Hyperkrieg – planst du noch oder führst du schon

SR-2026-05-03

Das moderne Gefechtsfeld mit Sensoren und Effektoren gesättigt, und damit gläsern. Das ändert die Art wie der Landkrieg gefochten wird fundamental. In den NATO-Staaten liegen dafür bereits konkrete Konzepte vor, gestützt auf Übungen und fachliche Analysen. Geschärft wird dieses Bild durch die Erfahrungen aus Bergkarabach 2020 und dem Krieg in der Ukraine seit 2022.

§ 1 Landkampf, ein Anachronismus

Dem unscheinbaren Beobachter fällt auf, dass an den Landstreitkräften der technische Fortschritt irgendwie vorbei gegangen zu sein scheint. Schaut man sich Flugzeuge des Zweiten Weltkriegs an, oder Schiffe, sind die Technologiesprünge evident.

Die Ursache dafür ist das Festhalten an der Doktrin des Zweiten Weltkrieges, umgangssprachlich Blitzkrieg genannt. Damit einher geht auch eine Philosophie der Landstreitkräfte, die nicht mehr zeitgemäß ist. Man hält sich für die maßgebliche Streitkraft die den Krieg gewinnt, alle anderen Teilstreitkräfte leisten nur Feuerunterstützung. In der Realität setzt die NATO die Luftstreitkräfte an die Spitze: Dort wird das meiste Geld und die beste Technik verbaut. Die Luftwaffen der NATO treten die Türe ein, nutzen den Gegner ab, zerschlagen ihn und dominieren Räume. 

Die Landstreitkräfte der NATO werden immer defensiv eingesetzt. Erst wenn die Luftwaffen den Gegner so zerbombt haben, dass die Bodentruppen im Vorteil sind, werden diese vorrücken. Ein angreifender Gegner wird verzögert, um der Luftwaffe mehr Zeit zum Bombardieren zu geben. Weicht der Gegner aus, wird nachgesetzt und der Raum, den die Flieger sturmreif geschossen haben, besetzt. Die Luftwaffe gewinnt den Krieg, das Heer leistet Manöverunterstützung. Selbst bei Häuserkämpfen der israelischen Streitkräfte wird dieses Muster angewandt. Die Luftwaffe zerschlägt den Gegner, und schießt den Weg für die Landstreitkräfte frei. Das wird nie vollständig möglich sein, aber dieses Schema ist der Treiber der technischen und taktischen Entwicklung.

Durch moderne Luft-Boden-Sensoren und -Munition ist die Möglichkeit von Luftstreitkräften, Landziele auf Distanz zu orten und zu bekämpfen deutlich gestiegen. Selbst die Bekämpfung mobiler Hartziele ist zum Kinderspiel geworden.

Der Auftrag von Landstreitkräften ist es, Gelände in Besitz zu nehmen. Daraus folgt logisch zwingend, dass das Gelände aufgeklärt werden muss um Gegner zu entdecken. Heutige Aufklärung ist ubiquitär, preiswert und nahezu in Echtzeit. Zusammen mit weitreichender präzisionsgelenkter Munition, die ebenfalls ubiquitär zur Verfügung steht, ergibt sich die Dynamik des gläsernen Gefechtsfeldes: Alles was entdeckt wird, wird auf Distanz vernichtet. Das Spiel lässt sich mit moderner Technik so optimieren, dass (idealerweise) alle Gegner aufgeklärt und vernichtet werden, bevor die eigenen Bodentruppen vorrücken.

Die Obsession den Gegner im Nahkampf auf Sicht zu werfen mag heroisch sein, ist aber idiotisch. Flugzeuge beharken sich nicht mehr im Kurvenkampf mit Maschinenkanonen, sondern feuern Lenkwaffen auf Gegner außerhalb der Sichtweite. Schiffe schießen nicht mehr auf Sicht mit dicken Geschützen, sondern starten Lenkwaffen auf Ziele hinter dem Horizont. 

Trotz allem ist die Blitzkriegs-Doktrin weiterhin vorherrschend. Entsprechend wird von Militärs alles im Sinne dieser Doktrin interpretiert. Wenn man vom Gegner häufiger aufgeklärt wird, braucht man eben mehr Tarnung. Wenn Hubschrauber keine Sekunde an der Front überleben, braucht man eben bessere Hubschrauber. Wenn permanent Drohnen und Munition den eigenen Panzer umschwirren, wird eben mehr Flak benötigt. Wenn die Infanterie durch Kellerkinder mit FPV-Drohnen abgeräumt wird, muss eben ein Luftraumbeobachter mit Drohnenfaust eingeteilt werden.

Es ist verständlich, wenn Schranzhofer von Hensoldt mehr Radare für Flakpanzer verkaufen möchte. Die Frage ist allerdings, warum für die Abwehr von Munition ein spezialisiertes Fahrzeug notwendig sein soll, dass einen Single Point of Failure im Schutz der Panzerkompanie darstellen würde. Das ist etwa so geistreich, wie wenn die Marine zur Abwehr von Lenkflugkörpern ein eigenes Schiff benötigen würde.

Im Ergebnis wird ein Additismus befördert: Der neue Panzer hat mehr Feuerkraft und eine dickere Panzerung als der Alte, macht aber das Gleiche. Der neue Kampfhubschrauber fliegt höher, schneller und weiter, macht aber das Gleiche. Neue Technologie schafft nicht Neues, sondern wird verwendet, um das Alte zu verbessern. Neue Systeme wie FPV-Drohnen kommen stets als Überraschung. Bewährt sich diese Überraschung, wird es gemäß dem Additismus dem Konzert der Systeme beigestellt. Folglich steigt die Vielfalt der Systeme im Heer immer weiter an.

Während man in einer Taskforce fünf Schiffe bündeln kann, um alle Aufgaben zufriedenstellend abdecken zu können, ist der Koordinierungsaufwand von Landstreitkräften erheblich höher, weil eine größere Anzahl und Vielzahl von Systemen im Verbund eingesetzt wird. Nun dürfte man erwarten, dass die Lagedarstellung, die Navigationssysteme, der Informationsaustausch und die Führungssysteme der Landstreitkräfte erheblich fortschrittlicher sind als bei der Marine. Es ist aber gerade das Gegenteil der Fall.

Der technische Fortschritt vor dem Ersten Weltkrieg ließ die alte Doktrin scheitern als es zum Waffengang kam. Daraus entstand eine neue Doktrin. Diese Blitzkriegsdoktrin fußte auf den Erfahrungen des Krieges, und baute auf dem technischen Fortschritt (z.B. Funk, Luftwaffe) der Zeit auf. Analog dazu ist über 80 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg bedingt durch den Fortschritt ebenfalls eine neue Doktrin nötig. 

Problem ist, dass sich das heutige Gefecht der verbundenen Waffen aus Kampfpanzern, Schützenpanzern und Panzerhaubitzen bewährt hat. Viel Ausbildung, Einsatzerfahrung und Steuergeld flossen in dieses Konzept. Würde dieses abgeschafft, könnten diese Fähigkeiten nur schwer wieder regeneriert werden. Solange Heere keine klare Alternative dazu haben, wird dieser Verbund, der die bestehende Doktrin erfüllt weiter bestehen, auch wenn seine Wirksamkeit stetig erodiert. In NATO-Übungen wie Warfighter 21-4 wurden 70% der Kräfte durch indirektes Feuer (Artillerie, Flieger) zerstört und nur 30% im Duell. Diese Zahlen stammen vor dem Ukrainekrieg, und ohne dass der simulierte Gegner massenhaft billige FPV-Drohnen zur Panzerabwehr, oder selbstzielsuchende Panzerabwehrmunition (Brimstone, SMArt usw.) einsetzte.

In der Ukraine ist dies so weit erodiert, dass Offensiven wie im Ersten Weltkrieg von der Infanterie vorgetragen werden. Die Panzerwaffe, die eigentlich gemäß Doktrin die Offensiven anführen sollte, ist de facto obsolet. Da ein Menschenleben in Russland nichts wert ist, ist das ein Trend, der dem Russen in die Hände spielt, da Material und Menschen dort sorglos verheizt werden. 

Unter dem Stichwort „Transformation“ wird seit längerem halbherzig an Konzepten geforscht, die eine bessere Doktrin für das Problem des modernen Krieges liefern sollen. Die NATO hat dazu mit dem Allied Command Transformation (ACT) ein strategisches Hauptquartier. Dabei handelt es sich aber meist um Bullshit-Jobs ohne Relevanz und Wirkung.

Trotzdem wurden in einigen NATO-Staaten bereits Konzepte für den Krieg der Zukunft erarbeitet. Durch einzelne Vorführungen, Übungen und Experimentalmanöver ist inzwischen ein ziemlich gutes Bild entstanden, was möglich und wahrscheinlich ist. Dazu kommen theoretische Überlegungen von Experten. Die Erfahrungen im Krieg um Bergkarabach 2020, und der russische Überfall auf die Ukraine seit 2022 hilft dabei diese neue Doktrin zu verfeinern.

Der französische General Guy Hubin veröffentlichte 2009 das Buch Perspectives tactiques, in dem er sich eingehend mit dem Gefechtsfeld der Zukunft beschäftigt, und die sich daraus ergebende Doktrin und Taktik. Das Werk erwies sich als prophetisch. Viele seiner Ideen sind inzwischen in die Doktrin der US-Streitkräfte eingeflossen, z.B. pulsed operations, jedoch ohne ihm die Reverenz zu erweisen. Es ist beschämend, auch 2025 keine englische oder deutsche Übersetzung seines Opus magnum zu finden. 

Dr. Jack Watling, Senior Research Fellow, Land Warfare am Royal United Services Institute (RUSI) veröffentlichte 2024 das Buch The Arms of the Future: Technology and Close Combat in the Twenty-First Century. Analyse und Schlussfolgerung sind mit Hubin deckungsgleich, und bauen auf seinen Überlegungen auf, und den Beobachtungen vor Ort in der Ukraine. Watling unternimmt den Versuch, die technische und organisatorische Umsetzung genauer zu umreißen.

Problembeschreibung und -lösung werden in diesem Artikel identisch zu Hubin und Watling dargestellt. Lediglich die ein oder andere technische Umsetzung wird hier anders skizziert, da Watling studierter Philosoph ist, und Technik nur vom Anfassen kennt. Der Ausblick orientiert sich wiederum an der US-amerikanischen und deutschen Wehrforschung.

§ 2 Prämissen und Probleme

Der Landkampf von heute basiert im Wesentlichen auf der Doktrin, wie sie im Zweiten Weltkrieg geprägt wurde, und die umgangssprachlich Blitzkrieg genannt wird: Beide Seiten versuchen, unbemerkt Kräfte zu konzentrieren, und damit überraschend gegen die Schwachstelle des Gegners vorzugehen. Das Vorgehen führt zu einem Einbruch, der Einbruch wird zu einem Durchbruch aufgeweitet: Die eigenen Kräfte strömen nun in das Hinterland des Gegners, flankieren ihn und schneiden seinen Nachschub ab. Das bedeutet, dass man schneller operiert als der Feind und daher die Schwäche ausnutzen kann, die man durch Überraschung und Konzentration erreicht hat, bevor der Gegner sich anpassen kann. Ziel ist es nun, den Gegner zu isolieren, ihn dadurch von seinem Nachschub abzuschneiden und dann Stück für Stück zu bekämpfen. In diesen Kesselschlachten ist der abgeschnittene Gegner chancenlos und muss sich ergeben.

Die Gefechte des Zweite Weltkrieges sind hierfür beispielhaft. Aber auch die Operation Desert Storm 1991, als mit einem linken Haken durch wie Wüste ein für die Iraker überraschender Schwerpunkt mit Durchbruch erzielt wurde, um einen Kessel zu bilden. Oder die ukrainische Offensive gegen Cherson 2022, als die russische Armee den Dnepr im Rücken hatte. Oder die Kursk-Offensive 2024, als versucht wurde den Rajon Gluschkowo einzukesseln. Die Technik hat sich seit 1936 weiterentwickelt, aber die Doktrin ist dieselbe.

Diese Prämissen des Landkrieges, die der Erfahrung des Ersten Weltkrieges geschuldet ist, sind zunehmend fragwürdig.

Erstens wird davon ausgegangen, dass vom Gegner unbemerkt Kräfte konzentriert werden können. Die Masse der Aufklärung hinter der Front wird in Zukunft durch Satelliten erfolgen. Optische Aufklärungssatelliten, die kommerziell buchbar sind wie Pléiades Neo haben eine Auflösung von 30cm. Militärische Satelliten der USA erreichen seit Jahren 10cm; eine höhere Auflösung ist durch atmosphärische Effekte begrenzt. Damit können alle Battle Space Objects (BSO) bis herunter zum Einzelschützen aus dem All erkannt werden. Im Infraroten gibt es kein kommerzielles Angebot mit dieser Auflösung, technisch wäre das aber möglich, auch wenn der Sensor dazu größer ausfallen müsste. Mit kommerziellen Radarsatelliten ist eine Auflösung von 25cm für jeden buchbar.

Heute sind kommerzielle Satellitenbilder so hochauflösend, dass sie Luftbildern ähneln. Warum ein Flugzeug riskieren, wenn dieselbe Bildqualität aus dem All von jedem Punkt des Planeten gewonnen werden kann? [MAXAR]

Früher mussten diese Bilder von Spezialisten von Hand ausgewertet werden. Heute werden Satellitenbilder durch KI nach interessanten Objekten durchforstet, mit einer Nachprüfung durch Analysten. Der Durchsatz an Satellitenbildern kann dadurch zig-fach gesteigert werden. Das ermöglicht wiederum die Zahl der Satelliten im Orbit drastisch zu erhöhen, ohne den Personalansatz in gleicher Weise mit skalieren zu müssen. Die Daten von optischen, infraroten, SIGINT-, Radar- und FOPEN-Satelliten werden durch KI fusioniert, um gegnerische Einheiten quasi in Echtzeit auf der taktischen Karte einzutragen. Diese Informationen können dann den Landstreitkräften (BMS) und der Luftwaffe (Link 16) in Echtzeit zur Verfügung stehen, um ihre Aufträge zu erfüllen. Die Daten sind präzise genug um darauf zu feuern, die Frage ist nur nach der Latenz und Ambiguität.

Durch maschinelles Lernen und Fusion mehrerer Sensoren kann man inzwischen ein sehr großes Gebiet abdecken. So ist es heute bereits Realität, so ziemlich jedes Fahrzeug zu identifizieren, das sich in der gesamten Ukraine bewegt. Die Entdeckung geschieht mit einer Latenzzeit von 20 bis 40 Minuten zur Identifikation. Das bedeutet, dass man auf russischer Seite keine Überraschungen erzeugen kann.

Dazu kommt, dass durch SpaceX die Kosten für ein kg Nutzlast ins All in den letzten 10 Jahren deutlich gesunken sind. Auch das begünstigt mehr Satelliten im All. Dazu kommt die Entwicklung der überschweren Rakete Starship, ebenfalls von SpaceX.

Eine Raumrakete mit der Nutzlast und vor allem Nutzlastbucht einer Starship ermöglicht es, Fähigkeiten im All zu platzieren, die vorher nur schwer umgesetzt werden konnten, weil der Platzbedarf sehr groß ist. Dazu zählen SIGINT-Satelliten, welche Funk- und Radarsender anpeilen können. Zum einen um Funkverkehr abzuhören, zum anderen um taktisch relevante Informationen zu ziehen, zum Beispiel die Position von Gefechtsständen oder Flugabwehrradaren. Eine Starship mit einer Nutzlastbucht von knapp 9m könnte ELINT-Satelliten mit aktiver Antennenfläche tragen, welche Luftraumsuch- und Feuerleitradare im Frequenzbereich 1-10 GHz präzise mit nur einem Satelliten anpeilen können. Da moderne AESA-Antennen hunderte von Emittern gleichzeitig anpeilen können, können Emitter auf einer kompletten Front in einem Durchgang erfasst werden. Durch Jammer Strobe Extraction (JSE) könnten Störer angepeilt, geolokalisiert und ausgeblendet werden. Die Electronic Order of Battle (EOB) kann so wesentlich präziser, schneller und umfassender aufgeklärt werden.

Wenn die gesamte Gefechtsgliederung bereits aus dem All von jeder militärischen Formation auf dem Globus aufgeklärt werden kann, kann keine Überraschung erzeugt werden. Es ist ein Folgeeffekt: Um Daten von Sensoren und Effektoren nutzen zu können, müssen diese weitergeleitet werden. Da die militärische Kommandostruktur sehr hierarchisch aufgebaut ist, und die daraus abgeleitete Kommunikationsstruktur ebenfalls, ist diese im elektromagnetischen Spektrum sehr leicht abzubilden.

Scott Woodward, Kommandeur des 11th Armored Cavalry Regiment, veröffentlichte 2020 die Aufnahme eines kommerziellen SIGINT-Satelliten von einem Bataillon der US Army. Heute sind Auflösung und Latenz wesentlich besser, und für jeden buchbar.

Die Möglichkeit eine wesentlich größere Antennenfläche zu transportieren würde es auch ermöglichen, Foliage Penetration (FOPEN) Radare im All zu positionieren. Diese können durch Laub und andere Hindernisse sehen. Da auf dem Gefechtsfeld gerne in Wäldern untergezogen wird, kann ein solches System ein Kräftemultiplikator sein. Gegenüber normalen Radaraufklärungssatelliten, welche im X-Band (10 GHz) operieren, als optimaler Kompromiss aus Antennengröße und atmosphärischer Absorption, arbeiten FOPEN-Radare im L-Band (1 GHz) oder darunter. Allerdings muss die Antennenfläche wesentlich größer ausfallen. Bisherige Antennen wie PALSAR-2 sind auf eine Auflösung von 3m beschränkt, da die Antenne 3 x 10m groß ist und nur 84 MHz Bandbreite hat –  eine größere AESA-Antenne konnte bisher nicht ins All transportiert werden. Das Starship hat eine Nutzlastbucht von 9 x 18m. Mit einer 5,5 x 18m Antenne und 160 MHz Bandbreite kann etwa 1m Auflösung erreicht werden was genügt, untergezogene Fahrzeuge und Gefechtsstände zu entdecken.

Allein durch kommerzielle Möglichkeiten kann man heute von überall auf der Welt ein multispektrales Bild mit einer Latenzzeit von 20 Minuten anfordern, was normalerweise ausreicht, um das zu zerstören, was man zu finden sucht. Man kann ein Loch graben und sich hineinlegen und es wird schwierig sein, einen zu finden. Aber es wird schwierig, sich zu verstecken und etwas sinnvolles zu tun. Sobald man anfängt sich zu bewegen wird man gefunden, besonders wenn man sich in einer Gruppe bewegt. Im Grunde untergräbt es das erste Prinzip auf der operativen Ebene. 

Russische Schiffe vor Syrien, aufgenommen aus dem All durch Copernicus Sentinel-2 mit einer Auflösung von 10m. @MT_Anderson bucht regelmäßig Satellitenzeit, um Marinebewegungen auf der Welt zu beobachten. [X]

Durch die Möglichkeit jedes Bürgers auf Social Media Bilder hochzuladen und anzusehen, auf offene Satellitendaten zuzugreifen, oder selbst Satellitenzeit zu buchen kann OSINT fast dasselbe wie militärische Aufklärung leisten. X-Accounts wie @MT_Anderson, @Jonpy99, @HighMarsed und viele mehr buchen regelmäßig Satellitenzeit um Schiffsbewegungen auf offener See, Russenpanzer in Depots und Schäden an Flugplätzen usw. zu erfassen, und lassen die Welt daran teilhaben. Dadurch steigt die Aufklärungsdichte nochmals.

Zweitens, dass mit einer Konzentration von Kräften ein Durchbruch erzielt werden könnte. Es gibt Grenzen für den passiven Schutz einer Einheit. Die Fähigkeit, eine Plattform zu schützen, wird maßgeblich durch ihr Gewicht bestimmt. Dieses ist allerdings durch Bodendruck und Brücken limitiert.

Gleichzeitig steigen Reichweite und Präzision von Munition immer weiter an, während die Kosten sinken. Es ist heute problemlos möglich, durch Raketenartillerie mit endphasengelenkter Munition Effekte zu erzielen, für die früher ein Luftschlag notwendig war: Waren früher 2 Kampfflugzeuge mit Lenkbomben in einem riskanten Einsatz unter dem Radar unterwegs, um eine gegnerische Radarstellung 300 km hinter der Front zu bekämpfen, kann das heute preiswert und bequem durch eine Salve von 4 GNSS-gelenkten Flugkörpern mit Endphasensucher erledigt werden. Luftnahunterstützung von Kampfjets, die nur sporadisch an der Front zur Verfügung stehen, kann durch Loitering Munition ersetzt werden, die vom Heer bei Bedarf massenhaft verschossen werden kann. Gelenkte Munition wird stets die verwundbarste Stelle des Fahrzeuges attackieren, was das Gewichtsproblem unlösbar werden lässt.

Früher war es fast unmöglich, ein Panzerbataillon im Angriff durch indirektes Feuer aufzuhalten. Bis Artillerie auf eine bestimmte Koordinate schoss, war der Angriff längst weiter nach vorne gerollt. Daher auch die taktische Notwendigkeit des Kampfhubschraubers, trotz seiner hohen Verwundbarkeit. Tritt der Gegner überraschend an und bricht durch, können die Helikopter schnell die Lücke bearbeiten, um den Durchbruch abzunutzen.

Heute kann mit selbstzielsuchender Panzerabwehrmunition, ferngelenkter Munition, Loitering Munition und Wurfminensperren sehr effektiv jeder Angriff abgeschlagen werden, noch bevor er auf die eigenen Linien trifft. Zumindest kann er so weit abgenutzt werden, dass der Angreifer auch durch schwache Kräfte, die früher keine Chance hätten, erfolgreich gestoppt werden kann. Durch die Reichweite moderner tragbarer Panzerabwehrmittel, die mittels Lichtwellenleiter oder Funkfernlenkung gesteuert werden, können sich benachbarte Panzerabwehrtrupps gegenseitig unterstützen, was die Konzentration des Panzerabwehrfeuers im Schwerpunkt verstärkt.

Wolfram Panzerjäger mit Brimstone 2 für die Ukraine. Diese Panzerabwehrlenkwaffen sind durch abbildendendes MMW-Radar selbstzielsuchend. Sie suchen einen Gefechtsstreifen autonom nach Panzern ab, und attackieren diese. Fortschritte bei KI, AESA-Radaren und elektronische Miniaturisierung machen Waffen dieser Art immer leistungsfähiger. [Defense Express]

Das Problem der Letalität besteht darin, dass man sich nicht mehr konzentrieren kann. Wenn man sich konzentriert, wird man schneller zerstört. Den Feind zu zwingen, sich zu konzentrieren, ist jetzt ein sehr guter Weg, um unverhältnismäßige Abnutzung zu verursachen.

Da die Brimstones einen abbildenden MMW-Sucher haben, können die Flugkörper Panzertypen nach Form unterscheiden. Der größte Vorteil der Brimstone-Flugkörper im Ukrainekrieg besteht darin, dass russische Schützenpanzer früh zerstört werden, wenn die Infanterie noch aufgesessen ist. Selbst wenn Kampfpanzer an der Spitze einen Einbruch erzielen, kann dieser nicht genutzt werden, da Infanterie zur Bekämpfung der ukrainischen Stellungen fehlt. So kann intelligente Munition trotz ständigen Munitionsmangels optimal genutzt werden.

Auch die dritte Prämisse ist fragwürdig: Ein Durchbruch in das Hinterland des Gegners ermöglicht es, ihn zu flankieren und vom Nachschub abzuschneiden, was ihn chancenlos setzt. Allerdings gibt es für den Angreifer auf dem gläsernen Gefechtsfeld ein Problem mit der Logistik: Der Logistiktross ist in Bewegung, weich und auffindbar, und wird durch weitreichendes präzisionsgelenktes Feuer schnell zerstört. Nun wird das Operationstempo maßgeblich durch die Logistik bestimmt: Je höher der Durchsatz, desto aktiver können die Kräfte an der Front sein. So verlangsamt sich die Geschwindigkeit, mit der versorgt werden kann, und damit auch die Geschwindigkeit, mit der die Situation ausgenutzt werden kann. Daher ist es unwahrscheinlich, dass das Konzept, sich bei einem Durchbruch schneller als der Feind zu bewegen, zu einem entscheidenden Ergebnis führt.

Auch alle Unterstützungselemente wie Luftraumbeobachtungsradare, Artilleriebeobachtungsradare, Instandsetzungspunkte, FARPs, Logistikknoten wie Häfen oder Bahnhöfe, wichtige Brücken, Umschlagsplätze usw. sind nicht mehr überlebensfähig. Der logistische Fußabdruck der Kräfte wird so zur entscheidenden Größe.

Der letzte Punkt ist das Ausblenden einer Prämisse, die nie erwähnt wird. Die Doktrin spricht von Manöver, und Militärs denken dabei an offene Felder. Aber fast jeder Konflikt der letzten 100 Jahre drehte sich um urbane Zentren, welche das operative Ziel waren. Wer nicht in der Lage war, seinen taktischen Erfolg im offenen Gelände in einen operativen Erfolg im urbanen Raum umzuwandeln, indem er den relevanten Knotenpunkt einnahm, scheiterte. Es spielte keine Rolle, dass man im offenen Gelände erfolgreich war. Die gegenwärtige Doktrin besagt, dass Städte nur eine Durchgangsstation im Manöverkrieg sind, und nicht das operative Ziel. Entsprechend ist der Kampf in urbanen Räumen nur ein Szenario von vielen, wie Waldkampf oder Panzergefechte.

Urbane Räume haben andere Bedingungen als offene Räume. Ein Problem entsteht dadurch, dass es viele Zivilisten gibt, die nicht neutral sind und es nie sein werden. Und jeder Zivilist hat ein Smartphone. Diese zivile Aufklärung ist in urbanen Räumen wesentlich dichter und aktueller.

Umgekehrt können durch das Tracken von Smartphones wesentliche Informationen gezogen werden: Die Handydichte und ihre Änderung, die Bewegung von Gruppen von Handys, die Netzwerkaktivität usw. usf. Solche Metainformationen haben genug Aussagekraft, um die Bewegung von Truppen durch ein Gebiet zu deuten. Misst man so den Vorstoß von Feindkräften in ein Viertel, und anschließend bewegen sich die Handys von wichtigen Zivilpersonen auf einen Punkt zu, kann geschlossen werden, dass der militärische Führer mit der zivilen Führung zusammentrifft, und damit Zeit und Raum eines Hochwertziels bekannt ist.

Zivil-militärische Zusammenarbeit ist wichtig, besonders wenn es darum geht Kontrolle über Infrastruktur zu bekommen, spielt auf dem offenen Acker und seinen Siedlungen aber keine Rolle. Tunnelsysteme sind im Manöverkrieg irrelevant, aber in urbanen Räumen die Norm, usw. usf. Streitkräfte, die für den Kampf in offenen Räumen optimiert sind, sind für urbane Räume unpassend gerüstet und umgekehrt. So hat Cyberkrieg in urbanen Räumen einen wesentlich anderen Stellenwert als auf dem Feld. 

Das Anzapfen von ziviler Überwachungstechnik kann Spähtrupps ersetzen. So wurden vor der ukrainischen Kursk-Offensive Webcams in Sudscha und Umgebung gehackt, um russische Truppenbewegungen beobachten zu können.

Entgegen den Aussagen von russischen Propagandisten, westlichen Denkfabrikanten, deutschen Ex-Generälen und österreichischen Obersten ist die russische Armee in der Ukraine nicht lernfähig. Es wird an der alten Doktrin festgehalten, die seit Jahren scheitert. 

Wer sich auf dem gläsernen Gefechtsfeld konzentriert, wird schneller zerstört. Die Doktrin erfordert aber Kräfte zu konzentrieren, um Einbruch und Durchbruch zu schaffen. Der Effekt ist, dass das russische Militär schneller zerstört wird als das ukrainische, und Russland einen enormen Preis pro Kilometer zahlen muss. Und wenn ein Einbruch nicht zum Durchbruch ausgeweitet werden kann, weil die Logistik das gläserne Gefechtsfeld nicht überlebt, wird eben mit dem Tempo eines Gletschers vorgerückt.

Da diese Experten das Gefechtsfeld im Sinne der Blitzkriegsdoktrin analysieren, steht Russland seit Tag 1 kurz vor dem Endsieg, und die Niederlage der Ukraine ist unvermeidlich. Alles was die Ukraine macht ist eine Verzweiflungstat, und jede Aktion Russlands geschieht aus einer Position der Stärke.

Als die ukrainische Gegenoffensive in der Ostukraine 2022 mit kleinen Trupps leichter Einheiten überraschend erfolgreich war, kam von diesen Leuten die Interpretation, der Russe habe sich überrumpeln lassen und Panik bekommen. Die Vorstellung, dass auf dem gläsernen Gefechtsfeld die Seite mit dem kleineren logistischen Fußabdruck agiler ist und länger ein höheres Operationstempo halten kann, was ein Flankieren im Manöverkrieg erst möglich macht, wird dort nicht verstanden, weil es gegen die Doktrin ist. Wenn Logistik auf dem gläsernen Gefechtsfeld nicht mehr überlebensfähig ist, und das Operationstempo maßgeblich am Durchsatz der Logistik hängt kann es sinnvoll sein Einheiten mit kleinem logistischem Fußabdruck die Offensive anführen zu lassen, um Tempo zu wahren, zu flankieren und Kessel zu bilden.

Der klassische Gegenstoß des Eingekesselten, zu konzentrieren und einen Ausbruch durch die Umfassung zu versuchen, scheitert daran, dass eine Konzentration nur die Abnutzung ansteigen lässt.

Der Russe konnte in der Ukraine nur so lange Artilleriefeuer konzentrieren, bis der Ukraine GMLRS-Flugkörper gegeben wurden, um die Logistik anzugreifen. Nie wieder danach erreichte Russland eine ähnliche Feuerkonzentration. Dies wurde durch den Einsatz von Gleitbomben kompensiert, was auch nur so lange möglich war, bis die Ukraine auf die Flugplätze und Munitionsdepots der Flieger feuern konnte.

Je gläserner das Gefechtsfeld und je intelligenter die Munition, desto irrelevanter wird Masse. Im Gegenzug steigt der Verbrauch von Sensoren und Munition drastisch an.

Die Situation entspricht der im Ersten Weltkrieg, als neue Waffentechnik die alte Doktrin zum Fleischwolf werden ließ, die Militärs aber weiterhin daran festhielten: Wenn 100 Soldaten vom MG niedergemäht werden, müssen eben 1000 angreifen, um die MG-Stellung zu saturieren. Wenn ein Einbruch scheitert, weil alle Panzer durch gelenkte Munition und Minen getroffen werden, müssen eben mehr Flak- und Pionierpanzer gekauft werden, und lächerliche Käfige auf Fahrzeuge montiert werden.

Im Gegensatz zu Russland setzt die Ukraine vieles um, was innerhalb der NATO an Konzepten für den Krieg der Zukunft erarbeitet wurde.

§ 3 Das gläserne Gefechtsfeld

§ 3.1 Stand-in- und Stand-off-Sensoren

Das heutige Gefechtsfeld ist gläsern. Das bedeutet, das idealisiert die Position aller Einheiten in Echtzeit verfolgt werden kann. In der Praxis wird es davon Abweichungen geben. So kann die Position der eigene Kräfte durch Blue Force Tracking (BFT) besser verfolgt werden als die gegnerischer Kräfte, weil die eigenen Einheiten ihre Position intermittierend über das Battle Management System (BMS) senden. 

Eine sinnvolle Unterteilung der Aufklärungsmittel ist in Stand-in-Sensoren und Stand-off-Sensoren. Nahsensoren sind klein, preiswerter und liefern Daten besserer Qualität, sind aber der gegnerischen Waffenwirkung ausgesetzt und werden in großer Zahl verbraucht. Abstandssensoren sind groß, teuer und liefern Daten geringer bis mittlerer Qualität, sind der Waffenwirkung des Gegners aber weitestgehend entzogen und können ein größeres Gebiet abdecken.

Wie bereits oben erwähnt, können die Russen in der Ukraine (und grenznahen Regionen) durch multispektrale Satellitenaufklärung mit KI-Bildauswertung und Informationsfusion mit einer Latenz von 20-40 Minuten zur Identifikation verfolgt werden. Damit kann die Bewegung größerer Verbände (Bataillon und aufwärts) nicht verborgen bleiben.

Die Luftaufklärung durch GMTI-Radar mit RQ-4B Drohnen in 50‘000 ft kann hunderte Kilometer weit sehen. Mit einer Drohne über dem Schwarzen Meer können alle Bodenfahrzeuge in Bewegung in der Südukraine und Krim erfasst werden. Weil diese hochfliegenden Plattformen sehr verwundbar sind, werden sie in naher Zukunft durch SAR-Satelliten mit GMTI ergänzt und ersetzt werden. 

SIGINT aus dem All oder mit hochfliegenden Plattformen ermöglicht wie oben gezeigt, die Electronic Order of Battle (EOB) aus hunderten Kilometern Entfernung zu bestimmten. Selbst russische bodengestützte SIGINT-Systeme wie Torn-MDM können je nach Wetterlage und Geografie 30-70km weit peilen. Moderne Systeme haben kein Problem damit, automatisiert tausende eingehender Signale auszuwerten, mit unter 1° Genauigkeit anzupeilen, und aufgrund der Signalstärke die Entfernung zu schätzen. Da der elektromagnetische Fingerabdruck einem System zugeordnet werden kann, kann durch die Fusion von SIGINT und GMTI ein guter Eindruck über die gegnerische Kräftedisposition gewonnen werden. 

Dazu kommt die ständige Verfügbarkeit des mobilen Internets: In jeder Kampfzone gibt es Zivilisten, und jeder hat ein Smartphone. Dazu werden für Social Media bestimmte Tools eingesetzt, um ausgewählte Kanäle zu scrapen. Die Analyse einer kompletten Plattform ist zurzeit noch zu datenintensiv. Die Daten von Twitter, Telegram, Facebook usw. werden durch eine KI ausgewertet, um das taktische Lagebild zu ergänzen. In Frontnähe und im Hinterland findet noch eine militärische Auswertung von Mobilfunk und Webcams statt.

Diese Stand-off-Sensoren ermöglichen es festzustellen, wo sich etwas bewegt, ermöglichen aber keine genaue Identifizierung. Ein LKW kann nicht unbedingt von einem Raketenwerfer unterschieden werden, das Sensorbild ist ambig. Wenn durch Satelliten oder Social Media eine Identifizierung erfolgt, hat diese eine gewisse Latenz. Ist der Gegner untergezogen, bleibt die Ambiguität erhalten. Damit fehlt bei Fahrzeugen meistens entweder die genaue Identifikation oder die aktuelle Position, um eine Feuerleitlösung zu erzeugen.

Diese Abstandssensoren werden durch Nahsensoren ergänzt, welche an der Front massenhaft vorzufinden sind: Wärmebildgeräte und Kameras mit KI-Bildauswertung für Soldaten, Fahrzeuge und auf Drohnen. Durch Mikrofon-Arrays an Fahrzeugen können Gefechtsfahrzeuge inzwischen auf 10 km Entfernung geortet und identifiziert werden. Die Peilgenauigkeit ist sehr hoch, die Entfernungsschätzung passabel. Dazu kommen Bodenüberwachungsradare, die mit AESA-Technik einen Fähigkeitssprung vollzogen, und Land- und Luftziele im Nahbereich gleichermaßen orten können. Durch Miniaturisierung kann GMTI-Radar inzwischen auch in kleinere Drohnen mit einem Startgewicht von unter 500kg verbaut werden. Damit können Einzelfahrzeuge hinter der Front in Echtzeit verfolgt, und ihre Position metergenau bestimmt werden.

Auch ein Kampffahrzeug oder Soldat ist in dieser Definition ein Stand-in-Sensor. Die Daten von Stand-in-Sensoren sind in der Regel nicht ambig, erst recht nicht, wenn sie fusioniert werden. Da diese mit geringer Latenz sowohl eine genaue Position als auch Identifikation ermöglichen, sind sie meist feuerleittauglich. 

Die Stand-off- und Stand-in-Sensoren orten Battle Space Objects (BSO). Der Schlüssel die Datenmassen sinnvoll zu nutzen, ist eine effiziente Datenauswertung und -verteilung. Dafür erforderlich ist, dass Surveillance, Detection, Recognition and Identification (SDRI) automatisch abläuft, losgelöst vom Menschen.

  • Surveillance/Überwachung; ein Sektor wird beobachtet
  • Detection/Entdeckung; etwas bewegt sich
  • Recognition/Erkennung; ein Panzer
  • Identification/Identifizierung; ein T-72

Der Vorteil von automatischer SDRI liegt in der Überwindung natürlicher Beschränkungen: Im Gegensatz zu menschlichen Sinnen unterliegen Sensoren dem technischen Fortschritt, sind 24/7 online, die Aufmerksamkeit ist in alle Richtungen gleich hoch. Verschiedene Sensoren können miteinander kombiniert werden. Die bessere Ortungsmöglichkeit ermöglicht wiederum eine Bekämpfung auf Abstand.

Ohne automatisches SDRI wäre das gläserne Gefechtsfeld keine Realität, sondern Fleißarbeit: Hinter jedem Sensor würde ein Mensch stehen, der das Sensorbild beobachtet und erkannte BSOs von Hand in die taktische Karte einträgt. Es ist aber gerade das automatische SDRI, und die automatische Eintragung von BSOs in die taktische Karte, was auch die rote Seite des Gefechtsfelds gläsern macht.

Die Truppe kann nur schwer um den Faktor 10 skaliert werden; ein Faktor 100 ist praktisch unmöglich. Es ist aber problemlos möglich, das Gefechtsfeld mit unbemannten Sensoren zu fluten, die in Massen produziert werden, und deren Daten automatisiert ausgewertet werden. Durch automatisches SDRI wird die Sensorabdeckung skalierbar, und damit das Gefechtsfeld gläsern.

Die Königsdisziplin im Landkampf wird das Streaming von Rohdaten eines Sensors an interessierte Clients, damit diese eine Sensorfusion aus internen und externen Daten ausführen können. Durch Bewuchs und Bebauung sind verschiedene Sichtwinkel auf ein Battle Space Object (BSO) generell ein Vorteil. 

Mit CESMO existiert bereits ein NATO-Standard für das elektromagnetische Spektrum. Für Infrarot-, Radar- und optische Sensoren gibt es leider keinen Standard. Dabei wäre es vorteilhaft, wenn von einem möglichen Ziel Schnappschüsse aus verschiedenen Perspektiven existieren würden, um der KI die Identifikation zu erleichtern.

Stand heute sind Battle Management Systeme (BMS) wie Sitaware, bei denen die Position erkannter Gegner von Hand auf der taktischen Karte ergänzt werden muss. Zukünftige Landsysteme, ob Bodensensoren, Minenfelder, Drohnen, Panzer usw. werden BSOs durch ihre Sensoren automatisch erkennen und in die taktische Karte eintragen. Die Landstreitkräfte können so alle eigenen, neutralen und feindlichen Einheiten in einem Gebiet in Echtzeit beobachten. 

Auf Basis aller Daten kann dann eine feinere taktische Auswertung des Lagebildes durch Aggregation und regelbasierte Techniken durchgeführt werden. Damit wird das Lagebild mit Battle Space Objects angereichert, welche zwar nicht aufgeklärt wurden, deren Präsenz jedoch angenommen werden muss. Wenn Kampfpanzer des Gegners nur in Zügen à drei Panzern vorkommen, und zwei Panzer im Abstand von 200 Metern aufgeklärt werden, könnten die Panzer zum selben Zug gehören. In diesem Fall sollte sich in ihrer Umgebung ein weiterer Panzer befinden. Sie können auch zu zwei verschiedenen Zügen gehören. Dann befänden sich um sie herum sogar vier weitere Panzer, mit denen das Lagebild angereichert werden kann.

§ 3.2 Geometrie des zukünftigen Gefechtsfeldes

Die Geometrie des Gefechtsfeldes beschreibt, wie Befehlshaber das Gefechtsfeld aufteilen und managen. Bisher wird das Gefechtsfeld entlang der Stoßrichtung in rückwärtiger Raum (Rear Combat Zone), Front (Close Combat Zone) und Feindraum (Deep Combat Zone) unterteilt. Die Rear Combat Zone enthält die Unterstützungseinheiten und wird vor dem Gegner abgeschirmt. Die Sicherheit der Rear Combat Zone ermöglicht es, den Kampf in der Close Combat Zone fortzuführen. 

Diese eindimensionale Betrachtung wird nun auf zwei Dimensionen erweitert: Das Gefechtsfeld wird in Frontabschnitte aufgeteilt. Zwischen diesen Gefechtsstreifen werden Grenzen definiert, die nicht überschritten werden sollten, um Freundbeschuss zu vermeiden. Wenn Einheiten zwischen diesen Fronten verschoben werden sollen, ist eine aufwändige Koordination notwendig, um eine Stauung von Einheiten in der Verlegung zu vermeiden.

Es ist die Aufgabe der Feuerunterstützung, das Heranführen gegnerischer Kräfte in der Deep Combat Zone zu verzögern und zu zerschlagen, und seine Unterstützungskräfte abzunutzen. In der Close Combat Zone werden Kräfte konzentriert, um einen Durchbruch zu schaffen. Gelingt dieser Einbruch in die Deep Combat Zone, erfolgt das Ausfächern, um die gegnerische Unterstützung zu behindern und abzuschneiden. Da die Sicherheit der Rear Combat Zone den Kampf in der Close Combat Zone ermöglicht, diese Sicherheit durch den Einbruch aber nicht mehr gegeben ist, wird sein Widerstand an der Front kollabieren. 

Diese Theorie leidet an ein paar Punkten, die oben bereits angesprochen wurden: Eine unbemerkte Konzentration von Kräften ist auf dem gläsernen Gefechtsfeld nicht mehr möglich. Wenn die Gegenseite mobile Hartziele durch indirektes Feuer bekämpfen kann, ist das Ergebnis nur ein höhere Abnutzung. Es wird folglich eine andere Art des Krieges benötigt, um effektiv zu sein. Auch wird zunehmend in Frage gestellt, ob das Konzept einer Front überhaupt noch Sinn ergibt.

Im Zuge der Network-Centric-Warfare-Doktrin wurde die Idee verbreitet, das Gefechtsfeld als Graphen mit Knoten und Kanten zu betrachten. Es müssen die entscheidenden Knoten und Kanten identifiziert werden, welche, in der korrekten Reihenfolge zerschlagen, die gegnerische Kriegsanstrengung kollabieren lassen. In dieser Idee steckt auch die englische Interpretation des clausewitzschen Begriffes Schwerpunkt. Während der deutsche Schwerpunkt den Ort der Hauptanstrengung auf dem Gefechtsfeld meint, beschreibt die englische Übersetzung Center of Gravity die tragende Säule der gegnerischen Kriegsmaschinerie.

Im Fall von Russland hätte das Netz die Kreml-Mafia und ihre Beziehungen untereinander als Masche im Zentrum. Einige Kanten würden zu anderen Knoten laufen: Armee, Raketenstreitkräfte, Rostec, Gazprom usw. Von dort würden weitere Knoten an den Graphen angebunden: Fabriken, Verladebahnhöfe, Brücken, Raffinerien, Militärbezirke usw. usf. Werden nun die Engstellen, Schlüsselpersonen und Schlüsselelemente im Graph identifiziert und zerschlagen, ist der Gegner paralysiert.

Auch das zurzeit popularisierte Operationskonzept Multi-Domain Operations (MDO) folgt diesem Schema. Im Grunde geht es darum gegnerische Schlüsselsysteme zu identifizieren, welche durch weitreichendes Feuer die Operationsführung eigener Kräfte behindern (Anti-access/area denial, A2/AD), und diese in einer konzertierten Aktion zu zerschlagen.

Es gibt vier Entwicklungen, welche diese Doktrin begünstigen: Erstens können moderne Waffen metergenau treffen, egal ob auf 30km, 300km oder 3000km geschossen wird. Zweitens steigt die Verfügbarkeit von Munition, welche über große Entfernungen wirken kann. Drittens kann über kommerzielle Satellitenbilder und OSINT bereits genug Daten gesammelt werden, um effektive Schläge auszuführen. Und viertens, weil gegen global agierende nichtstaatliche Akteure die Okkupation von Territorium generell sinnlos ist. Die Darstellung des Gefechtsfeldes als Graph ist die einzig sinnvolle. Umgekehrt betrachten auch Terrororganisationen das Gefechtsfeld auf diese Weise.

Moderne Marschflugkörper wie der russische AS-23 KODIAK können Ziele in über 3000 km metergenau treffen. Das Konzept einer Frontlinie ist bedeutungslos, wenn alle Ziele von jedem Ort aus beschossen werden können.

Sie ist allerdings nur für die operationelle und strategische Betrachtung valide, was Luftwaffe und Marine eher zupasskommt. Auch die Luftverteidigung des Gegners ist vernetzt, und kann als Graph im Graph abgebildet werden. Im Heer kann nur das Feuer von Divisions- und Korpsebene nach dieser Theorie arbeiten. Das Feuer aller Teilstreitkräfte und Nachrichtendienste kann dann im Rahmen von Multi-Domain Operations (MDO) gegen die Schlüsselknoten der gegnerischen Kriegsanstrengung gerichtet werden. Umgekehrt kann die eigene Kriegsanstrengung ebenfalls als Graph modelliert werden, um schützenswerte Knoten und Kanten zu identifizieren.

Für die Landstreitkräfte auf Brigade- und Bataillonsebene ist diese Doktrin nur bei friedenserhaltenden Maßnahmen oder asymmetrischen Konflikten sinnvoll: Durch die Präsenz der Truppe in der Fläche, weitreichendes Präzisionsfeuer und die totale Luftüberlegenheit ist Raum weniger relevant; Schlüsselgelände kann ein Knoten von vielen sein. Terroristische Gruppen o.ä. können ebenfalls als Graph abgebildet werden; der genaue Ort ist nur bei direkten Aktionen wichtig. 

Für Einheiten im Gelände ist diese Betrachtung in zwischenstaatlichen Kriegen untauglich, da die räumliche Komponente nicht vernachlässigt werden kann. Die Latenz und Präzision von Stand-off-Sensoren ist bei strategischen Zielen weniger relevant, da diese in der Regel quasi-stationär sind, und leichter aufklärbar. Werden Ziele durch Tarnung, Mobilität und Schutz schwerer zu fassen, sind Stand-in-Sensoren nötig. Diese können durch den Gegner einfacher aufgeklärt, gestört und bekämpft werden, bestechen aber durch ihre Masse. Nichtsdestotrotz sorgt dieser Effekt dafür, dass es aus taktischer Sicht eine unsichtbare Wand gibt: Einen Bereich, wo mit Stand-off- und Stand-in-Sensoren aufgeklärt werden kann, und einen Bereich, wo nur Stand-off-Sensoren das Lagebild erzeugen.

Im Folgenden wird definiert, dass der Bereich, in den beide Seiten mit Stand-off- und Stand-in-Sensoren sehen können, als Zone of Contestation bezeichnet wird. Der Bereich, in den nur Stand-off-Sensoren sehen können, ist für die eigene Seite eine Zone of Risk, weil das Gefechtsfeld nicht vollständig gläsern ist. Umgekehrt ergibt sich auch eine Zone of Opportunity. Das ist der Bereich, in den der Gegner nur mit Stand-off-Sensoren sehen kann, und Einheiten für ihn verborgen oder ambig sein können.

Da sich das real existierende Gefechtsfeld um urbane Zentren dreht, welche politisches, wirtschaftliches oder logistisches Schlüsselgelände sind, kann eine grobe Modellierung wie folgt aussehen: Von der eigenen Logistikbasis aus (Base of Operations) wird der Streitraum (Zone of Contestation) immer weiter Richtung Angriffsziel (Objective) verschoben. So lange, bis das Angriffsziel (Objective) aus dem Risikoraum (Zone of Risk) gedrängt wurde, und in den Möglichkeitsraum (Zone of Opportunity) gelangt.

Da eine Konzentration von Kräften im Streitraum nur die Abnutzung erhöht, erfolgt das Verschieben der Räume nicht traditionell durch konzentrierte Stöße, sondern durch breites Sickern und Verzahnen. Erst wenn das Angriffsziel im Möglichkeitsraum ist, ist eine Konzentration von Kräften möglich, ohne dass diese durch ubiquitäres indirektes Feuer zerschlagen werden. 

Es ist dieses Sickern und Verzahnen auf breiter Front von mechanisierten und motorisierten Kräften, die auf dem vernetzen gläsernen Gefechtsfeld operieren, unterstützt durch massives indirektes Feuer, was eine andere Art der Kriegsführung zur Folge hat. Auf dem gläsernen Gefechtsfeld werden Kräfte verteilt und Feuer konzentriert. Diese andere Art der Kriegsführung bedingt andere technische Lösungen.

Die Kräfte welche das Sickern und Verzahnen übernehmen und die gegnerischen Stand-in-Sensoren zurückdrängen, haben andere Randbedingungen und Fähigkeitsforderungen, als solche, welche das Angriffsziel nehmen müssen, was in der Regel ein urbanes Zentrum sein wird. Hier zeichnet sich ab, dass zwei verschiedene Lösungen notwendig sein werden.

Auf der Divisionsebene und höher wird das Gefechtsfeld als Graph modelliert, mit Knoten und Kanten, und durch weitreichende Aufklärung und Wirkmittel in einer Multi-Domain Operation (MDO) gegen die Schlüsselknoten der gegnerischen Kriegsanstrengung gewirkt. Aufklärungs- und Wirkmittel sind so dimensioniert, dass der exakte Ort jedes Knotens irrelevant ist.

Auf Ebene der Brigade und des Bataillons wird das Gefechtsfeld in drei Räume eingeteilt, abhängig davon, bis wieweit die eigenen und gegnerischen Stand-in-Sensoren aufklären können. Zwischen diesen Räumen ist ein Überleben nur schwer möglich, da das Gefechtsfeld hier für beide Seiten gläsern ist. Tarnung, Mobilität und Auflockerung sind hier die wichtigsten Punkte. Erst wenn die gegnerischen Stand-in-Sensoren zurückgedrängt wurden, damit das Gefechtsfeld für den Gegner opak wird, können Kräfte stärker konzentriert werden, was zum Nehmen stark verteidigter Angriffsziele notwendig ist.

In erster Näherung kann vermutet werden, dass der Streitraum (Zone of Contestation) durch die Verfügbarkeit von preiswertem indirektem Feuer bestimmt wird, was bei moderner Rohrartillerie und FPV-Munition eine Breite von etwa 30km ausmacht. Alles dahinter oder davor ist Risikoraum (Zone of Risk) oder Möglichkeitsraum (Zone of Opportunity). Das entspricht auch etwa den Beobachtungen in der Ukraine.

Eine Anforderung für diese Art des Krieges ist, dass weitreichendes Feuer jede gegnerische Konzentration größer als eine Kompanie innerhalb des Streitraumes zerschlagen kann, was mit moderner Munition bereits mit einer halben Batterie Haubitzen möglich ist. Entsprechend bewegen sich in der Ukraine Panzerverbände mit maximal Kompaniestärke. Damit wird auch eine Anforderung an die Einheiten im Streitraum (Zone of Contestation) festgelegt: Diese müssen maximal einen Gegner in Kompaniestärke besiegen.

Das Zusammenspiel von Sensoren, Bewegung und Feuer formt die Rahmenbedingungen (Shaping) die gegnerischen Stand-in-Sensoren zu degradieren, Ambiguität zu erzeugen, Feuer auf Einzelfahrzeuge und Schwerpunkte zu legen, sodass der Gegner, wenn er an bestimmten Räumen festhält, eine unverhältnismäßige Abnutzung erleidet. 

Mit moderner Munition und einem gläsernen Gefechtsfeld ist es auch möglich den Gegner von seinen Unterstützungeinheiten durch Sensoren und Feuer zu isolieren, wie es früher nur durch Manöver möglich war. Der Gegner muss sich dann zurückziehen, oder er wird übermäßig abgenutzt.

Die Ausdehnung von Möglichkeitsraum, Streitraum und Risikoraum ist nur temporär, da der Gegner spätestens dann, wenn er seine Stand-in-Sensoren in Massen nach vorne schiebt mitbekommt, welche Nachschubwege und Stellungen er beschießen muss, was wiederum das Abnutzungsspiel zu eigenen Ungunsten verändert. Die verschiedenen Räume des gläsernen Gefechtsfeldes können also unter Umständen nur für eine begrenzte Zeit gehalten werden. Diese abstrakten Räume bestimmen wiederum, ob Angriffsziele im physikalischen Raum gehalten werden können oder nicht.

So bringt es zum Beispiel nichts ein Dorf zu besetzen, wenn die Dorfbewohner über Social Media im Laufe von Stunden und Tagen jede Stellung weitergeben, die dann Stück für Stück durch Raketenartillerie mit 150km Reichweite und 10m Genauigkeit rausgenommen wird. In diesem Beispiel liegt das Angriffsziel Dorf noch im Streitraum, wo jede Konzentration die Abnutzung erhöht. Das korrekte Vorgehen wäre, das Dorf erst einmal in den Möglichkeitsraum zu bringen: Das Internet vor Ort muss gekappt oder gefiltert werden, um die Social-Media-affinen Stand-in-Sensoren der gegnerischen Seite zu entziehen.

Da Kampffahrzeuge, Stand-in-Sensoren und präzisionsgelenkte Munition knappe Güter sind die verbraucht werden, ergibt sich für den Kommandeur immer eine Abwägung, wann wo wieviel eingesetzt werden soll. 

§ 3.3 Das Distanzgefecht im Risikoraum

Auf dem gläsernen Gefechtsfeld wird Schutz primär durch Täuschung erreicht. Grundlage dafür ist die Sensorambiguität von Systemen: Wenn alle Panzer, LKW, Radarstellungen usw. für die Sensorik gleich aussehen, kann man diese Einheiten zwar aufklären, aber nicht die Gefechtsgliederung. Der Gegner wird taktisch nicht mehr überrascht, er wird in Unsicherheit gehalten.

Zwei Gruppen von Fahrzeugen nähern sich einem Wäldchen. Für weitreichendes GMTI-Radar sehen die Fahrzeuge beider Gruppen gleich aus. Durch Social-Media-Posts von Ortsdurchfahrten weiß der Gegner, dass es in einem Fall Raketenwerfer sind, im anderen Fall Logistik-LKW. Das GMTI-Radar beobachtet, dass beide Gruppen in einem Wäldchen unterziehen. Kurze Zeit später beobachtet der Gegner über GMTI, wie eine Gruppe das Wäldchen verlässt, in einer Senke abtaucht, und danach wieder zum Vorschein kommt. Was er nicht weiß: Beide Gruppen verlassen das Wäldchen, fahren aber immer in Paaren aus dem Wald, so dicht zusammen, dass das GMTI-Radar die Fahrzeuge nicht auflösen kann. Um den Gegner in die Irre zu führen, senden die Logistik-LKW Radiosignale, damit die Signalaufklärung die Logistik-Gruppe sieht. In der Senke, für das gegnerische Radar uneinsehbar, lösen sich die Gruppen: Die Raketenwerfer fahren weiter, während die Logistik-LKW unterziehen. Der Gegner stuft die Raketenwerfer nun als Logistik-LKW ein und glaubt, dass die Raketenwerfer noch im Wäldchen auf ihren Einsatz warten. Er wird nun eine Salve Flugkörper gegen das Wäldchen verschwenden.

Alle Landfahrzeuge müssen so konstruiert werden, dass sie möglichst ambig für Sensoren sind. Das fördert wiederum Plattformbildung. Wenn alle Kampffahrzeuge das gleiche Fahrgestell nutzen und dieselben Funkgeräte und Radare, kommt das auch der Logistik und Instandsetzung zugute. Dasselbe gilt für LKW: Wenn Haubitzen, Raketenwerfer, Wechsellader und Kranfahrzeuge möglichst gleich aussehen und gleich funken, ergibt sich für den Gegner ein Problem. Auch die Wechselladerpritschen sollten mit Planen so abgedeckt werden, dass alle gleich aussehen.

Besonders bei Raketenwerfern ergibt sich großes Potential. Ein Raketenwerfer ist ein LKW der Flugkörper startet. Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum Artillerieraketen, Marschflugkörper, Seezielflugkörper, Loitering Munition, Wurfminen usw. usf. von unterschiedlichen Fahrzeugen aus gestartet werden sollten. Da Raketenwerfer nur Dispenser sind, die gelagerte Munition auf den Gegner verteilen, wäre es generell zu überlegen, ob Logistiklaster die Munition nicht gleich von der Ladefläche starten können. 

HEMTT mit Wechselladerpritsche als Raketenwerfer. Logistik-LKW sollten Flugkörper direkt von der Ladefläche starten können. Gerade in der Eröffnungssalve des Krieges, wenn es darum geht Breschen in die integrierte Verteidigung zu schlagen, ist die Erhöhung der Werferfahrzeuge Gold wert. 

Wenn der digitale Feuerleitbefehl über das Netzwerk eintrifft, müsste die Besatzung nur rechts ranfahren und die Startsequenz aktivieren. Da moderne Artillerie ohne feste Feuerstellungen schießt, und die Besatzung auf einem Tablet nur die Zieldaten überprüft und der Rest automatisch abläuft, ist ein spezielles Raketenwerferfahrzeug nicht mehr nötig. Selbst die genaue Ausrichtung des Werfers ist obsolet, da in Zukunft nur gelenkte Munition verschossen wird. Persistente Munition wie Wurfminen oder Loitering Munition wird sich nach dem Start sowieso mit der Combat Cloud vernetzen, das Gleiche gilt für Marschflugkörper. Auch die Besatzung eines klassischen Raketenwerfers hat nach dem Feuern keinen Anteil daran.

Selbst wenn die Zielplanung unflexibel ist und bereits beim Beladen festgelegt werden muss, können zumindest fixe Ziele wie Brücken, Flugplätze, Engstellen usw. am Tag 1 beschossen werden.

Bedingt durch den massenhaften Einsatz von unbemannten Aufklärungsmitteln und präzisionsgelenkter Munition ergibt sich die Dynamik des gläsernen Gefechtsfeldes: Alles was existiert wird unverzüglich aufgeklärt und vernichtet. Daraus ergibt sich, dass beide Seiten auf Abstand aufklären, und durch Abstandswaffen bekämpfen. Umgekehrt wird versucht, die anfliegenden Aufklärungsmittel und Abstandswaffen des Gegners zu neutralisieren, bevor sie wirksam werden.

Wechselladerpritsche mit Hero 120 Loitering Munition. Der massierte Einsatz von Flugkörpern ist die Zukunft. Besonders selbstzielsuchende Panzerabwehrwaffen (Brimstone, Spear 3), Loitering Munition (Hero 120, Switchblade 600) und Abfangflugkörper (Tamir, CAMM) werden ubiquitär verschossen, um das Distanzgefecht zu gewinnen. [Rheinmetall]

Der Effekt, der sich daraus ergibt, ist wie in einem Science-Fiction-Film: Beide Armeen stehen sich bildlich gesprochen gegenüber, sehen sich und schießen aufeinander. Die Schutzschilde beider Seiten wehren aber einen Großteil der Munition ab, bevor sie die Einheiten treffen können. Das entspricht dem modernen Seekrieg: Beide Seiten feuern Flugkörpersalven und versuchen die gegnerische Salve abzuwehren.

Die Dynamik die sich daraus ergibt, ist die gleiche: Ist die Salve zu klein, wird sie abgewehrt; die Flugkörper wurden umsonst verschossen. Ist sie zu groß oder gegen Falschziele gerichtet, wird Munition verschwendet.

Der Kommandeur von Blau bekommt durch SAR-Satelliten einen vermuteten Bereitschaftsraum einer Kompanie von Rot gemeldet. Es liegen nur Radarkontakte vor, die aber auch Köder sein könnten. Er hat nun ein Dilemma: Damit genug Munition die Verteidigung von Rot durchbricht, wäre eine Salve von mindestens 24 gelenkten Artillerieflugkörpern mit Panzerabwehrsubmunition nötig. Würde die Salve kleiner ausfallen, würde kein einziger Flugkörper die Abwehr von Rot durchbrechen. Er muss also abwägen eine große Menge Munition gegen ein Ziel einzusetzen, das auch Täuschung sein könnte. 

Das Dilemma läßt sich durch eine Reihe von Maßnahmen mitigieren: Zum einen muss die Aufklärung mit Stand-in- und Stand-off-Sensoren weiter verdichtet werden. Da Stand-in-Sensoren selbst verbraucht werden, und die Vorräte und Produktionsrate beschränkt ist, verschiebt sich nur der Verbrauch von Munition zu Sensoren.

Die andere Lösung wäre, dass ein Schwarm intelligenter, vernetzter Flugkörper gegen ein Ziel verschossen wird. Dabei hätte die Hälfte der Flugkörper einen Gefechtskopf, um das Ziel zu bekämpfen. Die andere Hälfte würde aus Flugkörpern bestehen, die als Stand-in-Jammer die Flugabwehr stören, oder Radarstellungen orten und klassifizieren. Wiederum andere Flugkörper wären reine Saturierungsmasse; äußerlich identisch, aber ohne Sucher und Gefechtskopf um die Kosten zu senken. Letztere würden eine exponierte Position im Schwarm einnehmen, um vom Gegner bevorzugt abgeschossen zu werden.

Die RCM²-Flugkörper von MDBA sollen wie die FEANIX von Diehl Defence im Schwarm die Aufgaben von Marschflugkörper, Stand-in-Jammer, ELINT-Aufklärung und Saturierungsmasse übernehmen. [MBDA]

Da diese intelligenten Flugkörperschwärme ihre eigenen Stand-in-Sensoren mitführen, können sie im Risikoraum, wo die eigene Aufklärung lückenhaft und ambig ist, Effekte erzielen, die normalerweise nur im gläsernen Streitraum möglich sind. Dadurch sind mit einem Schwarm aufgabenbasierte Operationen möglich: So kann eine Salve in ein 100km × 200km Gebiet im Risikoraum 300 km hinter der Front verschossen werden, um Luftverteidigungsstellungen zu identifizieren und ausschalten. Oder entlang einer Bahnlinie, um Güterzüge rauszunehmen.

Die Salvengröße kann reduziert werden, wenn Prioritäts- und Ausweichziele dynamisch zugewiesen werden. Wenn beispielsweise ein gegnerischer Flottenverband durch eine Salve vernichtet werden soll, wird das Prioritätsziel mit Flugkörpern saturiert. Es ist aber Munitionsverschwendung, wenn bereits der vierte Flugkörper das Ziel trifft, und die folgenden vier ebenfalls. Dieser Overkill entsteht, weil immer damit gerechnet werden muss, dass die Flugkörper auf ihrem Marsch zum Ziel durch die Luftverteidigung dezimiert werden. Es wäre sinnvoller, wenn die Munition, die es bis ins Zielgebiet geschafft hat, die Ziele intelligent den verbliebenen Flugkörpern zuweist.

Schwärme intelligenter, vernetzter Flugkörper mit dynamischer Zielzuweisung existieren zurzeit nur gegen Seeziele. Die SS-N-19 SHIPWRECK drängt sich als Beispiel auf.

12 Marschflugkörper werden gegen einen Flugplatz verschossen, um ein AWACS und zwei Tanker zu zerstören. Pro Ziel werden 4 FK allokiert. Wenn unterwegs 4 abgeschossen werden kann es passieren, dass ein Ziel leer ausgeht, aber die beiden anderen von ihren 4 FK getroffen werden. Mit einer priorisierten Zuweisung im Zielgebiet können nur 8 FK verschossen werden. Wenn unterwegs 4 abgeschossen werden, teilen die verbliebenen 4 FK sich auf: 2 steuern das Prioritätsziel AWACS an, und jeweils 1 FK einen Tanker.

Ferner ist die Unterscheidung zwischen Seezielflugkörpern und Marschflugkörpern sinnlos geworden. Generell fliegen Marschflugkörper wie Tomahawk stur entlang vorprogrammierter Wegpunkte zum Ziel, während Seezielflugkörper dynamisch Ausweichmanöver ausführen können, um Luftverteidigung zu umfliegen oder Abwehrfeuer auszuweichen. Heute sind auch Landziele so stark verteidigt und dynamisch, dass ein Einheitsmarschflugkörper gegen See- und Landziele benötigt wird. Dieser muss in der Lage sein, dynamisch Luftverteidigung zu umfliegen, Abwehrfeuer auszuweichen, im Gelände und über Wasser ohne GNSS zu navigieren, im Zielgebiet das Prioritätsziel zu entdecken, und die Allokation von Flugkörpern auf Prioritäts- und Ausweichziele durch einen Datenlink zwischen den Flugkörpern der Salve selbstständig zu managen.

Konzeptskizze Boeing HyFly. Mit bis zu Mach 6 und über 1000 km Reichweite ist der Flugkörper ein gutes Konzept für zukünftige Marschflugkörper gegen Land- und Seeziele. [Aerojet]

Da alle Ziele verteidigt sind, muss die Munition durchsetzungsfähiger werden. Dazu müssen die Signaturen reduziert werden, vor allem die Radarsignatur. Es wäre ebenfalls sinnvoll, wenn die Flugkörper aktive Radarköder ausstoßen können, wie es die Iskander-TBMs bereits tun. Ebenso sollte die Marschgeschwindigkeit von Munition erhöht werden. Besonders bei großen Schussentfernungen gegen zeitkritische Ziele – und das sind heute fast alle Hochwertziele – ist die Marschdauer ein Faktor. Ein Hochwertziel in 500 km Entfernung wird von einem Unterschallmarschflugkörper erst in 30 Minuten erreicht. Hyperschallmarschflugkörper, wenn diese preiswert genug sind um gegen taktische Ziele verschossen zu werden, können bereits nach 4 Minuten im Zielgebiet eintreffen und den Sucher aktivieren.

Generell sind ballistische Flugkörper wie GMLRS, EXTRA, PrSM und Predator Hawk am kosteneffektivsten, und werden in Massen verschossen. Die Frage ist, ob eine einfache Lösung von 8 Predator Hawk pro Hochwertziel in 300 km Entfernung nicht 2 Hyperschallmarschflugkörper in Sachen Preis/Leistung schlägt. SS-26 STONE ist das zeitkritischste Hochwertziel mit der größten Schussentfernung, und wird deshalb der Benchmark für diese Munition sein.

Da Navigation durch GNSS nicht mehr möglich sein wird, müssen Alternativen zur Positionsbestimmung herangezogen werden. Marschflugkörper können über einen Bildabgleich (Image Based Navigation, IBN) und Geländeprofile (Terrain Based Navigation, TRN) navigieren. Höher fliegende Systeme können noch die Position bekannter Satellitenkonstellationen oder astronomische Objekte als Referenz verwenden, um den Random Walk des Trägheitsnavigationssystems (Inertial Navigation System, INS) zu kompensieren.

Da auch der Gegner mit Salven arbeitet, ist die Luftverteidigung ein kritischer Aspekt der Front. Wenn nur eine Art Multifunktionsradar für Luftraumüberwachung, Feuerleitung und Konterbatterieradar verwendet wird, schafft diese Ambiguität für den Gegner taktische Dilemmas. Jede Radaremission könnte eine Feuerstellung der Flugabwehr sein, aber vielleicht ist es nur ein einsames Multifunktionsradar, das gerade Artillerieaufklärung betreibt. Das Ground Fire 300 von Thales ist hierfür ein gutes Beispiel, da es alle Funktionen wahrnehmen kann.

Primäre Aufgabe weitreichender Abwehr ist der Schutz vor taktischen ballistischen Raketen russischer, iranischer und nordkoreanischer Provenienz, sowie der Abschuss von gelenkten Artillerieraketen, Marschflugkörpern und Kampfjets. Idealerweise feuert das System auch gegen weitreichende Luft-Luft-Lenkwaffen wie AA-13 AXEHEAD, die über die Front geschossen werden, um den Hochwert-Assets der Luftwaffe Deckungsfeuer zu geben. Das System muss rasch verlegbar sein, da die Feuerstellung auf dem gläsernen Gefechtsfeld schnell aufgeklärt wird. Ferner müssen 360° abgedeckt werden, da der Gegner sonst Flugkörpersalven in den Rücken der Batterie schicken wird – der Krieg der Zukunft hat keine durchgehende Frontlinie. Die Schussdistanz sollte mindestens 150 km betragen, wobei die Flugkörper durch Gasdüsen steuern sollten, um manövrierende Überschallflugkörper im Tiefflug und TBMs in der Hochatmosphäre besser treffen zu können.

SAMP-T NG eignet sich als taktisches Luftverteidigungssystem auf Brigade- und Divisionsebene, um Hochwertmunition abzuschießen. PATRIOT PAC-3 MSE ist nicht mobil genug, der Sichtbereich zu eingeschränkt, und die Reichweite zu gering. [MBDA]

Die Ebene darunter wird durch Flugabwehrfahrzeuge gestellt, die eine mobile Anti-PGM-Fähigkeit liefern. Damit werden Lenkbomben, Lenkraketen, Tiefflieger, taktische Drohnen (z.B. Orlan-10), Loitering Munition (z.B. Lancet) und Hubschrauber bekämpft. Die Flugkörper sollten Fire-and-Forget-Eigenschaften haben. Dies ist notwendig, um Saturierungsangriffe mit Loitering Munition (LM) und präzisionsgelenkter Munition (PGM) abzuwehren.

Um die Kosten niedrig zu halten ist eine hohe Stückzahl nötig. Es ergibt Sinn, wenn ein Einheits-Abfangflugkörper die Rolle von Kurzstrecken-Luft-Luft-Flugkörper und Nahbereichsverteidigung für Heer und Marine erfüllt. Dieser Einheits-Abfangflugkörper kann dann in Massen produziert werden, um die Kosten niedrig zu halten. Die Leistungsanforderung der Luftwaffe, die auf Manövrierfähigkeit im Nahkampf abzielt, wird zurückstecken müssen. Die Kompaktheit des Flugkörpers wird wichtiger sein, was auch Flugzeugen mit internen Waffenschächten zugutekommt. Waffenschächte und Senkrechtstartanlagen begünstigen lange, schlanke, flügellose Flugkörper.

Die CAMM (Common Anti-Air Modular Missile) ist ein gutes Beispiel für einen Einheits-Abfangflugkörper für Luftwaffe, Marine und Heer. [Think Defence]

Nahbereichslenkwaffen zur Abwehr von Flugkörpern, PGMs, Drohnen und Helikoptern werden von Marine, Luftwaffe und Heer benötigt. Der Luftnahkampf von Kampfjets mit Hochleistungsflugkörpern wie IRIS-T FCAAM ist in Zukunft genauso irrelevant wie das Duell von Kampfpanzern mit 130/140mm Glattrohrkanone.

Da es um die Abwehr von Massenangriffen geht, sollte die Startanlage des Fla-Fahrzeugs mindestens 12 Schuss fassen. Je mehr, desto besser. Um schnelle, automatisierte Ladezyklen zu ermöglichen, sollten die Abfangflugkörper wie bei der Raketenartillerie in Pods zusammengefasst werden. Für den Schutz quasi-stationärer Orte sind auch Wechselladerpritschen mit einer Senkrechtstartanlage für über 100 Flugkörper sinnvoll.

Alle Abfangflugkörper müssen über einen Zwei-Wege-Datenlink und einen eigenen Sucher verfügen, um ohne Feuerleitradar ein Engage-on-Remote über Combat-Cloud-Daten zu ermöglichen. Ein Missile-to-Missile-Link wie bei der RAM 2B, der eine Kommunikation zwischen Flugkörpern ermöglicht, wäre ebenfalls nützlich. So kann ein Strom von Flugkörpern gegen eine Salve verschossen werden, und die FK weisen sich dynamisch nach dem Verschießen selbst ein Ziel zu, um so effizient wie möglich eingesetzt zu werden.

Auf dem gläsernen Gefechtsfeld wird die Masse der Munition verschossen, um gegnerische Munition abzuwehren. Da Tarnen und Täuschen weniger Wirkung besitzen, und besonders ein Angriff mit Schwerpunkt vom Gegner rasch aufgeklärt und bekämpft wird, ist die Abwehr gegnerischer Munition ein wichtiger Faktor.

Um die Initiative zu wahren und die Zahl der abzuwehrenden Geschosse zu reduzieren ist es sinnvoll – analog zum modernen Seekrieg – den Gegner zuerst zu beschießen. Da der Kampf im Risikoraum stattfindet, wo das Lagebild lückenhaft und ambig ist, kommen Multi Domain Operations (MDO) ins Spiel.

Nach dem Prinzip any sensor, any shooter, any decider muss es egal sein, von wo eine Information stammt, wer sie auswertet, wer den Feuerbefehl gibt und wer darauf wirkt. Wenn zum Beispiel ein deutscher Fernspäher eine SS-26 ortet, muss ein britisches E7 AWACS den Feuerbefehl an einen amerikanischen M142 HIMARS geben können. Die USA erproben dies bereits mit verschiedenen Verbündeten (UK, FR, AUS, usw.) in der Project Convergence Übungsserie. Die klassische Sensor-Effektor-Kette (kill chain) weicht einem Sensor-Effektor-Netz (kill web). Der amerikanische Fachbegriff dazu ist joint all-domain command and control (JADC2).

Durch die Kosten der Munition ist die Stückzahl sehr beschränkt. Ferner muss unter Umständen eine komplexe gegnerische Verteidigung überwunden werden, und dies durch eine Multi Domain Operation (MDO). Zusammen mit der Notwendigkeit die Abwehr zu koordinieren ergibt es Sinn, die Feuerleitung für das Distanzgefecht zu zentralisieren.

§ 3.4 Der Hyperkrieg im Streitraum

Auf dem gläsernen Gefechtsfeld ist Initiative wichtiger denn je: Wer sich nicht bewegt und die Initiative ergreift, ist verloren. Dazu gehört insbesondere das bewusste Durchmischen der eigenen Truppen mit denen des Feindes. Ziel ist es, innerhalb der gegnerischen Formationen zu operieren, anstatt sie von außen zu bekämpfen.

Es ist nicht mehr nötig eine feste Position relativ zum Feind einzunehmen, wenn dieser primär durch indirektes Feuer vernichtet wird. Auf dem gläsernen Gefechtsfeld ist Linearität ein Problem. In der bisherigen Taktik gibt es eine Front, einen Rückraum und eine Bewegungsachse. Kommandeure ordneten ihre Untergebenen entsprechend, wobei die Truppen auf dem Vormarsch von flankierenden Einheiten, Vorhut und Nachhut begleitet wurden. Auf dem gläsernen Gefechtsfeld kann auf Vorhut, Nachhut und Flankenschutz verzichtet werden, da Gegner durch Sensoren frühzeitig geortet werden.

Dadurch ist man flexibler und kann sich schneller als der Gegner bewegen, was häufiger zu Verzahnungssituationen führt. Das gezielte Herbeiführen einer Verzahnung kann das indirekte Feuer neutralisieren, wenn die Aufklärung ungenau, oder es nicht präzise genug ist. Zum Beispiel werden Transport- und Schützenpanzer dem Gegner Infanterie direkt vor die Füße abladen, da diese das gläserne Gefechtsfeld nicht mehr überlebt.

Durch den Verzicht auf Konzentration werden kleinere Einheiten auf niedrigeren Rängen wichtiger. Kompanien mit 2-3 Zügen werden die Rolle haben, die einst Bataillone innehatten. Das erfordert von diesen Einheiten in Zug oder Kompaniestärke erheblich selbstständiger zu agieren, auch wenn diese über die Combat Cloud Unterstützung von außen genießen.

[The] lack that what we saw is force density in huge terms. We in the Cold War as expected in the UK we'd had a front of about 60 miles to defend in Germany and we put a whole corps to defend 60 miles. Today we will be expecting to maneuver a brigade around you know four or five hundred miles. It's a whole different size of scale than we're used to. But more importantly, the force density in those areas would be tiny so, you are really maneuvering in the wind. But the important thing I think to remember here is of course that we're not strangers to this. So [on] the eastern front in the Second World War by 43 and 44 the Germans are also maneuvering in the wind, because their flanks aren't covered. You have to be comfortable in that sort of level of chaos.

Paul Barnes, NATO Land Operations Working Group

Früher wurden Einheiten konzentriert, um einen lokalen Vorteil zu erzielen. Präzises indirektes Feuer kehrt diese Beziehung um. Die Aufgabe der Kampftruppen besteht nun darin, den Feind zu finden und im Idealfall die feindlichen Kräfte zu konzentrieren und zu gliedern, damit sie durch indirektes Feuer vernichtet werden können. 

Dies stellt eine Herausforderung für den Zusammenhalt von Einheiten dar. Historisch gesehen basiert Kohäsion auf Nähe, Sichtkontakt und persönlichem Vertrauen zwischen Soldaten. In der modernen Kriegsführung jedoch ist physische Nähe gefährlich. Stattdessen wird eine Armee erfolgreicher sein, wenn sie verstreut und durchmischt mit dem Feind agieren kann.

Planung und Koordination findet nur noch remote statt. Ein gemeinsames Ablaufen von der Führungslinie wird nicht mehr möglich sein. Um trotz dieser Streuung handlungsfähig zu bleiben, müssen alle Kommandeure ein gemeinsames Lageverständnis haben und darauf vertrauen, dass alle Beteiligten ihren Auftrag verstehen. 

Da intelligente Munition stets die verwundbarste Stelle eines Fahrzeuges attackiert, ist Panzerschutz eine Illusion. Intelligente Munition verwendet Sensoren, aber da es sich um Einwegsysteme handelt, werden die Sensoren an Bord immer nur so gut wie nötig sein. Hier setzt wieder die oben beschriebene Ambiguität an: Das Ziel der Ambiguität von den Kräften im Streitraum ist es, den Gegner zu einer ineffizienten Allokation von Munition zu zwingen, oder für Fehlschüsse auf Attrappen zu sorgen.

Umso wichtiger ist ein gestaffelter Schutz vor gegnerischer Munition. Es wird deshalb keinen Unterschied mehr zwischen Panzerung, aktiven Schutzsystemen, Bordbewaffnung und Flugabwehr geben. Alle Mittel müssen eingesetzt werden, um gegnerische Munition abzuschießen. In Zukunft wird ein wesentlicher Teil der Munition nicht zur Bekämpfung des Gegners, sondern zur Bekämpfung seiner Munition und Sensoren aufgewendet werden.

Rohrwaffen werden in Zukunft von einem Computer als Autoschützen gerichtet werden, um bestmögliche Treffer zu erzielen. Ein Vorgeschmack bieten unbemannte Waffenstationen zur Drohnenabwehr, die schneller und präziser schießen als ein Richtschütze.

Der Effekt verschiebt zusammen mit der Luftbedrohung die Hauptbewaffnung zu kleineren Kalibern. Eine Maschinenkanone mit Autoschütze kann auf Kampfentfernung zuverlässig einen Feuerstoß auf eine bestimmte Panzerplatte richten. Durch das kleine Kaliber können diese Waffen auch schneller gerichtet und abgefeuert werden als ein großes Geschütz. Moderne Munition mit Luftsprengpunkt (HEAB oder KETF) zerstört Sichtsysteme und Waffenanlagen und löst Reaktivpanzerung aus.

Moderne Feuerleitung ermöglicht nicht nur einer Waffenstation Drohnen mittels MG abzuschießen, sondern kann eine Maschinenkanone mit HEAB- oder KETF-Munition auch Panzerabwehrlenkwaffen, Drohnen und präzisionsgelenkte Munition bekämpfen lassen. Neben der klassischen Aufgabe, Landziele rauszunehmen. So wird die Bewaffnung in Zukunft auf eine Maschinenkanone im Kaliber 30-60mm hinauslaufen. Damit kann jedes Gefechtsfahrzeug mit einem Feuerstoß zerstört werden, außer Kampfpanzer frontal.

Eine untersuchte Alternative sind 105mm Glattrohrkanonen. Der erste Schuss ist eine Airburst-Granate, um Waffenanlage und aktive und reaktive Schutzsysteme zu schädigen. Der nachfolgende zweite Schuss mit APFSDS durchbohrt dann mit hoher Wahrscheinlichkeit auch die schwerste Panzerung.

Konzept eines mobilen Geschützsystems mit 105mm CTA Glattrohrkanone von 2002. Durch die drehbare Kammer mit Teleskoppatrone war eine Kadenz von 20/min und eine Rohrerhöhung von 55° möglich. Damit konnte die Waffe auch als Flak und für indirektes Feuer verwendet werden. 

Wichtig ist, dass die Waffenanlage preiswerte Drohnentechnik bekämpfen kann. Daraus ergibt sich eine Bekämpfungshöhe von bis zu 4000 m. Dies erfordert Maschinenkanonen mit mindestens 35×228 mm als Kaliber. Durch moderne Munition mit Luftsprengpunkt (HEAB oder KETF) ist auch keine unsinnig hohe Kadenz mehr nötig.

Angedacht ist, dass das Maschinenkanonenfahrzeug durch ein NLOS-Fahrzeug ergänzt wird. Dieses feuert eine ferngelenkte Mehrzweckmunition auf Gegner außerhalb der Sichtweite. Um auf bataillonsebene Gegenfeuer geben zu können, wäre eine Schussdistanz von über 20 km erstrebenswert. Zur Störresistenz wäre eine Lenkung durch Lichtwellenleiter optimal. Ein solcher Flugkörper kann auch gegen Helikopter und auf Sicht gerichtet werden.

Vision von 1984: Landziele und Helikopter können außerhalb der Sichtweite mit der lichtwellenleitergelenkten FOG-M bekämpft werden. Mobile Ziele können damit indirekt bekämpft werden, was Rohrartillerie effektiv nicht kann. [via ThinkDefence]

In Europa und den USA wurde mit Polyphem Small und FOG-M bereits mit der Idee eines NLOS-Flugkörpers experimentiert. Der Ukrainekrieg hat die Richtigkeit dieses Konzeptes bewiesen. Die lichtwellenleitergelenkten FPV-Drohnen, die gegen Land- und Helikopterziele gerichtet werden, sind die improvisierte Lösung desselben Problems.

Ferner sind 120mm Panzermörser oder 105mm Panzerhaubitzen angedacht, um die Flugkörper zu ergänzen. Rohrwaffen sind gegen quasi-stationäre Weichziele preiswerter als Flugkörper. So gesehen kann auch die 155mm Feuerunterstützung den Job erledigen.

Jede Einheit, die im Streitraum entdeckt wird, wird bis ans Lebensende durch preiswertes indirektes Feuer verfolgt werden. Die einzige Lösung besteht darin, zurück in den Möglichkeitsraum zu fahren, lateral zu verschieben und an anderer Stelle wieder in den Streitraum einzudringen. Ein längeres Unterziehen oder Übernachten im Streitraum ist sowieso nicht möglich. Gleichzeitig müssen die Fahrzeuge wartungsarm sein, und einen geringen logistischen Fußabdruck aufweisen. Die Summe an Anforderungen rückt Radpanzer mit einem Gewicht von 20-30t in den Fokus. Manche Autoren bevorzugen Gummiketten, um in schwierigem Gelände mobiler zu sein. Am Ende hängt es wohl vom Einsatzraum ab: In Skandinavien werden Gummiketten vorteilhafter sein, im Baltikum und Weißrussland Räder. Auch für Märsche und kleine Kriege sind Radfahrzeuge besser geeignet. Entsprechend gibt es Überlegungen in beide Richtungen.

Auf dem gläsernen Gefechtsfeld wird Manöver durch Feuer ermöglicht. Zusammen mit breitem Sickern und Verzahnen werden gegnerische Stand-In-Sensoren kinetisch oder elektronisch bekämpft und zurückgedrängt. Die Fahrzeuge operieren dabei in kleinen Gruppen, die sich gegenseitig unterstützen, und müssen trotz EloKa des Gegners ein gemeinsames Lagebild pflegen. Zur Unterstützung können diese Einheiten andere Stand-In-Sensoren auswerten und anweisen, und auf indirektes Feuer zugreifen.

Da das Gefecht im Streitraum mit hohem Tempo und hohen Verlusten abläuft, ist eine Automatisierung von Aufklärung, Führung und Bekämpfung der Schlüssel zum Sieg. Ferner bietet es sich an, unbemannte Systeme einzusetzen, um die Personalausfälle zu reduzieren. Bei den bemannten Fahrzeugen wird es auf einen Zwei-Personen-Kompaktkampfraum hinauslaufen, wobei die Besatzung bei der logistischen Nachversorgung durchrotiert.

Gefechts-Workflow im Main Ground Combat System (MGCS). Alle blauen Schritte laufen automatisiert ab. Der Mensch gibt „Man-in-the-Loop“ nur die Bekämpfung frei (rot). Die Besatzung überwacht nur noch die KI beim Fahren und Kämpfen. [YouTube]

Die KI der High-Tech-Panzer wählt und bekämpft Ziele vollkommen selbstständig im Verbund mit anderen Panzern. Die Aufgabe der Besatzung besteht im Wesentlichen in der Freigabe von Feuerzonen sowie im Durchfahren von schwierigem Gelände. Der stark gepanzerte Bereich beschränkt sich auf den Kompaktkampfraum der zwei Besatzungsmitglieder.

Der zunehmende Roboter- und Drohneneinsatz führt dazu, dass der Streitraum in drei hintereinander liegende Führungslinien unterteilt wird: Bis zur Forward Line of Own Troops (FLOT) werden bemannte Systeme die Hauptkräfte sein. Davor gibt es noch eine Forward Line of Own Robots (FLOR), und davor eine Forward Line of Own Sensors (FLOS). Der Hintergrund der Dreiteilung ist, dass die Datenverbindung zu fliegenden Assets wesentlich weitreichender sein kann als bei Bodenfahrzeugen. Umgekehrt kann mit Robotern aus der Bodenperspektive manches entdeckt werden – und sei es nur, indem Beschuss provoziert wird – was fliegenden Systemen verborgen bleibt.

Die Dreigliederung des zukünftigen Gefechtsfeldes wurde bereits vor 2020 erkannt. Der Ukrainekrieg ab 2024 hat auch diese Prognose bestätigt.

Da das Gefechtsfeld gläsern ist, ist die Geschwindigkeit des Handelns eine entscheidende Größe. Das erfordert, dass der Führungszyklus beschleunigt wird, unter anderem durch KI-Unterstützung bei der Lagebeurteilung und Befehlsausgabe. Befehle werden schon heute digital übertragen.

In Zukunft werden die digitalen Befehle direkt durch Maschinen ausgeführt, ohne von einem Menschen angesteuert zu werden: Statt einem Drohnenoperator eine Mission zu befehlen, wird die Aufgabe von der Drohne direkt ausgeführt. Wenn mit intelligenten Flugkörperschwärmen im Risikoraum aufgabenbasierte Operationen möglich sind, wird dies auch bei Einzelsystemen im Streitraum möglich sein.

Das ermöglicht eine wesentliche Beschleunigung vieler Prozesse, bei gleichzeitiger Personaleinsparung. Da in der NATO nur Menschen Tötungsentscheidungen treffen dürfen, muss jedes KI-Waffensystem eine Abschussfreigabe anfordern, bevor es zuschlägt. Trotzdem ist der Personalansatz geringer wenn Operateure nur nach links wischen müssen oder korrigierend eingreifen, als wenn hunderte Systeme permanent gesteuert werden.

Wenn Aufklärung, Führung und Bekämpfung hochautomatisiert ablaufen, kann der Mensch nicht mehr schritthalten: Die KI im Gefechtsstand analysiert die Lage, macht dem Kommandeur Vorschläge, dieser stimmt zu. Daraufhin gehen automatisiert Befehle an Einheiten. Die KI der unbemannten Systeme führt die Befehle direkt aus. Das Ergebnis ist, dass der Führungszyklus des Gegners mit Maschinengeschwindigkeit unterlaufen wird: Er steckt noch in der manuellen Analyse der Lage, während auf Basis der erkannten Lage bereits gegen ihn gearbeitet wird.

Die KI wird wesentliche Elemente in FLOS und FLOR anweisen, um den gegnerischen Führungszyklus mit Maschinengeschwindigkeit zu unterlaufen (Hyperwar) [ESuT]

Den gegnerischen Führungsprozess zu unterlaufen ist die eleganteste Art den Krieg zu gewinnen. Deshalb werden beide Seiten versuchen, den Führungszyklus der jeweils anderen Seite zu unterlaufen.

In diesem Hyperkrieg werden beide Seiten danach streben, den Kampf an der Front weitestgehend zu automatisieren und robotisieren, um das Tempo zu steigern. Das Ergebnis wird sein, dass die Masse der Entscheidungen und Aktionen KI-getrieben ist und der Mensch nur noch die KI beim Arbeiten überwacht. Da die Drohnen und Roboter mit entsprechendem Energie- und Steuerungsmanagement in der Lage sind 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche ohne Ermüdung zu operieren, wird das Operationstempo nochmals gesteigert.

Das französische Konzept der Bulle Opérationnelle Aéroterrestre (BOA) von 2005 zeigt eine Einheitsplattform in der Variante Maschinenkanone und mit NLOS-Flugkörpern. FLOT, FLOR und FLOS sind angedeutet.

§ 3.5 Der Ortskampf im Möglichkeitsraum

Wurde das Angriffsziel (Objective) gegnerischen Stand-In-Sensoren entzogen, und damit in den Möglichkeitsraum (Zone of Opportunity) gebracht, kann es eingenommen werden. Das wird für gewöhnlich von den Truppen gemacht, welche im Streitraum (Zone of Contestation) unterwegs sind. Diese sind allerdings für die Schlachtvermeidung (Non-Battle) im Gelände optimiert.

Alle politisch relevanten Ziele sind entweder Schlüsselinfrastruktur oder Ressourcenförderung oder urbane Agglomerationen. Aus diesem Grunde ist es naheliegend, eine spezialisierte Truppe einzuführen, welche den Orts-, Häuser- und Tunnelkampf in Ballungs- und Bergbaugebieten führt.

Die Sensorreichweite ist bis zur nächsten Hauswand oder Knick im Tunnel beschränkt, was kurze Kampfentfernungen zur Folge hat. Das Resultat ist eine opake Lage, man wird häufig überrascht; die Kommunikation fällt schwerer. Daraus ergibt sich, dass dezentral von vorne geführt werden muss. Entsprechend sollte die Feuerleitung für Unterstützungsfeuer dezentral sein. Alle Fernkampfmittel müssen eine sichere Zielidentifizierung ermöglichen.

Durch die eingeschränkte Sensor- und Waffenreichweite ist kein High-Tech nötig. Low-Tech ist in den meisten Fällen völlig ausreichend. Orts- und Häuserkampf ist infanterielastig, und damit ist zahlenmäßige Überlegenheit eine wichtige Größe. Trotzdem sollten unbemannte Sensoren, tragbares Through-wall Radar (TWR) und Wärmebildvisiere die Chancen verbessern. Die Gewehre von Gruppenscharfschützen sollten stark genug sein, Wände zu durchschlagen. Jeder Trupp sollte zum Breaching in der Lage sein, um Kanalisierung durch Straßenschluchten und Zugänge zu vermeiden.

Da man häufig überrascht wird ist Panzerschutz ein wichtiges Kriterium. Mobilität spielt im Gegenzug keine Rolle. Die Fahrzeuge können im Möglichkeitsraum alle per Tieflader oder Flachwaggon nahe an das Angriffsziel transportiert werden. Fahrbereich, Geländegängigkeit und Höchstgeschwindigkeit sind vernachlässigbar. 

Eine rundum gut geschützte Kettenplattform mit MLC60 wäre hier die beste Lösung. Da kein High-Tech verlangt wird kann das Laufwerk wie beim Merkava aus Schwingarmen bestehen, die an Schraubenfedern anschlagen. Frontal-, Seiten- und Dachschutz müssen mindestens den ubiquitären RPG-Serien standhalten. Ein Minenschutz gegen Sprengfallen und Panzerabwehrminen muss großzügig dimensioniert sein. Aufgrund der kurzen Kampfentfernung sind Soft- und Hardkillsysteme nicht kosteneffektiv, und werden schnell von Panzerabwehrhandwaffen saturiert. Störsender sollten allerdings auf jedem Fahrzeug montiert sein, um Datenlinks zu kappen (4G, 5G, WiFi, Drohnensteuerung u.v.m.).

Ein Namer Transportpanzer der israelischen Streitkräfte. Das 60-Tonnen-Fahrzeug ist für den Kampf in urbanen Räumen optimiert. [Wikimedia]

Auf Basis der MLC60-Kettenplattform können dann Transportpanzer, Begleitpanzer, Sanitätspanzer, Pionierpanzer usw. verwirklicht werden. Die Fahrzeuge sollten so ausgelegt werden, dass auch Hausdurchfahrten möglich sind. Ferner sollten die Fahrzeuge auch ohne Beschädigung von Tiefladern und Flachwaggons springen können.

Der Begleitpanzer würde wie der BMPT Maschinenkanone und Flugkörper vereinen. Es sollte dieselbe Maschinenkanone wie bei den Radpanzern verwendet werden, um Land- und Luftziele zu bekämpfen. Neben NLOS-Flugkörpern sollten die Starter auch ungelenkte Raketen (z.B. RGW110) verschießen können. [Vitaly V. Kuzmin]

Bei den kämpfenden Varianten sollte die klassische Aufteilung von Kommandant, Fahrer und Schütze beibehalten werden. Tiere, Pflanzen, Kombattanten, Zivilisten, bunte Werbeplakate und eine zerstörte Infrastruktur stellen eine KI vor Herausforderungen. Ferner ist das Gefechtstempo aufgrund der Infanterielastigkeit nicht so hoch wie in der Zone of Contestation, und die Kosten der Fahrzeuge sollten niedrig bleiben.

Als Ergänzung bieten sich noch gepanzerte Fahrzeuge auf LKW-Basis wie MRAP oder Griffon an, welche als Truppentransporter, Mörser, Sanitätsfahrzeug, Gefechtsstand usw. eingesetzt werden können. Gepanzerte 4×4 Fahrzeuge mögen ebenfalls nützlich sein. Hausdurchfahrt, Bodendruck und Größe ist bei diesen Fahrzeugen weniger wichtig.

Baustellenfahrzeuge wie Bagger, Planierraupe, Muldenkipper usw. helfen Ruinen und Schutt abzutragen, HESCOs und ISO-Container mit Schutt zu befüllen, geplatzte Rohrleitungen zu reparieren usw. usf. Wenn die Situation in einer friedenserhaltenden Mission zu volatil ist, helfen diese Geräte Stadtviertel mit T-Mauern und biometrischen Checkpoints abzugrenzen. Eine gepanzerte Arbeitsbühne am Ende eines Auslegers kann ebenfalls nützlich sein.

Bebaute Räume bieten viel Deckung gegen Waffenwirkung und Sicht: Es wird genug Hallen, Tiefgaragen und Keller geben, um Lazarette, Gefechtsstände, Reparaturwerkstätten usw. einzurichten. Die Ausrüstung ist entsprechend so auszulegen, dass sie durch Tür- und Garagenöffnungen passt, und die Höhe einer Tiefgaragen- oder Kellerdecke nicht überschritten wird. Wo immer möglich, sollte die Kommunikation durch Lichtwellenleiter statt Funk erfolgen.

Da sich urbane Strukturen einfacher navigieren lassen als offenes Gelände, sind Roboter zur Feuerunterstützung und Nachversorgung nützlicher, da sie autonomer marschieren können. Kleine kabelgelenkte Fahrzeuge können in Gebäuden Räume erkunden und säubern.

Kleine Drohnen werden besonders nützlich. Besonders eine lichtwellenleitergelenkte FPV-Drohne mit Rotorschutz kann in Gebäuden aufklären und wirken. Andere Helikopterdrohnen können auf Gebäuden landen – oder was davon übrig ist – und als Überwachungskamera und Relay im Funknetz fungieren. Das Abwerfen von Sprengladungen schafft einen weiteren Angriffsvektor, und erhöht damit den Stress für den Gegner. Statt Sprengladungen könnten auch Repeater abgeworfen werden, um das Funknetz zu verdichten.

Ein immer wichtigerer Faktor ist der Kampf untertage. Urbane Strukturen haben Keller, Tunnel und Kanalisation. Zusätzlich ist es bei Banden wie Hisbollah oder YPG Usus geworden, sich in unterirdischen Strukturen zu verschanzen und diese als Operationsbasis zu verwenden. Hier muss deutlich nachgebessert werden, da technisch unterlegende Akteure im Hyperkrieg keine Chance haben, und deshalb verstärkt in den Untergrund gehen werden.

So wäre es sinnvoll, wenn die seismische Exploration aus der Öl- und Gasindustrie genutzt würde, um unterirdische Tunnelsysteme zu kartografieren. Ein Militärlaster als Vibro-Truck, und ein anderer mit ausgelegten Geophonen könnten Hohlräume entdecken.

Zusätzlich sollte noch Bodenradar (GPR) beschafft werden, um bis etwa 10m Tiefe präziser aufzulösen. Statt auf Handrasenmäher könnte ein großes System auf LKW montiert werden, um Gelände und Straßen abzufahren.

Sind diese Räume entdeckt, wäre die ebenfalls aus der Öl- und Gasförderung, oder dem Verlegen von Glasfaserleitungen bekannte Horizontalbohrtechnik hilfreich, um diese Strukturen anzubohren. Über das Bohrloch können dann kleine, lichtwellenleitergelenkte Drohnen oder Roboter, oder Flüssigkeiten und Gase eingeleitet werden. Chemiewaffen sind durch Konvention verboten, aber wenn reiner Stickstoff eingeleitet wird, lässt es sich auch mit Maske nicht atmen. Die israelische Armee flutet Tunnel in Gaza wenn möglich mit Seewasser des nahe gelegenen Mittelmeeres. Im Prinzip ist auch Expansionsschaum denkbar. Ebenso können gegnerische Befestigungen im Nachbarviertel durch Horizontalspülbohrer angefahren und gesprengt werden, wenn ein Luftschlag inadäquat wäre.

Alle Soldaten müssen zum Bau von Tunneln und unteririschen Strukturen, und den Kampf in denselben ausgebildet und ertüchtigt werden. Wichtig sind ebenfalls Diensthunde zum Aufspüren von Menschen und Sprengfallen.

Der Kampf in Agglomerationen findet grundsätzlich dreidimensional statt. [IDF]

Ein zentraler Bestandteil von Ballungsgebieten ist ihre Infrastruktur. Hubbrücken, Kraftwerke, Internetknoten, Industrieanlagen u.v.m. erfordern Spezialisten um diese Anlagen zu verstehen und zu bedienen. Auch ist die Interaktion mit der Zivilbevölkerung wichtig, um diese Räume langfristig halten und stabilisieren zu können. Zusammen mit der Anforderung viel Infanterie aufzubieten wäre es das Vorteilhafteste, wenn diese Teilstreitkraft verstärkt auf Reservisten und Mobilisierte setzen würde.

§ 3.6 Kampfunterstützung als Rahmen

Hauptaufgabe der Kampfunterstützung ist die Nachversorgung im Gefecht und der Abschub von Verwundeten. Der zunehmende Einsatz von präzisionsgelenkter Munition verringert den Munitionsverbrauch, was die Logistik schont. Gleichzeitig ist die klassische Logistik auf dem gläsernen Gefechtsfeld nicht mehr überlebensfähig.

Durch die Omnipräsenz von Aufklärung und Feuer ist Nachversorgung nur durch Pulsed Operations möglich. Dabei wird ein Korridor temporär der gegnerischen Aufklärung und Feuerkontrolle entrissen, um durch diesen Logistik zu schieben. Nachdem ein Quantum den Korridor passiert hat, wird er wieder geschlossen.

Aus dem Ukrainekrieg sind Bilder von Nachschubwegen bekannt, wo alle 50m ein abgeschossener LKW am Straßenrand liegt. Das ist die Konsequenz, wenn der Versorgungskorridor im Streitraum nicht freigehalten wird. Das Freihalten kann nur temporär sein, sodass nur ein Quantum an Nachversorgung und Abschub möglich ist. Ohne Freihalten ist das Ergebnis eine dauerhaft hohe Abnutzung, sodass irgendwann mit Zivilfahrzeugen und Eseln die Nachversorgung sichergestellt werden muss.

Auch wenn der Korridor freigekämpft wurde, benötigen die Nachschublaster eine Eskorte. Dazu bieten sich Reservisten oder Mobilisierte mit leichten Fahrzeugen an, die als Eskorte Schutz vor Drohnen, Jagdkampf und leichten Fahrzeugen bieten. MANPADS, APKWS, Granatmaschinenwaffen usw. genügen dazu vollkommen. Die LKW selbst sind geschützt und mit einer Waffenstation zur Selbstverteidigung versehen. 

Der Foxhound von GDLS mit Starstreak, 30mm Maschinenkanone und 7,62mm MG als Eskorte für die LKW.

Dies ist auch deshalb notwendig, weil die klassische Logistik weiter hinten nicht mehr funktioniert: Früher wurde Nachschub zum Umschlagplatz der Division und der Brigade gebracht und dort von den Lastern der Division und der Brigade aufgenommen. Auf dem gläsernen Gefechtsfeld ist das nicht mehr überlebensfähig. Die Fahrzeuge der Kampfunterstützungstruppe müssen im Gelände in kleine Grüppchen von 4-6 Fahrzeugen verteilt werden. Durch die räumliche Dispersion kann über diesen Einheiten kein Schutzschirm mehr aufgespannt werden, sodass diese selbst für ihren Schutz sorgen müssen. Wie oben beschrieben genügt es, wenn 4 LKW von 2 leicht gepanzerten Fahrzeugen mit GNSS-Störern, APKWS gegen Land- und Luftziele usw. begleitet werden.

Zur Nachversorgung wird eine kleine Gruppe von etwa 4 Wechsellader-LKW mit seiner Schutztruppe aus zwei Fahrzeugen in Position fahren, die Wechselladerpritschen ablegen, den Ort in der Combat Cloud anzeigen und wieder verschwinden. Die Kampftruppe wird dann vor Ort eintreffen und beladen. Die Wechselbesatzung wird mithelfen, und nach erfolgtem Umschlag mit den leeren Pritschen von der Logistiktruppe wieder aufgesammelt werden.

Sollte es zu Unfällen, Schlägen oder unvorhergesehen Ereignissen kommen, kann der Trupp eingreifen. Das ist umso relevanter, da ein erheblicher Teil der LKW-Flotte optional unbemannt einem Führungsfahrzeug folgen wird – niemand will in einem Laster voller Kraftstoff und Munition sitzen, wenn es knallt. Der Trupp könnte auch bei den Pritschen bleiben, um Verwundete aufzunehmen. Um die Entdeckung zu reduzieren, muss Tarnung aber vor Wirkung gehen.

Da diese Pulsed Operations zum Nach- und Abschub sehr riskant sind, werden hier verstärkt unbemannte Systeme zum Einsatz kommen. Neben Robotern sind auch billige Lastengleiter denkbar, welche aus über 150 km von Transportflugzeugen abgeworfen werden.

Besonders die Versorgung von Rohrartillerie kann körperlich anstrengend werden: Während Raketenartillerie Pods mit einem Kran nachläd, muss bei automatischen Geschützmodulen jede Granate und Treibladung einzeln in die Waffenanlage eingeladen werden. Hier wäre es sinnvoll, wenn Geschützmodule per Kran Magazine mit 155-mm-Granaten aufnehmen könnten. Die modularen Treibladungen können auch von Hand aufgenommen oder ebenfalls per Magazin eingesteckt werden.

Um dem Gegner die effiziente Allokation von Munition und Sabotageeinheiten zu erschweren, müssen alle Wechsellader gleich aussehen.

Die Logistikbasis (Base of Operations), welche die eigenen Operationen erst ermöglicht, wird allerdings nicht verteilt oder getarnt werden können: Häfen, Flugplätze, Industrieanlagen usw. können nicht versteckt werden. Als Abhilfe sollten alle Güter in normalen ISO-Containern transportiert und gelagert werden, um dem Gegner die effiziente Allokation von Munition zu erschweren.

Insensitive Munition und Treibladungen verhindern Folgedetonationen, und reduzieren den Schaden gegnerischer Schläge. Besonders billige Systeme wie Drohnen mit kleinen Gefechtsköpfen sind nur dann sinnvoll, wenn durch den kleinen Sprengkopf Folgedetonationen ausgelöst werden können. Sonst müsste in einer Sisyphusarbeit jede Munition einzeln getroffen werden.

Aktiver Schutz durch weitreichende Flugabwehr wie SAMP/T NG ist ebenfalls sinnvoll: Sie erhöht den Aufwand um die Verteidigung zu überwinden. Damit wird die Einsatzrate des Gegners reduziert. Ergänzt um Ballone mit Sensoren kann auch tief fliegenden Zielen das Leben schwer gemacht werden. Störsender und C-UAS runden die Mittel ab. Nicht zu vergessen die bereitstehenden Pioniere. Diese werden nach einem Treffer die Logistikbasis wieder zum Laufen bringen müssen.

Eine preiswerte Flak auf Wechselladerpritsche sichert die Logistikbasis gegen Unterschallziele ab. Diese Systeme können auch an der Heimatfront eingesetzt werden, wo alle zu schützenden Objekte stationär sind.

Es ist zur Mode geworden, Brückenleger übergeordneten Einheiten zuzuordnen. In der Regel hat das keine taktischen Gründe, sondern es existieren einfach zu wenige Systeme. Taktische Brückenleger (Brückenlegepanzer oder auf LKW-Basis) sollten den Manövertruppen und Sturmtruppen direkt unterstellt werden. Weitergehende Fähigkeiten zum Brücken- und Fährenbau werden einer höheren Ebene zugeordnet. Wobei generell fraglich ist, ob auf dem gläsernen Gefechtsfeld größere Brücken bestehen können. Vermutlich sind nur Fähren überlebensfähig. Die klassische Pontonbrücke wird innerhalb von 20min durch Satelliten aufgeklärt und durch weitreichendes Präzisionsfeuer bekämpft. Damit sind Brückenleger am besten in der Brigade aufgehoben, und Schwimmschnellbrücken wie die Amphibie M3 in der Division.

Feuerunterstützung durch Kampfhubschrauber ist Geschichte. Diese sind nicht überlebensfähig genug, und bieten zu wenig Einsatzwert für das Geld, das sie kosten. Die Luftunterstützung kann durch Heeresdrohnen und Loitering Munition wesentlich skalierbarer, reaktionsschneller und billiger bereitgestellt werden. Wie immer sträuben sich Heere, eine Waffengattung loszuwerden. 

Mehrzweckhubschrauber wie NH90, Chinook usw. sind aber weiterhin unverzichtbar, um hinter der Front Personal und Material schnell zu verschieben. Ob die luftbewegliche Infanterie auf dem gläsernen Gefechtsfeld noch valide ist, wird sich zeigen. Politisch nützlich ist sie allemal, für Evakuierungsoperationen und Handstreiche.

Alle Helikopter müssen verteilt operieren. Dazu sind viele kleine Basen notwendig, die stetig abgebaut, verlegt und aufgebaut werden. Abstand zur Front bietet Schutz vor feindlicher Aufklärung und Feuer, verringert aber die Einsatzrate der Helikopter. Ob der Versuch, das durch eine höhere Marschgeschwindigkeit des Fluggerätes auszugleichen Erfolg haben wird, wird sich zeigen. Die geringere Einsatzrate und weiten Anmarschwege verschieben den Trend zu schweren Transporthubschraubern.

§ 3.7 Führung des Verbandes

Die Gefechtsstände werden Teil der Kampfunterstützung, was ahistorisch ist. Das Ideal einer effektiven Streitmacht ist das Führen von vorne. Ziel ist hier aber die Trennung von Command und Control. Nur so kann der Führungszyklus mit höchstmöglicher Geschwindigkeit durchlaufen werden. Die OODA-Loop im Konterbatteriefeuer ist zum Beispiel ein reiner Control-Zyklus, ohne Command-Entscheidung.

Command-Entscheidungen sind hingegen Fragen, wo welche Ressourcen eingesetzt werden, wo die Prioritäten liegen, und das Festlegen von Angriffszielen. Auf Basis dessen wird dann im Sinne von Auftragstaktik (bzw. Subsidiarité) ein Task formuliert, den die untere Ebene frei lösen kann.

Control benötigt Live-Tracks von allen Einheiten, für Command genügt die grobe Dislozierung. Das Einteilen von Logistik und Instandsetzung, die Analyse der gegnerischen Logistik durch eine KI, das Setzen von Schwerpunkten und Zielen u.v.m. ist eine Effizienzaufgabe, keine Geschwindigkeitsoptimierung. Die Masse der Rohdaten für Control sind für Command uninteressant und umgekehrt.

Das Sensor-Effektor-Netz zwischen Drohnen, Robotern, Panzern, Artillerie und Feuerleitgefechtsstand ist hingegen ein Whac-A-Mole, das durch KI vollautomatisiert mit hoher Geschwindigkeit ablaufen kann.

Für Control ist Tempo das Wichtigste, für Command das Timing.

Guy Hubin beschreibt, dass militärische Manöver in der Vergangenheit darauf abzielten, die Masse der eigenen Streitkräfte (gros) sowie deren Standort und Absichten so lange wie möglich zu verbergen. Dadurch wurde der Gegner gezwungen, eigene Vermutungen anzustellen und letztlich riskante Entscheidungen zu treffen.

Auf dem gläsernen Gefechtsfeld ist dieses Prinzip jedoch immer schwieriger umzusetzen. Durch die allgegenwärtige Sensorik ist es fast unmöglich geworden, größere Truppenbewegungen zu verbergen. Das Problem besteht nicht mehr darin, Informationen zu sammeln, sondern sie effizient zu analysieren und schneller als der Gegner zu verwerten.

Dennoch bedeutet das nicht, dass Überraschung völlig ausgeschlossen ist. Hubin zieht eine Parallele zum Schachspiel: Obwohl beide Spieler jederzeit sehen können, wo sich die gegnerischen Figuren befinden, bleibt Überraschung ein zentrales Element. Sie entsteht aber nicht durch Unsichtbarkeit, sondern durch überlegene Strategie, unerwartete Züge und eine bessere Wahrnehmung der Situation. Überraschung liegt in der Fähigkeit, aus einer scheinbar klaren Ausgangslage neue, unvorhersehbare Handlungsoptionen zu entwickeln.

Als die Ukraine im Sommer 2024 die Kursk-Offensive begann, war dies keine Überraschung durch Verborgenheit, sondern eine intellektuelle Überraschung. Russland konnte sich durch das Gezauder westlicher Unterstützer nicht vorstellen, dass die Ukraine es wagen würde, mit westlichem Gerät auf russisches Staatsgebiet vorzustoßen.

Laut Hubin gewinnt in Zukunft derjenige die Oberhand, der die Lage am schnellsten und präzisesten erfasst und es versteht, seine Kräfte so zu koordinieren, dass der Gegner verunsichert wird. Überraschung im Hyperkrieg beruht auf intellektueller Überraschung durch die Fähigkeit, komplexe Informationen besser und schneller als der Gegner zu verarbeiten.

Aus diesem Grund ist die Trennung von Command und Control elementar: Das Führen von vorne (Control) wird KI-unterstützt ablaufen. Manche Einheiten werden KI-gesteuert mit hoher Geschwindigkeit autonom entscheiden und handeln. Der intellektuelle Part (Command) muss weiter hinten erfolgen: Festzustellen, in welcher Lage die eigenen Kräfte sind. In welcher Lage sich der Gegner wähnt. Wo der Gegner keine Abdeckung mit Stand-In-Sensoren hat. Wie er aus dem Konzept gebracht werden kann. Wo und wie Attrappen eingesetzt werden, wie die Logistik verschleiert werden kann um falsche Prämissen zu setzen usw. usf.

Hubin sah vor, dass ähnlich der Flugverkehrskontrolle die Kommandeure keine festen Einheiten mehr führen, sondern für bestimmte Räume des Gefechtsfeldes das Kommando haben. Jede Einheit in diesem Raum untersteht dann dem Kommandeur. Wenn Einheiten zwischen diesen Räumen verschieben, wechselt mit dem Raum auch der Kommandeur. Beim US-Militär wird dies bereits mit Verbündeten im Pazifik als Joint all-domain command and control (JADC2) geübt, hat sich aber bei Landstreitkräften noch nicht etabliert.

Das Prinzip wurde zum Beispiel im Cross-Domain Command Concept Wargame 2025 der NATO erprobt. BLAU war wie folgt organisiert: Es wurden 4 Cross Domain Task Groups (CDTG) gebildet. Jede CDTG hatte ihre eigenen Einheiten an Land, See, Luft, Weltraum und für Cyber, um ihre Aufträge zu erfüllen. Über diesen CDTG war High Command (HICON), dass sich aus drei Obersten und einer Künstlichen Intelligenz zur Führungsunterstützung zusammengesetzte. Die CDTGs sollten sich selbst untereinander koordinieren. HICON gab nur grob die Richtung vor oder löste Unstimmigkeiten auf. Die CDTGs konnten sich auch umorganisieren, was im Laufe der Übung auch geschah. Die Cross Domain Task Groups waren somit für ein räumliches Gebiet zuständig, und konnten allen Einheiten in diesem Gebiet Aufträge erteilen, um durch Multi-Domain Operations (MDO) den Gegner zu schlagen. 

Das Ziel solcher Übungen besteht nicht so sehr darin zu sehen wer gewinnt, sondern um zu sehen, wie die Interaktion zwischen den verschiedenen Truppengattungen im Gefechtsstand einer CDTG funktioniert.

§ 4 Kräftegliederung

Die klassische Kräftegliederung in Infanterietruppe, Aufklärungstruppe, Panzertruppe, Artillerietruppe u.v.m. ergibt keinen Sinn mehr. Jede dieser Truppengattungen hatte spezielle Fähigkeiten, die in einer speziellen Ausbildung mündeten, welche eine Zusammenfassung als Truppengattung rechtfertigten.

Inzwischen ist durch Automatisierung und Digitalisierung vieles überflüssig geworden und zeitraubende Nostalgie: Kein Artillerist muss irgendwelche Berechnungen oder Vermessungen anstellen: Alles, was die Besatzung heute leisten muss, ist, den eingehenden Feuerbefehl prüfen, das Fahrzeug aus der Deckung fahren und den Feuerkampf einleiten. Eine Feuerleitstelle wird nicht mehr benötigt. Das Rechnen, Richten und Laden findet automatisiert statt. Selbst das Sammeln von Wetterdaten kann durch die unzähligen Aufklärungsdrohnen, die sowieso permanent in der Luft sind, gemacht werden.

Da alle bemannten Fahrzeuge auf einer Einheitsplattform mit Kompaktkampfraum basieren ist es auch egal, ob die Besatzung das Fahrzeug mit dem 120-mm-Geschütz, oder der 50-mm-Maschinenkanone bewegt: Die Sensoren sind identisch, die KI entdeckt die Ziele in der Umgebung, die Besatzung gibt die Bekämpfung frei. Den Rest macht wieder der Computer. Die spezialisierte Fähigkeit der einzelnen Fahrzeuge wie EloKa, Grenadiere, Spähtrupp, Pionierarbeit usw. wird durch das Nutzlastmodul im Heck des Fahrzeuges gestellt.

Es wäre also sinnvoller die Kräfte organisatorisch so zu gliedern, dass diese stärker an militärstrategischen Realitäten ausgerichtet sind, an Technologieniveaus, an zivil-militärischer Zusammenarbeit und an dem Anforderungsprofil an Soldaten. Die folgende Aufteilung stammt von Jack Watling und soll als Ideenskizze dienen.

§ 4.1 Manövertruppe

Die Manövertruppe, von Watling als maneuvre system bezeichnet, umfasst jene Kräfte, die speziell für die Gefechtsvermeidung (non-battle) im Streitraum (Zone of Contestation) ausgelegt sind. Ihre Aufgabe ist es, durch Bewegung, Aufklärung und Abschirmung den Möglichkeitsraum (Zone of Opportunity) so zu erweitern, dass das Angriffsziel in diesen Raum hineingezogen wird und unter günstigen Bedingungen eingenommen werden kann. Dafür nutzt die Manövertruppe Mittel der Aufklärung und Gegenaufklärung, führt Täuschung und Blendung des Gegners durch, schirmt eigene Kräfte ab und identifiziert Ziele für indirektes Feuer.

Grundlage des Konzepts ist die Idee, dass ein Ziel geometrisch umfasst werden muss, woraus sich drei Stoßrichtungen ableiten: eine linke Achse, ein Zentrum und eine rechte Achse. Jede Achse erfordert einen eigenen Führungsknoten, der den Kampf plant und steuert. Entlang jeder Achse wirken drei Elemente eng zusammen: Aufklärung, Abschirmung und Unterstützung. Diese Elemente sind wechselseitig voneinander abhängig. So schützt die Aufklärung die Abschirmung, indem sie gegnerische Kräfte frühzeitig erkennt, deren Konzentration durch indirektes Feuer zerschlagen wird, um einen Durchbruch zu verhindern.

Die vorgeschobene Aufklärung stellt hohe Anforderungen an die Tarnung und Beweglichkeit. Sie muss mit einem minimalen logistischen Fußabdruck und möglichst kleiner Signatur arbeiten. Ihre Bewaffnung wird defensiv eingesetzt, etwa in Form von Panzerabwehrlenkwaffen, Fliegerfäusten oder leichten Feuerwaffen. Zentrale Mittel sind hier kosteneffektive Sensoren, Drohnen und automatisierte Plattformen. Der Ansatz der US Army mit einer Forward Line of Sensors (FLOS) und einer Forward Line of Robots (FLOR) zeigt, wie dieser Gedanke technologisch umgesetzt werden kann. Leichte Aufklärungs-Buggies wie MRZR mit Sensormasten, in Zweiergruppen eingesetzt, können punktuell sinnvoll sein, werden aber bei länger andauernden Konflikten aufgrund hoher Abnutzung wahrscheinlich nur noch von spezialisierten Kräften wie EGB, KSK oder Fernspähern betrieben.

Die Abschirmkräfte bilden das Rückgrat der Manövertruppe. Sie beruhen auf einer einheitlichen Plattform der MLC30-Klasse mit aktiven Schutzsystemen, entweder auf Rad oder Gummikette. Diese Fahrzeuge können waten, aber nicht tiefwaten, und stellen die Masse der einsatzfähigen Kräfte. Organisiert werden sie in flexiblen Vierergruppen, die sich bei Bedarf in zwei Zweiergruppen aufteilen können, um sich gegenseitig beim Abschub zu unterstützen. Typischerweise bestehen diese Gruppen entweder aus indirekt wirkenden Fahrzeugen – etwa einem NLOS-Panzer, zwei 120-mm-Mörserpanzern und einem FlaRak-Panzer – oder aus direkt wirkenden Fahrzeugen mit 30–60-mm-Maschinenkanonen und 105-mm-Glattrohrkanonen. Die Abschirmkräfte verwickeln den Gegner nur soweit in Feuergefechte, wie es notwendig ist, um Zeit zu gewinnen oder Räume zu sperren, ohne in eine offene Entscheidungsschlacht zu geraten. Schlüsselgelände wird von Infanterie gehalten, die in geschützten Transportfahrzeugen operiert.

Hinter den Abschirmkräften folgt die Unterstützung. Auch diese Kräfte sind in Vierergruppen organisiert: beispielsweise ein Tanker und drei Nachschublaster, alle als Wechsellader ausgeführt, die in einem Kreislauf ständig aufschließen und die Abschirmung punktuell versorgen. Weitere Gruppen umfassen Pionierpanzer und Flugabwehrpanzer. Auch der gesamte elektronische Kampf wird hier abgedeckt, mit Fahrzeugen für EloKa, Störmaßnahmen und Führungseinrichtungen. Sanitätsversorgung, Instandsetzung, Bergefahrzeuge und Reparaturkomponenten ergänzen das System zu einer rundum einsatzfähigen Formation.

Im Prinzip entspricht die Manövertruppe in ihrer Dimension einer Brigade, die drei Stoßachsen führt. Jede Achse wird durch eine taktische Einheit in Abteilungsstärke getragen, die nach dem Vorbild der französischen Groupement tactique interarmes (GTIA) aufgebaut ist. Die Bezeichnung „Abteilung“ ist passender, da es sich um eine Formation handelt, die auf Gefechtsvermeidung (non-bataille) ausgelegt ist. Eine Truppe, deren Ziel nicht die klassische Schlacht (bataille) ist, sollte nicht als Bataillon bezeichnet werden.

Wie bei der GTIA bestehen diese Abteilungen aus einem modularen Kern: Fahrzeuge der Einheitsplattform mit 120-mm-Mörser, NLOS-Flugkörpern, 105-mm-Glattrohrkanonen, FlaRak und Maschinenkanonen, organisiert in Viererzügen und Kompanien. Nach dem Plug-and-Play-Prinzip werden je nach Lage spezialisierte Elemente wie EloKa-Panzer, Pionierpanzer, Drohnenkontrollpanzer oder Sanitätsfahrzeuge hinzugefügt.

So bildet die Manövertruppe das flexible Rückgrat einer modernen Gefechtsführung: Sie schafft Handlungsspielräume, vermeidet den offenen Kampf, zwingt dem Gegner jedoch durch Abschirmung, Aufklärung und punktuelle Schläge Bedingungen auf, unter denen er keine Entscheidung mehr erzwingen kann.

§ 4.2 Schlagtruppe

Traditionell würde man das fires system als Feuerunterstützung bezeichnen. Diese Begrifflichkeit zementiert jedoch den Denkfehler, dass indirektes Feuer lediglich eine unterstützende Rolle spielt. Zieht man Clausewitz zurate, ließe sich zwischen dem Stoß als direkter Kampfhandlung und dem Schlag als indirekter Kampfhandlung unterscheiden. Folgt man dieser Logik, ist die Bezeichnung Schlagtruppe für Verbände angemessen, die das Gefechtsfeld durch indirektes Wirken dominieren. Alternativ könnte man zwar weiterhin von einer Artillerietruppe sprechen, doch wäre diese Bezeichnung enger als die tatsächlich zugewiesene Aufgabe. Die britische Armee bezeichnet diese Formationen als Deep Recce Strike BCT. Eine sinngemäße Übersetzung wäre Kampfaufklärungsbrigade.

Die Hauptaufgabe der Schlagtruppe besteht darin, eine Fusion aller Sensordaten zu ermöglichen, um ein vernetztes Sensor-Effektor-System zu betreiben. Auf diese Weise wird das Gefechtsfeld gläsern gemacht, und alle erkannten Bedrohungen können jederzeit bekämpft werden. Zwar verfügen auch Manöverkräfte über eigene organische Sensoren, doch deren Reichweite ist räumlich und spektral begrenzt. Die Schlagtruppe dagegen ist von solchen Beschränkungen frei und liefert somit nicht nur Feuerkraft, sondern auch wertvolle Aufklärung für andere Formationen.

Herzstück dieser Schlagtruppe ist eine leistungsfähige Targeting-KI, vergleichbar mit der israelischen Fire-Weaver-Software. In ihr laufen sämtliche Sensordaten ein — von Handybildern aus sozialen Medien bis hin zu Radardaten, Funkpeilungen und Meldungen eigener Einheiten. Fotos aus der Horizontalen werden in die Vertikale transformiert, mit Satellitenaufnahmen abgeglichen und so präzise georeferenziert. Radarquellen liefern GMTI-Daten, die Bewegungsmuster, Geschwindigkeit und Signatur auswerten, um auch bei Signalverlust Spuren zu rekonstruieren. Das elektromagnetische Spektrum wird kontinuierlich nach charakteristischen Signaturen abgesucht, um einzelne Fahrzeuge oder Operateure zu identifizieren. Zusätzlich fließen Luftlagedaten über Link 16/22, Satellitenbilder verschiedenster Auflösung und Spektren, Signalaufklärung sowie Metadaten aus Telekommunikations- und Computernetzen ein. Die Auswertung dieser Quellen deckt Interaktionen auf und identifiziert Hochwertziele — ein Prinzip, das sich bereits im Krieg gegen den Terror bewährt hat.

All diese Datenströme werden von der KI fusioniert, sodass ein Battle Space Object möglichst durch mehrere Sensoren gleichzeitig erfasst wird. Selbst wenn ein Kontakt verloren geht, kann die KI neue Sensorkontakte alten Tracks zuweisen (was zur Zeit noch menschliche Kontrolle erfordert). Im Unterschied zu der Combat Cloud der Manöverkräfte, die sich auf das Feuergefecht einzelner Fahrzeuge und unbemannter Systeme beschränkt, erfasst der Feuerleitgefechtsstand der Schlagtruppe Sensoren und Effektoren des gesamten Verbandes — und darüber hinaus.

Die Zieldaten gelangen anschließend an die Feuerleitung, die in einen aktiven und einen reaktiven Teil gegliedert ist. Der aktive Teil steuert die Positionierung der Effektoren, plant Schläge gegen priorisierte Ziele und unterbreitet dem Kommandeur Handlungsvorschläge. Nach Zustimmung wird der digitale Feuerbefehl direkt an die Einheiten übermittelt. Der reaktive Teil steuert unter anderem Konterbatteriefeuer, Flugabwehr und Luftnahunterstützung.

Die Komplexität des Feuerleitgefechtsstands erfordert seine Verteilung auf rund 17 Fahrzeuge. Als Hochwertziel muss er besonders geschützt werden. Die LKWs können entweder verteilt in Stellung gehen und per Glasfaserkabel verbunden bleiben, oder sie bewegen sich verteilt im Gelände mit gerichteten Datenlinks, um Peilung zu vermeiden. Um Daten im Gefecht zu senden, werden kurze, stark gebündelte Signale an Satelliten weitergegeben, die diese an die jeweiligen Stoßachsen verteilen. Alternativ ist optischer Richtfunk über Laserlinks möglich, die zu Sendemasten oder Drohnen führen.

In der Regel würde ein Feuerleitstand dieser Leistungsfähigkeit auf Korps- oder Divisionsebene betrieben. Doch gerade weil er jedem Gegner ohne solche Fähigkeiten überlegen ist, bildet er das Herzstück der Schlagtruppe: Er garantiert die überlegene Führungs- und Wirkgeschwindigkeit, die im Hyperkrieg entscheidend ist.

Für die Luft- und Bodenaufklärung setzt die Schlagtruppe verschiedene UAV-Typen ein: Zum einen wird eine eigenständige GMTI-UAV-Batterie betrieben. Drei UAV mit GMTI-Radar in der Luft sichern eine durchgehende Radarüberwachung im 24/7-Betrieb; unter Berücksichtigung von Wartung und Ausfällen werden neun Systeme benötigt. Diese werden auf der eigenen Seite der Front eingesetzt, und schauen in die Tiefe des Raumes.

Diese sind nicht identisch mit den UAVs, die als modulare EO/IR-Träger, Stand-In-Jammer, Comms-Relays oder Metadatensammler eingesetzt werden. Diese werden über Feindgebiet eingesetzt. Da die Verlustraten hoch sind, ist ein Ansatz nach dem Vorbild von Wegwerfhandys oder Burner-Notebooks sinnvoll — die Drohnen werden wie Munition verbraucht, müssen aber rückholbar sein. Diese leichteren Drohnen können von einem Katapult oder senkrecht gestartet werden, fliegen oberhalb der Reichweite von MANPADS und operieren weitgehend autonom. Für die Unterstützung der drei Stoßachsen werden drei solcher EO/IR-Batterien benötigt.

Die elektronische Kampfführung wird durch spezialisierte Stand-Off-Fahrzeuge ergänzt. Für Richtungspeilung werden pro Batterie drei Fahrzeuge benötigt; weitere drei führen aktive Störmaßnahmen gegen gegnerische Artillerieaufklärung, GMTI-Radare, GNSS und Funknetze durch. Drei solcher EK-Batterien sichern den Betrieb auf allen Stoßachsen ab. Cyber- und Informationsoperationen werden ausdrücklich nicht im Feuerleitgefechtsstand geführt.

Für die kinetische Wirkung hält die Schlagtruppe Raketenartillerie, Rohrartillerie und Loitering Munition vor. Ziel ist es, mit einer Salve eine gegnerische Bataillonskampfgruppe auszuschalten — dies erfordert je nach Submunitionstyp eine beträchtliche Zahl verfügbarer Werfer. Für Deep Fires und Konterbatteriefeuer werden weitere Batterien vorgehalten, ebenso für Loitering Munition, die zur Ausschaltung von Gelegenheitszielen oder zur Überwindung von Punktverteidigungen dient. Die Systeme werden flexibel beladen und betrieben, sodass insgesamt rund zwölf Batterien Raketenwerfer und neun Batterien Rohrartillerie nötig sind.

Die Nahbereichsflugabwehr bleibt Aufgabe der Manövertruppe. Die Schlagtruppe betreibt die Weitbereichsflugabwehr mit Reichweiten von ca. 150km. Diese Batterien sichern insbesondere den Schutz des Feuerleitgefechtsstands sowie anderer Hochwertziele. Die Zielzuweisung erfolgt ebenfalls über die Targeting-KI.

In Summe hat die Kampfaufklärungsbrigade die artilleristische Feuerkraft einer Division. Im Gegensatz zur Manöverbrigade benötigt sie keinen pulsierenden Nachschub.

§ 4.3 Sturmtruppe

Das assault system lässt sich im Deutschen am treffendsten als Sturmtruppe bezeichnen. Ihre Kernaufgabe ist es, Angriffsziele einzunehmen und anschließend zu halten. Dabei handelt es sich um Agglomerationen — also Städte, kritische Infrastruktur oder Ressourcenförderanlagen. Daraus ergibt sich, dass die Sturmtruppe für den Kampf in bebauten Räumen ausgebildet und ausgerüstet werden muss.

Im Unterschied zur Manövertruppe, die durch Aufklärung und Abschirmung definiert ist, oder der Schlagtruppe, die über Sensor-Effektor-Fusion wirkt, wird die Sturmtruppe im Wesentlichen durch den Einsatzwert ihrer Züge bestimmt. Diese Züge müssen in der Lage sein, Räume zu erobern, zu sichern und gegen gegnerische Rückschläge zu verteidigen.

Der urbane Kampf wird in kleinen, flexiblen Gruppen geführt. Das Eindringen in Gebäude und Räume erfordert Trupps von vier Soldaten, die Räume sichern, während ein zweiter Trupp parallel agiert, um gegenseitige Unterstützung beim überschlagenden Vorgehen oder Verwundetentransport sicherzustellen. Ergänzt werden beide Trupps um zwei Breacher, die Zugänge öffnen und Kanalisierungen vermeiden. Ein UAV-Operator pro Gruppe fliegt geschützte, lichtwellenleitergesteuerte Drohnen zur Lageaufklärung und Wirkung. Alle Elemente — zwei Trupps, Breacher, UAV-Operator — bilden gemeinsam eine Gruppe, geführt durch einen Gruppenführer. Drei dieser Gruppen bilden einen Zug, der um Scharfschützen, Pioniere, Sanitäter und den Zugführer ergänzt wird.

Zur Unterstützung des Nach- und Abschubs im urbanen Gelände ist der Einsatz unbemannter Bodenfahrzeuge sinnvoll, die Tragen oder andere Lasten transportieren. Über die Combat Cloud kann die Steuerung dieser Fahrzeuge flexibel an jede Einheit übergeben werden, um in der letzten Phase eine präzise Steuerung zu ermöglichen.

Die Feuerunterstützung der Sturmtruppe verfolgt drei Ziele: Erstens, durch multispektralen Nebel die eigenen Bewegungen zu verschleiern. Zweitens, erkannte gegnerische Stellungen zu neutralisieren. Drittens, Hochwert- oder bewegliche Ziele mit Loitering Munition auszuschalten. Aufgrund der kurzen Kampfentfernungen im urbanen Raum kann die Reichweite der Effektoren geringer sein als bei Feldoperationen. Anders als bei der Schlagtruppe wird hier auf eine zentralisierte Feuerleitung verzichtet — stattdessen ist eine dezentrale Steuerung sinnvoller, um flexibel und lagegerecht zu wirken und Kollateralschäden zu vermeiden. Jeder Scharfschütze oder vorgeschobene Beobachter kann Feuerunterstützung anfordern; die Kompanie stellt die entsprechenden Starter für Loitering Munition bereit.

Ein Bataillon der Sturmtruppe besteht in der Grundstruktur aus drei Kampfkompanien, einer Feuerunterstützungskompanie mit 120-mm-Mörsern und einer Unterstützungskompanie, die Sanitäts-, Pionier- und Logistikelemente bündelt. Drei dieser Bataillone bilden gemeinsam die Sturmbrigade.

Die Panzerfahrzeuge der Sturmtruppe unterscheiden sich grundlegend von denen der Manövertruppe. Da das urbane Gelände und der umliegende Möglichkeitsraum den Gegner daran hindert, das Gefechtsfeld gläsern zu machen, ist keine pulsierende Nachversorgung notwendig. Damit bestimmt vor allem die Tragfähigkeit der Infrastruktur vor Ort das Gewicht der Fahrzeuge, welches bei MLC60 liegen wird. Für den direkten Häuserkampf wäre eine Bewaffnung mit einer 105- bis 120-mm-Kanone denkbar, doch die eingeschränkten Elevationswinkel solcher Waffenanlagen machen Maschinenkanonen von 30 bis 60 mm oft geeigneter. Jede Plattform sollte mindestens über eine fernbedienbare Waffenstation mit Anti-UAV-Fähigkeit verfügen. Anders als bei den Panzerzügen der Manövertruppe, die aus vier Fahrzeugen bestehen, sollten die Züge der Sturmtruppe sechs Panzer umfassen. Diese lassen sich wiederum in Drittelzüge aus je zwei Panzern aufteilen, um Bewegungsfreiheit und Feuerkontrolle in verwinkelten Straßenzügen zu wahren. Drei Panzerzüge bilden eine Sturmkompanie, deren Aufgabe es ist, Breschen zu schlagen, Sichtachsen zu kontrollieren und für befreundete Kräfte passierbare Korridore zu schaffen. Dazu müssen die Fahrzeuge auch in der Lage sein, durch Gebäude zu manövrieren und Sperren zu räumen oder zu errichten.

Die Sanitätsstruktur der Sturmbrigade ist bewusst überdimensioniert ausgelegt, da bei städtischen Operationen auch Zivilisten häufig mitversorgt werden müssen. Militärpolizei, Propagandateams und Nachrichtendienste gehören ebenso zur Brigade, um die eroberten und gesicherten Räume zu stabilisieren. Spezialisten für Infrastruktur, wie Wasser-, Strom- und Kommunikationsversorgung sind essenziell — darum sollte sich die Sturmtruppe vor allem auf Reservisten und mobilisierte Kräfte stützen, die über zivile Kenntnisse verfügen und besser mit der Zivilbevölkerung interagieren können. Patrouillen, Präsenzstreifen und der Umgang mit der Bevölkerung fallen ebenfalls in ihren Aufgabenbereich. Die Pioniere der Brigade müssen zudem über Feuerlöschfahrzeuge und spezielle Ausrüstung verfügen, um bei Schäden an Industrie- oder Chemieanlagen eingreifen zu können.

Die Sturmtruppe plant ihre Operationen dreidimensional. Ein aktuelles, detailliertes 3D-Lagebild des Einsatzraums ist unverzichtbar. UAV-Überflüge liefern diese Daten, ebenso die Informationen zu kritischer Infrastruktur wie Strom, Wasser und Internet. Während des Gefechts ist eine flexible Umplanung kaum möglich und würde sich schnell in Mikromanagement verlieren — deshalb kommt der Qualität der Vorbereitung besondere Bedeutung zu. Klare Grenzen zwischen Gefechtsstreifen und ggf. Pufferzonen gegen Friendy Fire sind teil der Planung.

Das von Watling skizzierte assault system entspricht somit in seiner Gesamtheit einer Brigade, die konsequent für den Kampf in urbanen Räumen aufgestellt ist. Als deutsche Bezeichnung ist Sturmbrigade die wohl naheliegendste und treffendste Wahl.

§4.4 Zusammenfassung

Die Gefechtsgliederung könnte wie folgt sein: Eine Division besteht aus zwei Manöverbrigaden, einer Kampfaufklärungsbrigade und einer Sturmbrigade. Jeder Brigadetyp hat dabei unterschiedliche Anforderungen an Technik und Personal.

Die Manöverbrigaden führen den Kampf im Streitraum, um den Möglichkeitsraum zu erweitern. Ihre Hauptaufgabe ist es, durch breites Sickern, Infiltrieren und ständiges Verzahnen gegnerische Stand-In-Sensoren zurückzudrängen. Gleichzeitig werden eigene Kräfte abgeschirmt und Räume abgesichert. Der Möglichkeitsraum wird erweitert, um das umfassen von Operationszielen zu ermöglichen — um sie entweder selbst zu nehmen oder, wenn es sich um eine Agglomeration handelt, der Sturmbrigade zu übergeben.

Die Kampfaufklärungsbrigade stellt die gebündelte Feuerkraft der Division bereit. Kernstück ist die Targeting-KI, die Sensordaten aus allen verfügbaren Quellen im Operationsraum zusammenführt, um das Sensor-Effektor-Netz zu schließen. So können erkannte Ziele jederzeit schnell und präzise bekämpft werden. Auf diese Weise werden Kräftemassierungen und Reserven zerschlagen, bevor sie wirksam werden, und der Gegner dauerhaft in der Tiefe gebunden.

Die Sturmbrigade ist die Formation, die Angriffsziele tatsächlich nimmt und dauerhaft hält. Sie ist speziell für den Kampf in städtischen und dicht bebauten Räumen ausgelegt, mit robusten, kleinräumig agierenden Kampfgruppen, passender Feuerunterstützung und der Fähigkeit, Schlüsselräume auch unter schwierigen Bedingungen zu stabilisieren. Ihre Struktur sorgt dafür, dass eroberte Zonen nicht nur militärisch gesichert, sondern auch organisatorisch und zivil befriedet werden können.

Erst das Zusammenwirken dieser drei Brigadetypen macht das System vollständig: Die Kampfaufklärungsbrigade entdeckt und zerschlägt gegnerische Kräfte frühzeitig. Die Manöverbrigaden verschieben den Möglichkeitsraum, setzen den Gegner unter Druck und treiben ihn aus Schlüsselräumen heraus. Die Sturmbrigade nutzt diese Voraussetzungen, um Angriffsziele einzunehmen und nachhaltig zu sichern. 

Das System ist auch skalierbar: In friedenserhaltenden Missionen werden die Manöverbrigaden mit ihren MLC30-Panzer vorgeschickt, da diese schnell per Flugzeug verlegbar sind. Für die meisten IKM-Einsätze genügt das vollständig. Je nach Lage und Einsatzdauer können später noch Elemente der Kampfaufklärungsbrigade oder Sturmbrigade nachgeführt werden. In zwischenstaatlichen Konflikten, oder wenn die Mission eskaliert, wird das volle Arsenal der Division ins Einsatzgebiet verlegt, und die Luftwaffe greift ein.

Gerade die Manöverbrigade mit ihren MLC30-Panzern würde Bodentruppen abverlangen, doppelt asymmetrisch zu kämpfen: Asymmetrisch gegenüber Staaten, aber auch asymmetrisch gegenüber irregulären Kräften. Auch die Struktur der Kampfaufklärungsbrigade ist für die meisten westlichen Streitkräfte ungewöhnlich, wobei die Briten mit der Deep Reconnaissance Strike Brigade und die USA mit den Multi-Domain Task Forces (MDTF) Vorreiter sind. 

§ 5 Systembetrachtungen

Wie oben bereits skizziert ist die Analogie des gläsernen Gefechtsfelds ein Schachspiel. Beide Spieler können die Figuren der anderen Seite sehen. Ein Vorteil durch unbemerkte Konzentration zu erzielen, ist damit nicht mehr möglich. Ferner wird jeder Schwerpunkt sofort erkannt und durch indirektes Feuer zerschlagen. Das Gefecht im gläsernen Streitraum wird anders entschieden:

  • Wie Hubin bereits feststellte kann der Gegner intellektuell überrascht werden, indem man etwas tut, was er nicht erwartet: Der Gegner hat nicht mit dem Spielzug gerechnet, und wird überrumpelt.
  • Was weder Watling noch Hubin auf dem Schirm haben ist die technische Überraschung. Wer zuvor geheime Fähigkeiten einsetzt, kann ebenfalls einen Vorteil erzielen, da der Gegner aus dem Konzept gebracht wird.
  • Man kann auch mit mehr Figuren auf dem Brett starten (“combat mass”). Da dies sehr verlustreich ist, sind verlusttolerante Systeme (“attritable”) ein Schlüsselbaustein. In westlichen Staaten werden diese unbemannt sein.
  • Wenn man auf dem Schachbrett 3 Züge macht für jeden Zug des Gegners, ist man ebenfalls im Vorteil. Das bedeutet, dass der Führungszyklus des Gegners unterlaufen wird, und eigene Einheiten schneller verschoben werden.

Der Hyperkrieg baut auf dem Stand der Technik auf, d.h. alle Einheiten werden über ein Battle Management System (BMS) verknüpft. Dadurch kann die Position aller eigenen Einheiten, und eingetragener Gegner auf einer gemeinsamen taktischen Karte verfolgt werden. 

Der nächste Schritt ist eine kollaborative Erfassung und Bekämpfung des Gegners: Ähnlich wie Kriegsschiffe in einem Flottenverband die Sensordaten benachbarter Einheiten verwenden können, um das Lagebild zu verbessern, um die Waffen des Verbandes koordiniert gegen Bedrohungen einzusetzen, müssen auch die Landstreitkräfte weiterentwickelt werden.

Dafür erforderlich ist, dass Surveillance, Detection, Recognition and Identification (SDRI) automatisch abläuft, losgelöst vom Menschen. Dies ist bei Marine und Luftwaffe seit Jahrzehnten Standard: Das Situationsbewusstsein wird durch Sensoren und Datenverarbeitung erzeugt, und die Soldaten arbeitet nur noch mit einem Sensorbild. Der Blick auf den Feind aus dem Cockpit, oder mit dem Fernglas von der Brücke ist eine Seltenheit. Automatisches SDRI ermöglicht es, Sensoren zu skalieren ohne die Truppe mit skalieren zu müssen, was das Gefechtsfeld erst gläsern macht. Ferner können durch automatisches SDRI unbemannte Systeme KI-gesteuert operieren, und bei bemannten Systemen der Operateur entlastet werden.

Ist dieser Zustand erreicht, ist der Austausch von Sensordaten zwischen den Einheiten ein Kräftemultiplikator, um Hindernisse, Gegenmaßnahmen und Tarnung zu neutralisieren. Auf Basis des so durch Sensorfusion erzeugten gemeinsamen Lagebildes kann die Waffenwirkung automatisiert koordiniert werden. Dies erfordert eine permanente hohe Datenübertragung zwischen den Einheiten, ohne das dies durch den Gegner entdeckt oder gestört werden kann.

Ist diese Grundlage geschaffen, kann durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) zum Hyperkrieg übergegangen werden. Im Hyperkrieg geht es darum, den gegnerischen Führungszyklus mit Maschinengeschwindigkeit zu unterlaufen. Dies geschieht auf mehreren Ebenen:

  • Eine KI wertet die Bewegungen des Gegners aus, um ähnlich einer Wettervorhersage eine Prognose über die nächsten Aktionen des Feindes zu treffen. Dies geschieht mit taktischer Präzision.
  • Eine KI wertet die Dislozierung der eigene Kräfte aus, in Relation zur Gegnerischen. Unter Berücksichtigung der Vorhersagen der Feindprognose-KI und eigener Operationsziele, werden durch die Führungsunterstützungs-KI die optimalen Aufträge für die eigene Truppe generiert.
  • Diese Aufträge gegen digital an die eigenen Kräfte raus. Unbemannte Einheiten führen diese Befehle direkt mit Hilfe ihrer Edge-KI aus, ohne von einem Operateur angesteuert zu werden.

Die Forward Line of Sensors (FLOS) und Forward Line of Robots (FLOR) ist unbemannt; die Masse der Systeme dort ist KI-gesteuert: Die Systeme erfassen und reagieren mit Maschinengeschwindigkeit, der Mensch ist chancenlos. Aber auch auf bemannten Systemen kann durch automatisierte Drills mit KI die Reaktionsgeschwindigkeit gesteigert werden. Dies ist die erste OODA-Loop, die den Führungszyklus des Gegners auf taktischer Ebene mittels Edge-KI unterläuft.

Im Spiel Metal Gear Solid 4 wird die Konseqenz einer FLOR sehr plastisch dargestellt. Links im Bild ein Stryker Radpanzer, rechts ein Schreitroboter (Gekko). Unbemannte Systeme können agiler und reaktionsschneller als Soldaten handeln, da sie weder durch g-Kräfte noch Auffassungsgabe beschränkt sind.

Alle Systeme melden automatisiert an die Führung, und erhalten von der Führung je nach Lage neue Aufträge in Maschinengeschwindigkeit, schneller als ein Mensch im Befehlsstand die Lage je erfassen, und verschiedene Aufträge an verschiedene Einheiten erteilen könnte. Dies ist die zweite OODA-Loop, die den Führungszyklus des Gegners auf operativer Ebene mittels Feindvorhersage-KI und Führungsunterstützungs-KI unterläuft.

Vollautonome FPV-Drohnen (im Bild eine LANIUS von Elbit Systems) werden zu hunderten durch urbane Strukturen, Wälder, Tunneln und Landschaft streifen, auf der Jagd nach Feinden. Preiswerter, agiler und reaktionsschneller als ein Soldat, werden unbemannte Systeme die FLOS dominieren und das Gefechtsfeld gläsern machen.

Die Drohnen- und Robotikelemente können ohne Ermüdung 24/7 operieren, was den bemannten Systemen des Gegners endgültig den Rest gibt. Da aus juristischen und ethischen Gründen Maschinen keine Tötungsentscheidung gegen Menschen treffen dürfen – gegen andere Maschinen sehr wohl – müssen diese vor dem Einsatz tödlicher Gewalt eine Abschussfreigabe anfordern. Die Prüfung und Freigabe oder Verweigerung erfolgt durch Operateure. 

Die KI aller Landsysteme wird durch Humans-on-the-Loop (HOTL) verbessert, indem die Empfehlungen der KI und die Entscheidungen der Operateure als Telemetrie im Reachback-Verfahren an Serverfarmen im Heimatland gesendet werden, wo die KIs trainiert werden. So ergibt sich ein permanenter Update-Zyklus der Systeme durch OTA-Updates. Im Gegensatz zu Soldaten verlieren Einwegsysteme mit KI und Reachback keine Erfahrung wenn sie „sterben“: Das neue Modell das vom Band läuft und Over-The-Air (OTA) mit der neusten Software versehen wurde, hat alle Erfahrung in sich gesammelt.

Im Heimatland werden im Reachback-Verfahren auch Serverfarmen bereitgehalten, welche die Landsysteme mit Updates versehen. Da die Landsysteme Telemetrie an Server im Heimatland senden, ergibt sich ein Softwarezyklus wie beim autonomen Fahren: Die Menschen fahren das Auto, die Software läuft im Hintergrund. Die Differenz zwischen Software sagt und Mensch macht wird per Telemetrie an das Backend gesendet und dort ausgewertet. Auf Basis der Daten wird die Selbstfahr-KI verbessert, die dann per OTA-Updates auf die Fahrzeuge gespielt wird (Training-on-the-Loop).

Dasselbe muss auch bei allen Landsystemen möglich sein, für alle Gefechtsaufgaben. Wird beispielsweise vom Gegner eine neue Steuerfrequenz für Drohnen verwendet, kann das durch die Telemetrie im Heimatland erkannt werden, und Störsender durch OTA-Updates angepasst werden. Ist die Allokation von Munition zu Zielen unpassend und die Operateure müssen eingreifen, wird das ebenfalls gesendet und korrigiert. Tritt der Gegner im Häuserkampf als Bernd das Brot an, um von der KI nicht erkannt zu werden, beseitigt ein Softwareupdate diesen Kindergarten. Niemand an der Front muss sich für diese Details interessieren – es funktioniert einfach immer besser.

Dies ist die dritte OODA-Loop, die den Führungszyklus des Gegners auf strategischer Ebene mittels Software Defined Defence (SDD) unterläuft.

§ 5.1 Gerichtete Datenlinks

Ein Anachronismus heutiger Heere sind die Datenlinks. Es wird immer noch primär UHF- und VHF-Funk verwendet, der omnidirektional abgestrahlt und empfangen wird. Die Datenübertragungsrate ist gering, was schon seit Jahren einen Flaschenhals darstellt.

Ferner gibt es derzeit keine herstellerunabhängigen standardisierten Wellenformen. Funk bedeutet heutzutage zwar IP-basiere Übertragung von Datenpaketen, was durch Internetstandards abgebildet wird, aber wie das Datenpaket über die Antenne abgestrahlt wird, ist herstellerabhängig. Die verschiedenen Hersteller bieten ihre proprietären Wellenformen an, die mit Funkgeräten anderer Hersteller nicht kompatibel sind, selbst wenn diese in der gleichen Frequenz arbeiten. Das bedeutet, dass das Funkgerät eines Herstellers nur mit einem Funkgerät derselben Familie desselben Herstellers kommunizieren kann. Da nicht alle NATO-Länder dieselben Geräte beschaffen, werden amerikanische Funkgeräte von L3Harris eingesetzt, um Daten zwischen den Nationen zu transportieren. Diese dienen als Kommunikationsbrücke zwischen den nationalen Subnetzen.

Der Nachteil liegt auf der Hand: Wenn Jahre nach der Durchrüstung mit einer Funkgerätefamilie ein neues Fahrzeug mit neuer Funkausstattung gekauft werden soll, gibt es einen Hersteller lock-in, da wieder ein Gerät desselben Herstellers gekauft werden muss, um kompatibel mit den bestehenden Funkgeräten zu sein. Jeder Sprung auf eine neue Funkgerätegeneration ist deshalb immer ein All-in. Alle NATO-Funkkreise laufen über die Geräte von L3Harris (meist AN/PRC-160 oder AN/PRC-117), was der Firma ein Quasimonopol und den USA einen Hebel gibt.

Vor diesem Hintergrund gibt es das PESCO-Programm ESSOR. Kern ist eine standardisierte Wellenform, um Funkgeräte verschiedener Hersteller kompatibel zu machen. Damit wird ein erster Schritt erreicht um Lock-ins zu vermeiden, und Wettbewerb herzustellen.

Die Zukunft gehört aber Datenlinks mit hoher Sendefrequenz und dadurch hoher Datenübertragungsrate. Durch die hohe Frequenz können diese auch gerichtet abgestrahlt und empfangen werden, was das Anpeilen durch den Gegner erschwert, und die Störresistenz erhöht. Hier kann auf zivile Standards zurückgegriffen werden, da 5G hohe Frequenzen und hohe Datenübertragungsraten mit gerichteter Abstrahlung und Empfang vereint. Militärisches 5G mit erheblich höherer Sendeleistung und Bandbreite, oder eine darauf aufbauende Lösung, ist deshalb eine Schlüsseltechnik der Zukunft, ebenso wie gerichtete Satellitenkommunikation auf jedem Fahrzeug, und Laserlinks zwischen den Satelliten.

Der Nachteil besteht darin, dass hohe Frequenzen durch Gelände und Botanik behindert werden. Es werden also Relaisstationen und Zwischenknoten nötig. Zuerst einmal ist jede militärische Einheit selbst ein Knoten im Netzwerk, und kann die Daten anderer Teilnehmer durchschleusen. Es gibt aber Abschnitte, wo die Peer-to-Peer-Verbindung durch militärisches 5G nicht möglich sein wird. Dann muss mit mobilen militärischen Funkmasten gearbeitet werden. Diese sind entweder tatsächliche Masten, oder Drohnen, die als Relais oder Netzwerkknoten fungieren. Da Aufklärungsdrohnen durch den Livestream sowieso die ganze Zeit Daten und damit Funksignale abstrahlen, können diese auch als Netzwerkknoten dienen. Masten auf LKW oder Anhängern ziehen Gegenfeuer an, werden aber wahrscheinlich hinter der Front zum Verdichten des Netzes eingesetzt werden. Eine flexiblere Lösung als Masten sind vermutlich kabelgebundene Drohnensysteme, da die „Mastspitze“ dann höher in den Himmel ragt.

Der Tactical Core von blackned in der Endausbaustufe von D-LBO ermöglicht lokale militärische 5G-Netze, welche über Satcom und UHF/VHF verknüpft werden.

Die Routingsoftware in den Fahrzeugen wird die Datenpakete dann über verschiedene Kanäle zum Ziel bringen. Moderne IP-basierte Kommunikationsstacks ermöglichen es, die Datenpakete in Echtzeit über verschiedene Verbindungen zu verteilen, um Jamming auszuweichen und Bandbreitenbeschränkung zu umgehen. So kann ein Teil der Daten über ein Peer-to-Peer-Netzwerk zum Ziel geschickt werden, während der andere Teil den Weg über Satcom nimmt. Alle Emissionen sind auf Low Probability of Intercept/Detection (LPI/D) optimiert.

Das Programm D-LBO der Bundeswehr nimmt dabei eine Vorreiterrolle ein und versucht, zur US Army aufzuschließen. Programme in anderen Ländern sind weniger ambitioniert, da in der Regel nur eine Funkgerätefamilie und ein BMS eingeführt wird. Auf multiple Kommunikationsmittel pro Knoten, was eine Zwischenschicht (wie den Tactical Core) erfordert, wird verzichtet.

Die hohen Datenübertragungsraten sind notwendig, damit nicht nur eine Sensorfusion in der einzelnen Plattform stattfindet, sondern eine kollaborative Erfassung und Bekämpfung zwischen den Systemen möglich wird. So können die Radardaten einer Plattform mit den IR-Daten einer anderen kombiniert werden, um ein Ziel zu identifizieren, selbst wenn der Schwellenwert bei keinem Sensor und keiner Plattform erreicht wurde. Das Problem von Bebauung und Botanik kann dadurch mitigiert werden. Ferner kann eine Bedrohung von Plattform A durch das Schutzsystem von Plattform B neutralisiert werden, wenn diese günstiger steht und noch Abwehrmittel zur Verfügung hat. Fahrzeuge mit Air-Burst-Munition können automatisiert Panzerabwehrlenkwaffen abschießen, die den Systemverbund bedrohen. Eine verteilte KI kann den Besatzungen Manöveranweisungen einblenden, um je nach Bedrohung die optimale Dislozierung und Fahrstrecke einzunehmen, u.v.m.

Auch aus diesem Grund ist die Einzelentwicklung von Systemen wie Kampfpanzer, Schützenpanzer usw. sinnlos. Nur eine einheitliche Landplattform mit gleichem Technik-Stack (Mensch-Maschine-Schnittstelle, Sensorik, Kommunikationsmitteln, Software, Schutzsystemen, usw.) ermöglicht netzwerkzentrierte Kriegsführung als System of Systems.

Das gilt genaugenommen für das Future Combat Systems als ganzes: Da alle Systeme im Sinne einer vernetzten Kriegsführung miteinander kollaborieren müssen, müssen die Datenübertragungsmethoden für alle Landsysteme kompatibel sein: Eine Loitering Munition, eine Aufklärungsdrone, ein Kampfwagen oder ein Sensorfeld (Minenfeld) müssen alle Daten austauschen können, um gleichzeitig als Datenquelle, Datensenke und Relais im Netzwerk zu fungieren.

Da viel gesendet wird, müssen die Datenlinks hochfrequent und gerichtet sein, z.B. im K-Band (20-40 GHz). Die hohe atmosphärische Dämpfung ist in diesem Fall erwünscht, um die Entdeckung durch die Nebenkeulen zu vermeiden. Die geringe Sendeentfernung ist akzeptabel, da nur zum Nachbarn abgestrahlt werden muss. Für bedecktes Gelände kann ein niedrigeres Frequenzband (3-4 GHz) verwendet werden, welches ebenfalls Teil des 5G-Standards ist. Für größere Entfernungen wird mobiles Satelliteninternet mit gerichteten Antennen verwendet (SATCOMBw 4). Nur im Notfall wird ungerichtet über UHF/VHF abgestrahlt. 

Schwarmsysteme werden für den internen Datenaustausch andere Frequenzen verwenden, welche nur innerhalb des Schwarms genutzt werden. Da Schwärme relativ dicht zusammen fliegen, sind auch gerichtete Datenlinks mit 122 GHz denkbar, um die direkte Sichtstrecke und hohe atmosphärische Dämpfung zu nutzen.

Damit hat das Netzwerk alle Nachteile aus §2 vermieden: Der Gegner kann die Datenlinks weder anpeilen noch stören. Selbst wenn er Signale orten sollte, kann er durch die Peer-to-Peer-Links und identische Sendecharakteristik keine Netzwerktopografie erschließen, und damit die Dislozierung von Einheiten und Hochwertzielen nicht erkennen. Ferner ist die Datenübertragungsrate erheblich höher als bei den veralteten UHF/VHF-Funkgeräten.

Je nach Einheit werden verschiedene Ausbaustufen des Kommunikationsknotens verbaut werden. Die bemannten Panzer und Gefechtsstände werden alle Varianten (5G, Satcom, UHF/VHF) erhalten. Die preiswerten Systeme der FLOR und FLOS wahrscheinlich nur 5G, außer sie operieren tief im Feindgebiet. Dann wird Satcom Pflicht. Je nach Bauform, Einsatzwert und Kosten werden die gerichteten Datenlinks entweder durch AESA-Antennen präzise ihre Signalkeulen ausrichten, oder durch Patch-Antennen einen bestimmten Sektor beleuchten. Bei UAS sind Patch-Antennen, welche in Hemisphären oder Quadranten abstrahlen und empfangen wahrscheinlich die kosteneffektivste Lösung, ebenso bei Nachschub-LKW.

§ 5.2 Combat Cloud

Inzwischen sind viele NATO-Landstreitkräfte mit Battle Management Systemen (BMS) ausgestattet. Diese stellen eine Karte dar, auf der die Position der eigenen Einheiten in Echtzeit abgebildet wird. Entdeckte Gegner werden manuell in die Karte eingetragen, sodass deren Position nicht immer genau ist. Deshalb spricht man von Blue Force Tracking (BFT) und Red Force Visualization (RFV). Des Weiteren werden diese Battle Space Objects (BSO) durch weitere BSOs wie Minenfelder, Brücken und andere Dinge ergänzt.

Sitaware Frontline 3.0 von Systematic. Die Firma ist vermutlich Marktführer für BMS.

Leider muss alles immer entlang von Strukturen gedacht werden die sich vor 100 Jahren herausgebildet hatten. Die Artillerie war mit Geschützbedienung und der Vermessung der Feuerstellung beschäftigt, und hatte damit auch das Knowhow gegnerische Feuerstellungen zum Konterbatteriefeuer zu vermessen. Heute wo jeder moderne Panzer ein AESA-Radar und IR-Sensoren für seine aktiven Schutzsysteme hat, können diese genauso die Flugbahn von Steilfeuer vermessen und den Abschussort zurückrechnen, und das Ergebnis auf der taktischen Karte einzeichnen. Die Feuerunterstützung kann dann selbst initiiert werden. Die Dekonfliktierung von Flugbahnen und Einschlagsgebieten der Feuerunterstützung kann in Zeiten von Blue-Force-Tracking und Vernetzung automatisch durch einen Algorithmus erledigt werden.

Wenn jedes Fahrzeug seinen Standort im Gelände kennt und über einen Laserentfernungmesser mit Winkelmesser die Geokoordinate des Ziels errechnen kann, sind spezialisierte Fire-Support-Teams überflüssig. Das zwischen den Teilstreitkräften mit den JTAC eine Campingstuhlschnittstelle existiert, um Informationen per 9-Liner weiterzugeben, ist schon absurd genug. Wenn Land- und Luftstreitkräfte sich ein gemeinsames Lagebild auf digitalen Karten teilen würden, ließe sich 90% des Aufwandes einsparen. Dazu wäre es hilfreich, wenn Luftstreitkräfte im Close Air Support (CAS) in das Netzwerk der Landstreitkräfte eingebunden wären. Generell können die Aufgaben eines JFST auch von den Spähpanzern wahrgenommen werden, dafür ist kein eigenes Fahrzeug nötig.

Das Gleiche gilt auch für den Softwarezoo: Statt Software für das Battle Management System (BMS) und das Artillerieführungssystem separat zu betreiben und zu beschaffen, muss die Steuerung der Feuerunterstützung elementarer Bestandteil des BMS werden, damit es eine Stelle gibt, an der alle Informationen zusammenlaufen und dargestellt werden. Dies könnte zum Beispiel als Plug-In realisiert werden. Das geht, wenn man sich beim Artillerieführungssystem weniger auf Prozesse, sondern mehr auf das Ergebnis konzentriert.

Feuerunterstützung ist etwas, das beliebigen Einheiten per Rechtevergabe zugeteilt werden kann, wie der Zugriff auf einen Ordner im Firmennetzwerk. Die Feuerunterstützung wird dann verzugslos ausgeführt, oder erfordert einen Freigabebearbeiter, der ebenfalls zugewiesen werden kann. Die klassischen Hierarchien und Prozesse können komplett wegfallen, sie dauern schlicht zu lange und binden zu viel Personal.

Dasselbe gilt auch für Drohnen oder Loitering Munition. Wenn diese ein Knoten im Netzwerk ist, und per Peer-to-Peer-Datenlinks gesteuert wird, kann die Kontrolle auch jeder anderen Einheit übergeben werden. Die Aufklärungstruppe oder allgemein der Starter der Einheit mag das Administratorrecht ausüben, aber wenn die Steuerung, oder einfach nur der Livestream mit anderen geteilt oder abgegeben werden soll, spricht nichts dagegen. Generell muss das BMS zu einem Werkzeug für kollaboratives Arbeiten werden.

Dasselbe gilt auch für den elektronischen Kampf (EW). Es gibt schon Software, welche die Einflüsse von EW durch farbige Blasen im Gelände darstellen kann. Damit lassen sich grafisch anschaulich auch Abschattungen im Gelände erkennen, wo zum Beispiel gegnerische Störsender oder Peiler nicht wirken können. Diese Information kann in einem modernen Krieg entscheidend sein, und muss ebenfalls in das BMS integriert werden. Besonders die Artillerie ist auf eigene Peiler angewiesen, um Drohnenkontrollstationen für das Counter-UAS-Feuer zu finden. Ebenso ist die eigene EW-Truppe an diesen Informationen interessiert. Auch deshalb ist es sinnvoll, diese Daten ins BMS zu integrieren.

Es gibt weder softwaretechnisch, noch kommunikationstechnisch einen Grund, warum jede Waffengattung auf einer eigenen digitalen Karte arbeiten sollte. Moderne BMS berücksichtigen Hierarchien und Berechtigungen, und wen bestimmte Informationen nicht interessieren, soll sie einfach ausblenden (Need-to-Use).

Wenn die Daten von „klassischem“ BMS, Heeresflugabwehr, Artillerieführungssystem, Sanitätsversorgung, Nachschub, Infrastruktur und EW in einem System als Single Source of Truth konsolidiert sind, kann die KI-Führungsunterstützung auch bessere Entscheidungen treffen, ebenso die KI-Gegneranalyse. 

Zusätzlich muss noch ein verteilter Massenspeicher in der Combat Cloud zur Verfügung stehen. Auf ihm werden Massendaten wie Baupläne, Schaltpläne, unspezifische Gewässerdaten, oder alles was der Truppe gerade einfällt und wichtig ist abgelegt, und mit einem Battle Space Object (BSO) verknüpft. Auf den Massenspeicher mit seiner Latenz und hohen Datendurchsatz kann nur dann zugegriffen werden, wenn die taktische Lage und das Netzwerk es zulässt. Da es sich um Daten handelt, die nicht-Echtzeit sind, kann analog zu einem Cloud-Speicher auch eine Offline-Speicherung on-demand auf dem Endgerät des Nutzers ausgewählt werden. Alle anderen Daten sind zeitkritisch und werden immer Vorrang im Netz haben, besonders wenn nur wenig abgestrahlt werden soll. 

Generell wäre es sinnvoll, den kompletten Stack vom Frontsoldaten bis zum Hauptquartier durch ein BMS eines Herstellers abzudecken, damit keine Adapter zwischen den Systemen notwendig werden. Hersteller, deren Teilprodukte untereinander inkompatibel sind, brauchen gar nicht erst zur Ausschreibung antreten. Um Interoperabilität zu gewährleisten macht es Sinn, wenn das Datenübertragungsformat NATO-standardisiert wird. Zur Zeit ist das nicht der Fall, sodass Server als Adapter zwischen den Führungskreisen der unterschiedlichen BMS laufen müssen. 

§ 5.3 Künstliche Intelligenz

KI ist eine Schlüsselkomponente im Krieg der Zukunft. Da diese Modelle nichts anderes als Mustererkennung über große Datenmengen machen, sind sie optimal geeignet eine Feindvorhersage zu liefern. Zur Zeit ist es Aufgabe von Analysten, beim Gegner bestimmte Muster zu finden: Wann funkt wer wie lange? Welches Muster hat der Nachschub des Gegners? Wie änderte sich das Muster die letzten Male, bevor der Gegner zum Angriff überging?

Data Centric Warfare has been around long time. In fact, all warfare is data centric. Probably, Napoleon will recognise data centric warfare. The point of this is, what’s different. Well, the point is, in Afghanistan, British Army would use sensors etc and we gather like a million data points a day. And then we’d have two analysts, two Lance Corporals, sitting there with a million things to look through. And they’d go: “Well, what I do is I’ll take the top ten, and throw the rest in the bin. ‘Cause I can’t get through that in a day. So I look at the top ten.” And then they’ll look at the top ten, it tells nothing, so I guess we just do that - A guesswork. 

What the Ukrainians have got is 20 billion data points a day all being fed into Artificial Intelligence which is sorting it, organizing it, looking for algorithms, looking for patterns, and being able to predict where the russians are gonna be tomorrow. Not only that, but predict where they‘ll gonna be in 30 minutes. Which means they can bring fire in, make those fires and get out. That is probably, I think, the biggest lesson for all of us. That is the future that we need to be looking at. The ability to sense but turn the sense into shoot as fast as possible. And that means Artificial Intelligence, and that means using the technological benefits that we find.

Paul Barnes, NATO Land Operations Working Group

Ein solches System ist MetaConstellation von Palantir. Das System hat Zugriff auf eine Reihe von Satelliten, die dynamisch in die Software per Plug-and-Play eingebunden werden können. Der User der Software kann mit Hilfe der KI suchen durchführen, wobei die KI Aufgaben an Satelliten allokiert, und diesen per Hot-Swap Software aufspielen kann, welche mit Edge-KI-Modellen die gewünschten Ziele entdeckt. Die Software bekommt dann durch den Downlink die Daten, und georeferenziert die Entdeckungen.

Die nächste Stufe ist Palantir AIP. An diese KI werden nicht nur die Satellitendaten von MetaConstellation angebunden, sondern alle anderen Daten, welche dem Militär zur Verfügung stehen. Jede eigene Einheit, ihre aktuelle Kampfkraft, Position, Munitions- und Kraftstoffbestand. Alle Aufklärungsdaten von allen Sensoren, egal wo und wie. Alle entdeckten Gegner, oder Signale die vom Gegner kommen könnten. Aufbereitete Daten, welche andere KI-Modelle von Social Media gezogen haben, dem Internet oder Mobilfunk, um dort Feindaufklärung zu betreiben. Dazu kommen Wetterdaten, Geländemodelle und andere Daten; alles was für das Gefecht der verbunden Waffen relevant sein könnte.

Generative KI wie Palantir AIP schlägt auf operativer Ebene in Führungsstäben Einsatzpläne gemäß dem Mandat und den Rules of Engagement (RoE) vor. Der Kommandeur arbeitet mit einem Chatbot, während er die taktische Karte mit den militärischen Symbolen im Blickfeld hat. Die KI weist auf taktische Lagen hin und kann Fragen beantworten und Befehle ausgeben. Auf den Hinweis der KI “Feindliche Bewegung entdeckt” kann mit der Frage “Zeige mir Details” direkt auf die Aufklärungsdaten zugegriffen werden. Mit der Frage “Welche feindlichen Kräfte sind in der Region?” werden umfassende Informationen angezeigt.

Mit “Zeige mir mehr Details” kann die KI Vorschläge machen, welche Aufklärungsoptionen zur Verfügung stehen. Der Kommandeur kann sich dann für eine Variante entscheiden, und die KI gibt Aufträge an Einheiten raus. Durch die Eingabe von “Schlage mir drei Möglichkeiten vor, den Gegner zu bekämpfen” kann die KI Operationspläne und Feueraufträge vorschlagen, welche vom Kommandeur durch Rückmeldung und weitere Fragen verfeinert werden. Ist der Kommandeur zufrieden, kann er die fertigen Operationspläne und Aufträge an Einheiten senden lassen.

Die Systeme von Palantir, welche Anthropics Claude AI einsetzen, sind hier weltweit führend, und leider nur bei den USA und der Ukraine im Einsatz, und dort auch nur bruchstückhaft. Das Potenzial, das hier gehoben werden kann ist gewaltig, erfordert aber die Vernetzung aller Einheiten und die Digitalisierung aller Daten.

Selbst die bereits erwähnte Fire-Weaver-Software der Israelis ist mit Palantir AIP nicht vergleichbar, da Fire Weaver nur eine Targeting-KI ist, welche Aufklärungsdaten und Effektoren vernetzt. Für jedes Ziel wird der optimale Effektor gewählt. Eine KI-Führungsunterstützung fehlt.

Mittelfristig muss die Hoheit über die Softwareentwicklung direkt bei der Streitkraft liegen. Einzelne generische Domains und Support-Domains können auch durch Zulieferer programmiert werden (Chat, Videostreaming, usw.). Jede Landmacht muss über ein Kompetenzzentrum oder eine 51-100%ige Staatsfirma verfügen, die den kompletten Software-Stack der Core Domain selbst entwickeln und supporten kann. Vom Endpunkt am einzelnen Infanteristen mit KI-Bildauswertung über Routenplanung, Befehlsausgabe und taktischer Karte, Führungssystem für Gefechtsstände usw. usf. muss ein Werkzeug zum kollaborativen Arbeiten auf dem Gefechtsfeld entstehen. 

Spätestens wenn es zum Aufeinandertreffen der Kräfte kommt, sind schnelle Anpassungen an KI, Darstellung auf der Karte oder neue Funktionalitäten gefragt. Auch die Software selbst durchläuft während des Krieges eine agile Softwareentwicklung.

Das Battle Management System (BMS) mit seiner KI-Unterstützung ist in Zukunft die Kerndomäne der Streitkräfte im Hyperkrieg schlechthin. Kein Manager in der Wirtschaft würde auf die Idee kommen, die Kerndomäne seiner Firma an externe Zulieferer und Softwareschmieden auszulagern. Das Militär von heute lagert seinen Führungszyklus im Gefecht auch nicht an externe Dienstleister aus. Mit dem BMS und seinen Fähigkeiten steht und fällt das Gefecht.

§ 5.4 Hardwarearchitektur

Aufgrund der speziellen Aufgabe von Landsystemen kann davon ausgegangen werden, dass maßgefertigte System-on-a-Chips in ARM-Architektur benötigt werden. Alle Selbstfahrchips von Nvidia und Tesla sind in ARM-Architektur aufgebaut, ebenso die Chips von mobilen Endgeräten. Die Aufgabe des autonomen Fahrens ist dem Landkrieg nicht unähnlich. Es werden Objekte in der Umgebung autonom erkannt und darin navigiert. Eine Waffenanlage auf ein erkanntes Objekt zu richten und abzufeuern, ist dann nur noch ein unwichtiges Detail.

Aus Gründen der nationalen Souveränität sollte eine rechtlich und technisch sichere Rechenumgebung geschaffen werden, sowohl im Feld, als auch in den Rechenzentren zu Hause. Das erfordert, dass alle Prozessoren im eigenen Wirtschaftsraum entworfen und gefertigt werden.

Sinnvollerweise wird die offene RISC-V-Befehlssatzarchitektur übernommen, und diese in System-on-a-Chips implementiert. Da mit sicherheitskritischen Anwendungen gearbeitet wird, und der Gegner versuchen wird Schwachstellen im Code auszunutzen, sollten die Prozessoren ausschließlich CHERI-RISC-V-Befehlssätze ausführen können. Die Capability Hardware Enhanced RISC Instructions (CHERI) ermöglichen zusätzlichen Speicherschutz.

Der Einsatzzweck eines Rechners an der Front entspricht einer Spielekonsole: Viel Grafik- und KI-Verarbeitung, schnelle CPU. Ein direkter Hardwarezugriff auf alle Komponenten muss ausgeschlossen werden. Bei Spielekonsolen soll damit das Cheating verhindert werden, bei militärischen SoC der Zugriff durch den Feind, wenn ein System zurückgelassen werden muss.

Wie bei Konsolen ist eine Trusted Execution Environment (TEE) mit einem Sicherheitschip notwendig, welcher Kryptografie, Schlüsselverwaltung, Secure Boot, Trusted Boot uvm. erzwingt. Das Betriebssystem das auf dem SoC läuft muss schreibgeschützt sein wie Chrome OS oder Fedora Silverblue, und wie bei Spielekonsolen bekommen alle Komponenten außerhalb des SoC wie Festplatte und Arbeitsspeicher nur verschlüsselte Daten zu sehen. Sofern innerhalb der Combat Cloud kommuniziert wird, müssen alle Datenpakete welche den SoC verlassen kryptiert und signiert sein, bevor sie die Kommunikationsanlagen erreichen. Das gleiche gilt auch für den umgekehrten Weg: Erst innerhalb des SoC kann die Signatur geprüft, und das Datenpaket entschlüsselt werden. Wenn Spielekonsolen Updates fahren, wird bereits ein solches Modell verwendet. Durch FPGAs auf dem SoC können wesentliche Aufgaben beschleunigt werden, wie Vorverarbeitung von Sensordaten oder Krypto.

Um Sicherheitsrisiken zu minimieren, muss auf einer sicheren Programmiersprache bestanden werden, die in nativen Code kompiliert. Unter gar keinen Umständen darf C oder C++ oder Ada verwendet werden. Hochsprachen wie Java, JavaScript, C# usw. die eine Laufzeitumgebung benötigen, sind zu langsam und ressourcenintensiv. Für die Aufgabe bieten sich Rust oder Kotlin/Native mit Spracherweiterungen an, welche mit angepassten Compilern maßgeschneiderten nativen Code für die RISC-V-Architektur des System-on-a-Chip erzeugen. Da Chip und Compiler kontrolliert werden, kann die optimale Performance erzielt werden.

Wenn Microcontroller verbaut werden, sollten diese auch mit Rust oder Kotlin/Native programmiert werden können. Sinnvollerweise böte es sich an, für jedes Model Bibliotheken und Compiler-Plugins für Kotlin und Gradle, bzw. Cargo-Pakete für Rust zur Verfügung zu stellen. Dies bietet auch Vorteile für die zivile Welt.

§ 5.5 Verlusttolerante Roboter

Wie oben erwähnt ist bei UAVs ein Ansatz nach dem Vorbild von Wegwerfhandys oder Burner-Notebooks sinnvoll, da die Verlustraten hoch sind. Bis auf das Kommunikationsmodul können alle Komponenten dem zivilen Markt entlehnt werden.

Für Roboter in der FLOR gilt dasselbe: Diese Systeme müssen verlusttolerant sein, was eine starke Anlehnung an zivile Komponenten erfordert. Das bedeutet, dass diese Fahrzeuge Teile aus der Automobilproduktion verwenden und im Kriegsfall auf den Taktstraßen der Automobilindustrie gefertigt werden müssen.

Daraus folgt, dass es sich um Radfahrzeuge handeln muss. Räder, Aufhängung, Antrieb sind den jeweils aktuellsten Automodellen der Industrie entlehnt. Die Runflat-Räder könnten von Geländewagen, Aufhängung und Antrieb von SUVs kommen usw. Idealerweise werden Sensoren der Autoindustrie für das Gefechtsfeld umgewidmet.

Da die Roboterplattform im V-Fall auf einer Taktstraßen gefertigt werden muss, ist die maschinelle Fertigung bereits bei der Entwicklung einzuplanen. Damit wird die maximale Breite und das maximale Gewicht des Systems vorgegeben: Länge bis 5m, Breite unter 2m, Gewicht unter 3t. Im Nachgang kann Waffenanlage und adaptive Panzerung angebracht werden, um das Gewicht auf 5t zu setzen. Ein dieselelektrisches 8×8 Fahrzeug bietet sich auch hier an.

Frühes Konzept des Armed Robotic Vehicle (ARV) des Future Combat Systems (FCS) in den Varianten Aufklärung und Panzerabwehr. Man beachte die kompakte, geschützte Bauweise gegen Artilleriesplitter. Die Masse lag deutlich unter 5t.

Dank der Abmessungen und des Gewichtes kann das System auch an Bord eines schweren Transporthubschraubers transportiert werden, oder durch taktische Transportflugzeuge im Hinterland des Gegners abgeworfen werden, oder überraschend aus ISO-Containern im Feindhafen rollen.

Selbst wenn die Künstliche Intelligenz der Fahrzeuge dumm wie Brot ist, kann die Fertigung auf der Taktstraße den Gegner überwältigen: Eine Taktstraße der Automobilindustrie in Deutschland stößt etwa 300’000 Fahrzeuge pro Jahr aus. Wenn durch die Umrüstung nur 30’000 Kampfroboter erreicht werden, und das Abschussverhältnis durch eine schlechte KI bei 1:10 zugunsten des Feindes liegt, würde dieser pro Jahr 3’000 Panzer pro Taktstraße an die Front werfen müssen.

§ 5.6 Sensorfelder und Sperrsysteme

Preiswerte Mikroelektronik eröffnet neue Möglichkeiten zur Überwachung des Gefechtsfeldes. Auch wenn UAV nach dem Vorbild von Burner-Phones und Wegwerf-Laptops gebaut werden, ist ihre Stehzeit begrenzt, und ihre Anwesenheit relativ leicht ortbar. Es hat deshalb etwas für sich, unbemannte Bodensensoren von der Größe eines Handys millionenfach auf dem Gefechtsfeld zu verteilen.

Die akustische Ortung und Identifizierung hat dank KI in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Heute (2025) ist es problemlos möglich, einen Panzer auf 10 km zu orten, anhand der Geräusche zu identifizieren und mit unter 1° Genauigkeit anzupeilen. Die Entfernung wird aufgrund der Amplitude geschätzt. 

Wenn viele Mikrofone in der Landschaft verteilt werden, welche Daten über 5G-Bursts austauschen, können diese Sensorfelder durch Triangulation den exakten Standort der Geräuschquelle entdecken. Der einzelne Sensor muss nicht peilgenau sein, er tauscht nur Signale mit Zeitstempel aus. Wenn ein solcher Sensor für unter 100€ produziert werden kann, können Millionen wie Streumunition in das Hinterland verschossen werden, um das Gefechtsfeld gläserner zu machen.

Aber auch höherwertige Sensoren eröffnen neue Möglichkeiten. So kann eine verteilte Künstliche Intelligenz ein Sensorfeld managen, welches aus akustischen Sensoren besteht, sowie an diese gekoppelte Infrarotsensoren und CCD-Kameras. Die Überwachung großer Räume über Monate hinweg mit Ultra-Low-Power-Prozessoren hilft vor allem bei statischen Fronten, also bei asymmetrischen Konflikten gegen paramilitärische Gruppen.

Heute beschränkt weder die Technik noch die Datenverarbeitungskapazität die Möglichkeit, in einer Provinz wie Kosovo oder Kundus alle Bewegungen in urbanen Räumen, um urbane Räume, entlang von Wegen, Pfaden, Straßen, und alle Kreuzungspunkte 24/7 zu überwachen. Was fehlt ist die militärische Erkenntnis, dass dies technisch möglich ist.

Hat man den Stand erreicht, ein bestimmtes Gebiet remote zu überwachen ist es nur eine Frage der Datenqualität, ob und wie zuverlässig automatisches SDRI möglich ist. Damit kann Red Force Tracking innerhalb des Sensorfeldes erzielt werden.

Das nächste Upgrade wäre, das Sensorfeld zu einem Sperrsystem zu erweitern. Wenn automatisches SDRI möglich ist, kann das Sensorfeld als Knoten im Netzwerk wie ein Roboter oder eine Loitering Munition vom Operateur eine Abschussfreigabe anfordern, wenn die Rules of Engagement erfüllt sind. Dazu müsste das Sensorfeld lediglich um Effektoren erweitert werden: Diese Minen sollten Soldaten, Fahrzeuge und ggf. Tiefflieger außer Gefecht setzen können. Sinnvollerweise wird der Gegner erst dann bekämpft, wenn alle Einheiten einer Formation im Sperrsystem stecken. Als interaktiver Bestandteil der Combat Cloud können blaue Einheiten das Sperrsystem problemlos passieren, da SDRI und Blue Force Tracking Eigenbeschuss verhindern.

Denkt man noch weiter, sollte das Gefechtsfeld in kritischen Phasen mit diesen Sperrsensoren saturiert werden. Der Gegner ist dann während des Gefechts mobilitätsbeschränkt, als würde er durch Wurfminensperren fixiert. Die eigenen Kräfte können aber weiterhin uneingeschränkt manövrieren. Das eröffnet taktisch interessante Optionen: Beim Gegenangriff können die eigenen Kräfte in den Räumen manövrieren, wo der Gegner fixiert ist.

Denkt man noch weiter, sollten sich die Sensoren (und Effektoren) eingeschränkt bewegen können. Die Idee selbstheilender Minenfelder ist nicht neu, es gibt seit den 80er Jahren interessante Konzepte dazu. Zum Beispiel, dass die Elemente sich selbst in die Luft schleudern können, um ein paar Meter zu hüpfen. Heute würde man eher Quadrokopter verwenden. Für ein reines Sensorfeld ist diese Fähigkeit nicht so wichtig, aber essentiell für ein Sperrsystem, um eine geräumte Gasse zu schließen.

§ 6 Kampf der verbundenen Waffen

Wie oben beschrieben findet der Kampf im Streitraum (Zone of Contestation) nicht durch konzentrierte Stöße statt, sondern durch breites Sickern und Verzahnen. Das schränkt die taktischen Möglichkeiten ein, und läuft auf einen Abnutzungskrieg hinaus. Und in der Tat ist der meist unbemannte Krieg in der Forward Line of Sensors und Forward Line of Robots ein reiner Abnutzungskrieg.

Die Sensorabdeckung mag an manchen Stellen opak werden, aber wenn Salven von selbstzielsuchender Munition mit Freund-Feind-Erkennung in die Leerstelle geschossen werden, oder Sperrsensoren geworfen werden, wird die Abnutzung nur weiter erhöht. Der Gegner mag zwar taktische Fehler machen, die dann geschickt ausgenutzt werden müssen – was Informationsüberlegenheit erfordert und rasches Handeln, also Hyperkrieg – aber sich auf die Fehler des Gegners zu verlassen um den Sieg zu erringen ist unbefriedigend.

Es wird also ein Deus ex machina benötigt. Das Zauberwort ist Multi Domain Operations (MDO). Relevant ist dabei nur die Luftwaffe, da die Marine nichts leisten kann, was das Heer nicht auch könnte.

Für Luftstreitkräfte ist das Bild gedreht: Dank Tarnkappentechnik und besseren Radarstörungen wird das Gefechtsfeld opaker, nicht gläserner. Zur Zeit sind Satelliten und Hyperschallgleiter (bzw. lenkbare Wiedereintrittskörper, MaRV) noch relativ leicht zu orten, werden in Zukunft aber durch Facettierung ebenfalls Stealth-Eigenschaften aufweisen.

Heutige Hyperschallgleiter und MaRV sind bauchig oder haben eine Kegelform. In Zukunft werden diese facettiert sein um die Radarsignatur zu senken. Im Bild SHEFEX vom DLR auf einem Raketenbooster. [DLR]

Die Luftstreitkräfte werden deshalb zum entscheidenden Werkzeug: Die Luftwaffe mappt das Gefechtsfeld als Graphen mit Knoten und Kanten, und zerschlägt diese, um den Gegner zu paralysieren. Das Heer und die Marine unterstützen dabei mit weitreichendem Feuer. Die Führerschaft muss aber bei der Luftwaffe liegen. 

Die Luftwaffe betreibt alle Satelliten, welche die Masse der Aufklärungskapazität in der strategischen Tiefe des Gegners stellen. Damit wird der Risikoraum (Zone of Risk) aufgeklärt. Da der Gegner versuchen wird dies zu verhindern, müssen die Luftstreitkräfte Gegenmittel besitzen. Umgekehrt muss auch die Weltraumaufklärung und -kommunikation des Gegners behindert werden. Damit wird der Möglichkeitsraum (Zone of Opportunity) besser geschützt. Dieser stille Krieg im All mit Lasern, Jagdsatelliten und Störsendern schafft die entscheidenden Rahmenbedingungen.

Mit der strategischen Aufklärung ist ein Mapping der integrierten Luftverteidigung des Gegners möglich, damit diese in einer konzertierten Aktion zerschlagen werden kann, was die Grundvoraussetzung für einen Sieg ist. Ferner ist damit ein Targeting von strategischen Zielen mit strategischem Feuer möglich, also Gefechtsstände, Bodenkontrollstationen, Flugplätze, Rüstungsbetriebe, kritische Infrastruktur, Entscheider und Influencer u.v.m.

Ist die integrierte Luftverteidigung zerschlagen, kann die Luftwaffe fliegende Unterstützungseinheiten näher an die Front bringen. Stand-Off-Sensoren (GMTI, ELINT, usw) können damit bessere Daten liefern, und den Risikoraum nochmals transparenter machen. Die Unterdrückung der verbliebenen Luftverteidigung ermöglicht den Einsatz von Stand-In-Sensoren (MALE RPAS usw), die ggf. auch feuern können. Preiswerte Bombenlaster wie F-16 erhöhen die Luft-Boden-Feuerkraft zum kleinen Preis.

Die Luftwaffe dominiert dann Räume, bombardiert den Gegner 24/7 und verunmöglicht so im Risikoraum jede Truppenkonzentration, jede Logistik, Führungsfähigkeit usw. Der Gegner wird dadurch abgewirtschaftet. Er muss die Truppenkonzentration verringern, seine Stand-In-Sensoren und Munition werden knapper, sodass das Sickern und Verzahnen leichter fällt. Die Front wird eingedrückt. Im Idealfall ergeben sich Lücken, in die sofort gestoßen wird.

Zukünftige Kampfflugzeuge benötigen eine kleine Radarsignatur aus jedem Winkel, um besser in integrierte Luftverteidigungsysteme eindringen zu können. Durch die Bedrohung für Flugplätze und fliegende Unterstützungseinheiten wie AWACS, Aufklärer, Begleitstörer und Tanker werden Reichweite und leistungsstarke Sensoren wichtiger. Die Kampfflugzeuge werden deshalb größer. Manövrierfähigkeit im Nahkampf spielt nur noch eine untergeordnete Rolle. [RTX]

Entgegen dem Glauben von Heeressoldaten ist die Luftwaffe am effektivsten, wenn sie strategische Ziele zerstört, statt in der Schlammzone an vorderster Front Bomben zu werfen… was Aufgabe der Artillerie ist. Der ganze Sinn von Luftstreitkräften besteht darin, strategische Ziele zu zerstören, damit die Monatsproduktion des Gegners nicht jeden Monat aufs Neue an der Front zerstört werden muss, nicht vollständig an der Front ankommt, dort schlecht versorgt und geführt wird usw. usf. Das Ziehen von Furchen in der Schlammzone ist die Aufgabe mit dem schlechtesten Kosten/Nutzen-Verhältnis und kommt erst dann zum Zuge, wenn wichtigere Ziele abgearbeitet sind.

Deshalb muss das Heer in Zukunft verstärkt durch Dronen und Loitering Munition, mehr artilleristische Feuerkraft sowie ein breites Portfolio an Wirkmitteln die wegfallende Luftnahunterstützung ersetzen. Mit dem Vorteil, dass eigene Feuerkraft immer zur Verfügung steht, schneller angefordert werden kann und besser skaliert. Der Nachteil ist die höhere Belastung der Logistik im Möglichkeitsraum.

Der Nachrichtendienst unterstützt das strategische Feuer durch Aufklärung, Infokrieg, Sabotage, Jagdkommandos, Supply-Chain-Attacken und Cyberangriffe. Da der Effekt von Cyberangriffen immer unsicher ist, die Masse der Cyberangriffe auf strategische und nicht taktische Ziele geht, und der Vorteil die plausible Abstreitbarkeit ist, plädiert Watling für eine Zuordnung zum Nachrichtendienst.

Cyberangriffe sind für den lang anhaltenden Zermürbungskrieg besser geeignet. Die Vorstellung, dass man “ein feindliches Waffensystem live hackt” und es damit am Einsatz hindert, ist sowieso Mumpitz. Wenn über EloKa-Systeme Cyberangriffe ausgeführt werden, werden immer Datenpakete an Kommunikationsanlagen gesendet. Diese haben einen Fehler, sei es bei der Verschlüsselung oder der Verarbeitung der Pakete, so dass diese z.B. zum Absturz gebracht, oder durch Denial of Service (DOS) behindert werden.

Idealerweise hat man eine Schwachstelle in der feindlichen Combat Cloud entdeckt, um mitzulesen oder Daten einzuspielen. Aber das sind langfristige Ziele nachrichtendienstlicher Infiltration, sehr wertvoll und damit nichts, was in einer bestimmten taktischen Lage aus dem Hut gezogen werden sollte. Erst wenn die MDO startet, um den Einbruch in die integrierte Luftverteidigung zu schaffen, wird das Kaninchen aus dem Hut gezogen.

Das gleiche gilt auch für Supply-Chain-Attacken: Die sicherheitskritischen Lieferketten des Gegners müssen präpariert werden, damit am Tag X die Führung und Kommunikation des Gegners vernichtet wird.

Das Vorgehen Israels gegen Hisbollah und Iran ab 2024 ist dafür beispielhaft: Einbruch in das Luftverteidigungsystem, gefolgt von permanenten Enthauptungsschlägen gegen die politische und militärische Führung.

Bei den Angriffen auf die Hisbollah 2024 wurde die Führungsschicht durch explodierende Pager und Walkie-Talkies ausgeschaltet, der Rest ein paar Stunden später durch bunkerbrechende Bomben. Bei den Angriffen Anfang 2026 auf den Iran wurden alle 40 Top-Militärs durch die Eröffnungssalve ausgelöscht; innerhalb von 24 Stunden war die komplette politische Führungsschicht tot. 

In beiden Fällen wurde jeder Nachfolger in jedem Amt in weniger als 24h weggebombt. Hisbollah und Iran waren so zur effektiven Führung nicht in der Lage. So wurde ihr Führungszyklus auf der strategischen Ebene unterlaufen – der Hyperkrieg der Luftwaffe.

Ist der eigene Führungszyklus erst einmal im Hintertreffen, ist es praktisch unmöglich wieder aufzuholen. Das Sensor-Effektor-Netz, gesteuert durch die Targeting-KI stellt sicher, dass der Hyperkrieg innerhalb von 72 Stunden entschieden ist. Alles was danach kommt dient nur noch der Verbesserung der Verhandlungsposition.