessere Verzahnung der einzelnen Fähigkeiten. Dadurch stieg der Koordinierungsaufwand. Der Kampfpanzer wurde damit auch ins Glied gerückt. Taktisch war er nicht mehr der König des Gefechtsfeldes, sondern nur noch ein Baustein im Krieg. Technisch war er entwertet worden, weil man Raketenwarner und automatischen Täuschkörperausstoß, heute Softkill-System genannt, nicht einrüstete.
Um das ganze Drama zu verstehen, lohnt es sich zwei Bücher zu lesen. „Kampfpanzer – Die Entwicklungen der Nachkriegszeit“ (1988) und „Kampfpanzer heute und morgen“ (2007) von Rolf Hilmes, einem unangefochtenen Experten auf diesem Gebiet. Es ist besonders erhellend beide Bücher nacheinander zu lesen, denn dadurch wird das Problem offenbar. Es ist eine konsequente Verweigerung jedes Fortschrittes. Jede neue Entwicklung, die heute selbstverständlich ist, sei es Verbundpanzerung, unbemannte Türme, Gummiketten, Kamerasystem zur Außendarstellung, aktive Schutzsysteme usw. werden kritisch kommentiert. Es ist die Geisteshaltung bei jeder Innovation hauptsächlich die Probleme zu sehen, und sie nur dann anzunehmen, wenn es gar nicht anders geht. Als typisch deutscher Ingenieur bewegt man sich in einer Blackbox in der es nur noch darum geht, irgendwelche Zielparameter zu optimieren. Die Frage nach dem Sinn des Ganzen kann so gar nicht erst aufkommen.
Dieser Tunnelblick führt dazu, dass der Kampfpanzer weiterhin für das Maß der Dinge gehalten wird. Alle modernen Entwicklungen, von Verbundpanzerung, Wärmebildgeräten, vollstabilisierte Waffenanlage, Glattrohrtechnik usw., kurz alles, was Leistung bringt, aber Geld kostet, wird zuerst auf Kampfpanzern installiert. Dahinter steht die Illusion, dass der Kampfpanzer kriegsentscheidend sei, andere Systeme wie Panzerhaubitzen oder Schützenpanzer aber nicht. Das ist die B-Ware, die irgendwann mal nachgerüstet wird. Es gibt also eine Ablage zwischen dem, was taktisch die Realität seit den 70er Jahren ist, und den Beschaffern und Lebenszykluskümmerern, die kampfpanzerfixiert sind.
Daraus entsteht Schrödingers Kampfpanzer: Der Kampfpanzer als Hauptwaffensystem ist tot, er ist nicht wichtiger oder unwichtiger als eine Panzerhaubitze, ein Flakpanzer oder ein Schützenpanzer. Der Stolz jedes Heeres, und Heeresbeschaffers, ist aber weiterhin der Kampfpanzer.
Der Jom-Kippur-Krieg (1973) war eigentlich der letzte Krieg, der durch Panzerschlachten entschieden wurde. Danach nahmen Kampfpanzer nur noch eine unterstützende Rolle ein. Kein Krieg danach wurde durch eine Panzerschlacht entschieden, oder maßgeblich von einer beeinflusst. Weder der Erste Golfkrieg (1980-1988) noch der Zweite (1990-1991), wo die Panzer nur das niederwarfen, was die Luftstreitkräfte zerschlagen hatten, und erst recht nicht der Dritte Golfkrieg (2003). Auch die Jugoslawienkriege (1991-1999) oder Bergkarabachkriege (1994-2023) hatten keine entscheidenden Panzergefechte; die Fahrzeuge wurden nur zur Feuerunterstützung oder für Feuerüberfälle eingesetzt. Eben als Baustein in einem Mix der Mittel.
Schon im Golfkrieg 1990 erfolgte die Masse der irakischen Verluste durch Luftangriffe. 50% aller irakischen Panzerverluste im Landkampf wurden durch M2 Bradley Schützenpanzer mit TOW-Flugkörpern erzielt. Die Glattrohrwaffen der M1 Abrams Kampfpanzer erzielten die andere Hälfte der Abschüsse.
Der Ukrainekrieg (2022-) macht keine Ausnahme. In der Ukraine ist die Wahrscheinlichkeit durch einen großkalibrigen Penetrator getroffen zu werden marginal, und liegt bei unter 1%. Die Masse der Verluste entsteht durch Flugkörper, Loitering Munition, Minen und Artillerie. Da keine Seite die Luftüberlegenheit besitzt sind die Verluste durch Luftangriffe sehr gering.
Damit ist der Kampfpanzer als System obsolet. Das ganze System ist darauf ausgelegt duellfähig zu sein, es gibt aber kein Duell. Diese Fahrzeuge tragen Frontpanzerungen mit über einem Meter Bautiefe mit Schwermetalleinlagen, um Schutz vor großkalibrigen Penetratoren zu bieten, aber es kommt keiner angeflogen. Die dicke Frontpanzerung, die den Fahrzeugen ihren charakteristischen Schutz und das einzigartige Gewicht gibt, verliert aber ihren Sinn, wenn 90% der Bedrohungen von unten und oben kommen, oder durch aktive Systeme abgewehrt werden können.
Auf dem gläsernen Gefechtsfeld der Zukunft ist Geschwindigkeit die entscheidende Größe. Wer den Gegner zuerst aufklärt und beschießt, gewinnt. Rasche Sensor-Effektor-Ketten, überlegene Reichweite und hohe Präzision sind der Schlüssel zum Erfolg. Die Obsession den Gegner im Nahkampf auf Sicht zu werfen mag heroisch sein, ist aber idiotisch. Flugzeuge beharken sich nicht mehr im Kurvenkampf mit Maschinenkanonen, sondern feuern Lenkwaffen auf Gegner außerhalb der Sichtweite. Schiffe schießen nicht mehr auf Sicht mit dicken Geschützen, sondern starten Lenkwaffen auf Ziele hinter dem Horizont.
Die Tatsache, dass es vielen Landstreitkräften heute an Aufklärungs- und Wirkmitteln fehlt den Gegner auf Distanz zu besiegen ist kein Grund, sie nicht zu beschaffen. Die FPV-Drohnen im Ukrainekrieg sind auch nichts anderes als improvisierte Loitering Munition, um genau diese Rolle zu erfüllen. Konzeptionell ist diese Idee aber nicht neu.

Vision der Bekämpfung von Gegnern auf Abstand durch selbstzielsuchende Panzerabwehrwaffen (PAM) und Loitering Munition (LAM) mit dem NLOS-LS des Future Combat Systems (FCS). Beide Fähigkeiten können heute durch die Flugkörper Brimstone und SkyStriker von der Stange gekauft werden.
Nur weil ein System verwundbar ist, wird es nicht abgeschafft. Die USA verloren in Vietnam die Hälfte ihrer eingesetzten Hubschrauber. Trotzdem wurden weiterhin Helikopter an der Front eingesetzt, weil es nichts Besseres gab, das den Job erledigen konnte. Auch die Infanterie erleidet horrende Verluste im Kampf. Ein System verschwindet nur dann, wenn es so verwundbar ist, dass es seine ursprüngliche Aufgabe nicht mehr wahrnehmen kann, oder die Aufgabe nicht länger benötigt wird, oder ein besseres System (oder Systemverbund) erledigt den Job.
Da die Befürworter des Kampfpanzers Weltmeister der Rabulistik sind, soll hier auf die häufigsten Erwiderungen eingegangen werden. Im Folgenden werden unter anderem die Pro-Kampfpanzer-Argumente von Rob Lee [1], der als Kriegsexperte für die Denkfabrik CAST arbeitet, und des Panzer-Papstes Rolf Hilmes aufgegriffen. Ebenso die Äußerungen von Oberst Armin Dirks [2], der Leiter des Main Ground Combat System (MGCS) ist.
§0 [Allgemein] Panzer sind nicht obsolet. Es wird immer die Anforderung nach geschützter Mobilität und Feuerkraft geben.
Das ist ein beliebter rabulistischer Trick, da das englische und russische Tank nur für den Kampfpanzer steht. Im deutschen ist hingegen alles ein Panzer, auch der Schützenpanzer, der im englischen und russischen als „Kampffahrzeug für die Infanterie“ (BMP / IFV) bezeichnet wird. Obsolet ist nur das Duellsystem Kampfpanzer / Tank. Nur auf diesen bezieht sich die Kritik.
Angelehnt daran ist auch die Rechtfertigung „No, The Tank Is Not Dead.“ von Nicholas Moran [3]. Im Prinzip geht es darin um die Nützlichkeit einer großkalibrigen, mobilen Flachfeuerwaffe, die unter Panzerschutz eingesetzt wird. Das Kampfpanzer auf das Kampfpanzerduell optimiert werden, das in der Doktrin verankert ist, aber nie stattfindet, wird ausgeblendet.

Militäranalyst Michael Kofman, am 11. August 2024 als ukrainische Panzer die russischen Linien bei Kursk durchbrachen. Die Polemik ist typisch für alle Think-Tanker (Wortspiel), Militäranalysten, Militärs und Panzerfreunde. Es ist unwahrscheinlich, dass sachliche Argumente gegen ein spezialisiertes Duellsystem jemals durchdringen werden. Ironischerweise waren es Stryker-Radpanzer, die die russischen Linien als erstes durchbrachen und in die Tiefe vorstießen. [X]
Man könnte auch Diätnahrung, nachdem die versprochene Gewichtsreduktion nicht eintritt, damit bewerben, dass sie trotzdem satt macht, und folglich nicht überflüssig sein kann. Opportunitätskosten werden ausgeblendet. Auch das ist eine Form von Rabulistik.
Würde z.B. von der Duellanforderung abgerückt, könnten Kampfpanzer, Schützenpanzer u.v.m. auf einer gemeinsamen Wanne mit Frontmotor realisiert werden, was Produktion, Logistik, Ausbildung und Kampfwertsteigerungen rationalisieren würde.
§1 [Rob Lee] Radfahrzeuge sind nicht geländegängig genug. Der Prozentsatz an passierbarem Terrain ist bei Radfahrzeugen wesentlich geringer als bei Kettenfahrzeugen.
Niemand verlangt, dass der Kampfpanzer durch Radpanzer ersetzt wird, auch wenn es in Zukunft darauf hinauslaufen wird. Statistisch sind Radfahrzeuge tatsächlich weniger geländegängig als Kettenfahrzeuge. Die Frage ist, ob das relevant ist. Die Frage ist immer, ob ein System so viele Vorteile bringt, dass es für die Kriegsführung absolut notwendig ist (zB Flugabwehr). Die Mobilitätseinschränkung von Radpanzern war in den letzten 30 Jahren Landkrieg nicht wirklich relevant. Es spricht auch nichts dagegen breitere Reifen nur zu Kampfzwecken aufzuziehen, da das Bahnverlademaß nicht mehr eingehalten werden muss. Wenn man sich von dem Gedanken verabschiedet, den Gegner in einem Duell zu bekämpfen, ist es auch weniger wichtig, wieviel Prozent des Terrains passiert werden kann.
§2 [Rob Lee] Räder sind zu verwundbar. Splitter, auf dem Boden oder durch Geschosse, schränken die Mobilität weiter ein.
In der Tat, aber das hängt mit der taktischen Auslegung der Fahrzeuge zusammen. Man könnte Luftreifen nur im Frieden zu verwenden, und im Krieg auf luftlose Reifen wechseln. Ein Kettenfahrzeug fährt mit Stahlrädern mit Vollgummilaufflächen auf seiner selbstgelegten Straße. Der Fahrkomfort ist unterirdisch, weil der Vollgummireifen über den Steg der Kettenglieder läuft, und dabei auf- und ab schlägt. Es gibt verschiedene Konzepte für luftlose Reifen mit Feder- und Dämpfereffekten. Auch hier ließe sich eine Regelung der Aufstandsfläche einbauen. Allerdings verhindern Beharrungskräfte die Einführung, weil Radfahrzeuge nicht als Frontfahrzeuge angesehen werden. Und zu guter Letzt können auch Radfahrzeuge mit Seitenschürzen als Splitterschutz ausgerüstet werden.
§3 [Rob Lee] Die passive Panzerung von Panzern ist nach wie vor entscheidend. Bei ukrainischen Angriffen sind immer noch häufig zwei Panzer an der Spitze, bevor weniger geschützte Schützenpanzer/APCs vorrücken. Die Anwesenheit von Panzern kann den Unterschied in taktischen Gefechten ausmachen.
Stimmt, aber das liegt daran, dass die Ukrainer nichts Besseres haben. Es ist ein Zirkelschluss von dem, was ist, rückzuschließen, dass es gut sei. Man sah auch schon Ukrainer mit Flakkanonen aus den 50er Jahren, und Russen mit Gewehren von 1900.
Klar ist das die Fahrzeuge die vorne Fahren das meiste Feuer auf sich ziehen, und bestmöglichen Schutz dagegen brauchen. Und der beste Schutz vor dem was angeflogen kommt ist ein aktives Schutzsystem aus Hardkill, Softkill und Jammer.
Wenn ein solches Schutzsystem auf einem 35 Tonnen schweren Panzer installiert wäre, würde man dann eher mit diesem Vorfahren, oder einem 65 Tonnen schweren Leopard 2 A6 mit wesentlich stärkerer Frontpanzerung, aber ohne aktiven Schutz? Ist ein 35-Tonnen-Panzer duellfähig? Die Fachleute sagen nein. Ein solches Fahrzeug würde keinen ausreichenden Schutz gegen großkalibrige KE-Penetratoren bieten. Dies spielt aber keine Rolle, da die Wahrscheinlichkeit von einem KE-Penetrator getroffen zu werden ein Restrisiko ist.
Wie viele M1 Abrams und M2 Bradleys wurden eigentlich in den letzten 40 Jahren durch großkalibrige KE-Penetratoren zerstört?
Da der Russe nur Schrott und die Ukraine Mangel hat, ist die Auswertung des Ukrainekrieges für die Zukunft des Landkampfes auch nur bedingt aussagekräftig. Was im Ukrainekrieg nur spärlich vorhanden ist oder fehlt, sind: Fire-and-Observe-PALR, Panzerabwehrartilleriemunition wie SMArt oder BONUS, selbstzielsuchende Panzerabwehrlenkwaffen wie Brimstone die in Salven in ein Zielgebiet verschossen werden, moderne Kampfflugzeuge mit moderner Luft-Boden-Bewaffnung usw. usf. All das treibt die Abschusszahlen in die Höhe, und drückt den Anteil der APFSDS-Treffer.
Und wie viele russische Kampfpanzer wurden eigentlich durch Wuchtmunition zerstört?
§4 [Rob Lee] Bei Angriffen auf Panzer gibt es den Überlebenden-Irrtum. Panzer überleben oft Lancet-, FPV- und PALR-Treffer, aber es ist wahrscheinlicher, dass wir Videos von katastrophalen Abschüssen sehen, die in den sozialen Medien veröffentlicht werden. ERA (und Cope Cages) haben sich nach wie vor als wirksam erwiesen.
Das ist Rabulistik. Wie bereits erwähnt ist jedem der etwas mehr von der Thematik versteht klar, dass Verwundbarkeit nicht über das sein oder nicht sein eines Waffensystems entscheidet – es sei denn, es wäre so verwundbar, dass es seinen Auftrag nicht mehr erfüllen kann. Das ist allerdings bei Kampfpanzern der Fall, denn nur Lebensmüde oder Russen würden ein Panzerbataillon ohne aktives Schutzsystem eine Attacke reiten lassen.
Das ist auch der Grund warum Soldaten, an der offiziellen Beschaffung und Militärplanung vorbei, ihre Fahrzeuge mit Dachgittern versehen haben. Nichts verdeutlicht die Diskrepanz zwischen Bedrohung und Schutz so gut wie ein Cope Cage. Aber dafür hat die Frontpanzerung über einen Meter Bautiefe. Das bringt nur nichts, wenn LM, FPV, EFP, ICM in das Dach einschlagen, und PALR meist von der Seite oder oben treffen.
Ein aktives Schutzsystem wie oben beschrieben könnte alle diese Bedrohungen abwehren, und gleichzeitig das Situationsbewusstsein der Besatzung verbessern. Wie viel das Fahrzeug dann wiegt, und wie es bewaffnet ist, ist sekundär.
§5 [Rob Lee] Panzer sind im Stadtkampf nach wie vor sehr nützlich, sowohl in der Offensive als auch in der Defensive. Um sie auf engem Raum in Reichweite von Panzerfäusten einsetzen zu können, ist eine stärkere Panzerung entscheidend. Ihre Kombination aus Panzerung, Feuerkraft und Mobilität macht sie in verschiedenen Situationen nützlich.
Das Argument ist ein Eingeständnis des Scheiterns. Man denke an die Definition des panzergünstigen Geländes. Nun gibt es seit der Einführung von Panzerabwehrlenkraketen im Jom-Kippur-Krieg kein panzergünstiges Gelände mehr. Das, was vorher panzergünstig war, ist ein Paradies für jeden Gegner, der auf 3000 Metern Entfernung mit einem Fire-and-Forget-Flugkörper nach dem Prinzip ein Schuss, ein Treffer zehn Millionen Euro teure Panzer per Dachtreffer vernichtet.
Wenn der Wert eines Kampfpanzers im Irak, in der Ukraine und in Israel darin besteht, mit seiner Hauptwaffe Gebäude abzureißen, ist das kein duellfähiges Waffensystem. Ein Sturmgeschütz würde den Zweck ebenso erfüllen, oder ein Roboterpanzer, der von den Infanteristen selbst ferngesteuert wird.
Der Verweis auf das eiserne Dreieck Panzerung, Feuerkraft und Mobilität zeigt auch den Anachronismus. Situationsbewusstsein spielt keine Rolle. Alle fahren oder stiefeln blind durch die Botanik bis einer „Kontakt“ schreit, und der Tanz beginnt. Folglich ist jedes Gefecht, das irgendeine Relevanz hat, ein Nahgefecht.
Kampfflugzeuge der 90er Jahre unterscheiden sich von denen der 70er Jahre, dass dem Piloten ein wesentlich besseres Situationsbewusstsein gegeben wurde. Kampfflugzeuge der 2010er Jahre unterscheiden sich von denen der 90er Jahre, dass dem Gegner das Situationsbewusstsein verweigert wird. Das Zauberwort heißt OODA-Loop.
30 Jahre später scheitert der Landkampf immer noch an fehlenden Datenlinks und der Tatsache, dass man in einem rollenden Bunker sitzt, statt in einer Kampfmaschine, die den eigenen Körper erweitert.
§6 [Rob Lee] Der französische AMX-10 RC erwies sich in diesem Sommer als zu leicht gepanzert für den Einsatz bei direkten Angriffen. Nicholas [Drummond] hat Recht, dass Mobilität der Schlüssel zur Überlebensfähigkeit ist, aber Radfahrzeuge bieten keine größere Mobilität in Kampfsituationen, wenn die Räder durchstochen werden.
Das Strohpanzerargument. Der AMX-10RC wiegt nur 14 Tonnen, und ist nicht einmal gegen Splitter und SMG-Feuer geschützt. Die Seiten und das Dach bestehen aus nur 25mm dünnem Aluminium, und werden von Splittern aus 152mm Granaten perforiert. Das Schutzniveau des Fahrzeugs wurde nur auf Gegenfeuer durch Handwaffen ausgelegt.
Eine Plattform die den Kampfpanzer ersetzt, egal ob Rad oder Kette, wäre zwar nicht duellfähig, aber trotzdem vor Panzerfäusten, Panzerabwehrlenkwaffen, Minen, FPV-Drohnen und Dachtreffern durch EFP und ICM geschützt. So wie der Schützenpanzer eben auch, da beide auf demselben Gefechtsfeld mit denselben Bedrohungen arbeiten.
Das mit den Rädern wurde oben bereits besprochen.
§7 [Rob Lee] Die Bedrohung durch Drohnen ist ernst zu nehmen, aber ich denke, dass wir eine ähnliche Anpassung für zukünftige Panzer mit EW-Störsendern an jedem Fahrzeug sehen werden, wie wir sie bei MRAPs im Irak und in Afghanistan gesehen haben. Kamikaze-Drohnen stellen eine Bedrohung für alle Fahrzeuge dar, nicht nur für Kampfpanzer, aber die Panzerung der Kampfpanzer ist ein Vorteil.
Nein, denn die FPV Loitering Munition schlägt wie moderne Panzerabwehrflugkörper auf dem Turmdach oder in den Seiten ein. Ein Kampfpanzer ist an diesen Stellen nicht besser geschützt als ein moderner Schützenpanzer wie Puma, Lynx oder Redback, die 15 Tonnen weniger wiegen. Eben weil sie nicht duellfähig sind, und frontal keine großkalibrigen APFSDS-Penetratoren aufhalten müssen.
§8 [Rob Lee] Radfahrzeuge sind billiger und leichter zu warten, so dass es für die meisten Armeen sinnvoll sein wird, eine Mischung aus Rad- und Kettenfahrzeugen zu unterhalten. Panzer mögen auf anderen Schauplätzen weniger nützlich sein als in der Ukraine, aber jede Armee, die sich von ihnen trennt, geht erhebliche Risiken ein.
Angst und Unsicherheit sind immer schlechte Argumente. Zum Glück gibt es die Daten der letzten 30 Jahre um sagen zu können, dass der Kampfpanzer als duellfähiges Waffensystem passé ist. Der Ukrainekrieg ist einer der wenigen zwischenstaatlichen Konflikte. Und wenn selbst dort das Duellsystem Kampfpanzer wenig nützlich ist, wo dann? Bei der Jagd auf Terroristen und Rebellen?
Auch spricht Lee hier das Kernproblem an, dessen sich die meisten nicht einmal bewusst sind, auch er selbst nicht: Die Vielfalt an Heeressystemen, die genau aus dieser Haltung resultiert. Es gibt eine Plattform für den Kampfpanzer, eine für den Schützenpanzer, eine für die Panzerhaubitze, eine für den Spähpanzer, eine 8×8 Radpanzerplattform, eine 6×6 Radpanzerplattform, ein 8×8 Laster mit und ohne Panzerung, ein 6×6 LKW mit und ohne Panzerung, und diverse 4×4 Fahrzeugmodelle. Dazu ein bunter Strauß an weiteren Ketten- und Radfahrzeugen, die auf Basis irgendeiner Forderungslage beschafft wurden.
Das ist aus zwei Gründen von Nachteil. Der erste ist ökonomischer Natur: Jede Entwicklung kostet Geld, sodass insgesamt weniger Systeme beschafft werden können. Auch wird die Logistik komplizierter und teurer. Was das für den logistischen Fußabdruck auf dem gläsernen Gefechtsfeld bedeutet, kann sich jeder selbst denken.
Das führt zum zweiten Problem. Aufklärungsergebnisse müssen wesentlich schneller weitergegeben werden. Alle Daten müssen über Peer-to-Peer-Netzwerke verteilt werden. Die Mensch-Maschine-Schnittstelle muss wesentlich verbessert werden, um mit den ganzen Daten sinnvoll umgehen zu können.
Als Beispiel sei ein Drohnenschwarm genannt, der durch KI Ziele auf dem Gefechtsfeld aufklärt, und über das Battle Management System (BMS) verteilt. Der traditionelle Ansatz auf die digitale Karte zu schauen ist unsinnig. Besser wäre es, die Daten als Augmented Reality in die Sichtsysteme der Fahrzeuge einzublenden. Zusammen mit Blue Force Tracking, also der Echtzeitanzeige der eigenen Einheiten, kann so ein Lagebewusstsein erzeugt werden, ohne den Blick von den Sichtsystemen zu wenden.

Kompaktkampfraum im Panzer für zwei Personen, für das israelische Carmel-Projekt entwickelt und erprobt.
Die Ablösung der Winkelspiegel durch große Displays im Zwei-Personen-Kompaktkampfraum ist somit nötig. Das Bild das Außenkameras einfangen kann dann auch im Infraroten oder mit Restlichtverstärkung dargestellt werden, um nachts oder bei Dämmerung oder blendender Sonne eine problemlose Sicht zu ermöglichen. Autonomes Fahren wird möglich, indem die Kamerabilder ausgewertet werden. Diese multispektralen Kameras können auch zusammen mit anderen Sensoren wie Radar und ESM als Raketenwarner dienen, um das Hard- oder Softkillsystem, oder den Störsender zu aktivieren. Wenn AESA-Radarsensoren verbaut werden, können diese auch als gerichtete High-Speed-Datenlinks eingesetzt werden. Die Antennen des Störsenders können auch zum Prüfen des elektromagnetischen Spektrums verwendet werden.
Sind erst einmal diese Grundbausteine verbaut, ist alles nur noch eine Frage der Software. Und hier liegt der Kern des Problems. Früher wurden Autos so entwickelt, dass jedes Subsystem für sich gedacht und entwickelt wurde. Diese Systeme kommunizierten über einen Bus miteinander. Jede Änderung nach der Auslieferung war fast eine Unmöglichkeit, weil ein Kartenhaus von Insellösungen miteinander ein Konzert aufführte. Dann kam Tesla, und speiste die Rohdaten aller Sensoren in einen zentralen Fahrzeugrechner, auf dem mehrere Anwendungen liefen. Auch die Benutzerschnittstelle ist nur eine Anwendung auf dem zentralen Fahrzeugrechner. Diese Anwendungen sind online updatebar, weil der ganze Rechner mit seinen Anwendungen testbar ist, und alle Anwendungen unter der Kontrolle von Tesla stehen.
Die Illusion besteht nun darin, dass Denkfabrikanten und Beschaffungsingenieure denken, dass man einen Panzer mit den oben aufgeführten Features so beschaffen könne wie jedes andere Waffensystem auch. Das ist aber ein folgenschwerer Irrtum.
Ein solcher Panzer ist genauso ein Softwareprojekt wie er ein Hardwareprojekt ist. Allein die Softwareentwicklung und deren Weiterentwicklung über den Lebenszyklus ist gigantisch, und mit der F-35 vergleichbar. Es hat schon seinen Grund, warum Tesla keine Aufpreisliste wie andere Hersteller anbietet. Es gibt für Softwareentwickler nichts dümmeres, als hunderte verschiedene Softwareversionen je nach Ausstattungsvariante zu programmieren, oder eine Softwareversion mit if-else-Blöcken auf jede Hardwarevariante auszulegen.
Die Illusion, dass man weiterhin zig verschiedene Plattformen beschaffen und unterhalten kann, die alle Teile eines gemeinsamen Netzwerks sind, für die jedes Mal ein Multimillionen-Softwareprojekt gestartet und über 30 Jahre unterhalten wird, ist absurd. Allein die Notwendigkeit, OTA-Updates für die Panzer einzuspielen, Telemetrie-Services, KI-Gegneranalysen, KI-Operationsplanung und andere Reachback-Services über Satcom oder Mobilfunk setzen eine abgesicherte Infrastruktur voraus, die nicht zigfach repliziert werden kann. Die naive Vorstellung, dass man mangels Budgets nur einen Teil der Flotte kampfwertsteigern kann, und diese dann eine angepasste Version der Software erhalten, die Altfahrzeuge aber nicht, wird zur Kündigung aller Software-Entwickler führen.
Realistischerweise werden die Heere der Zukunft, wenn sie nicht bis zum Vergehen schrumpfen wollen oder weiterhin auf der Innovationsbremse stehen, höchstens zwei Kampfplattformen unterhalten, meistens nur eine. Wenn strategische Mobilität keine Rolle spielt wie bei Israel oder Polen, wird dies eine Kettenplattform mit 45-70 Tonnen sein. Alle anderen werden eine selbstverlegefähige 8×8 Radplattform im Bereich von 25-40 Tonnen verwenden, die dediziert für Kampfaufgaben ausgelegt sein wird.
Die Idee alles doppelt und dreifach zu beschaffen, für leichte, mittlere und schwere Kräfte, und dann noch einmal weitere Systeme für internationales Krisenmanagement, Überschneefähigkeit usw. übersteigt das technische und finanzielle Vermögen einer Mittelmacht.
§9 [Allgemein] Ein Zwei-Personen-Kompaktkampfraum verzichtet de facto auf den Kommandanten. Durch das vernetzte Gefechtsfeld wird es eher dazu kommen, dass ein viertes Besatzungsmitglied im Panther- oder EMBT-Panzer sitzt, als Systemspezialist für Drohnen und anderes.
Das ist das Denken der alten Rüstungsingenieure und Soldaten. Aber letztlich denken alle in der Branche so. Es sind eben alte Ingenieure, keine jungen Softwareentwickler oder Manager von Tech-Konzernen in Schlabberpullis.
Der Schütze einer Javelin Panzerabwehrwaffe beobachtet das Umfeld, erkennt ein Ziel und schaltet es auf. Dabei wird die Infrarot-Silhouette des Ziels, die einen Kontrast mit der Umgebung darstellt, vom Sucher aufgeschaltet. Durch das Drücken des Abzugs fliegt der Flugkörper die Silhouette bis zum Einschlag an.
In einem Zukunftspanzer läuft das ähnlich. Der Kommandant sieht das Ziel im Wärmebild, schaltet es auf und betätigt den Abzug. Der Autoschütze wird die Infrarot-Silhouette verfolgen und anlasern, die Waffenanlage ausrichten und schießen. Je nach eingestellter Sensor-Effektor-Kette wird das Ziel so lange beschossen, bis es steht oder brennt. Der Autolader wird dabei jedes Mal eine neue Patrone in die Waffe laden. Wie bei Hunter-Killer-Systemen üblich kann der Kommandant weiter nach Zielen suchen, während der Autoschütze das Ziel bekämpft. Der Autoschütze, der den Richtschützen in Zukunftspanzern ersetzt, wird auf die empfindlichsten Stellen des gegnerischen Fahrzeuges zielen. Bei Lenkwaffen wie IRIS-T oder NSM ist das schon heute Realität. Bei Panzern mit Autoschütze wird wie bei den Prototypen VT1 und VT2 das Zieldurchgangsverfahren eingesetzt werden: Wenn sich der Turm auf das Ziel dreht wird bereits der Schuss gelöst, sobald die Kanone mit dem Ziel deckungsgleich ist. Ein Drehstop zum Anvisieren ist überflüssig, da Ziele automatisch 360° um das Fahrzeug erkannt und verfolgt werden. Bei Bedarf kann der Kommandant auch die Waffenanlage übersteuern und händisch richten. Die Sorge ist also unbegründet, vor allem, da weitere Aufgaben durch Assistenzsysteme abgenommen werden.
Was das vierte Besatzungsmitglied angeht, sieht man hier das Drama, wenn Laien mit der Denke von gestern von Digitalisierung reden. Die Leute verstehen nicht, dass man nicht einfach draufloshackt, sondern erst einmal die Betriebsabläufe analysieren, ordnen, segmentieren muss, und dabei gleiche oder ähnliche Abläufe erkennen und vereinheitlichen muss. Dass ein Informatiker den ganzen Laden erst umkrempeln muss, damit die Vorteile entstehen.
Warum braucht ein Kampfpanzer eine andere Software als ein Schützenpanzer? Machen die nicht alle das gleiche? Warum kann nicht der gleiche Technik-Stack auf allen Frontfahrzeugen laufen? Warum gibt es keine NATO-standardisierten Datenübertragungsformate für BMS, oder Hand-Over von unbemannten Systemen?
Der Entwicklungsaufwand für Sensoren und Software in einem System of Systems, wo die Landplattform nur ein Teil des Ganzen ist, wird generell extrem hoch sein. Livestreams von Sensoren, KI-Analysen von Sensordaten um überwachte, aber automatisierte Bekämpfungsvorgänge einleiten zu können. Missionsspezifische, von der Besatzung durch eine visuelle Programmiersprache eingebbare Sensor-Effektor-Ketten, zum Beispiel:
- Wenn du ein gegnerisches Fahrzeug siehst, bekämpfe es mit der Hauptwaffe bis es brennt.
- Wenn du eine Drohne ortest, blende mir das Bild auf dem Bildschirm 3 ein, damit ich die Bekämpfung freigebe.
- Wenn der Drohnenkontrollpanzer ausfällt, lege die Steuerung für UGCV 1 auf den Platz von Kommandant 2 als Bild in Bild.
- Wenn die Loitering Munition Kolibri-5 durch einen Teilnehmer im Netzwerk auf ein Ziel zugewiesen wurde, starte eine Neue in das Gebiet.
- Wenn Artillerie im Anflug ist, neble das Fahrzeug ein, um sensorgelenkte Munition abzuwehren.
- Wenn die Grenadiere abgesessen sind, vernichte Artilleriegranaten und Drohnen die sie treffen würden mit der Maschinenkanone.
- Wenn Artillerie im Anflug ist, berechne den Abschussort zurück und fordere Konterbatteriefeuer an.
Ein solches integriertes System mit seiner Datenflut wird nur durch eine einheitliche Landplattform verwaltbar sein, und nicht durch einen Plattformzoo mit unterschiedlichen Benutzerschnittstellen, Funkgeräten und Applikationen. Dann braucht man sich über die Drehstuhlschnittstelle im Panzer nicht wundern.
§10 [Rolf Hilmes] Bei dem zweiten Golfkrieg im Jahr 2003 wurden in einem ersten Ansatz die Prinzipien des »Network Centric Warfare« angewendet. Die Verfahren zeigten teilweise ermutigende Ergebnisse — es wurden aber auch zahlreiche Mängel offenkundig. […] Die verfügbaren Informationen über Standort und Kräfteumfang des Gegners waren dagegen sehr lückenhaft. […] Dem Sinn nach soll ein vor Ort eingesetzter amerikanischer Truppenführer gesagt haben, dass in den Vororten von Bagdad die Vision zerbrach, dass in einer modern ausgerüsteten Armee Gefechte durch Informationsüberlegenheit gewonnen werden können.
Hilmes beschreibt in diesem Abschnitt eine Reihe von Mängeln des NCW-Ansatzes der US-Amerikaner im Irakkrieg 2003, und lamentiert darüber, was in Zukunft noch alles schief gehen könnte. Diese beziehen sich ausschließlich auf Datenübertragung und Datenverarbeitung. Probleme, die durch Fortschritte der Technik und KI weitestgehend gelöst sind. Moderne Funkgeräte, mehr Satellitenkommunikation, mehr HF-Funk, mehr Rechenleistung am Endpunkt und Big-Data-Analysen in Reachback-Rechenzentren sind der Weg der Zukunft.
Die KI-Analysetools von Palantir werden vom US-Militär und in der Ukraine erfolgreich im Reachback-Verfahren eingesetzt, ebenso modernes Satelliteninternet (Starlink), dass dank AESA-Antennen mobile Verbindungen ermöglicht. Durch die höheren Frequenzen ist die Datenübertragungsrate wesentlich größer als bei UHF/VHF/HF-Funkgeräten, die ein Relikt darstellen. Mittelfristig werden UHF/VHF/HF-Funkgeräte durch militärisches 5G und moderne Satellitenkommunikation (z.B. Starlink, IRIS2, usw.) Zulauf bekommen. Moderne IP-basierte Kommunikations-Stacks ermöglichen es auch, die Datenpakete in Echtzeit über verschiedene Verbindungen zu verteilen. So kann ein Teil der Daten über ein Peer-to-Peer-Netzwerk zum Ziel geschickt werden, während der andere Teil über Satcom einen anderen Weg nimmt.
Insgesamt sieht man hier wieder die Unterschiede im Denken, die am besten durch einen Vergleich beschrieben werden: Als die ersten AESA-Radare aufkamen, rüstete die USAF diese sofort in die F-15C Eagle ein. Das Gerät war klein, teuer und hatte Vor- und Nachteile gegenüber dem mechanisch geschwenkten Radar das vorher verbaut war. Allerdings wurden dann im 7-Jahres-Takt stetig neue AESA-Radare eingerüstet, sodass die Leistungsfähigkeit des vorherigen mechanischen Radars erst erreicht, dann übertroffen wurde.
Bei den Luftstreitkräften setzt man auf unreife teure Technik, weil man weiß, dass sie in einer zukünftigen Ausbaustufe wesentliche Vorteile bietet. Allein die F-35 hat etwa 10 Jahre gebraucht, um von der Serienproduktion zur Einsatzreife zu kommen, wird aber noch 30 Jahre dominieren. Die Vorstellung heute Waffensysteme zu planen und zu beschaffen, mit den technischen Fähigkeiten die erst in 10 Jahren zur Verfügung stehen, ist für Landstreitkräfte nicht üblich. Hier wird die Technik von Gestern für die Taktik von Vorgestern beschafft, und man ist froh, wenn man durch Kampfwertsteigerungen weitere 10 Jahre einen minimalen Vorteil gegenüber dem Gegner hat.
Wobei die Masse der Kampfwertsteigerungen dann auch noch darin besteht, 5t Zusatzpanzerung aufzulegen.
§11 [Rolf Hilmes] Der Irak besteht zu knapp 80% aus Wüstenlandschaft. Hier hätten moderne Sensorsysteme effizient eingesetzt werden können, um z.B. Verbände eines mechanisierten Gegners frühzeitig im offenen Gelände aufzuspüren. In der Realität suchte der Gegner jedoch den Kampf in Städten, Häuserschluchten und Hinterhöfen. Diese Kampfweise neutralisiert größtenteils viele Hightech-Aufklärungsmittel und Abstandswaffen. Selbst der Ausbruchsversuch eines Verbandes der Republikanischen Garden wurde im offenen Gelände wegen eines heftigen Sandsturms nur per Zufall durch ein Aufklärungsflugzeug entdeckt.
Ein gutes Beispiel für Framing, wie ein funktionierendes Einsatzkonzept schlecht geredet werden kann. Eben weil die Vernichtung der irakischen Streitkräfte auf Distanz (hauptsächlich durch die Luftwaffe) funktionierte, mussten sie sich in urbane Zentren zurückziehen. Und Aufklärer entdecken gegnerische Bewegungen grundsätzlich „per Zufall“, also ohne vorheriges Wissen – das ist das Wesen dieser Truppengattung.
Ein 40 Jahre altes Kampfflugzeug ist gegen eine moderne Maschine chancenlos. Ein 40 Jahre alter Kampfpanzer tut sich gegen ein modernes Modell schwer. Ein Infanterist mit einer AK-47 ist gegenüber einem modern ausgerüsteten nur leicht im Nachteil. Jeder unterlegene Gegner wird deshalb immer das Infanteriegefecht suchen, da seine Abschussverhältnisse hier am günstigsten sind. Das Problem kann nur durch Kampfwertsteigerungen der Infanterie gelöst werden, und ist kein Panzer- oder Netzwerkphänomen. Jeder Guerillakrieg läuft nach diesem Schema.
Im Übrigen ist Feuerunterstützung für Infanterie im Häuserkampf keine Duellsituation, auch wenn Hilmes es im Buch so darzustellen versucht.
§12 [Rolf Hilmes] Dabei werden an das abstandsaktive Schutzsystem extrem hohe Anforderungen gestellt: Die HL-Gefechtsköpfe von anfliegenden Panzerfaustgranaten bzw. Lenkflugkörpern müssen vor Auslösung des Zünders zerstört werden […] In diesem Zusammenhang muss zugleich die Frage nach der Inkaufnahme von Kollateralschäden bei Auslösung des Hard-kill-Systems geklärt und beantwortet werden. Eine wirksame Abwehr von anfliegenden KE-Penetratoren, […], ist nach heutigen Vorstellungen nicht realisierbar […] besteht die dringende Forderung nach einem Hard-Kill-System, welches anfliegende Panzerfaustgranaten, die aus kürzester Entfernung (20 – 50 m) auf das Fahrzeug abgefeuert werden, wirksam bekämpft und neutralisiert. Das bedeutet, dass der Gefechtskopf erst im Nächstbereich um das Fahrzeug (Abstand ca. 1 – 10m) bekämpft werden kann. […] in diesem Entfernungsband ist es zwingend erforderlich, dass der HL-Gefechtskopf durch die Wirkmittel des Schutzsystems mit großer Sicherheit zerstört wird, bevor eine Zündung des Gefechtskopfes erfolgen kann! […] Reaktionszeit von ca. 3 Millisekunden ausreicht […] gegen KE-Penetratoren […] o,6 Millisekunden! (Hierbei wurden die Verhältnisse des ukrainischen Nächst-Bereich-Systems »ZASLON« – Detektionsentfernung: 2 m; Auslöseentfernung: 1 m vor dem Fahrzeug – zugrunde gelegt).
Die Kunst der Rabulistik besteht darin, alles Unerwünschte mit hohen Anforderungen zu bombardieren, während die Messlatte für alles Erwünschte niedrig gehängt wird.
Die Israelis haben alle ihre Frontfahrzeuge mit Hardkill-Systemen ausgestattet, die sich hervorragend bewährt haben. Die Tzahal führt praktisch alle Gefechte in urbanen Räumen. Interessant ist, dass Hilmes nicht Trophy oder Iron Fist als Referenz wählt. Zum Zeitpunkt der Drucklegung waren diese bereits in Erprobung und Einführung bei diversen Streitkräften, während das von ihm zitierte ZASLON damals wie heute nur im Marketing existierte.
Vielleicht liegt es an der geringen Detektionsentfernung von 2 Metern, die spektakulär kurze Reaktionszeiten erfordert. Oder an der noch kürzeren Auslöseentfernung, um die zuverlässige Neutralisierung von Bedrohungen als möglichst schwierig und unwahrscheinlich erscheinen zu lassen.
Es ist generell sinnvoll, die Sensoren so weit wie möglich schauen zu lassen, um Luft- und Bodenbewegungen in einer Sphäre um das Fahrzeug herum orten zu können. Die AESA-radarbasierten Systeme Trophy und Iron Fist sind im Einsatz, und haben Detektionsentfernungen von weit über 100 Metern. Dadurch können sehr kleine Ziele, wie KE-Penetratoren aus Panzerkanonen rechtzeitig geortet werden. Iron Fist hat bereits den Abschuss von APFSDS-Penetratoren auf dem Schießstand nachgewiesen. Die Vernichtung von Bedrohungen auf große Entfernungen ist generell anzustreben, um neben der Plattform selbst noch Verbündete in der Nähe zu schützen.
§13 [Rolf Hilmes] Eine andere Idee geht von der Vorstellung aus, dem KE-Penetrator durch Detonation einer Blastgranate in unmittelbarer Nähe seines Leitwerkes eine Auslenkung von der Flugrichtung aufzuprägen. Würde ein Penetrator mit einem Anstellwinkel von ca. 10 Grad auf die Panzerung auftreffen, so soll dies aufgrund der auftretenden Lateralbelastung beim Aufschlag zu einer Reduzierung der Durchschlagsleistung von bis zu 50% führen. […] Wenn auch heute bereits Ideen für solche Systeme existieren und erste Laborversuche im Modellmaßstab durchgeführt wurden, so dürfte eine Realisierung nicht nur weitere, langjährige Entwicklungsarbeiten erfordern – sie könnte auch an den exorbitanten Kosten scheitern.
Der Berufspessimismus war wie immer umsonst. Im Jahr der Drucklegung wurde das Hardkillsystem Iron Fist in Israel getestet, das nach diesem Prinzip arbeitet, und 2009, zwei Jahre später, wurde die Beschaffung genehmigt. Diese zögerte sich hinaus. Heute sind die niederländischen und tschechischen CV90 Schützenpanzer mit Iron Fist ausgerüstet.

Blast-Granate von Iron Fist vernichtet einen anfliegenden APFSDS-Penetrator
Aktive Schutzsysteme, dominiert von Elektronik, Software und Datenlinks werden sich schnell entwickeln, und stetig an Leistung gewinnen. Schutzkonzepte die auf passive oder reaktive Panzerungen setzen bieten kein Entwicklungspotential mehr.
§14 [Rolf Hilmes] Da fast alle Hard-kill-Systeme letztlich statistisch wirkende Systeme sind, bei denen eine hundertprozentige Wirksamkeit nicht garantiert werden kann, stellen sie eine sinnvolle Ergänzung dar. Sie sind aber kein Ersatz für einen soliden, ballistischen Schutz des Fahrzeugs.
Ballistischer Schutz ist ein statistisch wirkendes System, der keine hundertprozentige Wirksamkeit garantieren kann. Er ist kein Ersatz für ein solides Hard-Kill-System zum Schutz des Fahrzeuges.
Die erste Annahme geht vom Schießstand aus: Wenn Waffe und Winkel bekannt sind, kann sicher prognostiziert werden, ob ein Angriff durchschlägt oder nicht. Die zweite Annahme geht vom Gefechtsfeld aus. Es ist statistisch, welche Waffe aus welchem Winkel das Fahrzeug trifft.
Die Illusion besteht darin zu glauben, wenn man im vorderen 60° Bogen undurchdringlich sei, sei man gut geschützt. Dem ist aber nicht so. Alle modernen Panzerabwehrlenkwaffen schlagen von oben ein. Dass die Masse der Gegner immer noch auf Sichtline schießt, zum Beispiel mit AT-14 SPRIGGAN, ist der technischen Rückständigkeit geschuldet und wird auf Dauer nicht so bleiben. Alle Drohnen und LM schlagen von oben ein. Infanterie wird sich stets bemühen, in die Flanken des Fahrzeuges zu schießen.
Ein Fahrzeug ohne aktives Schutzsystem steht praktisch nackt da. Und wenn alle Panzer mit einem aktiven Schutzsystem ausgerüstet sind (Hardkill, Softkill, Jammer gegen Sprengfallen und Drohnen, Laserwarner), dann stellt sich eben die Frage, ob ein 65-Tonnen-Panzer nicht mehr Nachteile als Vorteile gegenüber einem 35-Tonnen-Panzer hat.
§14 [Rolf Hilmes] Wie so oft im Wettlauf zwischen >Schwert und Schild<, d.h. Wirkung und Schutz, ist in den kommenden Jahren auch mit Maßnahmen zur Überwindung von abstandsaktiven Schutzsystemen zu rechnen. […] >Dive-attack< mit steilen Angriffswinkeln, […] Täuschung der Sensoren bei Annäherung an das Fahrzeug (Ausstoß von Täuschkörpern), Störung der Sensoren durch ECM-Maßnahmen, Sättigung […]
Kaiser Wilhelm II: „Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist nur eine vorübergehende Erscheinung.“ Wozu also mit aktiven Schutzsystemen befassen? Der nächste Meter Bautiefe an der Fahrzeugfront wartet schon darauf, konstruiert zu werden! Der Versuchsträger Experimentalwanne Gesamtschutz (EGS) hatte bereits zwei Meter Bautiefe an der Wannenfront. Nur ist das leider vollkommen irrelevant, wenn 90% aller Angriffe und Ausfälle Treffer in das Dach oder die Seiten erhielten, oder auf eine Mine oder Sprengfalle fuhren.
Interessant ist der Einwand, Dive Attack würde aktive Systeme neutralisieren. Aktive Schutzsysteme sind der einzige Schutz gegen Dive-Attack-Munition. Es gibt Systeme die im oberen Bereich Lücken aufweisen, aber das ist eine bewusste Entscheidung die sich leicht ändern lässt. Im Gegensatz zu der Vorstellung, 800 mm Dach- und Seitenpanzerung aufmontieren zu müssen.
Das Angriffe mit Täuschkörperausstoß das Erste ist was diesen Leuten einfällt, nachdem Landsystemen seit 50 Jahren Raketenwarner und Softkillsysteme verweigert werden, spricht Bände. Plötzlich ist jedes moderne Mittel recht, wenn es nur das verhasste aktive Schutzsystem überwindet. Also die modernen Mittel, die man dem Heer selbst verweigert, und nur in Not nachrüstet, wie EloKa gegen Sprengfallen in Afghanistan.
Apropos Afghanistan: Augenscheinlich zählen auch Klimaanlagen zu den modernen Mitteln, die nur in der Not nachgerüstet werden.
Die Panzer der Zukunft beobachten ihr Umfeld durch Radar-, IR- und EO-Sensoren und fusionieren diese Daten, um automatisch Ziele in der Umgebung zu entdecken. Dabei werden auch Daten benachbarter Plattformen einbezogen. Diese Sensorfusion kann praktisch nicht getäuscht werden.
§15 [Rolf Hilmes] Die praktischen Erfahrungen aus aktuellen Konfliktszenarien (s.a. Kanada in Südafghanistan; Herbst 2006) weisen immer wieder daraufhin, dass der Soldat im Einsatz vorrangig und primär Schutz und ausreichende Überlebenswahrscheinlichkeit fordert.
Wenn das tatsächlich so wäre, müsste die Infanterie unter Personalmangel leiden. Absurderweise werden bei gegenwärtigen Kampffahrzeugen Munition, Kraftstoff und Besatzung in einem Raum untergebracht. Man schafft es nicht einmal einen Aufsetzturm ohne Dachdurchbruch auf Schützenpanzer zu setzen, ohne Jammerarien anzustimmen, welche Nachteile das brächte. Gleichzeitig weigert man sich diese Nachteile anzugehen.
Im Irak und Afghanistan war der Flankenschutz und Minenschutz aller Fahrzeuge unzureichend. Heute haben fast alle modernen Fahrzeuge einen Minenschutz von 8-10 kg unter Wanne oder Kette, sind frontal gegen RPG-7 geschützt, und bei gewissen Winkeln auch gegen RPG-7 in die Flanke und aufs Dach resistent. Es ist eine bewusste Irreführung, wenn leichte Radpanzer wie die Stryker, die anfangs nur gegen Handfeuerwaffen geschützt waren, mit modernen Radpanzern wie Patria XP, Eitan und Boxer gleichgesetzt werden. Wenn 99% der Angriffe mit Sprengfallen und RPG-7 erfolgen, ist der Schutz gegen diese Attacken eine entscheidende Größe.
Auch die geliebten Kampfpanzer waren an den Flanken gegen RPG-7 verwundbar, und mussten mit Gittern und Reaktivpanzerung nachgerüstet werden. Der Minenschutz war ebenfalls unzureichend, und wurde nachgebessert.

Leopard 2A5DK in Afghanistan mit RPG-Gittern an den Flanken.
Auch der Ukrainekrieg zeigt, wie wichtig Minenschutz und Flankenschutz ist. Ein höheres Schutzniveau erfordert zwingend ein aktives Schutzsystem aus Hardkill, Jammer, Softkill und Laserwarnern.
§16 [Rolf Hilmes] Die Anforderungen des Lufttransportes an die gepanzerten Fahrzeuge sind dabei in vielen Bereichen nicht mit den Anforderungen des Gefechtes (Schutz; Überlebensfähigkeit; Waffenwirksamkeit; Einsatzautonomie usw.) vereinbar. […] Es wäre nicht zu verantworten, bei Anfangsoperationen mit unklarer bzw. kritischer Bedrohungslage lediglich Leichtpanzer einzusetzen, nur weil diese den Anforderungen des Lufttransportes genügen und damit schnell verlegbar sind.
Angenommen zwei gleich große Brigaden treffen aufeinander. Blau mit mittleren Kräften auf Rad, und Rot mit schweren Kräften auf Kette.
Durch überlegene Aufklärung und indirektes Feuer mit SMArt-155 und BONUS, Luftangriffe, Loitering Munition wie SkyStriker und Hero 120, selbstzielsuchende Brimstone und XM1111 MRM, Wurfminen, indirektes Feuer mit PALR wie Akeron und Spike, ferngesteuerte Kampfroboter und überlegene elektronische Kriegsführung würde die Hälfte von Rot dezimiert, bevor es zum Duell kommt. Da Rot nur klassische Rohr- und Raketenartillerie hat, ist die Effektivität gegen die gepanzerten Fahrzeuge von Blau fragwürdig.
Das Duell beginnt günstig für Blau, weil diese nun 2:1 in der Überzahl sind. Allerdings ist Rot mit schweren Fahrzeugen für das Duell besser gerüstet, sodass ein höheres Abschussverhältnis erzielt wird. Am Ende steht es 0:0 und wie in einer griechischen Tragödie sind alle Helden tot.
Der Unterschied liegt darin, das Blau drei Tage vorher 500 km aus der Kaserne zum Flughafen fuhr, und dann 2000 km ins Einsatzland geflogen wurde. Dort angekommen, fuhren die Fahrzeuge weitere 500 km auf eigener Achse an die Front. Rot musste einen Monat lang mit unzähligen Tiefladern, Flachwaggons, Tanklastern, Begleitfahrzeugen und Schiffen an die Front bewegt werden.
Billiger wird es dadurch aber nicht. Das Geld was an Tiefladern, Flachwaggons, Tanklastern und Begleitfahrzeugen eingespart wird, muss in Abstandswirkung und Aufklärung investiert werden. Die Streitmacht wird dadurch nicht preiswerter, nur anders. Mehr indirekte Feuerkraft und Aufklärung für weniger Enabler.
In friedenserhaltenden Missionen werden die Leichtpanzer vorgeschickt, und nur ein Bruchteil der Abstandsfähigkeit, also LKW-Artillerie, LKW-Raketenwerfer, Drohnenzüge, Loitering-Munition-Starter usw. In zwischenstaatlichen Konflikten, oder wenn die Mission eskaliert, wird das volle Arsenal der Brigade ins Einsatzgebiet verlegt, und die Luftwaffe greift ein.
In allen modernen Konflikten wurden über 80% der Verluste durch indirektes Feuer und Luftangriffe zugefügt. Es geht an der Realität vorbei, nur auf das Duell zu schauen. Emotionsgesteuerte Überlegungen wie „Wenn der Panzer 65 Tonnen wiegen würde, hätte die Besatzung überlebt“ ignorieren die Randbedingungen. Warum sollte der Schwerpunkt der Kampfwertsteigerung nicht auf Abstandsfähigkeit liegen? Warum die hundertste Leopard 2 Kampfwertsteigerung, für Duellsituationen die seltener als ein vierblättriges Kleeblatt sind?
Dies würde Bodentruppen abverlangen doppelt asymmetrisch zu kämpfen: Asymmetrisch gegenüber Staaten, aber auch asymmetrisch gegenüber irregulären Kräften.
Mittlere Kräfte sollten kein Türkeil für die obsoleten Kampfpanzer sein, sondern ein Taschenmesser für alle militärischen Missionen. Es wäre nicht zu verantworten, den Steuerzahler für jede Nischenbrigade und Randaufgabe eine Vollausstattung bezahlen zu lassen. Streitkräfte sind ein politisches Instrument und eine Versicherung, und kein Quartettspiel.
§17 [Armin Dirks] [Der Sinn des Kampfpanzers ist] Gelände in Besitz nehmen, unter Schutz, unter maximalem Schutz der Besatzung, dabei Abnutzung auf der Gegenseite verursachen und dies in jedem Gelände. […] Die Schlussfolge aus dem, was wir zurzeit sehen und was wir auch vorher schon gesehen haben, ist, dass es eher das Gegenteil des Endes ist, sondern eigentlich eine Bestätigung, dass in der Kombination aus überlegender Feuerkraft und im wesentlichen uneingeschränkter Mobilität in jedem Gelände und optimiert im Schutz Auftragserfüllung zukünftig eigentlich nur noch möglich ist. Denn mit Panzerabwehrhandwaffen nimmt man kein Gelände in Besitz, das sind die Boots on the Ground oder in diesem Fall die Tracks on the Ground bei Panzern. Ich muss irgendwo hin, nachdem ich den Gegner abgenutzt habe, um das Gelände dann zu beherrschen. […] Ja, [auf Abstand] kann ich mit einer hohen Abnutzungsrate arbeiten, aber ich muss in das Gelände rein, um es in Besitz zu nehmen. Und dafür muss ich eben mich dort bewegen können und ich muss meine Besatzung schützen können.
Das ist nicht die Definition eines Kampfpanzers, sondern die Aufgabe aller gepanzerten Gefechtsfahrzeuge. Rabulistischer Trick Nummer 1. Wenn das auf die Frage nach dem Ende des Kampfpanzers kommt, ist der Kampfpanzer am Ende.
§18 [Armin Dirks] Am Anfang, wie bereits mehrfach angesprochen, war es die Beweglichmachung des Maschinengewehrs, dann, weil dann jede Seite auch die Tanks […] hatte […] musste man auf eine Bewaffnung oder Munition umsteigen, die dann die gegnerischen Tanks bekämpft hat. Bis hin zu, was wir derzeit haben, die hochmodernen leistungsfähigen KE-Geschosse, die auf große Entfernung unter duellfähigen Bedingungen vergleichbare Plattformen erfolgreich bekämpfen können. Natürlich, wenn man über Firepower redet, muss man über Schutz reden. […] Wo jetzt versucht wird, nicht nur bei uns, aber auch in anderen Ländern die Lücke zu schließen, sind APS, also Active Protection Systems, [die] zukünftig mal in der Lage [sein sollen] auch gegen Panzer KE wirken zu können. […] So, dass wir dann auch in diesem Bereich wieder zu einer Balance dieses Iron Triangles kommen können.
Das Kampfpanzerduell ist eine deutsche Obsession, die vom Russen gespiegelt wird – oder umgekehrt.
Vermutlich ist man bei der Bundeswehr der Ansicht, der Erfolg im Landkampf stehe und falle mit der Duellsituation. Deshalb werden bei der Bundeswehr alle 5 Jahre eine rohrverlängerte Hauptwaffe, höhere Kammerdrücke und bessere KE-Geschosse in die Truppe eingeführt. In anderen Ländern sieht man das entspannter. Franzosen, Briten, Amerikaner, Finnen usw. haben immer akzeptiert, dass mit ihrer Hauptwaffe nicht jederzeit alle Russenpanzer frontal durchbohrt werden können.
Das Ganze hat sich inzwischen zu einem Autismus entwickelt, den der Russe trefflich zu nutzen versteht. So bestehen alle Weiterentwicklungen des T-64/72/80/90 darin, bessere Reaktivpanzerung aufzulegen, um den Schutz gegen Pfeilmunition zu verbessern.
Der Russe nimmt einen 40 Jahre alten Kampfpanzer und legt eine Schicht billige Reaktivpanzerung drauf. Deutsche Panzerplaner bekommen Bedenken, weil die eigene Panzerkanone die Front der Fahrzeuge auf 2km nicht mehr durchschlagen kann. Also wird eine neue Generation APFSDS-Geschosse entwickelt. Der Russe reagiert darauf, indem er verbesserte, schwere Reaktivpanzerung auf die Front der Fahrzeuge montiert. Das Spiel beginnt von neuem.
Der Russe hat für ein Linsengericht, indem billige Reaktivpanzerung auf die Front uralter Fahrzeuge montiert wird, Milliardenbeträge in der westlichen Welt bewegt.
Alle russischen Kampfpanzer sind rein auf frontale Panzerungsstärke optimiert. Deshalb sind die Fahrzeuge, verglichen mit ihrer Gesamtmasse, frontal sehr gut geschützt. Das Problem ist, das westliche, besonders deutsche Panzerfahrzeuge, ausgewogen geschützt sind. Flankenschutz, Dachschutz, Minenschutz und Frontschutz werden alle als wichtig erachtet. Es ist unredlich nur mit Duellüberlegungen zu kommen, selbst aber über 10t Masse für Minen-, Dach- und Flankenschutz zu verbauen.
Wenn man sich dasselbe Gewichtslimit gibt wie dem Gegner, oder denselben Bodendruck, dieser alle Masse in den Frontschutz investiert, man selbst aber einen ausgewogenen Schutz möchte, und dann die Chuzpe besitzt Fahrzeuge nur auf Durchschlagsleistung und Frontalschutz zu reduzieren, kann man nur verlieren.
Wenn der Gegner Abstriche bei Minen-, Dach- und Flankenschutz macht zugunsten des Frontalschutzes, muss man ihn über Dach, Unterboden und Seiten attackieren. Wenn das nach Ansicht von Experten nicht möglich oder sinnvoll ist, sollte man aufhören doppelte Maßstäbe anzulegen.
Heeresplaner können es nicht lassen, auf das Kampfpanzerduell zu schauen wie die Schlange auf das Kaninchen – oder umgekehrt. Am besten hört man auf sich mit Kampfpanzerduellüberlegungen kirre zu machen, die seltener sind als ein vierblättriges Kleeblatt.
§19 [Armin Dirks] Dass wir dann eben, die andere Seite hat ja mit dem T-14, mit der Armata-Familie, auch eine neue Generation hingestellt, dann wieder in der Lage sind, Gelände in Besitz zu nehmen und uns dort dagegen im Bereich Schutz aufzustellen.
Es ist das Bild wie aus einem Fantasyfilm, wo die Helden beider Seiten während der Schlacht zueinander finden, um sich ritterlich zu duellieren. Keiner der Helden wird durch die anonyme Masse der Gegner überwunden.
§20 [Armin Dirks] Das heißt Verbände kämpfen gegen Verbände. Das heißt der Kampfpanzer oder vergleichbar der Schützenpanzer und die Artillerie und so weiter sind nicht dafür vorgesehen, einzeln mit dem Gegenüber zu kämpfen, sondern die eigene Formation hat eine gewisse Bandbreite an Fähigkeiten zu erbringen, damit man die gegnerische Formation erfolgreich bekämpfen kann […]. Das heißt der Fähigkeitsmix ist das Entscheidende. […] je nachdem wie auch der Schutz auf der anderen Seite sich weiterentwickelt und auch andere Fähigkeiten, muss der eigene Fähigkeitsmix entsprechend angepasst werden. Das heißt, worüber man natürlich reden kann, auch beim Thema Kosten, ist der Anteil an zukünftigen Kampfpanzern oder Kampfpanzer-ähnlichen Systemen. Aber das Prinzip unter Panzerschutz mit überlegener Feuerkraft Gelände in Besitz zu nehmen bleibt unverändert der Auftrag.
Der Auftrag von Landstreitkräften ist es, Gelände in Besitz zu nehmen. Daraus folgt logisch zwingend, dass das Gelände aufgeklärt werden muss um Gegner zu entdecken. Sind diese entdeckt, erfolgt deren Vernichtung auf Distanz. Das Spiel lässt sich mit moderner Technik so optimieren, dass (idealerweise) alle Gegner aufgeklärt und vernichtet werden, bevor die eigenen Bodentruppen vorrücken.
Die Obsession den Gegner im Nahkampf auf Sicht zu werfen mag heroisch sein, ist aber idiotisch. Flugzeuge beharken sich nicht mehr im Kurvenkampf mit Maschinenkanonen, sondern feuern Lenkwaffen auf Gegner außerhalb der Sichtweite. Schiffe schießen nicht mehr auf Sicht mit dicken Geschützen, sondern starten Lenkwaffen auf Ziele hinter dem Horizont. Vermutlich kränkt es das militärische Ego, wenn das fette, pickelgesichtige Kellerkind mit dem Xbox-Controller 10 durchtrainierte Einzelkämpfer per Kamikazedrohne ins Jenseits befördert. Aber die Tatsache, dass es den Landstreitkräften heute an Aufklärungs- und Wirkmitteln fehlt den Gegner auf Distanz zu besiegen ist kein Grund, sie nicht zu beschaffen.
Heere gehen leider immer noch davon aus, dass die Entscheidung im Duell fällt. Entsprechend wird postuliert, dass EloKa, Flak, Tarnen und Täuschen das gläserne Gefechtsfeld für den Gegner milchig machen, damit die geliebten Kampfpanzer attackieren können, um den Kampf im Duell zu entscheiden. Damit das funktioniert, müssen Lock-on-after-Launch-Flugkörper, Loitering Munition und FPV-Drohnen, die nichts anderes als improvisierte Loitering Munition sind, als Flugabwehrproblem eingestuft werden. Das ist etwa so geistreich, wie wenn die Marine weiterhin auf Rohrwaffen als Hauptwaffe und -bedrohung setzen würde.
Die Erkenntnis um die sich Oberst Dirks drückt, ist folgende: Auf dem gläsernen Gefechtsfeld könnte man jedes Kampfpanzerduell verlieren, so selten sie auch sein mögen. Wichtiger ist, dass die eigenen Kräfte die Luftüberlegenheit haben, und den Gegner 24/7 bombardieren. Wichtiger ist, in Führung, Flugabwehr, Konterbatteriefeuer, Aufklärung und elektronischem Kampf überlegen zu sein, um handlungsfähig zu bleiben, während dem Gegner diese Felder verweigert werden. Wichtiger ist, dass alle Truppengattungen Mittel haben gegnerische Gefechtsfahrzeuge zu vernichten. Und so weiter und so fort.
Gerade der letzte Punkt relativiert die Wichtigkeit der Kanone des Kampfpanzers, was seit dem Jom-Kippur-Krieg (1973) Realität ist.
§21 [Armin Dirks] Wir haben im Leopard 2 im Oktober 79 die Nutzung begonnen, da lag er bei etwas über 50 Tonnen. So wo wir jetzt liegen, wissen wir. Das ist so ein Naturgesetz im Laufe der Nutzung, wenn ja immer neue Fähigkeiten dazukommen und wie zum Beispiel jetzt gerade eben das Trophy-System für ein paar Leoparden, dann wird der immer größer und schwerer.
Das Naturgesetz ist die Unsitte, jedes Problem mit 5 Tonnen Zusatzpanzerung zu lösen. 99% der Gewichtssteigerungen haben nichts mit Fähigkeitsaufwuchs zu tun. Es geht nur darum den Schutz zu verbessern. Das hätte man allerdings von Anfang an haben können. Wenn man mit 55t startet und auf 65t aufpanzert, warum nicht gleich 65t beschaffen? Man belügt sich nur selbst. Das eigene Denken ist auf das Duell fokussiert, und da ist Waffenwirkung und Frontalschutz entscheidend.
Dass die Technikkarawane längst weitergezogen ist, bekommt man dort nicht mit. Wer die gleichen Anforderungen stellt wie vor 100 Jahren, bekommt auch das Gleiche, nur ein Stückchen besser. Wer mehr Schutz ohne Innovation will, bekommt eben mehr Panzerung aufgeladen. Wer mehr Feuerkraft ohne Innovation will, bekommt eben eine größere Kanone.
Moderne NATO-Penetratoren wie M829A3 sind vorne dicker (26mm) als hinten (22mm), weil der größere Durchmesser vorn die Scheerbelastung der schweren Reaktivpanzerung russischer Panzer besser aufnehmen kann. Wäre der Penetratorstab zu dünn, würde er beim Durchgang brechen. Moderne russische Penetratoren wie 3BM59 haben einen konstanten dünnen Durchmesser, da NATO-Panzer keine schwere Reaktivpanzerung einsetzen. Damit ist es dem Russen möglich, trotz schlechterer Metallurgie relativ hohe Durchschlagswerte zu erreichen; auch wenn die Stablänge von unter 735mm nicht ausreicht um die Turmfront von M1A2, Challenger 2 oder Leopard 2A5 zu durchstoßen.
Wie bei §18 (Duellobsession bei ausgewogenem Schutz) führt die geistige Eindimensionalität dazu, dass man stets bergauf läuft, während man dem Gegner das Leben leichter macht. Nach 40 Jahren sinnlosem Bedenkenträgertum hat man schließlich Komposit-Reaktivpanzerung an den Seitenschürzen des Puma akzeptiert. Schwere Reaktivpanzerung an der Fahrzeugfront, besonders wenn die Explosion die Platten nach vorne wegsprengt, beeinträchtigt eigene Kräfte noch weniger.
§22 [Armin Dirks] Wenn wir jetzt aber ein Multiplattform-System haben, kann man am Ende des Tages sagen, wenn es eine große Fähigkeit wird, dann stellen wir nicht das auf jeder Plattform dazu, sondern wir stellen eine weitere Plattform dazu. Deshalb brauchen wir auch den Einstieg in unbemannte Plattformen, die in einer taktischen Formation fahren können, allerdings nicht unter der Duellbedingung. […] dann müssen die Plattformen so zusammengebunden werden, dass sie gemeinsam die Fähigkeiten erfüllen. Also wenn ich sage, ich habe eine Technologie wie die Panzer-Kanone mit der KE die wir kennen. Aber ich bin gefordert, auch noch auf Entfernungen jenseits dessen was eine konventionelle Panzer-Kanone leisten kann, auch Duellfähig zu sein, muss ich eine neue Technologie einführen. Auf einer weiteren Plattform. Und dann erfüllen beide Plattformen zusammen diese Fähigkeiten der Duellfähigkeit bis zu einer bestimmten Entfernung.
Die Bausteine des Heeres sind dieselben wie vor 100 Jahren, werden aber stets nach dem Prinzip größer, höher, schneller, weiter optimiert. Wenn man den Gegner jetzt auf 3 km im Duell besiegen kann, wird das in Zukunft in 5 km möglich sein.
Und wenn man die Fälle, in denen ein Panzerduell auf 5 km ausgefochten wird mit dem Sechser im Lotto vergleichen kann, dann ist das nur der Beleg dafür, dass Russland ein gefährlicher Gegner ist, und man noch mehr technischen Fortschritt der Art „more of the same“ benötigt, und das Masse eine Klasse für sich ist.
Der geliebte Kampfpanzer ist das ein und alles. Wenn er von FPV-Drohnen und Loitering Munition bedroht wird, braucht man einen Roboterpanzer als Helfer, der mit seinem Laser die Bedrohung abwehrt. Wenn der Gegner auf 5 km Entfernung mit dem T-14 auftaucht, braucht man einen Roboterpanzer mit Hyperschallflugkörpern zur Zerstörung.

MGCS-Plattform in drei Varianten: Kanone, Flugkörper, und Kampfunterstützung
Vielleicht sollte man sich einmal bewusst werden, dass das heutige Einsatzkonzept dasselbe ist wie 1924 mit dem Renault Char B1. Moderne Kriegsschiffe und Kampfflugzeuge unterscheiden sich radikal von denen der 1930er Jahre. Moderne Panzer unterscheiden sich kaum von denen der 1930er Jahre. Warum?
§23 [Armin Dirks] Heißt, ich muss die Anzahl der Besatzung pro Plattform reduzieren, heißt, ich muss automatisieren, also es wird nie wieder einen Ladeschützen geben.
Die Retroperspektive ist die schönste Perspektive. Jede neue Entwicklung, die heute selbstverständlich ist, wurde in den Heeren der Welt kritisch kommentiert. Es ist die Geisteshaltung bei jeder Innovation hauptsächlich die Probleme zu sehen, und sie nur dann anzunehmen, wenn es gar nicht anders geht.
Mit einer 130/140mm Kanone ist dieser Punkt nun erreicht. Und so kann man, nach 40 Jahren Fortschrittsverweigerung gegenüber Ladeautomaten, en passant über diesen Punkt hinweggehen. 40 Jahre sinnloses bremsen, verzögern, kritisieren anstatt die Chancen freudig zu ergreifen. Eine 130mm Kanone ist kein technischer Fortschritt. Die hätte man auch in den 80er Jahren einführen können, inklusive Ladeautomat. Das hätte 99% aller Fragen über die Wirksamkeit von NATO-Munition gegen die neusten sowjetischen Panzer erledigt.
Man hat nicht nur eine Fixierung auf das Duell, sondern lässt sich darin auch wie ein Esel mit der Möhre führen.
§24 [Armin Dirks] Das ist eben die Frage, ob man [Aufklärung] mit einer Sensor-Suite auf der Plattform, oder eine Abgesetzte, oder einem eigenen UAV schneller und präziser hinbekommt als durch ein Besatzungsmitglied, was durch eine Optik blickt, mit den entsprechenden Einschränkungen. […] Dann ist es am Ende des Tages eben auch nicht mehr relevant, ob die Plattform, die den Bekämpfungsvorgang vornimmt, dann auch die Sensorik hat, die vorher festgestellt hat, das ist ein T-14 auf der anderen Seite. Weil durch Collaborative Combat ja ein Verbund da ist, die gleichen Information auf allen zumindest bemannten Plattformen hat. Das ist der Weg, wo es hingeht, so dass wir eben nicht von Spezialisierung reden, sondern darüber reden, dass ein Verbund, ein Combat System, ein Ground Combat System ergibt, was gemeinsam den Auftrag erfüllt. Im Kontext des Deutschen Heeres, das muss man immer sagen, also ein Main-Ground-Combat-System hat nicht vor den Schützenpanzer zu ersetzen oder die Artillerie zu ersetzen, sondern da wo zurzeit der Leopard sein Platz hat, wird zukünftig dann das MGCS sein Platz haben, was etwas mehr an Fähigkeiten einbringen soll, gemäß der Forderung des Deutschen Heeres.
Oberst Dirks beschreibt diesen System of Systems Ansatz sehr gut. Durch die Beschränkung der Sensorreichweite wird Landkampf durch ein verteiltes System ausgeführt werden. Sinnvollerweise kommt dabei ein Systemverbund (System of Systems) zum Einsatz, und kein gemischter Gefechtsverband mit unterschiedlicher Mobilität und Konnektivität.
Hohe Datenübertragungsraten sind notwendig, damit nicht nur eine Sensorfusion in der einzelnen Plattform stattfindet, sondern eine kollaborative Erfassung und Bekämpfung zwischen den Systemen möglich wird. So können die Radardaten einer Plattform mit den IR-Daten einer anderen kombiniert werden, um ein Ziel zu identifizieren, selbst wenn der Schwellenwert bei keinem Sensor und keiner Plattform erreicht wurde. Das Problem von Bebauung und Botanik kann dadurch mitigiert werden. Ferner kann eine Bedrohung von Plattform A durch das Schutzsystem von Plattform B neutralisiert werden, wenn diese günstiger steht und noch Abwehrmittel zur Verfügung hat. Fahrzeuge mit Air-Burst-Munition können automatisiert Panzerabwehrlenkwaffen abschießen, die den Systemverbund bedrohen. Eine verteilte KI kann den Besatzungen Manöveranweisungen einblenden, um je nach Bedrohung die optimale Dislozierung und Fahrstrecke einzunehmen, u.v.m.
Auch aus diesem Grund ist die Einzelentwicklung von Systemen wie Kampfpanzer, Schützenpanzer, Spähpanzer usw. sinnlos. Nur eine einheitliche Landplattform mit gleichem Technik-Stack (Mensch-Maschine-Schnittstelle, Sensorik, Kommunikationsmitteln, Software, Schutzsystemen, usw.) ermöglicht netzwerkzentrierte Kriegsführung als System of Systems.

MGCS als Insel der Seligen in einem Meer aus technisch abgehängten Fahrzeugen
Das ist aber, was dem Deutschen Heer und dem MGCS das Genick brechen wird. Es genügt nicht einen Satz Duellfahrzeuge an der Front zu haben, um die Vorteile der netzwerkzentrierten Kriegsführung als System of Systems zu haben. Wie bereits bei §8 und §9 beschrieben, ist der Aufwand für Mensch-Maschine-Schnittstelle, Software, Sensoren, Datenlinks usw. so hoch, dass sich die Eintrittskosten nur dann lohnen, wenn das Netzwerk möglichst viele Teilnehmer mit unterschiedlichen Fähigkeiten hat. Die Verwendung einer Einheitsplattform senkt nicht nur die Kosten für den Unterhalt und die Anschaffung der einzelnen Fähigkeitsbausteine, sie sorgt umgekehrt auch dafür, dass möglichst viele Sensoren und Effektoren kollaborieren.
Mehr Geld in das MGCS zu pumpen durch internationale Teilnehmer verbessert nicht den Gefechtswert des Systems.
§24 [Allgemein] Mit dem TTB, dem Abrams-X, dem MGCS und dem T-14 Armata gibt es Kampfpanzerkonzepte die sich alle ähnlich sind. Liegen die alle falsch?
1991 wurde von der Rand Corporation ein Panzerkonzept untersucht, welches eine 135-mm-Glattrohrkanone in einem unbemannten Flachturm besaß, einen Kompaktkampfraum für zwei Soldaten, einen Heckmotor, und 1,3-m-Panzerung an der Wannenfront. Dabei wurden fünf verschiedene Vignetten simuliert, um die Effektivität des RCV-Konzeptes (Reduced Crew Vehicle) in verschiedenen Operationsarten zu untersuchen (Studie AD-A237 212).

Die Sensoren des RCV-Konzeptes waren mit denen des M1A2 Abrams identisch.
Ein solches Fahrzeug war insbesondere in der Verteidigung extrem dominant, etwa viermal besser als ein M1A2. Im Angriff war es etwa dreimal besser, jeweils gemessen an den Abschussverhältnissen. Das Glas ist für RCV-Konzepte also halb voll, wenn man der Ansicht ist, dass der Landkampf der Zukunft im Kampfpanzerduell entschieden wird.
Die Vignetten hatten Artilleriefeuer mit FASCAM, ICM, HE und Nebel simuliert. Ob Feuerunterstützung durch Artillerie oder Kampfhubschrauber geschossen wurde, hatte keinen Einfluss auf das Gefechtsergebnis. Nur die Abschussverhältnisse und Gesamtverluste verschoben sich leicht. Was man als Auszeichnung für die Doktrin mechanisierter Gefechtsverbände begreifen kann – oder als Fähigkeitsdefizit, als technisches Unvermögen und mangelnden Willen, den Gegner auf Distanz zu zerstören.
Die Simulationsläufe hatten weder Top-Attack-Munition wie XM943 STAFF, Javelin oder TOW-2B, noch Panzerabwehrartilleriemunition wie Strix, SMArt oder BONUS, noch selbstzielsuchende Panzerabwehrwaffen wie Brimstone, XM1111 MRM oder Loitering Munition, Fire-and-Observe-Flugkörper wie Akeron oder Spike, oder Drohnenaufklärung berücksichtigt, weil diese vor über 30 Jahren nicht vorstellbar waren.
Es war die Zeit vor dem gläsernen Gefechtsfeld, vor dem massenhaften Einsatz von präzisionsgelenkter Munition. Es ist das immergleiche Problem der Landstreitkräfte: Es wird die Technik von Gestern für die Taktik von Vorgestern beschafft, und man ist froh, wenn man durch Kampfwertsteigerungen weitere 10 Jahre einen minimalen Vorteil gegenüber dem Gegner hat.

Wolfram Panzerjäger mit Brimstone 2. Diese Panzerabwehrlenkwaffen sind durch abbildendendes MMW-Radar selbstzielsuchend. Sie suchen einen Gefechtsstreifen autonom nach Panzern ab, und attackieren diese. Fortschritte bei KI, AESA-Radaren und elektronische Miniaturisierung machen Waffen dieser Art immer leistungsfähiger.
Inzwischen sind die Technik und die Studienlage weiter. Unter dem Contract DASW01-96-C-0004 hatte die Rand Corporation 2002 mittlere Kräfte für das Future Combat Systems simuliert. Die Simulationsläufe umfassten den Angriff einer Stryker-Brigade auf das Kosovo, um die eingegrabenen serbischen Kräfte dort zu vernichten. Es wurde mit den damals verfügbaren technischen Systemen simuliert. Es gab nur minimale Änderungen, zum Beispiel welchen Einfluss ein Hardkillsystem gegen Hohlladungwaffen hätte.
Obwohl die dünnwandigen MGS-Stryker mit ihrem 105mm L7 Zugrohrkanonen nicht duellfähig sind, waren die Simulationsläufe stets erfolgreich. Eben weil das Fahrzeug mit dem dicken Rohr nur ein Fähigkeitsträger von vielen war, und das Gesamtsystem über den Erfolg entscheidet. So wurden 1/3 aller Gegner auf Distanz entdeckt und durch Artillerie, Mörser und Luftangriffe zerstört. 2/3 der Gegner wurden erst „auf Sicht“ entdeckt, und dann bekämpft. Es war für die simulierten Serben praktisch unmöglich sich zu bewegen, da Fahrzeugansammlungen in Bewegung leicht durch Luftaufklärung entdeckt und vernichtet wurden.
Obwohl 2002 nur ein Bruchteil von dem verfügbar war, was heute technisch möglich ist, sah man schon damals die Vorteile des gläsernen Gefechtsfeldes für die US-Kräfte. Alles was entdeckt wurde, wurde unverzüglich auf Distanz vernichtet. Dasselbe war auch 2003 bei Iraqi Freedom zu beobachten, siehe §11. Alle Planungen zum Future Combat Systems (FCS), welches die Stryker-Brigaden beerben sollte, bauten auf diesen Überlegungen auf.
§25 [Allgemein] Die neuen Active Protection Systems können den Panzer sehr gut vor Panzerabwehrlenkwaffen und Loitering Munition schützen. Damit wird das Duell mit der Glattrohrkanone wieder wichtiger.
Das ist ein beliebtes mentales Modell, das bei Theoretikern des Landkampfes leider sehr weit verbreitet ist. Im Prinzip gibt es so eine Art Baseline, und das ist der Zweite Weltkrieg. Jeder technische Fortschritt der danach kam, wird durch eine Art Gegenfortschritt kompensiert, sodass man am Ende wieder bei der Kampfweise des Zweiten Weltkrieges landet.
Das mentale Modell ist aber falsch. Dazu muss man nur die Abschussstatistiken und Einsatztaktiken der letzten 40 Jahre betrachten. Der Ukrainekrieg 2022ff hat mehr mit dem Bergkarabachkrieg 2020 gemein als mit dem Golfkrieg 2003. Der Irakkrieg 1991 war der letzte Krieg, der dem Zweiten Weltkrieg am Boden noch entfernt ähnlich war. Was auch nur möglich war, weil die Koalition die totale Luftüberlegenheit hatte und der Gegner technisch abgehängt war. Jede andere Art des Landkampfes hätte genauso zum Erfolg geführt.
Im Übrigen kann man sicher sein, dass das gegnerische Heer genauso den Fortschritt verweigert wie man selbst. Ohne den Ersten Weltkrieg würden die Landstreitkräfte noch heute Attacken zu Pferd reiten. Gelernt wird dort nur durch Schmerz. Ganz im Gegensatz zu Luftwaffe und Marine, die stets vor der Welle sein wollen.
Alle Truppengattungen des Heeres benötigen Mittel zur Panzerabwehr die in der Lage sind, die neusten gegnerischen Kampfpanzer auf Distanz zu zerstören. Hat man diesen Fähigkeitsbaustein, relativiert sich der Wert des Kampfpanzers ganz erheblich.

Future Combat Systems (FCS) Mounted Combat System (MCS) mit 120-mm-Kanone und dieselelektrischem Antrieb mit Radnabenmotoren. Durch Radnabenmotoren können Radpanzer sehr flach gebaut werden. Sensorik, Hardkillsystem, Kompaktkampfraum, Ladeautomat und XM360-Kanone wären gegenüber dem Stryker MGS eine deutliche Verbesserung gewesen.
Der Kampfpanzer ist nicht obsolet. Er ist tot. Als taktisches Konzept mausetot. Als Idee eines duellfähigen Systems, das sich einer Panzerschlacht gegnerischer Kampfpanzer stellt. Als Konzept einer eisernen Faust, die die gegnerischen Linien durchbricht und in die Tiefe vorstößt.
Alle Kriege der letzten 40 Jahren hatten keine entscheidenden Kampfpanzerduelle. Auch in Desert Storm hätte man 4 Wochen länger bombardieren können. Die Panzer wurden hauptsächlich zur Feuerunterstützung in der Offensive eingesetzt. Die Wahrscheinlichkeit durch einen großkalibrigen Penetrator getroffen zu werden ist marginal, und liegt unter 1%. Die Masse der Verluste entsteht durch Panzerfaustgranaten, Flugkörper, Loitering Munition (inkl. FPV), Minen und Artillerie. Alle Landsysteme werden durch die anonyme Masse der Gegner überwunden, und nicht durch ihren Peer. Die überwältigende Masse der Bedrohungen, die das Fahrzeug treffen, hätte durch ein aktives Schutzsystem aus Hardkill, Softkill und Jammer abgewehrt werden können.
Eine entscheidende Fähigkeit, die zur Ablösung des Kampfpanzers beiträgt, ist die Möglichkeit, mobile Hartziele außerhalb der Sichtweite zu zerstören. Also dass was Rohrartillerie nicht kann, wenn 3 Minuten nach Anforderung Granaten auf eine Fläche regnen, der Gegner aber längst weitergefahren ist. Ob das professionell durch Loitering Munition, selbstzielsuchende Panzerabwehrwaffen u.v.m. oder improvisiert durch FPV-Drohnen mit umgeschnallter Panzerfaustgranate erfolgt, ist egal.
Betrachtet man die Empirie, kann ein mobiles Geschützsystem mit 105-125 mm Kanone und aktiven Schutzsystemen den Kampfpanzer beerben. Betrachtet man die Theorie, wird ein Systemverbund (Systems of Systems) den Kampfpanzer beerben, auf Basis einer Landplattformen mit gleichem Technik-Stack, auf der unterschiedliche Fähigkeiten abgebildet sind. Die Variante mit Geschütz wird dabei nur eine von vielen sein.

Die Manned Ground Vehicles (MGV) des Future Combat Systems (FCS).
