Für das Verständnis der heutigen gesellschaftlichen Debatten und ihrer Positionen ist die Moralphilosophie unerlässlich. Unter der Annahme dass Philosophie eine Geisteswissenschaft sei, und damit auch eine Wissenschaft, gilt wie immer in den Wissenschaften, dass das Modell richtig ist, dass prognosesicher die Zukunft vorhersagt.
Die Treffer gehen hier eindeutig an Friedrich Nietzsche und Ayn Rand, wobei sich Rand stark auf Nietzsche abstützt. In seinen Werken „Jenseits von Gut und Böse“ (1886), „Zur Genealogie der Moral“ (1887) und „Der Antichrist“ (1888) bündelt er seine Kritik an der Moral des Christentums mit einer bis dahin nicht gekannten Schärfe.
Ayn Rand griff seine Kritik an der christlichen Moral auf und fokussierte die Schaffenskraft des Menschen auf den Gebrauch seines Verstandes im Streben nach dem Leben. Die Ableitungen, die sie in „Der Ursprung“ (1943) und „Atlas wirft die Welt ab“ (1957) zog, sind heute traurige Realität.
Was Nietzsche Sklavenmoral nannte, nannte Rand Opfermoral, meinte aber dasselbe, besonders das Auf-die-Spitze-Treiben der christlichen Moral in Gestalt linker Forderungen. Während Nietzsche eine Herrenmoral ausdefinierte, setzte Rand den produktiven Verstandesmenschen, der in seiner schöpferischen Arbeit aufgeht, als Kontrast.
Ayn Rands beeindruckendste Leistung war erkannt zu haben, dass Sozialismus und Christentum zwei Seiten einer Medaille sind, die sich in der Apologetik unterscheiden, aber dasselbe Ziel verfolgen: Die natürlichen Kausalitäten zu verschleiern, um an die Macht zu kommen. Oswald Spengler und Nietzsche erkannten zwar auch, dass das Christentum die Großmutter des Sozialismus war; dass daraus alle linken Forderungen und Vorstellungen abgeleitet werden können, wurde aber erst von Rand detailliert ausgearbeitet.
Gregor Gysi (SED) bezeichnete den Sozialismus einmal als säkulares Christentum. Damit bewegt er sich auf einer Linie mit Ayn Rand, Oswald Spengler und Friedrich Nietzsche.
Während Nietzsche Lüge und Bösartigkeit am Werk sieht, erkannte Rand, dass es gewisse Charakterzüge gibt, die Menschen zu Manipulatoren, zu Kollektivisten, zu Konformisten werden lassen, und damit das verstörende Spiel erst möglich machen. Das Buch „Der Ursprung“ (1943) ist de facto eine Abrechnung mit dem linken Charakter.
Um das Problem zu verstehen, muss etwas weiter ausgeholt werden. Normale Religionen sind menschenfreundlich. Die Interaktion zwischen Mensch und Gottheit ist so, wie jede Interaktion zwischen verständigen Lebewesen ist: Beide Seite geben etwas, beide Seiten nehmen etwas im gegenseitigen, freiwilligen Tausch. So, wie jede normale soziale Beziehung abläuft.
Im Gegensatz dazu tritt der monotheistische Gott der Wüste als Diktator auf: Die erste Begegnung zwischen Gott und Adam ist ein Befehl: Du darfst nicht von dem Baum essen. Eine merkwürdige Art sich vorzustellen. Auch die Propheten dieses Gottes geben nur Befehle weiter, sie diskutieren nicht. Der Inhalt der Offenbarungen ist stets die Verdammung des real existierenden Menschen.
Absurd ist auch der Grund, warum der Mensch aus dem Paradies vertrieben wurde. Er aß vom Baum der Erkenntnis: Er wurde ein rationales und moralisches Wesen. Er gewann die sexuelle Freude. Nach der Vertreibung aus dem Paradies wurden ihm Arbeit und Schmerzen auferlegt. Er wurde ein produktives, forschendes Wesen.
Verstand, Moral, Freude, Produktivität, Neugierde. Alles Kardinaltugenden seiner Existenz. Der Mythos des Sündenfalles soll nicht die menschlichen Fehler erklären, sondern die Natur als Mensch. Was immer es war im Garten Eden, ohne Verstand, ohne Moral, ohne Freunde, ohne Produktivität – es war kein Mensch.
Das Christentum brachte etwas in das menschliche Denken, dass den menschlichen Geist zu einem gewissen Grad vergiftet hat. Verdammung ist der Start der Moral, aber nicht für Laster, sondern für Tugenden. Das Gute ist als das definiert, was der Mensch nicht ist, und Mangel und Vernichtung von Werten ist das Gütesiegel für moralischen Wert.
Auch das Brandopfer der Israeliten fügt sich in dieses Schema. In der kargen Wüste wertvolle Güter wurden massenhaft verbrannt, auf dass die Zerstörung von Wertgegenständen einen moralischen Gewinn bedeute.
Wenn aber Bedürftigkeit ein moralischer Wert ist, möchte jeder Opfer sein, um Befehle erteilen zu können. Es findet eine Opferolympiade statt; jede Opfergruppe möchte ihren Opferstatus verbessern, denn alle diese Gruppen folgen den Regeln des perversen Spiels.
Selbstverleugnung bis zur Selbstaufgabe ist moralische Perfektion. Daraus erwächst ein kranker Selbsthass, der zu Bettelmönchen und Selbstgeißelung geführt hat, und zum Selbsthass der heutigen anti-westlichen, anti-weißen Linken führt.
Man vergleiche einmal die Märtyrergeschichten des Christentums und die Selbstmordattentate des Islams. Der Märtyrer ist der Säulenheilige der allem entsagt, als Bettelmönch 20 Jahre auf einer Säule steht und sich permanent geißelt, der vor Dreck stinkt und hungert, fastet, und auf alles im Leben verzichtet. Der Mönch im Büßergewand wie der Heilige Franz von Assisi, der sich die Flöhe aus dem Kopf zog und Gott dafür dankte. Derjenige, der sich für die Opfer in die Luft sprengt und damit das ultimative Opfer der Selbstaufgabe gibt. Das ist der perfekte Mensch. Auch die Toten des Sozialismus sind nach dieser Lesart die Opfer für die Opfer.
Inzwischen ist auch die Natur ein Opfer menschlicher Ausbeutung. Und die Atmosphäre. Und die Weltmeere. Und da diese keine Stimme haben, erklären sich gute Menschen zu deren Sprecher, um in ihrem Namen Forderungen zu erheben. Denn sie sind Opfer, und wer Opfer ist, hat das moralische Recht, der Menschheit Befehle zu erteilen.
Das Paradies der Opfermoral ist der Ort, wo die Menschen aller Eigenschaften, die sie menschlich machen, entleert wurden. Jedes Streben wurde ihnen genommen, es gibt kein Wollen, es gibt kein Tun, es gibt kein Können, es gibt kein Erreichen. Es gibt keine Geschichte die sich ereignet, denn jede Geschichte, die sich nach dem Paradies ereignen würde, würde eine Veränderung des Zustandes bedeuten und infolgedessen eine neue Ungleichheit, und damit neue Opfer. Der neue Mensch lebt als Schaf auf der Weide, das Maximum an Friedfertigkeit, das sich von anderen führen lässt. Es gibt keine Unterschiede mehr, alle existieren nur noch. Sie sind nur noch da, um gefüttert zu werden, und sie produzieren nichts mehr.
In der Opfermoral dreht sich folglich alles um Umverteilung. Alle Propheten und Adepten der Opfermoral haben und hatten nie etwas produziert. Letztlich geht es nur darum, wer wem etwas abgeben muss, entweder freiwillig oder mit Gewalt.
Es ist die Moral einer nomadischen Stammesgesellschaft, in der alle in einer Gütergemeinschaft leben und gleich arm sind. Wo alles, was einer besitzt, vorher anderen weggenommen wurde. Wo jeder den gleichen Anspruch auf alle vorhandenen Wohltaten hat.
Aus Sicht der obersten Repräsentantin der deutschen Protestanten, Annette Kurschus, finde die Aufnahme von Flüchtlingen aus christlicher Sicht „ihre Grenze da, wo es zur Selbstaufgabe komme“. Das ist aus Sicht der Opfermoral vollkommen korrekt.
Aber dieser Moralstandard ist unmöglich einzuhalten, er ist impraktikabel. Man kann nicht die moralischen Standards eines Gottes befolgen, der auf wundersame Weise Brote und Fische vermehren kann. Man kann nicht für alle armen und beladenen Menschen der Welt Obdach, Nahrung und Geld zur Verfügung stellen. Auch das linke Ersatzwunder Modern Monetary Theory (MMT), wo sich die Gütermenge durch die wundersame Geldvermehrung vermehren soll, wird keinen Ausweg aus dem moralischen Dilemma bieten.
Sowohl in marxistischen Wundererzählungen als auch bei biblischen Wundern wird die Knappheit der Güter aufgehoben. Die Menschen leben ein entspanntes Leben im kommunistischen Paradies. Das Problem der Produktion wurde gelöst, um den Preis des Mundöffnens. Im Himmel genügt der Hunger, im Marxismus die kollektiv besessene Maschine.
Das ist auch der Grund, warum immer alle Ketzer- und Abspaltungsbewegungen mit dem berechtigten Vorwurf starteten, der eigene Moralstandard würde nicht eingehalten. Als die Juden im Gelobten Land aus der Sklavenmoral herauswuchsen, kam Jesus und predigte die Opfermoral. Als die katholische Kirche sich nach 1500 Jahren mit dem Leben anfreundete – die Stanzen des Raffael sind ein gutes Zeichen dafür – kam Luther. Auch der Islam machte den Juden zum Vorwurf, sich nicht an die Gebote Gottes zu halten, und erhob die nomadische Stammesgesellschaft wieder zum Ideal.
Ja, denn der Moralstandard kann nicht eingehalten werden. Ein Leben nach diesem Moralstandard ist kein Leben, sondern schleichender Tod. Das Leben zu bejahen, es angenehmer zu machen, an sich und an Zielen zu arbeiten, anstatt sich selbst zu verleugnen, ist menschlich. Alle Ideale, alle Überzeugungen, alles von Wert jedem dahergelaufenen Penner zu opfern, ist unmenschlich.
Die Opfermoral leugnet den Wert des Menschen, seinen Willen, seine Kreativität, seine Schaffenskraft, seine Individualität, seinen Verstand und seine Produktivität, die notwendig für ein gutes Leben sind. Man mag nun einwenden, dass auch in den Gotteshäusern der Opfermoralisten Statuen von Michelangelo stehen, und keine Granithaufen, die von einem Trottel mit Presslufthammer bearbeitet wurden. Aber: Diese Kunstwerke wurden für die Opfer geschaffen, wie die Metro in Moskau. Wurden sie für Privatvergnügen geschaffen, sind sie anrüchig.
Wenn du es selbst wünschst, ist es böse; wenn andere es wünschen, ist es gut; wenn das Motiv einer Handlung deine Wohlfahrt ist, tue es nicht; wenn das Motiv die Wohlfahrt der anderen ist, dann geht alles. Das Gute ist, was andere sich wünschen, was auch immer man wünscht, was andere sich wünschen mögen; was auch immer man fühlt, was sie angeblich fühlen oder fühlen sollen.
Man liebt zwar seinen Sohn, aber die Opfermoral gebietet es, dass er im Dschihad fällt. Man finden den Islam befremdlich, aber die Opfermoral gebietet es, dass man Millionen Hungerleider aufnehmen muss. Man unternimmt ferne Reisen um Renaissancekunst anzusehen, gibt zu Hause aber dem Modernismus den Vorzug.
Die meisten sind sich nicht bewusst, was das Christentum in letzter Konsequenz für ein Menschenbild darstellt: Christentum ist das inhumanste Menschenbild, das es jemals in der Menschheit gegeben hat. Die Opfermoral ist die inhumanste Sicht auf das Menschenleben, die jemals in die Welt gesetzt wurde. Und der Sozialismus setzte dem Ganzen in Theorie und Praxis die Krone auf.

Komsomolskaja-Station der Metro in Moskau. Entstanden im Kommunismus, während Millionen Menschen an Hunger und Grausamkeiten starben. Ein Vergleich mit den prächtigen Kirchen des Mittelalters drängt sich auf.
Die Opfermoral entstand, weil Juden in der Geschichte immer wieder die Gepeitschten waren, die Sklaven anderer Herren. Daraus entwickelte sich eine Umkehrung der Werte: Arm sein ist gut, ungebildet sein ist gut, folgsam sein ist gut, den eigenen Willen zurückzustellen, die Befehle anderer auszuführen, den Zwecken anderer zu dienen. Den eigenen Willen und Charakter zu verleugnen.
Eine gesunde, normale Moral wie sie auch in der Antike vor dem Christentum bestand, ist eine Moral der Vitalität: Das Leben ist etwas Schönes. Glück ist gut. Das Leben zu genießen ist gut. Gut ist die Überwindung von Schwäche. Gut ist, stärker zu werden. Gut ist, sich zu verbessern. Das Leben ist Wettbewerb, aber weil das Leben Wettbewerb ist, ist es auch ein Vergnügen. Wir überwinden Widerstand. Und dass es Widerstand gibt, ist nicht böse, sondern gut: Wir können wachsen, weil wir durch Konkurrenz und Erfahrung besser werden.
Die Sklavenmoral ist die Umkehrung der Moral; sie beruht auf einem Ressentiment: Die Sklaven konnten nicht gewinnen, also machten sie aus ihrer Schwäche eine Tugend. Ihre Herren leben in Saus und Braus, haben Macht, haben Feste, haben Kultur, haben alles, was sie nicht haben. Die Herren haben Vergnügen. Also erklärt der Sklave, dass diese Vergnügen nicht gut sind, sondern böse. Die Erfindung der Sünde.
Im Laufe der letzten 2000 Jahre hat es das Judentum geschafft, die Opfermoral in weiten Teilen zu überwinden. Von daher ist es erstaunlich, dass der Marxismus dem Judentum angelastet wird. Die strukturelle Ähnlichkeit mit dem Christentum ist wesentlich größer. Bezeichnend ist auch, dass alle antisemitischen Vorwürfe, die Juden gemacht werden, aus Sicht der Opfermoral erfolgen: Wirtschaftlicher Erfolg, Durchsetzung auch gegen Widerstand, Reichtum, Macht, Einfluss. Alles Dinge, die einem Heiden das Herz aufgehen lassen.
Linke, Christen und Moslems werden den Juden nie verzeihen, die Opfermoral hinter sich gelassen zu haben. 95% der Judenhasser kommen aus diesem Pool.

Die Linken werden den Juden den Holocaust nie verzeihen.
Das völlige Fehlen von Integrität lässt sich immer dann beobachten, wenn Israel die palästinensischen Terroristen bombardiert. Dann erhebt sich das Opfergeschrei bei Moslems, Christen und Sozialisten. Weil Israel darauf nicht reagiert, steigert sich die Opferinszenierung in hysterisches Gekreische, werden Bilder gefälscht, Lügen verbreitet, Opferschauspieler treten auf. Alles in dem irrigen Glauben, man müsse die Opferinszenierung nur weiter steigern, irgendwann würden die Juden strammstehen, um die Befehle der Opfer entgegenzunehmen – und derjenigen, die sich zu deren Sprecher erklärten.
Der Glaube, die Juden würden weiterhin die Opfermoral praktizieren, sich aber nicht daran halten, ist eine der Quellen des Antisemitismus. Und der Vorwurf, sich von der Opfermoral gelöst zu haben, eine weitere. Im Prinzip ist der ganze moderne Antisemitismus ein moralischer Vorwurf an die Juden.
Ähnlichkeiten zu anderen politischen Reizthemen sind kein Zufall. Das Opfergeschrei wird bis zur Lüge, zur Inszenierung gesteigert in dem naiven Glauben, der andere sei für die Opfermoral empfänglich. Umso fassungsloser und gewaltbereiter ist man, wenn das Gegenüber darauf nicht reagiert.
Schon in antiken Schriften beklagten Autoren, dass Christen die Leute aufpeitschten, indem ihnen ihr Opfersein eingeredet wurde. Aus der Vorstellung, dass der Erfolg des einen immer der Nachteil des anderen sei, zerstörten christliche Mobs dann Statuen, Tempel und Kunstwerke, in dem unerträglichen Hass auf alles, was der heidnischen Gesellschaft schön und heilig war. Dieser Modus Operandi wurde nicht nur von Nietzsche herausgearbeitet. Auch Catherine Nixey dokumentierte diesen in „Heiliger Zorn: Wie die frühen Christen die Antike zerstörten“ (2017).
Es ist das, was Ayn Rand eine Verschwörung gegen den Verstand nannte, gegen das Leben und den Menschen. Der Professor, der unfähig zu denken, Vergnügen darin findet den Verstand seiner Studenten zu verkrüppeln. Der Geschäftsmann, der, um seinen eigenen Stillstand zu schützen, Gefallen daran findet, die Fähigkeit seiner Mitbewerber in Ketten zu legen. Der Neurotiker, der, um seine Selbstverachtung zu verteidigen, Gefallen daran findet, den Menschen mit Selbstachtung zu brechen. Der Inkompetente, der Gefallen daran findet, Errungenschaften zunichtezumachen. Der Mittelmäßige, der Gefallen daran findet, das Großartige zu zerstören. Und natürlich alle intellektuellen Waffenschmieden, die predigen, dass die Opferung von Werten das Laster in Tugend verwandeln werde. Das Brandopfer der Moderne.
Deshalb muss alles, was für irgendjemand irgendeinen Wert hat, entwertet werden: Der Christbaum ist die Halleluja-Staude, Körperpflege ist überbewertet, Reiche sind Bonzen, Umgangsformen sind spießig, das Leben eine Umweltsünde, und Schönheit muss der Hässlichkeit weichen. Was nicht entwertet wird, sind die Opfer. Die dürfen sich wie die Sau aufführen, es wird ihnen verziehen. Denn als Opfer haben sie keine Werte, und deshalb auch keinen Wertmaßstab, der an sie angelegt werden könnte. Das Streben nach der Null.

Rechts der Jubiläumsbrunnen von 2023 im Wiener Bezirk Favoriten. Alles muss auf den kleinsten gemeinsamen Nenner nivelliert werden, denn Unterschiede darf es im Paradies nicht geben. Jedes Haus, jeder Raum, jeder Brunnen, jedes Kunstwerk muss so gestaltet sein, dass auch Zehnjährige sie fabrizieren können. Links der Pallas-Athene-Brunnen von 1870.
Es ist der beständige Vorwurf der Opfermoralisten, ihren Gegnern vorzuwerfen, sie seien mitleidlos, privilegiert oder Egozentriker. Das ist schon deshalb befremdlich, weil dieselben Leute das niemals Shintoisten, Bahai oder Heiden pauschal ins Gesicht sagen würden. Jede Gesellschaft hat immer eine Armenpflege. In der Regel muss sich zuerst jeder selbst helfen. Wenn dies nicht reicht, springen Familie, Freunde und Bekannte ein. Erst wenn auch dies versagt, treten öffentliche Organisationen ein, meist religiöse Bünde.
Es gibt in Japan, Indien oder Thailand nicht die Vorstellung, dass jeder Dahergelaufene mit einem Mangel, Defizit, Versagen, Leid, einen moralischen Anspruch auf das Leben anderer Menschen hat, und diese bis aufs Blut auspressen und herumkommandieren darf, und diese sich auch noch dafür bedanken müssen.
Wohltätigkeit ist eine Handlungsweise der Güte gegen andere. Sie mit Zwang und gesellschaftlichem Druck herbeiführen zu wollen, stellt ihre Natur auf den Kopf. Der Großmütige gibt, weil er es kann und Freude daran hat, nicht, weil er es muss.
Die Vernichtung von Werten, auch Selbstwert, ist unter diesen Menschen, auch wenn sie der einfachste Heide oder Reisbauer sind, keine Tugend.

Innenhof des Schlosses Peleș, erbaut 1883. Gestaltung mit Tier-, Pflanzen- und Heldenmotiven, für das Leben. Komplexität statt Verflachung. Wertschätzung am Detail, an Arbeit, an Kunst, an Leidenschaft, an individueller Meisterschaft.
Mit dem Herausdrängen des christlichen Gottes aus dem öffentlichen Leben im Zuge der Aufklärung kam die Renaissance – die Wiedergeburt der Antike.
Wegbereiter der Renaissance waren humanistische Gelehrte, welche die Erschließung antiker Schriften, Literatur und sonstiger Quellen für die Gegenwart betrieben, weil sie darin Leitbilder sahen, an die es anzuknüpfen galt.
Diese antiken Quellen waren praktisch alle Heiden, losgelöst von der christlichen Opfermoral. Menschen, die die Realität sahen, das Leben sahen, und es bejahten.
Heldenmut statt Märtyrertod. Ein Imperium. Antikes Rom. Antikes Griechenland. Die Demokratie. Eine Republik. Ein Forum. Eine Agora. Das Thing. Prächtige Gebäude. Öffentliche Brunnen mit Statuen schöner Frauen. Abenteuerfahrten über das Meer. Der Vorstoß mutiger Männer ins Unbekannte. Menschen, die das Leben ergreifen. Europa vor der geistigen Besetzung. Eine Wiedergeburt.

Heldenmut statt Märtyrertod. Ein Imperium. Eine Republik. Abenteuerfahrten über das Meer. Der Vorstoß mutiger Männer ins Unbekannte. So war Europa in der Antike, vor der geistigen Besetzung. Mit der Renaissance folgte die Wiedergeburt des alten Kontinents.
Nachdem der Glaube an Gott keine Rolle mehr spielte, musste die Opfermoral säkularisiert werden, der Sozialismus entstand. Zurzeit befinden wir uns in der zweiten Welle der Opfermoral, von ihren Anhängern als Mitleidsethik verharmlost. Die öffentliche Kunst und Kultur zeigen, ebenso wie die öffentlichen Debatten, dass die Antike und ihre Renaissance wieder verschwunden sind.
Das, was die westliche Welt heute benötigt, ist keine Rechristianisierung, keine konservative Revolution, kein Bekenntnis zu unseren Werten, kein gemeinsames Wir oder anderer zeitgeistiger Blödsinn wie Klimaneutralität.
Sondern eine zweite Renaissance.
